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9. November

09 Nov

Ich habe in meinem Leben drei Tage bewusst erlebt, nach denen die Welt eine andere war: Der 11. September, der Tag an dem Snowdens Enthüllungen bekannt wurden und der 09. November 1989. Schon während der Ereignisse dieser Tage wurde mir klar, dass das was hier passierte, in die Geschichtsbücher eingehen und das Leben vieler Menschen verändern würde.

Am 09. November 1989 saß ich nachmittags bei meiner Französischnachhilfelehrerin. Sie war eine alte Dame, die auf ihrem Sofa thronte, während ich am Kaffeetisch Aufgaben lösen musste. Gemeinsam hatten wir im Radio immer neuen Nachrichten zum Fall der Mauer gehört, aber Punkt 16.00 Uhr hatte sie das gerät ausgeschaltet und mit der Nachhilfestunde beginnen. „Aber dieser Tag wird in die Geschichte eingehen!“, versuchte ich fast flehentlich noch mehr Zeit zu schinden. Es nützte nichts. Der 09. November ist als der Tag in die Geschichte eingegangen, an dem ich Französichnahhilfe hatte.

Wir wohnten im Zonenrandgebiet, wie man das damals nannte, deshalb bekamen wir hautnah mit, wie die Ossis einfielen. Und wir freuten uns darüber. Verwandte in der DDR hatten wir nicht, aber Bekannte. Meine Schwester hatte bei einem Schulfest eine Postkarte mit ihrer Adresse an einen Ballon geknotet und aufsteigen lassen, und der Ballon war in der Nähe von Wernigerode runtergekommen. Seitdem pflegte sie eine Brieffreundschaft mit Familie Pankowski. Kaum war die Grenze ein paar Tage offen, kam ein Trabbi bei uns vorbeigeknattert. Die Pankowskis stellten sich als ganz liebe Leute heraus, die sich ebenso sehr freuten uns kennen zu lernen wir wir sie.

Aus diesem Treffen entwickelte sich eine lange andauernde Freundschaft, die erst endete, als sich Vater Pankowski ein Auto kaufte, das größer war als das meines Vaters. Bis dahin besuchten wir uns alle paar Wochen gegenseitig, und dank den Vermittlungen der Pankowskis konnte ich mir eine Simson kaufen – eines der kleinen, zuverlässigen Mopeds aus DDR-Produktion. Kurz nach der Wende wollte die keiner mehr haben, deshalb konnte ich mir von dem Geld, dass ich mit dem Austragen von Zeitungen verdiente, eine gebrauchte S51b leisten. Die musste gelegentlich, so alle 9 Monate, mal in die Werkstatt nach Wernigerode, und bei jedem Besuch sah die Stadt anders aus. Wie in Zeitraffer schossen erst Autohäuser, dann Baumärkte aus dem Boden. Erst waren die Straßen wie Feldwege, wenige Monate später besser als die im Westen. Der Osten entwickelte sich nicht nur rasant, er galoppierte. In den 90ern verdiente sich so mancher Geschäftsmann, der in unserer bis dahin strukturschwachen Region rumgeknappst hatte, eine goldene Nase mit Filialen im Osten. Plötzlich waren wir nicht mehr Zonenrandgebiet, sondern im Herzen des wiedervereinigten Deutschlands. Darüber freue ich mich damals wie heute, denn das war, beim besten Willen, am 09. November 1989 nicht abzusehen.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 9. November 2014 in Historische Anekdoten

 

6 Antworten zu “9. November

  1. zimtapfel

    10. November 2014 at 07:19

    Du hattest 8 Stunden Französischnachhilfe am Stück? Das muss ja bitter nötig gewesen sein! 😜

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  2. Silencer

    10. November 2014 at 10:03

    Ich glaub ich wär gestorben…

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  3. Rufus

    10. November 2014 at 20:48

    So kleinlich seid ihr bei größeren Autos? 😉

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  4. Silencer

    11. November 2014 at 17:18

    Kleinlich? Wir reden hier von großen Autos, da verstehen wir Deutschen keinen Spaß. Aber gar nicht.

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  5. jeck6

    13. November 2014 at 16:49

    einer dieser superduper-Geld-im-Osten-Verdiener hatte Anfang dieses Jahres seine letzten Schulden bei uns bezahlt, nur 20 Jahre nach der letzten Lieferung.
    Zeichen und Wunder … 🙂

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  6. Silencer

    14. November 2014 at 10:31

    Ja, solche Spackos gab´s auch zuhauf. Einige der Glücksritter in dem Bereich haben auch ihre Autohäuser verloren, weil sie wie irre expandiert sind.

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