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Abgrundbeleuchtung (1): Mauve

25 Aug

Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust. Das eine kann Kleidung und Schuhe kaufen nicht leiden und versucht diesen Vorgang auf ein Minimum zu reduzieren , deshalb juckt der Klickfinger stets in Richtung Internetbestellung. Das andere Herz möchte gerne den lokalen Einzelhandel unterstützen, weil hey, das hier ist meine Stadt und unsere Arbeitsplätze und es ist nicht gut, wenn man die kleinen Geschäfte aktiv kaputt macht, indem man alles nur noch über Internet macht.

In Götham City gibt es 8.342 Schuhläden. Da mich Schuhe nicht interessieren, überblendet mein Hirn die Info „Hier ist ein Schuhladen“ mit einem grauen Rauschen. Ich nehme die gar nicht war. Es ist, als hätte ich einen zuschaltbaren blinden Fleck, der Schuhläden einfach aus meinem Sichtfeld entfernt. Das gleiche passiert mit Modeläden, Drogerien und Kaffeeshops, weswegen die meisten Innenstädte durch meine Augen gähnend leer sind. Wenn ich dann den blinden Fleck ausschalte, weil ich halt Schuhe oder was anderes brauche, dann bin ich immer wieder überrascht, was es nicht alles für Geschäfte gibt. Noch überraschter bin ich aber davon, was in diesen Geschäften für Leuten arbeiten.

Ich brauchte nicht nur Schuhe, sondern auch ein neues Hemd. Als ungern-Kleidungskaufer kenne ich meine Größen ganz exakt, immerhin will ich schnell wieder aus dem Geschäft raus. Was ich nicht kannte war der Farbton „Mauve“ meines bevorzugten Hemdenherstellers, und den wollte ich mir im Einzelhandel mal angucken. So nahm das Drama seinen Lauf.

„Guten Tag, ich würde in der Herbstkollektion der Luxor-Hemden gerne mal den Farbton Mauve sehen“, spreche ich die Verkäuferin an, eine Frau in den Vierzigern, im schwarzen Kostüm und glatten, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren.
„Die Luxor gibt es nur in Modern Fit oder Comfort“, flötet Sie zurück.
„Genau. Hätte ich gerne Mal in Mauve gesehen“, antworte ich, etwas lauter, in der Annahme, dass sie mich vorher nicht richtig verstanden hat. In Ihrem Blick liegt plötzlich Unsicherheit.
„Wir, äh, gehen da nur nach Produktnummern und von den Herstellern bekommen wir nur Codes, so Zahlen halt.“
Ich gucke sie verständnislos an. Sagt die Frau mir gerade, dass sie nicht weiß, was Mauve ist? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es auch nicht, deshalb bin ich ja hier, im Fachgeschäft. Nunja, zumindest in der Herrenabteilung von Karstadt. Ich habe eine diffuse Vorstellung eines Violetttons im Hinterkopf, aber vielleicht ist das nur wegen der lautmalerischen Nähe von Mauve zu Malve. Aber hey, MEIN Job ist es ja auch nicht, jeden Tag Kleidung in tollen Farben zu verkaufen. Wenn er es aber wäre, dann wüsste ich schon was ein Mauve ist.

„Ah, hier, das hier könnte Mauve sein“, sagt die Verkäuferin und zieht ein x-beliebiges Hemd aus einem Fach, das gerade in Reichweite ist.
„Nein“, sage ich, „ich weiß zwar nicht wie Mauve aussieht, aber DAS ist Limette“. „Ja. Oder Curry“, kichert die Blonde, guckt sich dann suchend um und verschwindet, als sie nichts anderes Mauve-Verdächtiges entdecken kann, mit den Worten „Ich frage aber mal die Kollegin, Momentchen“ in der Auslage.

Als sie nach drei Minuten wiederkommt, habe ich schon was gefunden, was Mauve sein könnte. Ein Violett, halt.
Die Blonde sagt nun sehr ernst: „Die Kollegin guckt jetzt mal. Mauve ist ja… so ein Grauton. Davon gibt´s ja mehrere.“
„Mauve ist mit Sicherheit KEIN Grauton“, sage ich. Langsam finde ich das hier nicht mehr witzig. Soll sie halt sagen, wenn sie nicht weiß was das ist, aber mich nicht verarschen.
„Ham wa nicht“, schrillt es plötzlich durch die Abteilung. Die Kollegin oder Vorgesetzte der Blonden kommt auf uns zugesteuert.
„Wir ham keine Namen für die Farbtöne. Bei uns geht das nur nach Nummern. Kennense die Nummer von dem Farbton?“, fragt die Schrille. „Was?!“, entfährt es mir, „Ich will doch nur wissen wie der Farbton Mauve aussieht – ob das jetzt ein Gelb oder ein Violett oder sonstwas ist!“. „Nein“, sagt die Schrille, „Ohne Nummer können wir Ihnen nicht helfen.“

Im Weggehen ruft mir die Blonde mit einem vorwurfsvollen Unterton hinterher: „Sagen sie mal… haben Sie kein Internet, dass sie Mauve mal googeln können?“

 

Abgrundbeleuchtung (1): Mauve
Abgrundbeleuchtung (2): Schuhe Kaufen I
Abgrundbeleuchtung (3): Schuhe kaufen II

 
11 Kommentare

Verfasst von - 25. August 2014 in Historisches, Uncategorized

 

11 Antworten zu “Abgrundbeleuchtung (1): Mauve

  1. zimtapfel

    25. August 2014 at 20:02

    Charmant. Die fordern einen ja geradezu dazu auf, im Internet, anstatt bei ihnen zu kaufen…

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  2. Silencer

    25. August 2014 at 20:25

    Absolut. Allein dieser vorwurfsvolle Unterton. „Haben sie kein Internet…“ – da hing direkt ein „Das sie uns hier auf den Sack gehen müssen“ in der Luft.

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  3. zimtapfel

    25. August 2014 at 20:31

    Echt mal. Wie können Sie!

    Und das Gehalt kommt eh aus der Steckdose. Oder so.

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  4. ruediger

    25. August 2014 at 22:02

    ah … hahaha …. // Und es war sicher kein Bus in der Nähe? *:D *scnr // Mal was anderes, ShoppingRush in Wiesbaden, Du bist herzlich willkommen. Sag mir was Du braucht und in 20-30 Minuten sind wir fertig. Du zahlst. 🙂

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  5. Leandrah

    26. August 2014 at 09:12

    was erwartest Du? das ist Karstadt. Die haben im Moment andere Sorgen, Ein Fachgeschäft in Sachen Herrenmode hätte es gewusst.

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  6. Silencer

    26. August 2014 at 09:16

    Zimt: Karstadt geht´s halt zu bombig…

    Rüdiger: Wiesbaden muss ein gutes Jagdrevier sein, wenn ich immer so von Deinen Beutezügen lese…

    Leandrah: Bei Karstadt arbeiten auch überaus fähige Leute, die einen guten Job machen. Aber offensichtlich waren die alle gerade in Urlaub 🙂

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  7. Leandrah

    26. August 2014 at 12:30

    @ Silencer ich weiß, Aber die ganzen Umstrukturierungen ,diese Ungewissheit wie es weiter geht, setzt den Leuten sicher auch zu, das wollte ich damit zum Ausdruck bringen.

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  8. Die Wunderbare Welt des Wissens

    26. August 2014 at 15:07

    In mir reifte schon länger das unnütze Wissen, dass „malvefarben“ und „moohf“ den gleichen Farbton benennen.

    Was hingenen „lohfarben“ bedeutet, musste ich schon nachschlagen.

    Und warum man eine Farbe als „Schlamm“ bezeichnen sollte, die man in der Oberbekleidung anbieten möchte, habe ich nie verstanden. Marketing. Eine unbekannte Welt.

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  9. Katja

    26. August 2014 at 21:55

    Das zieht sich ja scheinbar echt durch alle Einzelhandelssparten, diese Unlust am Kunden und an der Beratung. (Ich denke mit Schrecken an die Zeit Anfang des Jahres, als ich gewillt war, viel Geld für einen neuen Backofen und ein Kochfeld auszugeben und mich einfach niemand vernünftig beraten wollte…) Ich frage mich manchmal, wie herum ein Schuh draus wird. Ob die tatsächlich so viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, dass sich Kunden vor Ort beraten lassen und dann doch im Internet kaufen oder ob zuerst der Einzelhandel so beratungsfaul geworden ist, dass er sich selber immer überflüssiger macht. Spaß macht das so auf jeden Fall nicht mehr.

    Wie Mauve aussieht, hätte ich allerdings direkt parat gehabt. Hier blüht gerade noch eine in meinem Blumenkübel vorm Haus. 🙂

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  10. Silencer

    27. August 2014 at 08:36

    Leandrah: Ja, schon verstanden. Aber dann sollten sie sich doch gerade Mühe geben.

    WdW: Was ist denn lohfarben? (Los, Followerpower im WdW-Sinn)

    Katja: Oh ja, vor Weißgeräte kaufen graust es mit auch. Es bleibt einem nichts anderes übrig als schnell selbst Experte werden, auf Verkäufer kann man sich nicht verlassen.

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  11. Die Wunderbare Welt des Wissens

    27. August 2014 at 13:33

    Die Lohfarbe, die Farbe der Gerberlohe,[1] ist in der Regel ein helles Rotbraun, kann aber auch ein goldener oder mahagonifarbener Farbton sein.

    (http://de.wikipedia.org/wiki/Lohfarben – toll, das Internet, aber irgendwie auch so wenig Magie…)

    Fun Fact: in älteren Büchern trifft man das noch als Farbbezeichnung auch für z.B. menschliches Haar an, nicht nur für Hundefell.

    Fun Fact 2: in einem Buch wurde das fälschlicherweise mal als flohfarben gedruckt. Toll

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