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Tarja Live in Hannover 2014: The Colours in the Dark-Tour

04 Mai

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Ach ja, Hannover. Hauptstadt des Bundeslands Niedersachsen und wahrlich keine schöne Stadt. Um genau zu sein: Die zweithässlichste von Deutschland. Kann man aber trotzdem mal hinfahren, denn in Hannover gibt es auch Schöne Ecken, man kann so mittelgut Shoppen und gelegentlich gibt es ein Konzert zum angucken. Entweder in der Oper…

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…oder, wie ich gestern Abend, im Theater am Aegi:

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Ja, das ist von innen genauso hässlich wie von außen. Am 3. Mai spielte dort zunächst mal „The Name“, was ein denkbar bescheuerter Name für eine Band ist, die man im Internetzeitalter vielleicht auch mal über eine Suchmaschine finden möchte. „The Name“ machen so Kindergartenmetal auf Schulhofniveau, was durchaus passt, denn die Band sieht auch aus wie eine Horde Gymnasiasten. Auffälligstes Merkmal ist Sängerin Hadassa, die vor allem zwei Dinge kann: Gaaanz knappe Röckchen tragen und sich permanent über einen, auf der Bühne liegenden, Ventilator beugen. Dadurch sieht sie aus wie eine buckelige Medusa und bekommt dauernd Haare in den Mund und ins Gesicht, aber ihr macht das wohl Spaß, also sei´s drum.

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Main Act des Abends war aber jemand anders, nämlich Tarja. Die 1977 geborene Finnin war mal die Frontfrau von „Nightwish“. Seit 2005 frickelt sie allein vor sich hin. Heute lebt sie mit Mann und Kind in Argentinien und geht nur selten auf Tour. Und da ich die Möglichkeit hatte in der ersten Parkettreihe eine Karte zu bekommen… warum nicht, obwohl das eine Reise nach Hannover bedeutete.

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Skeptisch war ich vor allem deshalb, weil Tarja der Ruf einer Diva anhaftet. Bei Nightwish ist sie, angeblich wegen Divenhaftigkeit, rausgeflogen, und man war schnell bereit das der Band um Papa Schlumpf zu glauben – bis sich rausstellte, dass die alle Nase lang ihre Sängerinnen auf unfeinste Art und ohne ihnen was zu sagen abservieren. Auch wenn „Nightwish“ letztlich Arschlochfinnen sind, sie machen immerhin noch anhörbare Musik. Das ist bei Tarja nur noch bedingt so.

Drei Soloalben hat sie bislang rausgebracht: Das 2007 erschienene „My Winter Storm“ ist ein grandioses Konzeptalbum, dass ich immer wieder gerne höre, aber fast alles was danach kam, kann man leider getrost vergessen. Das 2010er „What lies behind“ scheint sich zum Großteil mit schmutziger Wäsche aus der „Nightwish“-Zeit zu befassen, und das 2013er Album „colours in the Dark“ ist hoffnungslos überproduziert. Tarja ist eine klassisch ausgebildete Sopranistin, deren Spezialität der Gesang zu Metalsongs ist. Die Musik lebt vom Gegensatz der klassischen Stimme zu eher harter Musik, und auf dem letzten Album stimmt das Verhältnis nicht mehr: Die Musik überklebt mit bombastischem Synthigeorgel und endlosen Gitarreneinsätzen den Gesang, und dadurch leidet das Gesamtkunstwerk.

Außerdem hatte ich im Vorfeld von gerade mal einstündigen Konzerten in halbvollen Häusern gelesen, was zusammen mit dem Bild der Diva den Eindruck einer zickigen Künstlerin vermittelt, die nichts mehr so richtig gebacken kriegt und sich von der Welt unverstanden fühlt. Das alles zusammen hatte meine Erwartungshaltung ziemlich runtergeschraubt, und ich war auf eine distanzierte Eiskönigin und einen mediokeren und unterkühlten Auftritt gefasst.

Tatsächlich war das, nicht gerade supergroße, Theater am Aegi nicht ausverkauft, mehr als die Hälfte der Ränge war frei – nicht gerade das beste Zeichen.
Umso überraschter war ich, als Tarja sich überaus gutgelaunt und springlebendig herausstellte, als sie nach rund einer Stunde nach Konzertbeginn die Bühne betrat. Wie ein Gummiball hüpfte die über die Bühne, lachte und freute sich und flirte von der ersten Sekunde an mit dem Publikum.

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Das Publikum war extrem gemischt: Von WIRKLICH alten Damen (mit Rollator!) über pubertierende Langhaarwürstchen, kuttentragende Metalzwerge und 150 Kilo-Gothmädchen in knapper Spitze bis zu dramatisch guckenden Magersuchtfrauen, die vermutlich in Tarjas schlechten Texten nach dem Sinn des Lebens suchen, war alles mit dabei. Aber alle hatten eines gemeinsam: Sie liebten Tarja. Schon nach dem ersten Lied standen alle und feierten die Sängerin ab, was dieser tatsächlich ein wenig die Tränen in die Augen trieb. Ich persönlich, als eher kleiner Mensch, finde die Rumsteherei in bestuhlten Locations immer eher doof, aber da ich wirklich weit vorne an der Bühne und Tarjas Bewegungsdrang ansteckend war, war das in diesem Fall OK.

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Zusammen mit einem faxenmachenden Punker am Schlagzeug, einer coolen Bassistin, einem Gitarristen, einem Cellisten und einem Mann an den Syntheziern heizte Tarja so richtig ein. Sie hat ohnehin eine sehr gute und klare Gesangsstimme, der man gut zuhören kann. Aber Sie kann noch weitaus mehr – wenn richtig intensive Passagen kommen, zündet Tarja ihren Sopran-Nachbrenner und singt mit der Kraft einer Opernsängerin gegen Gitarrenriffs und Schlagzeug an, und das auch live fehlerfrei, in erstaunlichen Höhen und mit einer Lautstärke, die in dem kleinen Theater fast die Lautsprecher überflüssig machte. Dafür, dass sie eine zierlich gebaute Frau ist, überrascht dieses Volumen doppelt.

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Gegeben wurde ein Mix der bisherigen Werke. Auch wenn Songs von „Colours in the Dark“ im Mittelpunkt standen, fanden sich von den älteren Werken auch immer mal wieder welche dazwischen, wie etwa das grandiose „I walk alone“ oder auch das absurde „Anteroom of Death“. Sogar ein Nightwish-Song hatte sich in die Setlist verirrt, „I Wish I had an Angel“.

Obwohl sie zwischen den Songs nicht viel redete, brachte Tarja trotzdem das Kunststück fertig zu vermitteln, dass SIE es war, die vom Publikum mit Anwesenheit geadelt wurde, nicht umgekehrt. Wirklich, ich habe noch nie erlebt, dass eine Künstlerin oder ein Künstler so dankbar für Publikum war und auch soviel physischen Kontakt suchte wie die vermutete Eiskönigin, die total sympathisch rüberkam.

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Nach 75 Minuten ging kurz das Licht an, die Zugabe kam kurz darauf und brachte die Gesamtlaufzeit (ohne Vorgruppe und halbstündige Pause) auf über 105 Minuten. Ein rundum gelungenes Konzert, bei dem lediglich das Konzept der Tour nicht griff. Das soll nämlich sein, dass man in edlen, bestuhlten Locations, ohne Festival- oder Arenaatmosphäre, Tarjas Musik genießen kann – vermutlich auch ein Zugeständnis an die vielen älteren Fans. Dadurch, dass es das Publikum nicht auf den Sitzen hielt, konnten natürlich gerade die älteren und kleineren nicht viel sehen – aber das kann man schwerlich der Künstlerin anlasten.

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Für die Show hat sich selbst die Reise nach Hannover gelohnt. Und genrell kann ich nun sagen: Ein Besuch bei Tarja lohnt schon wegen der energiegeladenen Performance und der großartigen Stimme, wenn man die Gelegenheit hat, sollte man ein Konzert besuchen – wer weiß, wann Tarja wiederkommt.

Karten gibt es ab 38 Euro. Die nächsten Termine:

05.05.14 Frankfurt, Batschkapp
06.05. Härterei, Zürich
08.05. Theaterhaus, Stuttgart
09.05. Alte Oper, Erfurt
11.05. Kurfürstliches Schloß, Mainz
14.05. Stahlwerk, Düsseldorf

 
2 Kommentare

Verfasst von - 4. Mai 2014 in Event, Satire

 

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2 Antworten zu “Tarja Live in Hannover 2014: The Colours in the Dark-Tour

  1. Annabella Appel

    6. Mai 2014 at 18:01

    Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass sich hinter ’silencer‘ ein kleines Männlein verbirgt,
    das spärlichen Haarwuchs oder gar Glatze hat??? Weshalb sonst Ihren Frust über große, attraktive, langhaarige Männer ( laut Ihnen Schlümpfe, Würstchen und A…löcher ). Was Hannover betrifft:
    an der Gesamtfläche gemessen, die grünste Stadt Deutschlands!!!
    Da Ihre Stadt anscheinend so wunderschön ist, nehme ich an, Sie kommen direkt aus Hollywood,
    Rom, Paris? Anders kann ich mir Ihre Überheblichkeit nicht erklären.
    An Tarjas Musik gibt es übrigens auch nichts zu kritisieren.
    Gemischtes Publikum in allen Altersklassen spricht auch für den Künstler. Damit konnten und können auch Bands wie z.B. Abba, AC/DC, Rolling Stones, Kiss aufwarten. Es wäre ja auch furchtbar, wenn nur Glatzköpfe um die 30 kämen, denen es zu anstrengend ist, sich von Ihrem Sitz zu erheben.

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  2. Silencer

    6. Mai 2014 at 19:47

    Hi Annabella!
    Ja, genau das meinte ich: Schöne, langhaarige Männer, die durch das Weltkulturerbe Hannover flanieren. Wieso, was habe ich denn geschrieben?! Sorry, falls ich mich da mißverständlich ausgedrückt habe. Und selbstverständlich ist gemischtes Publikum super, und natürlich wünsche ich Tarja, dass sie mindestens so lange im Geschäft bleibt wie AC/DC, Rolling Stones u.d.a., also mindestens 130 Jahre. Ein Publikum nur aus lethargischen Kurzhaarterriern um die 30 wären in der Tat langweilig – wenn man sowas wollte, könnte man ja gleich zur Re:Publica fahren!

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