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Reisetagebuch London 2014 (7): Der Weg nach Hause

09 Apr

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Im Februar 2014 verirrten sich Silencer und das Wiesel nach London. Eine Woche lang durchstreiften sie die uralte Metropole an der Themse und entdeckten erstaunliche Dinge, aber heute ist es an der Zeit wieder nach Hause zurückzukehren.

Mittwoch, 12. Februar 2014, London

Der Tag beginnt schon wieder ohne Würstchen. Zumindest für mich, nicht aber für das ältere Ehepaar, das entrückt lächelnd ein rundes Dutzend davon auf diversen Tellern davonbalanciert. Dafür bastele ich mir eine Bacon Roll, das ist ein Hamburgerbrötchen, in das gebratener Speck geklemmt wird. Gar nicht schlecht, wenn auch zu fettig für meinen Geschmack. Ich kann schon verstehen, dass britische Touristen regelmäßig in tiefe Verzweifelung stürzen, wenn sie nach Italien oder Frankreich kommen und dort statt des fetten Mittagessens, mit dem sie zuhause den Tag beginnen, nur einen Keks und einen Kaffee bekommen. Das muss ein echter Kulturschock sein.

Eine halbe Stunde später sind meine Sachen gepackt und ich verabschiede mich von dem Zimmerchen, dass die letzten sechs Tage mein Zuhause war.

Vor der Zimmertür wird Baumaterial gelagert.

Vor der Zimmertür wird Baumaterial gelagert.

Dann checke ich aus dem Cardiff Hotel aus, schultere den Rucksack, der sehr viel voller und schwerer ist als bei meiner Ankunft in London, und wandere den Norfolk Square hinauf zur Paddington Station.

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Das folgende Video zeigt einige Stationen des Londontagebuchs, in Zeitraffer und z.T. in Tiltshift-Optik. Alles aus der Hand mit der Lumix TZ41 gedreht.

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Die große Halle von Paddington Station.

Die große Halle von Paddington Station.

Wenigstens gibt es heute keinen Streik in der U-Bahn. Der war eigentlich angekündigt, wurde aber in letzter Sekunde abgeblasen. In der Tube fällt mir wieder auf wie diszipliniert die Briten sind. In anderen Ländern wird in der U-Bahn laut telefoniert, rumgebölkt oder sich gegenseitig lautstark abgeleckt. Hier nicht. Alle schweigen und sind in Handyspiele oder Bücher vertieft, und das liegt mit Sicherheit nicht nur daran, dass der Empfang so schlecht ist. Apropos Bücher, von Papier generell sind die Briten riesige Fans. Ich habe selten irgendwo so viele Leute mit penibler Handschrift in Papierkalender schreiben sehen wie in London. Vom edlen, ledergebundenen Filofax bis zum billigen Werbekalender war alles dabei. Das ist erstaunlich, in zweifacher Hinsicht: Zum einen, dass die Dinger hier noch verwendet werden, zum anderen, dass mir das als anachronistisch auffällt.

Nette Idee: Alte Telefonzellen als Accesspoints für WLAN benutzen.

Nette Idee: Alte Telefonzellen als Accesspoints für WLAN benutzen.

Die üblichen Verspätungen später komme ich in St.Pancras an, checke mit meinem DB-Ticket am regulären Eurostar-Schalter ein, weil die Scanautomaten deutsche Tickets nicht erkennen, und durchlaufe die üblichen Sicherheitsuntersuchungen. Der Wartebereich von Eurostar auf dieser Seite des Ärmelkanals ist groß und gut ausgestattet, es gibt Besprechungsecken mit Ledersesseln, Gruppenbereich und sogar Arbeitstische mit Stromanschlüssen.

Eine halbe Stunde später beginnt das Boarding. Der Zug ist nur halb voll, und ich stelle mich auf eine uninteressante Fahrt ein, als plötzlich eine Horde 16jähriger Schüler das Abteil betreten und darüber reden, wie schell sie jetzt in Paris sind. Panik bricht aus, als ihnen jemand mitteilt, dass dies gar nicht der Zug nach Paris ist. Ich fasse mich innerlich an den Kopf und frage mich, wie man bei den Vorkehrungen und Hinweisen und Gates und Whatnot nicht mitkriegen kann, dass man im verkehrten Zug sitzt. Die Teenis kommunizieren panisch in einer merkwürdigen Sprache aus hochfrequenten Quitesch- und Schnatterlauten, bis die vernünftigste von der Bande ein Handy herausholt und es benutzt um zu Telefonieren – sie ruft die Lehrer an. Weil sie bei dem Geschnatter ihrer Mitschüler nichts versteht, verlässt sie den Waggon und steigt aus dem Zug – und genau in dem Moment schließen sich die Türen hinter ihr und der Zug setzt sich in Bewegung. Ich muss ein Lachen unterdrücken.

Noch zwanzig Minuten gibt es Gequieke, Geschnatter und sogar Tränen der Verzweifelung, dann nimmt sich eine Mitreisende der Sache an und regelt, dass die Jugendlichen bis nach Lille mitfahren dürfen, dort warten sie dann auf den Rest der Klasse, der eine halbe Stunden später mit dem richtigen Zug dort hält. Von den ebenso hübschen wie unfähigen Zugbegleiterinnen war natürlich die ganze Zeit nichts zu sehen – ich vermute mittlerweile, dass die sich ohnehin sofort nach der Abfahrt irgendwo verstecken, damit niemand sie anspricht und am Ende noch rauskommt, dass sie nur Französisch sprechen, wer weiß.

In Brüssel wartet bereits der ICE International, aber wie das mit der DB so ist: Einfach und bequem kann die nicht. So auch hier. Der Zug wartet zwar abfahrbereit, aber „instappen“ darf man nicht. Bis wenige Minuten vor der Abfahrt dürfen die Reisenden auf dem kalten und zugigen Bahnsteig warten.

NIET INSTAPPEN!

NIET INSTAPPEN!

Kalt und zugig ist es zwar, aber auch sonnig. Dreieinhalb Stunden später ist die Sonne gerade im Begriff unterzugehen, als ich mir in Frankfurt mit den Ellenbogen den Weg durch Horden von Bankerkaspern in schlechtsitzenden Billiganzügen freikämpfe.

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Im letzte Zug an diesem Tag darf ich wieder auf meinen Lieblingsplatz, den Einzelsitz 71. Das Netbook spielt „The Walking Dead“, und ich merke, dass ich Zombies immer noch unsäglich dumm finde. Noch einmal umsteigen, und ich stehe wieder auf der Dorfstraße in Mumpfelhausen und die Reise ist vorbei.

Das Wiesel ist auch wieder daheim.

Das war also London.
Ich bin nicht ganz sicher, welches Gefühl die Stadt in mir hinterlässt. London fühlt sich anders an als andere Städte. Es ist stylisher als Berlin, ernster als Barcelona, weniger lebensfroh und offen als Rom. London ist… alt, mit einem Hauch Grandezza und ganz viel Charakter, der aus den 1880er Jahren stammt. Mit ihrem Alter und ihrer Größe hat die Stadt automatisch auch Tiefe. Ja, so kann man es beschreiben. London hat Untiefen und viele Geheimnisse, und ich habe es bislang nicht geschafft unter die Oberfläche und hinter das Offensichtliche zu sehen.
Tja.
Muss ich da wohl nochmal hin.

Mitbringsel: Ein Paddington Bär, historische Karten und Kunstdrucke, Schokolade mit Brezel-Cola-Geschmack und ein wenig Kleinkram.

Mitbringsel: Ein Paddington Bär, historische Karten und Kunstdrucke, Schokolade mit Brezel-Cola-Geschmack und ein wenig Kleinkram.

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Reisetagebuch London:
Tips für London

 
2 Kommentare

Verfasst von - 9. April 2014 in Reisen, Wiesel

 

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2 Antworten zu “Reisetagebuch London 2014 (7): Der Weg nach Hause

  1. Katja

    29. Juli 2014 at 21:17

    Hachz. Dank für’s Mitnehmen – wieder mal! 🙂
    Bisher habe ich das irgendwie nie als so dringend empfunden, aber gerade möchte ich am liebsten sofort nach London. Das ist toll und das geht mir regelmäßig mit deinen Reiseberichten so, dass ich nach dem Lesen am liebsten genau dorthin möchte, worüber du geschrieben hast.

    (So! Jetzt noch die große Italienreise. Dann hab ich tatsächlich alles aufgeholt. 😀 )

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  2. Silencer

    30. Juli 2014 at 08:50

    Du bist eine echte Kampfleserin! 🙂
    Schön, dass es Dir gefallen hat.

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