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Der iPad-Kurs

22 Jan

Gastbeitrag von Herbert Plusch

Herr Plusch ist seit einigen Jahren Buchhalter bei Herrn Silencer. Er ist nicht mehr der Jüngste, aber technischen Neuerungen gegenüber nicht nur aufgeschlossen, sondern geradezu begierig darauf, sich mit neuer Technik auseinanderzusetzen. Kürzlich erlebte er eine Geschichte, die er hier als Gastautor zum Besten gibt.

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Ich habe mir vor nicht allzu langer Zeit ein iPad angeschafft. Das war eine gute Entscheidung. Um noch besser damit umgehen zu können, habe ich an einer Bildungseinrichtung einer Universitätsstadt an einem ganz normalen Donnerstag in den Abendstunden einen Kurs belegt. Das war eine nicht ganz so gute Entscheidung. Mitzubringen war übrigens das eigene und bitte auch aufgeladene iPad.

15 Personen befinden sich in einem Raum.
Einer steht, das ist der Dozent. Wie sich später herausstellt, ist er sehr gut und mit einer unmenschlichen Geduld gesegnet.

14 Personen sitzen also in einem Raum. Mein Nebenmann und ich sowie 12 weibliche Kursteilnehmerinnen.
Meine Nebenfrau ist extrem jung, so in etwa 40 Jahre alt.
Es bleiben noch elf der Jugend schon ein wenig entwachsende Damen so in der Altersgruppe von 55++.

Der Kurs hatte noch nicht begonnen, sah eine der Elfergruppe in ihre Tasche, blickte entsetzt hoch, und folgender Dialog entwickelte sich:
Werfen Sie mich jetzt raus?
Der verwirrte Dozent fragte: Warum soll ich Sie rauswerfen?
Ich habe mein iPad vergessen.
Großherzig erlaubte der Dozent der Dame, zu bleiben.

Der Kurs beginnt also mit 14 Sitzenden. Jetzt folgen so einige Anmerkungen, ausschließlich aus der Generation 55++.

Was, mit einem iPad kann ich ins Internet?

Was, mit einem iPad kann ich Mails lesen?

Was ist ein eMail-Account?

Schade, ich kann mein iPad nicht für Mails nehmen, ich habe 2 eMails.
(Auf Rückfrage des Dozenten ergab es sich, dass die 55++ tatsächlich über zwei Accounts verfügt.)

Kann man im Nachhinein feststellen, ob mein Sohn oder mein Enkel mir da irgendwelche Spiele auf das iPad getan hat?

Ich war mit meinem iPad noch nie im Internet.

Aber es ist doch eingerichtet, das geht nur über das Internet.
Da müssen Sie sich irren, mein iPad war noch nie im Internet.

WLAN haben wir zuhause nicht.
Aber Sie sind zuhause im Internet?
Ja.
Und wie?
Keine Ahnung, jedenfalls haben wir kein WLAN.

Wenn ich jetzt mein iPad so einstelle, das ich den Hotspot von McDonald nutzen kann, muss ich dann zukünftig jedes mal nach McDonald, wenn ich Mails lesen will?

Haben Sie eigentlich ein iPad? Das von Apple oder das von Samsung?

Der mit Abstand beste Dialog fand über dieses Thema statt. Beteiligt sind eine 55++ und der Dozent:

Wieso reden Sie die ganze Zeit vom iPad von Apple?
Das iPad ist von Apple.
Mein iPad ist von Samsung.
Es gibt kein iPad von Samsung!
Und was ist das hier (Gerät hochhaltend).
Das ist ein Tablet von Samsung.
Sag ich doch, iPad von Samsung!!!
Nein, ein Tablet von Samsung, kein iPad.
Das finde ich aber jetzt nicht gut. In dem Programm der (Bildungseinrichtung) steht nicht, dass es nur von Apple das iPad gibt. Da steht nicht, dass der Kurs nicht für iPads von Samsung geeignet ist.
(Augenrollen, unterdrückte Muskelkrämpfe und vielleicht auch Mordgelüste des Dozenten).
Was ist denn für ein Betriebssystem auf Ihrem Tablet?
Sag ich doch die ganze Zeit, das ist Samsung.
Betriebssystem?????
Was gibt es denn da?
Windows oder Android.
Ist das auch von Samsung?
Prüfender Blick des Dozenten und nähere Betrachtung des Gerätes: Android!
Ich will Sie nicht loswerden (wollten wir aber alle), aber wollen Sie nicht lieber auf einen Android-Kurs umbuchen?
Und dann machen wir dann das Andro-Dingda mit dem iPad von Samsung?
Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

Zu unserer Erleichterung ging nun die 55++ lebend und aufrecht durch die Tür, ohne dass irgendwelche spitzen Metallgegenstände in ihrem Körper steckend sie daran gehindert hätten. Viel hätte aber nicht gefehlt, und die spitzen Metallgegenstände hätten in ihrem Körper nicht gefehlt.
Entsetzte Blicke der Verbleibenden.

Ich bin mir nicht sicher, was die entsetzten Blicke bei einigen 55++ ausgelöst hat und ob alle den tiefen Sinn verstanden haben.

Manches sollte ein Geheimnis bleiben.

 
8 Kommentare

Verfasst von - 22. Januar 2014 in Gnadenloses Leben, Skurril

 

8 Antworten zu “Der iPad-Kurs

  1. zimtapfel

    22. Januar 2014 at 10:17

    Gaaaaaaaaaaah! Den nächsten Friedensnobelpreis bitte an den Dozenten. Ich könnte das ja nicht, ohne nach spätestens etwa 10 Minuten sarkastisch und fies zu werden.
    Mein Job besteht zur Zeit darin, Menschen am Telefon dabei behilflich zu sein, online Dinge zu erwerben. Der ein oder andere Anbieter lässt dabei nur die Zahlung per Kreditkarte zu. Normal.
    Vor zwei Tagen dann eine ebenfalls vermutlich 55+Dame am Telefon, die mir erklärte, sie habe den Kauf ja fast schon selbst online abgeschlossen, aber sie wolle da jetzt nicht ihre Kreditkartennummer eingeben.
    Ich ihr erstmal ganz geduldig erklärt, das ich das ganz selbstverständlich jetzt auch für sie machen könne, aber ihre Kreditkartendaten, die sie mir dann halt telefonisch durchgeben müsste, dann an genau der gleichen Stelle eintragen würde, wo sie das auch machen könne.
    „Oh. Ach so. Ich hatte gedacht, Sie könnten mir vielleicht einfach eine Rechnung schicken und ich überweise das dann?“
    „Ähm, nein. Wenn der Anbieter von dem, was Sie da jetzt gerade käuflich erwerben möchten, nur die Zahlung per Kreditkarte vorgibt, dann ist das so. Da haben wir keine Möglichkeit, das umzuändern.“
    (Bei diesem „haben wir keine Möglichkeit“ gibt es auch immer wieder Kunden, die denken, wenn man ihnen das schon 20mal erklärt hat, ginge es dann bei der 21. Nachfrage wie von Zauberhand plötzlich doch…)
    Jedenfalls, zurück zu der Dame…
    Nachdem ich ihr also geduldig erklärt hatte, das es wohl keinen großen Unterschied macht, ob sie selbst die Daten dort eingibt oder ob ich es an exakt der selben Stelle tue, kam es auch bei ihr an und sie kam zu den praktischen Fragen.
    „Ja, also Kreditkartennummer ist ja klar. Gültigkeitsdatum auch. Aber was ist denn die Prüfnummer?“
    Ich also wieder den Erklärbär gemacht, lang und breit erläutert, wie und wo das Ding bei welchen Karten steht, sogar meine eigene aus der Tasche geholt um nachzusehen, wo genau sie da ist, „auf der Rückseite, direkt hinter dem Unterschriftfeld“.
    „Nee. Da steht bei mir gar nichts. Da steht nur obendrüber dieses IBAN und ganz unten steht Stadtsparkasse Musterhausen. Diese IBAN-Nummer, meinen Sie die vielleicht?“
    „Frau Meiermüllerschmidt, ist das denn überhaupt eine Kreditkarte, die Sie da haben? Das hört sich mir jetzt ein wenig nach ganz normaler EC-Karte an…?“
    „Jaja, genau. So eine EC-Kreditkarte von der Stadtsparkasse Musterhausen. Damit kann ich doch überall und auch im Ausland nur mit der Karte zahlen!“
    „Frau Meiermüllerschmidt, das, was Sie da haben, ist eine EC-Karte. Eine Kreditkarte ist etwas anderes.“
    „Das ist etwas anderes? Ja wie? Wieso?“
    (WEILDASSOISTSIETUMBENUSS!!!!!)
    „Ja und können wir die Karte denn nun da eingeben?“
    „Nein. Können wir nicht. Das wäre dann keine Kreditkartenzahlung, sondern Zahlung per Lastschrift. Und hier ist vom Anbieter bedauerlicherweise nur die Zahlung per Kreditkarte vorgegeben.“
    „Aber können Sie denn nicht…?
    „Nahain!!!“
    Manchmal also besteht mein Job zu 80% daraus, mittelalten Hausfrauen zu erläutern, warum ihre Bankkarte keine Kreditkarte ist. Und dabei immer nett, freundlich und serviceorientiert zu bleiben.
    Der Dozent und ich könnten also beinahe dieselbe Selbsthilfegruppen besuchen.

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  2. psychoqueen

    22. Januar 2014 at 12:06

    Jaaaaaaaaaa meeeeeeeehr davon *gaaaaaaaaaaanzbreitundsuperfrechgrins*
    Beides liest sich echt klasse, was hab ich gelacht!

    Aber wer ist denn nun der Gastautor??? o.O

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  3. Herbert Plusch

    22. Januar 2014 at 14:49

    Der Gastautor ist Herbert Plusch, der Buchhalter von Herrn Silencer.
    Herr Silencer, danke für die Veröffentlichung.

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  4. noch ein Markus

    22. Januar 2014 at 20:36

    ich empfehle den Dozenten und ebenso die Frau Zimtapfel für einen „ihr seid schon tolle und verständnisvolle Menschen“ Award.
    ich hätte alle mich umgebenden Menschen schon lange umgebracht, im Zweifelsfall per Gedanken. 🙂

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  5. Silencer

    23. Januar 2014 at 18:45

    Im Dienstleistungsgewerbe braucht man generell VIEL Geduld, aber vor Zimt und dem Dozenten von Herrn Plusch habe ich großen Respekt.

    An dieser Stelle nochmal vielen Dank für den Gastbeitrag – jederzeit gerne wieder!

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  6. zimtapfel

    24. Januar 2014 at 01:27

    Herr Silencer, der Dozent verdient deutlich mehr Respekt, denn er steht diesen seltsamen Wesen leibhaftig gegenüber, könnte sie im Affekt mit bloßen Händen erwürgen und tut es doch nicht.
    Anders gesagt, eine Menge Menschen laufen inzwischen unbemerkt als Zombis herum, weil sie mich irgendwann übel genervt haben und ich sie kraft meiner Gedanken durch die Telefonleitung hindurch brutal getötet habe. Mit Genuss.

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  7. Silencer

    25. Januar 2014 at 01:56

    Stimmt, du kannst wenigstens Grimassen schneiden 🙂

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  8. zimtapfel

    25. Januar 2014 at 02:12

    Ich kann Grimassen schneiden und ich kann zum besonderen Amüsemang meiner Kollegen den Kopf im Takt des Gesprächs auf die Tischkante schlagen.

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