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Mein erstes Mal: Fernbusfahrt

18 Aug

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Zum Weltwieseltag wollten das Wiesel und ich standesgemäß mit einem Riesenauto und eigenem Chauffeur in Hamburg vorfahren. Also nahmen wir einen Fernbus.

Fernbusse waren in Deutschland lange Zeit nicht erlaubt, weil der Gesetzgeber die Bahn schützen wollte. Das ist seit Kurzem vorbei, und jetzt expandieren Fernbusunternehmen. In Deutschland sind das vor allem „MeinFernbus“, „Flixbus“ und neuerdings der ADAC. Von Fernbussen hatte ich nur Gutes gehört: Viel günstiger als die Bahn, bequem, mit WLAN-Austattung und allem Komfort sollten die sein. Das musste ich ausprobieren, und buchte daher einen Fernbus der Firma Flixbus, Göttingen-Hamburg und Retour für 19 Euro pro Fahrt.

Das erste Problem tauchte sofort nach der Buchung auf. Die Seite mahnte, man solle auch ja rechtzeitig an der richtigen Haltestelle sein. Nur: Welche Haltestelle das ist, das verrät sie nicht. Das steht klein auf dem Busticket, und wenn man das auf einem altersschwachen Schwarz/weiß-Laserdrucker ausdruckt, ist der Hinweis kaum lesbar. Apropos Website und App: Die sollten eigentlich die Standorte der Haltestellen anzeigen. Tun sie oft ach, aber gelegentlich (= immer wenn man es wirklich braucht) ist die Integration von Google Maps einfach kaputt und es gibt statt Landkarte nur Fehlermeldungen. Zum Glück bekam ich am Tag vor der Abfahrt noch raus, von wo es los ging, und freute mich auf die Fahrt in der rollenden WLAN-Butze.

Die Ernüchterung erfolgte recht schnell. Den QR-Code auf der App konnte der Fahrer mangels Lesegerät nicht kontrollieren, aber zum Glück hatte ich aber den altersschwachen Ausdruck des Tickets dabei. Mit dem Komfort war es nicht weit her. Ich kann mich täuschen, aber mir schien, als wären in dem Bus die Standardsessel durch enger stehende Versionen ersetzt, um mehr Personen unterbringen zu können. Unbequem sind die nicht, aber das geht halt auf Kosten der Beinfreiheit. Einen Rucksack in den Fußraum zu stellen, was bei der Bahn problemlos möglich ist, ist im Bus nicht drin. Snacks und Getränke kann man theoretisch im Bus kaufen, allerdings wird man gebeten passend zu zahlen, da der Fahrer das auf eigene Rechnung macht. Uh.

Den Bus, den ich erwischt hatte, war dreckig. Die Scheiben waren verschmiert und die Netze der Sessel waren voller Müll. In Göttingen hat der Bus 20 Minuten Aufenthalt, aber die nutzte der Fahrer nicht, um mal durchzugehen und den größten Ranz einzusammeln. WLAN gab es übrigens ebensowenig wie Durchsagen des Busfahrers. Dabei wäre es durchaus interessant gewesen mal zu erfahren wie lange er Pause zu machen gedachte oder wann wir wohl am Ziel ankommen würden, hatten wir doch durch einige Staus und Baustellen ordentlich Zeit verloren. Am Ende kamen wir mit 2 Stunden Verspätung in Hamburg an.

Die Rückfahrt war ähnlich, aber mit Problemen auf anderen Ebenen. Der Zentrale Omnibusbahnhof in Hamburg ist groß und modern, und im Minutentakt kommen dort Busse an und fahren wieder ab. Es gibt ein elektronisches Anzeigesystem, welcher Bus an welchem Bussteig hält. Dummerweise wird die Anzeige aber nicht an die aktuellen Gegebenheiten angepasst, falls ein Bus an einem anderen Steig steht als geplant. Und das Flixbus auf Busnummern verzichtet, macht es nicht einfacher. Während MeinFernbus eindeutige Nummern für seine Routen hat, heisst die bei Flix nur „Startstadt – Endstadt“. Das steht aber nicht auf den Tickets. Dort steht nur der Teil der Fahrt, den man gebucht hat. Ich musst ealso raten, ob mein Ticket für „Hamburg – Göttingen“ jetzt für die zeitgleich abfahrenden Linien „Hamburg – Frankfurt“ oder für „Hamburg-Berlin“ gedacht war.

Am Hamburger ZOB kann man sehr schön sehen, wie unterschiedlich die Unternehmen organisiert sind. Der ADAC hat „Bodenpersonal“, das einen kleinen Check-In-Tisch an den Bussteig rollt. Den Fahrgästen wird das Gepäck abgenommen, alle steigen gesittet ein. Bei Flix gab es einfach nur riesiges Chaos. Mein Bus kam und kam nicht, obwohl ich laut Anzeige am richtigen Steig stand. Das machte mich nicht unerheblich nervös, leider half die Flix-App mit der Rubrik „Aktuelle Meldungen“ auch nicht weiter. Irgendwann kämpfte sich ein Mann durch das Getümmel der vielen hundert Menschen, die am Sonntag Nachmittag dicht an dicht durch den ZOB schoben, und sagte zu der Frau neben mir, dass der Bus heute ganz woanders fahren würde.

Tatsächlich stand acht Haltebuchten weiter ein blauer Flixbus mit einem Schild „Hamburg-Frankfurt über Göttingen“ hinter der Scheibe. Hätte ich nicht durch Zufall das Gespräch der beiden Fahrgäste mitbekommen, ich hätte den Bus verpasst.

Vor dem Bus war eine Menschentraube, und in deren Mitte ein Fahrer, der laut brüllte „Jetzt hört dochmal auf, ihr macht mich ja verrückt hier!“ Währenddessen wuppten Fahrgäste ihre Koffer und Rucksäcke bereits selbst in den Laderaum, was dem Fahrer nicht gefiel – prompt verkündete er, dass alles nochmal raus und auf der ANDEREN Seite wieder in den Bus eingeladen werden sollte. Tickets wurden auch diesmal nicht wirklich kontrolliert, was dazu führte, dass der Flixbus auch Fahrgäste von „Mein Fernbus“ mit an Bord nahm, in deren Haltebucht er laut Anzeige stand. Dafür blieben vermutlich etliche Flixbus-Kunden in Hamburg zurück, die brav am Gate mit der Flix-Anzeige warteten.

Der Bus war zwar nicht voller Müll, aber die Toilettentanks waren voll und rochen erbärmlich. WLAN zeigte sich nur in Form eines Accesspoints, aber der hatte sich wohl aufgehangen, denn schon die Startseite des APs zu laden dauerte Minuten, und Internet war gar nicht möglich.

Mit einer halben Stunde Verspätung ging es dann los, und meinem Sitzplatz in der zweiten Reihe und dem Mitteilungsbedürfnis des Fahrers ist es zu verdanken, dass ich mehr über sein Seelenleben mitbekam als es mir lieb war. Zum einen versuchte er die verlorene Zeit schon im Stadtverkehr wieder rauszuholen, was natürlich genauso sinnlos wie gefährlich war und lediglich zu einer Vollbremsung und dem Überfahren Kirschgrüner Ampeln führte. Auf der Autobahn beschäftigte sich der Mann dann mit dem, ihm nicht wirklich vertrauten, Busmodell, was diverse Flüche und merkwürdige Handlungen nach sich zog. Wer wollte, konnte meine Fahrt auf Twitter in Echtzeit miterleben:

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Als die Spielerei mit dem Fahrzeug langweilig geworden war, gab sich der Fahrer der Verkehrserziehung anderer Verkehrsteilnehmer hin, hupte langsame Kleinwagen aus dem Weg oder bedrängt Wohnmobile in Baustellen, wenn er nicht gerade Telefonierte, mit seinem Handy rumspielte oder der Teenagerin in der ersten Reihe Knöpfchen erklärte.

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Höhepunkt der Fahrt war dann Hannover, was den Fahrer in der Peripherie schon so durcheinanderbrachte, dass er der Teenagerin das Navi in den Schoß warf und rief: „Hier, sag mir mal wo´s lang geht.“

Die zückte dann ihr Telefon und navigierte damit den Bus erstaunlich souverän durch die Großstadt, bis zu dem Zeitpunkt, als Baustellen die Navianzeige nichtig machten. Ab da begannen Fahrgäste Vermutungen zu äußern, wo es lang gehen könnte, und so wurde der Bus nach Mehrheitsentscheid navigiert.

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Mit dem erwartbaren Ausgang, nach wenigen Minuten standen wir verkehrt rum in einer Einbahnstraße. Der Fahrer war tödlich genervt, hupte Autos aus dem Weg, versuchte Fußgänger bei Ampelquerungen zu verängstigen und forderte gleichzeitig die Fahrgäste auf, sich die Kennzeichen von Autos zu merken, die er nich anzuzeigen gedachte.

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Als wir endlich am ZOB Hannover ankamen, schickte der Fahrer die Fahrgäste, die nach einer Toilette fragten, in eine Fantasierichtung und war umso erstaunter, als die tatsächlich erleichert zurückkamen – ein Hotel hatte Gnade mit ihnen gehabt. Aber wenigstens einen englischen Touristen, der nach dem Bus nach Berlin fragte, konnte er nachhaltig verwirren.

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Ohne weitere Zwischenfälle ging es dann zurück nach Göttingen.

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Mein Fazit: Fernbusse sind tatsächlich ein Erlebnis. Man muss sich allerdings darüber klar sein, dass lediglich der Preis für sie spricht – wenn man früh genug bucht, kurz vor der Abfahrt sind Busfahrkarten und Bahn-Spezialangebote auf ähnlichem Niveau. In Punkto Sauberkeit, Komfort und Pünktlichkeit kam diese Busfahrt hier nicht an die Bahn heran. Mit „meinem“ ADAC werde ich noch eine Fernfahrt wagen, von der Nutzung von Flix werde ich zukünftig absehen.

 
5 Kommentare

Verfasst von - 18. August 2014 in Reisen

 

5 Antworten zu “Mein erstes Mal: Fernbusfahrt

  1. kalesco

    18. August 2014 at 07:54

    Wow. o.O
    Ich bin einigermaßen entsetzt! – Das ist definitiv als Abenteuer zu verbuchen, aber eins das man nicht wiederholen mag. Für diese Fahrten sind auch die 2×19 Euro Wucher!

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  2. hirnwirr

    19. August 2014 at 10:57

    Danke für diesen ausführlichen Bericht. Gut, dass ich mein 29 Euro Ticket der DB von HH nach GÖ schon habe 🙂

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  3. Kim

    21. August 2014 at 17:47

    Zumindest gibt es eine billige Alternative.
    Ich hätte Unsummen für ein Ticket nach München zahlen sollen und war dann ganz froh, dass der Bus günstiger war. Aber dafür waren es passable 6h.

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  4. ruediger

    21. August 2014 at 21:41

    So schrecklich das Erlebnis ohne Zweifel war, wir hatten auf Twitter allerdings eine gewisse Kurzweil damit, wenn auch auf Deine Kosten. Nun ja…. 🙂 // Fernbus ist definitiv nichts für mich, eigentlich auch schon vor Deinem Bericht, zu viele Menschen auf zu engem Raum.

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  5. Silencer

    22. August 2014 at 19:53

    Hirnwirr: Bahn ist definitiv besser nach HH, schon wegen der Baustellen auf der A7. Am WE gibt es zudem das Nds-Ticket, kostet nur 21 Euro.

    Kim: Ja, stimmt schon. Es ist halt wirklich günstig, zumal in Deutschland die regulären Bahnpreise unbezahlbar hoch sind.

    Rüdiger: 😉

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