RSS

Was Hybridquatsch über uns aussagt

27 Feb

Uiuiui, BMW macht jetzt ja voll in Strom. Also quasi. Noch nicht richtig. Aber immerhin: Die Krachledernen haben jetzt ein Auto mit einem Hybridantrieb ausgestattet und bieten es in Serie als „e-Drive“ an. Hybrid heisst, der Wagen fährt elektrisch. Aber nur 30 Kilometer, dann muss man den 245 PS starken Verbrennungsmotor zuschalten.

Moment mal – andere Hersteller bieten seit Jahren Hybridfahrzeuge vom Schlage eines Prius an. Hybridautos sind leicht und klein, Größentechnisch irgendwo zwischen Smart und Golf, wofür braucht so ein Kistchen 245 PS?

Nun, ganz einfach: Weil BMW eben kein kleines Kistchen, etwa seine 1er-Serie, hybridisiert hat, sondern den Geländewagen X5. Das ist das Dickschiff mit einem Leergewicht von 2,4 Tonnen und einem Verbauch von 19,3 Litern (Innerorts, Normzyklus).

WTF?! Warum macht man so einen Quatsch?! Jetzt kommt der Brüller: Der X5 wird als e-Drive gebaut, weil man eine Kundenumfrage durchgeführt hat. Mit einem erstaunlichem Ergebnis. Baureihenleiter Gerhard Thiel sagt: „X5-Besitzer sind nur selten auf der Autobahn und praktisch nie im Gelände unterwegs. 80 Prozent der Fahrten erfolgen im urbanen Umfeld und sind nicht länger als 30 Kilometer.“

ACHTZIG Prozent Stadt. NIE im Gelände.
Mit anderen Worten: Stadtmenschen kaufen sich den Geländewagen, fahren damit aber nur um den Block. Ein X5 als Stadtauto, klar, logisch, weil der ja auch so schön sparsam ist und in jede Parklücke passt, wobei wir ja in Städten keinen Mangel an Parkraum haben. Oh man. Der arme Geländewagen, der muss ja Minderwertigkeitskomplexe haben.

Gesamtgesellschaftlich wird natürlich, und leider, ein Schuh draus. Diese „Ich brauche einen Geländewagen in der Stadt“-Nummer ist symptomatisch für das Streben der Deutschen nach Sicherheit, nach Abgrenzung, nach der Sehnsucht auf andere Hinabzusehen. Sicherheit ist unser Hauptziel. Wir wollen gar nicht reich und berühmt werden, aber wir wollen bitte nach allen Seiten abgesichert sein, dann sind wir zufrieden. Darum versichern wir uns gegen jede Kleinigkeit, schließen Bausparverträge ab, brauchen für den Gang zum Bäcker Funktionsbekleidung die für eine Arktisexpedition tauglich ist, darum sind auch so viele Menschen für Videoüberwachung und Vorratsdatenspeicherung und so wenige gegen Geheimdienste und starke Polizeimaßnahmen. Dient ja alles der Sicherheit.
Der Geländewagen als Stadtauto, besser kann man Deutschland kaum bildlich darstellen.

 
5 Kommentare

Verfasst von - 27. Februar 2014 in Betrachtung

 

5 Antworten zu “Was Hybridquatsch über uns aussagt

  1. Raven

    27. Februar 2014 at 10:20

    Ähm, also, ich finde Bausparverträge für mein altes Haus sehr hilfreich und durch meine beiden Hunde komme ich aus meiner Funktionsbekleidung eigentlich gar nicht mehr raus. 😳 Okay, zu meiner Verteidigung: Ich gehe damit nicht zum Bäcker. … Moment mal, hast du da jetzt nicht einen Gedankenfehler gemacht? Zum Bäcker um die Ecke wird doch eigentlich nicht mehr gegangen, sondern mit dem Geländewagen in Funktionskleidung „gefahren“! 😉

    Gefällt mir

     
  2. psychoqueen

    28. Februar 2014 at 08:48

    Im Großen ganzen sehr gut dargestellt, doch einen Wermutstropfen habe ich entdeckt: der Deutsche strebt nicht nach Sehnsucht auf andere Hinab zusehen, sondern er tut es mit Vorlieben gern, weil ein Teil seiner Sehnsucht, nämlich die nach Freiheit nicht gestillt werden kann. Zu mindest bilden sich das viele ein. Diese Freiheit nach der wir uns so sehr sehnen ist nun einmal nicht im Außen zu finden. Und somit „muss“ sich der Mensch mit Äußerlichkeiten zu frieden geben. Außer jene die es verstanden haben.
    Deswegen fahre ich einen Lupo (ohne Servolenkung)!!! Und Motorrad. 😀 😀 😀

    Gefällt mir

     
  3. kalesco

    28. Februar 2014 at 13:35

    Jaja, die Nachbarn… Aber ihr seid da nicht allein. In London und Umgebung gibt es den Begriff Chelsea Tractor für diese SUVs. Und die fahren auch in Graz, vorzugsweise die Gören bis vor die Tür der Schule. (Mit Grazer Kennzeichen wohlgemerkt). Und für die Pendler wollen sie sich seit Jahren an London und der Congestion Charge orientieren. Kurios.

    Gefällt mir

     
  4. Silencer

    28. Februar 2014 at 16:32

    Queen: Dabei geht es nicht um die eigene Freiheit, sondern um das Vergnügen, diese anderen zu nehmen oder einzuschränken. Diese Neigung andere erziehen zu wollen bricht sich auch darin bahn.

    Kalesco: „Chelsea Tractor“ ist super, das kannte ich noch nicht 😀

    Gefällt mir

     
  5. kalesco

    3. März 2014 at 13:38

    Hat mir der englische Projektkoordinator verraten 🙂
    War mir auch neu.

    Gefällt mir

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: