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Machiavelli bei der Arbeit

01 Sep

Sig_machiavelli

(Herr Silencer macht sich leicht melancholische Gedanken über den Stand der Dinge und stellt fest, dass er ein ewiggestriger ist, weil er den 90ern hinterhertrauert.)

Über die Geschichte der Stadt Florenz wissen wir heute auch deswegen so genau Bescheid, weil Niccolò Macchiaveli sie im 15. Jahrhundert aufschrieb. Zu der Zeit war der Intellektuelle schon ins politische Abseits geraten, er hatte sich einmal zu oft mit den Medici angelegt. Aber auch beim Verfassen eines Geschichtsbuchs konnte er es nicht lassen sarkastische Seitenhiebe unterzubringen. Eine der erstaunlichsten Beobachtungen des Renaissancedenkers findet sich versteckt zwischen historischen Daten:

„Die Länder pflegen zumeist bei ihrer Veränderung von der Ordnung zur Unordnung zu kommen und dann von neuem von der Unordnung zur Ordnung überzugehen. Es ist von der Natur dem Menschen nicht gestattet, still zu stehen. Wie sie daher ihre höchste Vollkommenheit erreicht haben und nicht mehr steigern können, müssen sie sinken. Ebenso, wenn sie gesunken sind, durch die Unordnungen zur tiefsten Niedrigkeit herabgekommen, und also nicht mehr sinken können, müssen sie notwendigerweise steigen. So sinkt man stets vom Guten zum Übel und steigt vom Übel zum Guten.“

Was Machivelli damit sagen will liegt auf der Hand: Geschichte wiederholt sich. Immer und immer wieder. Krisen ziehen Gesellschaften und Staaten in den Abgrund. Dann erwacht in den Menschen das Virtù, die Flamme des Willens, und sie arbeiten und erschaffen, bis zu einem neuen Höhepunkt, um dann wieder zu straucheln und zu stürzen.

Die Idee des Virtù ist faszinierend. Natürlich ist es nicht greifbar, und wissenschaftlicher Betrachtung hält es überhaupt nicht stand – es hat einen Grund, dass es 51 Übersetzungen für den Begriff gibt, wobei das deutsche „Tugend“ mit Sicherheit die verkehrteste ist. Virtù ist wie Floggiston. Es erklärt Dinge mit gesundem Menschenverstand, dabei ist jedem klar, dass es das nicht gibt. Trotzde,: Faszinierend. Und nehmen wir einen Moment an, Virtù wäre wirklich.

Das prägendste Jahrzehnt in meinem Leben waren die 90er. Die Zeit zwischen 15 und 25, in der ich vom Kind zum Erwachsenen wurde, war auch für die Welt eine Phase des Umbruchs. Der Kalte Krieg endete. Abrüstung fand statt. Der Ostblock zerfiel. Die Grenzen wurden geöffnet. Wir atmeten Freiheit und spürten, dass die Angst vergangener Jahrzehnte überwunden werden konnte.

Eine neue Ära brach an. Grenzen fielen, auch dort, wo sich vorher nicht unversöhnliche Feinde, sondern Nachbarn gegenüberstanden. Die Idee von Europa wurde Wirklichkeit, weil viele Leute an sie glaubten und mit Virtù daran arbeiten. Es war eine Generation von Menschen, die den zweiten Weltkrieg entweder noch miterlebt oder seine Folgen gespürt hatten. Diese Generation hatte eine Ahnung davon, wie kostbar politischer Zusammenhalt war und wie wertvoll und Frieden ist.

Im Bezug auf Europa erlebten wir nach der Jahrtausendwende eine politische Stagnation. Partikularinteressen wund Nationalpolitik wurde auf Kosten der Europäischen Union betrieben. Das Virtù war erloschen. Wir waren, nach Macchiavelli, auf dem Höhepunkt angekommen, und da der menschliche Geist nicht still zu stehen vermag, geht es seitdem abwärts.

Ich kann mich daran erinnern, wie die Welt Freiheit atmete.
Wenn ich die Welt heute betrachte, sehe ich die einstigen Blöcke, und alte, kalte Krieger, die sich wie Zombies erheben, beseelt von der Gewissheit, dass die alten Feindbilder wieder gültig sind. Ich sehe Regierungen, die im Namen der Freiheit Gefängnisse für ihre Völker errichten. Konzerne, die mit Handelsabkommen ganze Staaten um des Profites Willen ruinieren. Ich sehe eine Welt, in der jede Verschwörungstheorie wahr geworden ist.

Macchivellis Hauptwerk war „Der Fürst“, dessen eine Lehre ist: Nichts macht so gefügig wie Angst – und gemeinsame Feinde. Wir haben eine Regierung, deren Politik zwischen zwei Weltblöcken und innerhalb Europas festgefahren und isoliert ist. Merkels Sparvorgaben, die Austerity-Politik, ruinieren ganze Länder. Das Freihandelsabkommen mit den Amerikanern, das eigentlich geheim verhandelt werden sollte, steht in der Kritik. Und gegen den millionenfachen Grundrechtsbruch, der durch die globale Überwachung der Geheimdienste passiert, will die Regierung nichts tun und steht dafür ebenso in der Kritik wie die USA, die es geschafft haben, innerhalb weniger Jahre vom gelobten Land zum Terrorstaat zu werden.

Wenn man einem sehr kreativen Politikberater diese Situation vorsetzen würde, und die Frage stellen würde „Wie bekommen wir die Bevölkerung wieder auf Kurs?“ Er würde vermutlich dazu raten, ein einendes Feindbild zu finden, egal ob es bis dahin existierte oder nicht. Befindet man sich erst wieder im Krieg, kann man Kritiker schneller mundtot machen.

Ich will nicht sagen, dass dem so ist. Und ich hoffe, dass wir nicht gerade Macchiavellis Law bei der Arbeit erleben. Ich komme nur nicht umhin zu bemerken, dass aktuell wenig Virtù zu finden ist, und auch keine Ambizione das Necessitè zu tun.

In einer Welt, in der alle Verschwörungstheorien wahr sind, muss man sich an die Lehren der Vergangenheit klammern, um ein wenig Licht in die Schatten zu bringen. Auch, wenn diese Lehren 500 Jahre alt sind.

 
5 Kommentare

Verfasst von - 1. September 2014 in Betrachtung

 

5 Antworten zu “Machiavelli bei der Arbeit

  1. psychoqueen

    2. September 2014 at 10:37

    Ich grüße dich, mein lieber Herr Silencer. Wenn er gestattet würde ich dazu gern etwas mehr ausführen, doch diese Zeilen sind wahrlich nicht für die Öffentlichkeit an zu sehen.
    Darf ich vorschlagen, dies in einem Zwiegespräch mit Ihnen höchst selbst auszuführen, denn dies ist ein Thema von aller höchster Dringlichkeit, das sich aber nicht jedermann in der vollen Gänze
    nebst der dazugehörigen Verantwortung erschließt (aufgrund von Konditionierung und Programmierung). Doch ich denke, das Sie nun so weit sind.

    Hochachtungsvoll
    Ihre ergebene
    Psychoqueen

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  2. Silencer

    2. September 2014 at 12:02

    OMGichhabangst

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  3. psychoqueen

    2. September 2014 at 16:17

    😉 aber mit nichten. Wo vor nur? Ne im Ernst. Ich würde nicht darum bitten, wenn es sich so einfach hier darstellen ließe!!!

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  4. Katja

    5. September 2014 at 11:19

    Sehr interessante und auch bedrückende Gedanken.
    Ich schwanke hier zwischen nicken und innerem Widerspruch, dass da doch Virtù zu finden ist in allen möglichen Ecken, zumindest in der digitalen Welt, aber dann frage ich mich direkt selber, ob das vielleicht eher mein Wunschdenken und -sehen ist oder ob das tatsächlich so ist. Denn – zumindest für mich – gehört zu diesem Gedanken, diesem Brennen, Streben, Wollen auch eine gewisse Geduld und Beharrlichkeit und dann ist das vielleicht doch nicht so sehr verbreitet, wie ich gerne annehmen wollte, weil vieles ja doch eher kurz aufflackernde Strohfeuer sind, bis dann wieder die nächste sprichwörtliche Sau durch’s virtuelle Dorf getrieben wird.
    Hmm.

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  5. Silencer

    5. September 2014 at 11:34

    Ja, die digitale Welt macht vielerorts Hoffnung. Sieht hat nur mit Realpolitik nicht viel zu tun…

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