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Motorradreise 2014 (1): Irreparabel kaputte Luftnummer

25 Okt

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Sommerreise mit der Renaissance
Im Sommer 2014 reiste Herr Silencer mit dem Motorrad durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechseinviertel Länder. Die Reise beginnt heute.

Freitag, 06. Juni 2014

Es gibt so Tage, da springt man morgens energiegeladen aus dem Bett, packt´s an, und alles, alles läuft. Dann gibt es so Tage, da wird einem schon sehr bald klar, dass man lieber im Bett hätte bleiben sollen. Heute ist so ein Tag der letzeren Kategorie.

Leider ist heute auch der Tag, an dem ich zur Motorradreise 2014 aufbrechen will. Mehr als drei Wochen, 60 Orte, 6,25 europäische Länder. Wochenlange Planung und Vorbereitung wurden in diesen Tag investiert.

Sorgfältig verpackt. Zwar sollen die Koffer wasserdicht sein, aber starker Regen kommt überall durch. Deshalb sind wichtige Dinge in Ziplock-Beuteln Luftdicht verpackt, Klamotten in dünne Müllsäcke.

Sorgfältig verpackt. Zwar sollen die Koffer wasserdicht sein, aber starker Regen kommt überall durch. Deshalb sind wichtige Dinge in Ziplock-Beuteln Luftdicht verpackt, Klamotten in dünne Müllsäcke.

Jeder Koffer fasst 45 Liter und 10 Kilo Gepäck. Bei der Abfahrt sind sie etwas mehr als halb voll.

Jeder Koffer fasst 45 Liter und 10 Kilo Gepäck. Bei der Abfahrt sind sie nur halb voll.

Alles war fertig gepackt, alles vorbereitet, und nun… nun fummele ich schon zum fünften Mal an diesem verdammten Reifenventil herum!

„Nur nochmal schnell den Luftdruck“ hatte ich prüfen gewollt. „Nur noch mal schnell“. Und dann habe ich gemerkt, dass meine kleine Fußluftpumpe ungenau wie Sau war und bei jedem Ansetzen einen anderen Luftdruck im Vorderreifen anzeigte. Jetzt stehe ich vor der örtlichen Polo-Filiale, habe den gerade frisch erworbenen digitelen Luftdruckprüfer angesetzt und vergleiche die Anzeige mit den Werten der komischen Maschine, die die da zum Luft auffüllen haben. Da stellt man den gewünschten Wert ein, dann setzt man das Ventil an, und die Maschine macht laute Geräusche und hört erst auf zu pumpen, wenn der eingestellte Sollwert erreicht ist. Theoretisch. Praktisch tut sie jetzt zum fünften Mal so, als ob sie 2,5 Bar aufgepumpt hat. Tatsächlich zeigt sie beim nächsten Meßvorgang aber nur 2 Bar an.

Verliert der Reifen Luft? Danach sieht es eigentlich nicht aus. Ist die Maschine kaputt? Kann sein. Ich bin genervt, und außerdem wollte ich jetzt schon seit einer Stunde auf der Autobahn sein. Ich bin so dermaßen genervt, dass ich beschließe diesem Mist jetzt nicht mehr nachzugehen. Keine Ahnung wieviel Luft jetzt im Vorderreifen ist – beim letzten Mal zeigt die Maschine 1,8 Bar an und das gerade gekaufte Meßgeräte 2,3. Beides zu wenig, keine Ahnung was stimmt, aber der Reifen ist knüppelhart, und das muss für den Augenblick reichen. Ich will jetzt endlich los, für alles andere gibt es den ADAC.

Abfahrtbereit: Die ZZR600 mit den großen Koffern und dem Topcase.

Abfahrtbereit: Die ZZR600 mit den großen Koffern und dem Topcase.

Schnell zurück nach Mumpfelhausen, die Koffer und das Topcase an die Kawasaki geklemmt, und gegen 10.30 Uhr flitzt das Motorrad ENDLICH über den Zubringer Richtung Autobahn.

Die A7 ist langweilig zu fahren, und wie immer viel zu voll, aber sie ist der schnellste Weg um Mumpfelhausen und Götham hinter mir zu lassen. Es ist der Freitag vor Pfingsten, und viele sind in den Kurzurlaub unterwegs. Wohnmobile werden von schwarzen BMWs gejagt, und ich stecke mittendrin.

Trotzdem ist meinem Hirn wohl langweilig, es spielt das „Wir haben was vergessen!“-Spiel.
„Wir haben vergessen den Herd zu kontrollieren!“ kommt es plötzlich mit einem panischen Gedanken um die Ecke. Warum sollten wir den Herd checken? Der ist seit Wochen nicht benutzt worden. Außerdem sind die Sicherungen draußen, antwortet meine rationale Hälfte.
„Wir haben vergessen die Tasche mit den Ladegeräten einzupacken!“ – Nein, haben wir nicht, die ist im linken Koffer neben den Socken.

Und so weiter. Ich bin halt er so der Typ, der drei Mal nachguckt, ob das Licht im Kühlschrank aus ist. Ich kenne das schon, das geht jetzt den halben Tag so, bis ich außerhalb der Zone bin, an der Umkehren und Zurückfahren noch möglich wäre.

Nach 300 Kilometern sehe ich die Bankentürme von Frankfurt in der Ferne und steuere das erste Mal eine Tankstelle an, Beim Heranrollen an die Zapfsäule höre ich – ein lautes Quietschen. OK, JETZT KOTZE ICH WIRKLICH! Eine Handprobe bestätigt den Verdacht. Die rechte Bremsscheibe am Vorderrad ist warm. Bei der linken hatte ich diesen Mist vergangene Woche – da steckte Dreck drin, weshalb die Bremskolben den Bremssattel nicht mehr von der Scheibe wegdrückten. Die Werkstatt hatte das schnell erkannt und die linke Bremse gereinigt, danach was das Quietschen weg. Und quietscht die rechte Bremse so laut, dass sich die Leute umdrehen und Hunde anfangen zu bellen? Muss dieser Mist jetzt sein?!

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Ich bin so sauer, dass ich mir nicht wirklich einen Kopf darüber mache, ob ich in Frankfurt noch eine Kawasaki-Werkstatt suchen soll. Bremse und Reifen hin oder her, ich werde jetzt nicht wegen so einem Scheiß alles abbrechen oder verzögern. Ich ärgere mich wirklich, vor allem, weil ich wirklich viel in das Motorrad investiere und es wirklich gut warten lasse. Die Werkstatt verdient sich goldene Geschlechtsteile an mir, aber dafür will ich auch, dass bei der einen, wichtigen Reise im Jahr alles reibungslos läuft. Mir ist auch klar, dass die jetzt nicht wirklich was dafür können, aber in dem Moment bin ich einfach… sauer.

Meine Laune bessert sich ein wenig, als ich die Grenze zu Frankreich passiere. Andere Schilder, andere Geschäfte – plötzlich ist alles anders und damit schlagartig interessant, und ich habe was anderes im Kopf als Probleme. Sorgen machen gehört wohl untrennbar zu meinem Charakter, und ich freue mich, wenn ich merke, dass ich mir gerade mal keine mache.

Strecke von Tag 1: Von Göttingen nach Remiremont, 485 Kilometer.

Strecke von Tag 1: Von Göttingen nach Remiremont, 485 Kilometer.

An Strasbourg fahre ich nur vorbei. Eigentlich wollte ich die Stadt jetzt besuchen und mir die mittelalterlichen Quaianlagen ansehen, aber dazu fehlt mir jetzt die Zeit, die ich heute morgen bei der Luftnummer mit den Reifen verloren haben.

Ohne eine Pause geht es an der Großstadt vorbei und Richtung Vogesen. Je näher ich dem Mittelgebirge komme, desto mehr dünnt der Verkehr aus. Glück gehabt, wenigstens sind mir die Pfingststaus erspart geblieben.

Die Sonne brennt vom Himmel. Als ich vor einem Jahr zur Motorradreise 2013 aufbrach, geriet ich in einen veritablen Weltuntergang. In diesem Jahr überkompensiert das Wetter, bei Temperaturen von knapp 30 Grad wechsle ich beim nächsten Tankstopp auf die ungefütterten Sommerhandschuhe und öffne die Lüftungen an meiner Motorradkombi. Der Fahreranzug sitzt noch ganz ungewohnt. Vor Kurzem sind da komplett neue Protekoren reingekommen. Zwar waren vorher schon gute Schutzpolster an allen Gelenken verbaut, aber der Fortschritt bringt im Laufe der Zeit immer mal wieder kleinere und größere Produktverbesserugen. Die neuen Protektoren sind etwas steifer und schwerer als die alten. Entweder der Suit läuft auf „Maximum Armor“ oder auf „Maximum Speed“, beides zusammen geht nicht.

Nur dem ausgefallenen Besuch von Strasbourg und dem Verzicht auf Pausen (von den Tankstops und einem Toilettenbesuch abgesehen) ist es zu verdanken, dass ich noch rechtzeit in Remiremont ankomme. Hier liegt der Bauernhof von Sylvie und Patrick Kieffer, in dem sie auch Fremdenzimmer vermieten. Ich habe den ausgesucht, weil er günstig ist – Pensionen und Hotels sind Frankreich ziemlich teuer – und weil auf den Satellitenbildern ein ordentlicher, geteerter Parkplatz erkennbar war. Da macht es dann auch nichts, dass der schmale Weg zum Hof mit Pferdeäpfeln übersät ist.

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Ich bin froh, als ich die Maschine endlich abstellen und absteigen kann. Während ich mir den Gehörschutz aus den Ohren ziehe, streift schon eine kleine Hofkatze um meine Beine. Der Hof liegt verlassen in einem seltsam farbintensiven Abendlicht, dass das Grün der Berge und Wiesen drum herum leuchten lässt.

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Mme Kieffer empfängt mich überschwenglich und überschüttet mich mit einem Schwall Fragen und Hinweisen, die ich auch alle verstehe – ich kann nur nicht antworten, nach den 8 Stunden allein in der grüblerischen Einsamkeit in meinem eigenen Kopf habe ich Wortfindungsstörungen im Französischen.

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Nachdem sie mir die Lieblingsstellen der Katzen gezeigt hat („Die liegen immer da, da und da, nicht stolpern“) drückt Mme. Kieffer mir Zimmerschlüssel in die Hand und meint „Haustürschlüssel brauchen Sie nicht, die Türen sind immer offen“. Wundert ich nicht, der Hof ist wirklich sehr abgelegen. Das Zimmer ist hübsch und groß und hat ein neu renoviertes Bad. Das ganze Haus ist eine komische Mischung aus neu und alt, aber immer gediegen. Der Frühstücksraum ist eine Perle der Gemütlichkeit. Wenige Schritte weiter jedoch sieht man noch die alten Stalltüren.

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Nachem alle Sachen verstaut sind, mache ich mich noch einmal auf den Weg. Ich suche eine Tankstelle mit einem ordentlichen Luftbefüllapparatdings. Leider werden in Frankreich viele Tankstellen von Supermärkten betrieben, und die haben sowas nicht. Als ich endlich, 20 km weit entfernt eine AGIP-Station sehe, freue ich mich – bis ich entdecke, dass am ende des Schlauchs kein Ventilaufsatz ist.

Ich gebe auf, dieser Tag ist irreparabel kaputt. Zurück in Remiremont folge ich nicht Mme. Kieffers Tip, das Restaurant „La Vigotte“ zu besuchen, sondern esse nur in einer Bude einen Burger. Richtigen Hunger habe ich eh nicht, dieser Mist mit dem Motorrad schlägt mir auf´s Gemüt, und „echte“ französische Abendessen dauern eh viel zu lange. Dann laufe ich noch ein wenig durch Remiremont.

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Zurück im Hote d´Chambre Kieffer gehe ich noch ein wenig am Berg entlang spazieren, und das Wiesel lernt französisch auf die harte Tour.

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Was das wohl heißt...?

Was das wohl heißt…?

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BZZZZZZZZZ

BZZZZZZZZZ

Dann nehme ich eine lange Dusche, schreibe Tagebuch und aktiviere eine französische SIM-Karte, die ich vor der Abfahrt gekauft habe, und die für den Accesspoint des Motorrads gedacht ist. Zur Aktivierung per SMS brauche ich ein 10 Jahre altes Motorola Razr, anders geht das im Jahr 2014 bei französischen Providern nicht. Aber immerhin funktioniert es auf Anhieb.

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Die Steckdosen hier sind lustig, die haben einen extra Pinöppel in der Mitte. Glücklicherweise passt mein „aus eins mach drei“-Stecker da drauf, denn NATÜRLICH gibt es hier viel zu wenige Steckdosen.

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Der Gemeinschaftsraum des Hofes ist schön eingerichtet, mit Kochecke, Bücherschrank und OHRENSESSEL!

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Als ich ins Bett gehe, hoffe ich, dass der morgige Tag besser wird. Dieser Tag war echt… ärgerlich. Erst die Luftnummer, dann das Gequietsche… Nee.

Weiter zu Teil 2

 
5 Kommentare

Verfasst von - 25. Oktober 2014 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

5 Antworten zu “Motorradreise 2014 (1): Irreparabel kaputte Luftnummer

  1. Leandrah

    25. Oktober 2014 at 14:18

    deine ersten Tage scheinen ja immer Stress bezogen zu sein,.War das bei deiner allerersten Tour auch schon so?

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  2. Die Wunderbare Welt des Wissens

    26. Oktober 2014 at 16:58

    Ich verpöne, dass Sie das Wiesel mit dem Elektrozaun haben spielen lassen. Also wirklich!

    Außerdem verpöne ich, dass Sie die Sicherungen rausdrehen! Da bekommt Huhu ja eine Fischvergiftung von den vergammelten Fischstäbchen!

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  3. Silencer

    30. Oktober 2014 at 23:44

    Leandrah: Nein, 2012 ist alles gut gegangen. Die letzten beiden Jahre war aber echt der Wurm drin.

    WdW: Das Wiesel weiß was es tut. Zumindest behauptet es das immer. Der Fischstäbchenschrank hat einen eigenen Fusionsreaktor, damit er autark ist, den ficht so eine rausgedrehte Sicherung nicht an.

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  4. Die Wunderbare Welt des Wissens

    31. Oktober 2014 at 14:15

    An Äußerungen des Wiesels darf man mitunter zweifeln. An der Sichrheit eines Reaktors natürlich nicht.

    Daher entpöne ich Ihr Verhalten wieder 😉

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  5. Ulrich

    28. November 2014 at 14:58

    Ohjee, das arme Wiesel, Elektroschock und vergammelte Fischstaebchen, aber alles im Alles im Allen ja die ersten Tage einer Tour sind komischerweise immer die anstrengendsten

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