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Reistagebuch London 2014 (1): Welcome to England

26 Feb

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Im Februar 2014 reisten Silencer und das Wiesel nach London. Eine Woche lang durchstreiften sie die größte Stadt Europas und entdeckten erstaunliche Dinge.

Donnerstag, 06. Februar 2014, London

Neulich, also genauer gesagt am letzten Mittwoch, kriegte das Wiesel wieder seinen obligatorischen Februarreiserappel. Da traf es sich gut, das ich ohnehin mal wieder raus wollte, und so kletterte das Wiesel in den großen Reiserucksack, den schwang ich mir über die Schulter, winkte Huhu auf Wiedersehen, sprang in den Wunderbus, der vor unserer Haustür in Mumpfelhausen abfährt, und nach drei Mal Umsteigen waren wir in: London!

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Gut, das war jetzt die Kurzfassung. Tatsächlich ging es nach der Busfahrt bereits um kurz nach Sieben Uhr mit dem ICE nach Frankfurt.

Bahnsteig in Göttingen. Es ist früh. Der Zug fährt um kurz nach 7.00 Uhr und ist um 16.00 Uhr in London.

Bahnsteig in Göttingen. Es ist früh. Der Zug fährt um kurz nach 7.00 Uhr und ist um 16.00 Uhr in London.

Ich hätte eigentlich nicht so früh los gemusst, aber bei der Bahn weiß man ja nie. Hätte auch sein können, dass heute drei Schneeflocken vom Himmel fallen, dann hätten wir sofort eine Stunde Verspätung gehabt. So habe ich in Frankfurt fast eineinhalb Stunden Zeit um zu frühstücken und den Anschlusszug nach Brüssel zu erwischen. Der fährtüber Köln, Bonn und Aachen nach Belgien, an diesem Tag bei schönstem Wetter.

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Die meisten denken ja: Urlaub im Februar, Iieh, bäh, das ist doch naß und kalt. Kalt kann stimmen, naß aber nicht. Statistisch gesehen ist der Februar in Europa der Monat mit dem geringsten Niederschlag im ganzen Jahr. Die Wahrscheinlichkeit auf gutes Wetter somit ziemlich hoch. Gutes Wetter, niedrige Preise und kurze Wartezeiten weil außerhalb der Tourismussaison… im Februar Urlaub machen ist ziemlich nett.

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Calatrava-Bahnhof in  Liège Guillemins.

Calatrava-Bahnhof in Liège Guillemins.

In Brüssel befindet sich das Terminal der Eurostar, dessen Zug unter dem Kanal hindurch und direkt bis nach London fährt. Das Terminal wird betrieben wie das eines am Flughafen, mit Fahrkartencheck, Sicherheitskontrolle, Passkontrolle, Ausgabe von Boarding Karten usw. Das England nicht zm Schengenraum gehört, wird hier unmißverständlich klar gemacht.

Terminal des Eurostar nach London.

Terminal des Eurostar nach London.



Boarding-Karten?!

Boarding-Karten?!

Paßkontrolle. England gehört nicht zum Schengenraum, demententsprechend streng nimmt man das. Fühlt sich anachronistisch an.

Paßkontrolle. England gehört nicht zum Schengenraum, demententsprechend streng nimmt man das. Fühlt sich anachronistisch an.

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Die Eurostar-Züge sind zwar erst 15 Jahre alt an, fühlen sich aber sehr deutlich so an, als kämen sie aus einem anderen Jahrtausend. Das liegt zum einen an der 1930er Jahre Grandezza, mit der sie präsentiert werden, so mit Wagenschildern und Personal in altmodischen Uniformen u.ä., zum Teil aber auch an der komischen Innenausstattung. Bedienelemente scheinen durch ein Zeitloch direkt aus den 50ern gefallen zu sein, und in welcher Zeit die Kombination grauer Filz auf braunem Leder an Sesseln, Wänden und Decken mal modern gewesen sein könnte, darüber wage ich nicht zu spekulieren.

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Der Eurostar verschwindet in einem Dorf bei Calais in der Erde und rauscht dann durch den 1994 eröffneten, rund 15 Mrd. teuren Eurotunnel. 40 bis 100 Meter unter dem Meer zieht der sich 38 Kilometer dahin, bis er in einem Dorf bei Dover wieder an die Oberfläche kommt.

Die Reiseroute ab Frankfurt

Die Reiseroute ab Frankfurt

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Ach London. Die uralte Metropole, die viktorianische Stadt. Das letzte Mal war ich vor 13 Jahren dort. Seitdem haben sich gewisse Dinge nicht geändert. Die Inselbewohner haben einen Grundsatz: Sie müssen IMMER ALLES anders machen als der Rest der Welt, und insbesondere Kontinentaleuropa. Deshalb gibt es auf der Insel immer noch Spielgeld als Währung, Entfernungen und Gewichte werden in Fantasieeinheiten angegebn und nicht einmal die Zeit stimmt, so dass man die Uhr eine Stunde zurückstellen muss.

Bahnsteige in St. Pancras.

Bahnsteige in St. Pancras.

Die internationalen Züge rauschen unter dem Meer hinduch und kommen, wenn ihnen nicht der Ärmelkanal auf den Kopf gefallen ist, im Bahnhof St. Pancras, mitten in London, an. Der musste in den Harry Potter-Filmen als Double für Kings Cross herhalten, weil er eine so imposante, viktorianische Fassade hat.

Treffpunkt der Liebenden in St. Pancras. Aus Sicherheitsgründen nicht erreichbar.

Treffpunkt der Liebenden in St. Pancras. Aus Sicherheitsgründen nicht erreichbar.

Untergeschoss.

Untergeschoss.

Im Uhrenturm befindet sich übrigens ein Appartment, dass man für 400 Euro die Nacht mieten kann.

Unter jedem Treppenaufgang in St. Pancras steht ein Klavier, an das sich Besucher des Bahnhof setzen und darauf herumklimpern können. Tatsächlich spielt immer irgendjemand irgendwo, und das meist sogar sehr gut – was mich wirklich erstaunt. Als ich Richtung Ausgang gehe, spielt eine junge Frau gerade eine Melodie, die mein Ohrwurm wird und mich die nächsten Tage nicht wieder verlässt. Es handelt sich um das Titelmotiv der Serie „Sherlock“. Was würde besser zu London passen?

In St. Pancras besorge ich mir zuerst an einem Automaten Bargeld, dann stelle ich mich brav in die Schlange am Travelschalter um eine Wochenkarte für U-Bahn und Bus zu kaufen. Diese Dauerkarte nennt sich „Travelcard“ wird auf die Oystercard gebucht, eine Plastikkarte des Londoner ÖPNV. Die Travelcard für sieben Tage und die Zonen 1 und 2, also die Innenstadt, kostet rund 40 Euro. Den Datenträger, eben die Oystercard, gibt es für 5 Pfund Pfand, man kann sie immer wieder verwenden. Im Februar 2014 entspricht ein Pfund ungefähr 1,22 Euro in echtem Geld.

Der Kartenkauf hat etwas gedauert, und als ich endlich aus dem Traveloffice komme, glaube ich meinen Augen nicht zu trauen: Das Wiesel hat sich wohl aus dem Rucksack gewieselt und hält revolutionäre Ansprachen. Es hat vor der Abfahrt in den Schnipseln eines zerkauten Exemplar des „Kapitals“ genächtigt, als Vorbereitung, weil sowohl Marx als auch Lenin in London ihre Ideen entwickelt haben. Anscheinend hat das auf´s Wiesel abgefärbt, und nun setzt es sich für dei Rechte der Geknechteten ein – mit umwerfenden Erfolg, es wird sofort ein Streik der U-Bahn ausgerufen. Ich hoffe trotzdem auf eine Mitfahrgelegenheit und stelle mich an einen Bahnsteig Richtung Westen.

Was mir bereits auffällt: Bei meinem letzten Besuch in London säuselte eine Stimme vom Band in Endlosschleife „Mind the Gap“. JETZT ist ein echter Drillinstructor am Mirko, der die ganze Zeit Befehle ins Mikro bellt. „Lassen sie die Ankommenden aussteigen, dann geht es schneller!“, “ Bleiben Sie hinter der gelben Linie!“ „Lassen sie ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt!“ „Ich sagte, sie sollen hinter der Linie bleiben“! Dazu glotzen einen überall CCTV-Kameras an. Ü-ber-all wird man gefilmt, und an jedem Ein- und Ausgang stehen Wachleute. Nicht ein oder zwei, meistens gleich vier oder fünf. Als ich nur ein paar Schritte von der Ideallinie zum Ausgang weggehe, um ein Foto zu machen, werde ich sofort mit einem „SIR!“ angebrüllt und muss mich rechtfertigen, warum ich mich hier nonkonform bewege. Von sowas wie dem hier hat George Orwell schlecht geträumt. Paranoider könnten selbst die USA kaum sein.

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Dank dem Streik komme ich gerade mal zwei Stationen weit, bis zur Bakerstreet, und muss die restlichen fünf Kilometer bis zum Hotel durch kalten Nieselregen laufen. Eigentlich ist das Hotel näher, aber zu meinen geheimen Superkräften gehört es ja, dass ich mich auch im kleinsten Dorf zünftig verlaufen kann. Und so irre ich durch ein Viertel, in dem es jeden Strassennamen stets in drei Varianten gibt. Mehrfach finde ich den Norfolk Crescent und die Norfolk Street, aber bis ich endlich die kleine Nebenstrasse Norfolk Square finde, dauert es fast eine Stunde.

Immer wenn ich mich gerade verlaufen habe, denke ich: Das sieht später auf dem Trackerbild bestimmt lustig aus. Hier ist es.

Immer wenn ich mich gerade verlaufen habe, denke ich: Das sieht später auf dem Trackerbild bestimmt lustig aus. Hier ist es. Man beachte die Schleife.

Das Cardiff im Norfolk Square.

Das Cardiff im Norfolk Square.

Das Hotel ist das „Cardiff“, ein kleines Ding in einem Wohnhaus um die Ecke des Bahnhofs Paddington. Der Bahnhof mit dem Bären, wissen schon. Die Zimmer im Cardiff sind winzig, und auf dem Flur lagert Baumaterial, weil gerade alles modernisiert wird. Aber es ist für Londoner Verhältnisse mit 45 Pfund (55 Euro)absolut günstig, zentral gelegen und hat WLAN und ein eigenes Badezimmer. Das ist mir wichtig. Ich kann mich mit allem anfreunden, aber nicht mit einem Gemeinschaftsbad. Mein Zimmer, die 24, ist übrigens ziemlich einzigartig. Es liegt als einziges Zimmer nach hinten raus, in einem kleinen Anbau am Hotel. Die Aussicht besteht zwar nur aus Innenhof, aber dafür ist es absolut ruhig und gemütlich. Die Decke des Zimmers ist spitzwinkelig, weil es quasi wie ein Gartenhäusschen nach Hinten aus dem Hotelgebäude herausragt. In manchen Nächten werde ich den Regen leise auf´s Dach klopfen hören.

Mit Pfeil markiert: My Home, my Castle. Wie ein Gartenhäuschen steht mein Zimmer aus dem Hotelgebäude heraus.

Mit Pfeil markiert: My Home, my Castle. Wie ein Gartenhäuschen steht mein Zimmer aus dem Hotelgebäude heraus.

Zeitumstellung: London ist eine Stunde später dran.

Zeitumstellung: London ist eine Stunde später dran.

Nachdem ich mich des großen Rucksacks entledigt habe laufe ich zum Picadilly Circus, dem zentralen Blink-Blink-Platz in der Stadt, quasi dem Times Square von London. In dem Viertel darum herum sind viele Theater, weswegen man es auch „Theatreland“ nennt. Eines der Theater ist das Apollo, in dem ich mir gerne ein Stück angesehen hätte, von dem ich das Buch sehr mag: „The curious incident with the dog at the nighttime“, aber leider ist es ausgerechnet das Apollo, bei dem im Dezember das Dach eingestürzt ist. Also ist es ein anderes geworden, und dort hole ich jetzt die Karte ab.

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Dann laufe ich den Weg durch Chinatown und Oxfordstreet bis zum Hydepark zurück. Was mir auffällt: London ist modern. So modern, dass es überall selbstfahrende Autos gibt. Die Leute nehmen ganz entspannt auf der Beifahrerseite Platz, dann fährt das Auto los. Die Roboterautos funktioneren nicht besonders gut, denn sie fahren ständig auf der verkehrten Strassenseite. Aber das ist nicht schlimmm, denn in London ist der Autobverkehr ungefähr halb so schnell wie die Fußgänger. Briten gelten ja als Weltmeister im Schlangestehen, und das machen sie auch auf der Strasse. Setzen sich in ihre selbstfahrenden Autos und stehen dann auf der Strasse rum. Hihihi.
Oh man, muss ich unterzuckert sein, dass mein Hirn sich so einen Schwachsinn ausdenkt.

Am Marble Arch, gegenüber der Speakers Corner, kaufe ich in einem 24 Stunden Searbury´s eine Packung Couscous und ein belegtes Toastbrot für das Abendessen. Wieder im Hotelzimmer teste ich den mobilen Hotspot, der mit einer britischen SIM versehen ist und meinen diversen Gadgets den Zugriff auf´s Internet erlaubt. Die Simkarte ist von Three, die ein gutes Netz bieten, und wurde vorab bei simcardshop.eu gekauft. Sie ist mit einem 1 GB Datenvolumen ausgestattet. Dann lasse ich den Abend im Hotelzimmerchen ausklingen. Es hat die ganze Zeit geregnet, und auch wenn alle Klamotten imprägniert sind, irgendwann reicht es mir durch den Regen zu laufen. Hoffentlich wird das morgen besser, und hoffentlich ist der vom Wiesel angestiftete Streik bald wieder vorbei.

Reisetagebuch London:
Tips für London

 
7 Kommentare

Verfasst von - 26. Februar 2014 in Reisen, Wiesel

 

7 Antworten zu “Reistagebuch London 2014 (1): Welcome to England

  1. zimtapfel

    26. Februar 2014 at 10:36

    Vergessen wir aber bitte nicht, das es für diese so genannte „Paranoia“ durchaus Gründe gibt. Paranoia bezeichnet meines Erachtens die grundlose Angst vor imaginierten, also nicht existenten Dingen. Ein Terroranschlag mit 56 Toten und 700 z.T. Schwerverletzten ist aber etwas sehr reales.

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  2. Die Wunderbare Welt des Wissens

    26. Februar 2014 at 20:50

    Ich verpöne
    a) das Britain-Bashing
    b) das Wiesel-Blaming

    Was wären wir ohne die Briten, die Wiesel und den Aquädukt!

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  3. Silencer

    26. Februar 2014 at 22:04

    Zimt: Es zeichnet eine Nation aus, wie sie mit Terrorismus umgeht. Durch die Anschläge von 2005 haben die Briten ein Trauma davongetragen, und das hat sich m.E. in Paranoia ausgewachsen. Anders ist es nicht zu erklären, dass jeder Hinterhof von fünf CCTVs beobachtet wird und wirklich ÜBERALL Scanner und Sicherheitspersonal rumsteht. Mein Gefühl sagt mir, dass das zu den olympischen Spielen nochmal ordentlich hochgerüstet und nie wieder rückgebaut wurde, und jetzt dient der hochmoderne Antiterrorismus-Überwachungsquatsch dem Ausspüren von Verkehrssündern.

    WdW: Sie hätten dabei sein sollen – das Wiesel entwickelt leicht kommunistische Ansichten!

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  4. Die Wunderbare Welt des Wissens

    26. Februar 2014 at 22:28

    *Räusper*
    „Ja, das Wiesel, das Wiesel hat immer Recht, drum Genossen es bleibet dabei
    denn wer kämpft mit dem Wiesel hat immer Recht…“

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  5. kalesco

    28. Februar 2014 at 13:54

    Wie, Regen? Im Februar? Nicht doch 😉

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  6. Silencer

    28. Februar 2014 at 16:30

    Kleiner Ausreißer in der Statistik. Aber immer noch besser als im Januar, der wohl ziemlich verregnet war 😉

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  7. Katja

    26. Juli 2014 at 15:09

    Das untere Bild war mein liebstes der ‚London bei Nacht‘-Fotos. Der Lichtschein auf dem nassen Kopfsteinpflaster ist toll!
    (Wollte ich eigentlich da im Beitrag schon kund tun, aber war dann zu faul abzuzählen. :D)

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