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Bumm-Bumm-Bumm

07 Sep

BUMM. BUMM. BUMM-BUMM-BUMM-BUMM-BUMM. BUMBUMM.

Das Haus, in dem ich wohne, ist über die Jahrzehnte und Jahrhunderte zig mal umgebaut und erweitert worden. Der Westflügel meiner Wohnung, in dem das Arbeitszimmer und die Küche liegen, sind noch Bestandteil des alten Fachwerkhauses aus dem 17. Jahrhundert. Niedrige Decken, Holzfußboden, tolles Raumklima durch Lehmwände.

BUMM. BUMM. BUMMBUMM.

Der Ostflügel, in dem Schlaf-, Ess- und Wohnzimmer ist Teil eines Neubaus aus den 1970er Jahren, zumindest zum Teil. Das Badezimmer liegt in einem Anbau aus den 1890er Jahren. Höhere Decken, andere Wände, Parkettfußboden. Die Umbauten sorgen dafür, dass alles herrlich verwinkelt ist. Alle Wohnungsteile gehen mit kleinen Stufen ineinander über, und allen ist gemein, dass ihre Decke mal das Dach war, den das Stockwerk über mir ist erst in den 1980ern draufgebaut worden. Die dicke Decke ist der Grund, weshalb ich von der Wohnung über mir so gut wie nichts mitbekomme. Bis jetzt.

BUMM-BUMM-BUMM-BUMM-BUMM. BUMMBUMMBUMMBUMMBUMM. SCHEPPER.

Vor sechs Wochen sind in der Wohnung über mir neue Mieter eingezogen. Dem Vernehmen nach ein junges Paar. Gesehen habe ich sie noch nicht. Also, vielleicht schon, während des mehrtägigen und mehrnächtigen Umzugs tobten hier ein Dutzend Helfer durchs Haus, und dem ein oder anderen stand ich dann schon mal gegenüber. Da die aber nur dullig glotzten und sich nicht vorstellten, weiß ich nicht, ob einer von denen zur neuen Nachbarschaft gehört. Wie auch immer: Allein durch die Lautstärke des Umzugs und das nächtliche Möbelrücken habe ich schon einen ziemlich unguten Eindruck bekommen. Aber egal, dachte ich mir, so ein Umzug ist irgendwann vorbei, irgendwann steht auch das letzte Möbelstück an seinem Platz, und dann kehrt wieder Ruhe ein.

BUMM-BUMM-BUMM-BUMM. BUMM-BUMM-BUMM-BUMM. BUMM-BUMM-BUMM-BUMM.

Tja, verkehrt gedacht. ER ist nämlich ein Trampeltier vor dem Herrn. Ich habe echt gedacht ich höre nicht richtig, als ich von einer Dienstreise zurück kam, abends auf die Couch sank und wieder hoch schreckte, als es plötzlich BUMM machte und die Gläser im Schrank klirrten. Ohne scheiß – in der Wohnung über mir trat jemand so fest auf, dass ich nicht nur den Fußtritt hörte, sondern die Erschütterungen spüren konnte. Der junge Mann hat einen so dermaßen festen Tritt, als ob er den Fußboden hasst und ihn das mit jedem Schritt spüren lassen will.

BUMMBUMMBUMMBUMM. BUMM-BUMM. BUMM-BUMM.

Wenn er durchs Treppenhaus geht, ächzt und stöhnt das Holz der Stufen unter seinen Schritten und es klingt, als wenn gleich alles zusammenfällt. Dazu kommt noch eine andere Eigenart: Der Typ sitzt nicht still. Der kommt Abends nach Hause und beginnt in seiner Wohnung auf und ab zu laufen, und hört damit in den nächsten drei bis fünf Stunden nicht mehr auf!
Man stelle sich das mal vor: KEINE. SEKUNDE. PAUSE.
Immer durch die Wohnung, BUMM-BUMM-BUMM-BUMM-BUMM-BUMM von links nach rechts, dann wieder BUMM-BUMM-BUMM-BUMM-BUMM-BUMM von rechts nach links. Was soll das? Warum macht man das?

Mein Problem dabei: Ich konnte mich nicht dazu durchringen was zu sagen. Ist ja nicht so, dass die da oben die ganze Nacht Party machen würden. Das ist halt der normale Tritt des Typen. Vielleicht waren auch die Vormieter einfach besonders leise und ich daher von Ruhe verwöhnt? Obwohl… selbst durch die Gegend springende Kinder waren da oben nicht zu hören. Ich war im Zweifel… Kann man das echt bringen, zu klingeln und zu sagen: „Hallo, ich bin ihr Nachbar, und können´se mal aufhören hier rumzutrampeln wie ein Geistekranker?“ Vielleicht würde ich mich ja auch dran gewöhnen, dachte ich.

Über die letzten Wochen ist dann was ganz erstaunliches passiert. Ich wurde porös. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Ich entwickelte mich zu einem buckligen, bösartigen Nachbarnhasser. ALLES an den neuen Nachbarn nervte mich. Das Auto, ein oft geflickter Polo aus den 80ern, das direkt vor dem Haus parkt? Eine rollende Asikiste, und die Fahrer sind zu faul drei Schritte zu Fuß zu gehen. Die Restmülltonne voller Alkopop-Flaschen? Versoffenes Pack, dem noch niemand das Konzept der Mülltrennung erklärt hat. Die Fleischreste in der Biotonne? Widerliche fleischfressende Vollidioten, die Ratten für erstrebenswerte Haustiere halten. Die laute Waschmaschine, die gerne mal um kurz vor 22 Uhr angestellt wurde? Zu bequem das Ding richtig hinzustellen, und von Nachtruhe haben die auch nicht nichts gehört.

Dazu kamen die ausgedehnten Öffnungszeiten der Trampelbude, denn das Tier arbeite wohl im Schichtdienst und schlief tagsüber. Damit blieb mehr Zeit um Nachts bis um halb Eins, Morgens dann wieder ab 05.30 Uhr rumzutrampeln.

Es war, als hätte das dauernde Getrampel nicht nur an meinen Nerven gesägt, sondern auch jegliche Verständnis und Toleranz aus mir rausgeschüttelt und einen hässlichen Prinzipienreiter in mir geweckt. Ich konnte die Leute nicht ausstehen, und dabei hatte ich sie noch nichtmal gesehen, geschweige denn kennengelernt! Das machte mir selbst ein wenig Angst, und so beschloß ich die Mördergrube, die mein Herz mittlerweile war, zu öffnen. Vorgestern war es soweit. Ich hatte tagelang überlegt wie ich es formulieren sollte, und hatte am Ende eine leicht verständliche, nicht sarkastische und freundliche Variante von „Hörense auf rumzutrampeln wie ein Elefant“ gefunden. Trotzdem war ich ein wenig nervös, aber der Vorsatz stand: Ich musste das jetzt ansprechen, sonst würde ich noch an meinen eigenen, giftigen Gedanken ersticken. Oder zu einem Blockwart oder ähnlich schlimmen mutieren.

An der Haustür fing mich an diesem Abend meine Vermieterin ab. Die alte Dame hatte eine Trauermiene aufgesetzt. Im ersten Moment dachte ich, dass etwas mit ihrem schwerkranken Mann sei. „Nein, mit dem ist alles in Ordnung“, sagte sie. „Aber haben sie es noch nicht gehört? Die von oben, die ziehen wieder aus.“ Ich starrte sie mit offem Mund an.
„Die hatten noch nie davon gehört, dass zur Miete auch Nebenkosten kommen, und jetzt stellt sich raus, dass sie sich das nicht leisten können. Stattdessen ziehen sie wieder zu ihren Eltern“, sagte die Vermieterin und schüttelt den Kopf. „Manche denken auch nicht für zehn Pfennig nach. Und ich habe jetzt den Ärger mit dem Mieterwechsel, ach, ach, ach.“

Vielleicht bin ich wirklich ein schlechter und verbiesterter Mensch. Vielleicht bin ich nicht besser als die kleinkarierten Knöllchenhorsts dieser Welt. Vielleicht steckt das aber in jedem von uns, und es ist die Kunst, den inneren Blockwart und Paragrafenreiter im Zaum zu halten. Wie auch immer. In dem Moment, als ich diese Nachricht hörte, tat mein Herz einen kleinen Freudensprung. Seitdem habe ich unkontrolliert gute Laune, und wenn es wieder BUMM-BUMM-BUMMert, lächele ich still vor mich hin und denke: Nicht mehr lange…

 
16 Kommentare

Verfasst von - 7. September 2014 in Betrachtung, Gnadenloses Leben

 

16 Antworten zu “Bumm-Bumm-Bumm

  1. hirnwirr

    7. September 2014 at 18:04

    Deine Wünsche in allen dazugehörigen Gehörgängen.
    Nicht, dass Du Dich zu früh freust!

    Ich kann Dir Deine Entwicklung vollkommen nachvollziehen!

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  2. zimtapfel

    7. September 2014 at 18:14

    Aaaaaaaah, großartig! Meine Glückwünsche!
    Ich sag’s ja immer wieder, die Wohnqualität steht und fällt mit den Mitbewohnern im Hause.

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  3. Kenny

    7. September 2014 at 18:33

    *lach* Wunderbare Pointe! Ich wünsche Dir, dass es auch wirklich so kommt und dass die nächsten Nachbarn dich nicht doch noch völlig zum Blockwart mutieren lassen 😉

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  4. Die Wunderbare Welt des Wissens

    7. September 2014 at 23:19

    Hahaha, nicht nur laut, sondern auch doof 😀
    Über mir wohnt eine Elefantenfamilie. Wenn man sie sieht, würde man das nicht denken, es sind sehr zarte Erscheinungen. Aber den Fersengang haben sie erfunden. I don’t like. Aber ich weiss auch nicht, wie ich das ansprechen soll, ohne das, was Sie auch beschreiben.

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  5. psychoqueen

    9. September 2014 at 08:32

    Tja das mit dem Extremfersengang kenn ich auch nur zu gut. Ich bin allerdings dann ausgezogen, in eine größere Wohnung und nun hab ich auch meine Ruhe.
    Aber wat machste denn eijentlich, wenn die nächsten Nachis noch schlimmer sind oder min. jenauso? Was ich aber toll finde, das du über deinen Schatten gesprungen bist und dir ein Herz gefasst hast um den Leuten das klar zu machen. Ich sach immer wieder: die meisten Dinge regeln sich von alleene!!! Und ein schlauer Chinese hat ma jesacht: Entschließe dich und die Sache ist getan.

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  6. Silencer

    9. September 2014 at 08:39

    Fersengang, so heisst das also? Aha, wieder was gelernt.
    Die nächsten Nachbarn können mir ziemlich egal sein. Ich werde umziehen. Und die Frau die über DER Wohnung lebt, dürfte keine Fersengängerin sein, zumindest würde es mich sehr wundern.

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  7. psychoqueen

    9. September 2014 at 08:59

    Jep. Die meisten Menschen kennen nur den Fersen- oder Hackengang. Der Ballengang, das ist quasi dann das Gegenteil davon, ist wesentlich gesünder zu deinen Knochen, Muskeln und zu unserer Erde. Hört sich blöd an, is aber wirklich so. Ich bin gerade in der Erbprobungsphase.
    Na wenn du eh umziehst. Nur deswegen oder anderer Grund?

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  8. Silencer

    9. September 2014 at 09:51

    Interessant. Verkürzt der dauernde Ballengang nicht die Sehnen am Hacken? So wie bei Leuten die Jahrelang Highheels tragen und gar nicht mehr normal stehen können?

    Mutmaßlicher Umzug wegen größerer Wohnung, noch mehr im Grünen, und Riesenbalkon.

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  9. psychoqueen

    9. September 2014 at 12:25

    Die Highheelsgänger sind nur Pseudoballengänger, denn jeder Millimeter Absatz nimmt ihnen zwei Millimeter Bewegungsfreiheit. Und da ist es egal, wie viel Absatz dran ist.
    Einerseits hebt er uns passiv hoch, andererseits verhindert er, dass wir auf die flache Sohle absenken können. Damit wäre aber die Dehnung der Achillessehne immer gewährleistet. Wenn du Absätze hast, egal wie hoch die sind, hat das immer eher eine Verkürzung der Sehne zur Folge. Er nimmt uns somit einen Teil der Federkraft, schwächt unseren Willen und lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Absätze blockieren uns also psychisch und physisch.

    Hehe das hört sich super an. Hab ich vollstes Verständnis für. Bin ja im Mai auch erst in die Freiheit mit Terrasse und viel Rasen gezogen. Und vor allem ist hier Ruhe pur.

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  10. Die Wunderbare Welt des Wissens

    9. September 2014 at 21:42

    Es ist eine Frage des Auftretens und Abrollens. Und selbst wenn man die Ferse zuerst aufsetzt, kann das auch leise gehen und nicht nur mit BUMM BUMM BUMM.

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  11. zimtapfel

    9. September 2014 at 23:41

    Sie ziehen um? Fort aus Mumpfelhausen?
    Balkon ist natürlich absolut ein Grumd. Ich mag nie mehr ohne Balkon sein.

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  12. Silencer

    10. September 2014 at 08:55

    Wdw: Genau!

    Zimt: Nee.

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  13. psychoqueen

    10. September 2014 at 10:12

    Tja das ist unsere Programmierung: KIND DU MUSST „RICHTIG“ ABROLLEN!!!!!!!!!
    Das Kleinkind das gerade erst anfängt zu laufen läuft auf was???? richtig: auf dem Ballen, somit sind wir, genetisch gesehen, BALLENGÄNGER.
    Selbstlatürnich kann ich auch auf der Ferse auftreten und leise sein, Das ist keine Frage.
    Aber ist es auch wirklich „richtig“ und gut für uns? Niemand hinterfragt mehr die Dinge die wir so derart heftig eingeimpft bekommen und in uns manifestiert/zementiert haben. Wir empfinden es als richtig, weil wir ja unbedingt in eine Norm passen wollen…
    Nein ich lass das jetzt hier so stehen.

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  14. Silencer

    10. September 2014 at 10:17

    Äh, laufen kleine Kinder nicht Bumm-Bumm-Fersig, weil die noch nicht die Muskulatur haben um irgendwas zu rollen/zu dämpfen?

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  15. psychoqueen

    10. September 2014 at 10:35

    ne eben nich, die bekommen das erst durchs nachahmen auf die Ferse. Angeboren ist aber bei allen Menschen der Ballengang. Das dachte ich auch immer, hab aber dann mal ein Kleinstkind beim ersten Laufversuch gesehen und das war der Ballen auf dem es lief.

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  16. Silencer

    10. September 2014 at 13:03

    Guck an, wieder was gelernt 🙂

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