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Bis einer heult (2)

20 Nov

„Ist alles in Ordnung?“, frage ich. Durch den kleinen Spalt, den sie ihre Haustür geöffnet hat, sieht mich meine Vermieterin irritiert an. Sie hat Tränen in den Augen.

Frau Holzer ist 96 Jahre alt. Körperlich ist von ihr nicht mehr viel übrig. Sie ist ein mageres, gebrechlich aussehendes Mütterchen, die Jahre haben sie auf 1,50m Körpergröße geschrumpft. Ihr Mann ist genauso alt wie sie. Geistig sind beide Holzers noch absolut klar, bis vor wenigen Jahren haben die beiden gelernten Buchhalter sogar noch Buchführung für kleine Unternehmen in der Umgebung gemacht.

„Kommen Sie rein“, sagt sie und öffnet ihre Wohnungstür, während sie vorsichtig ins Treppenhaus lugt. Ich betrete das Wohnzimmer, und wir setzen uns an einen großen Buchentisch mit Marmorplatte.

„Die machen mich total fertig, ich weiß gar nicht mehr was ich noch machen soll“, sagt Frau Holzer und lässt jetzt den Tränen freien Lauf. Es tut mir fast körperlich weh, die alte Frau so aufgelöst zu sehen. Auf dem Tisch liegt noch der Brief vom Bundespräsidenten, den die Holzers vor wenigen Tagen bekommen haben. Joachim Gauck gratuliert ihnen darin zur Eisernen Hochzeit. 65 Jahre sind die beiden jetzt verheiratet. Der Brief hat noch einmal schmerzlich bewusst gemacht, dass es keinen nächsten Hochzeitstag mehr geben wird. Herr Holzer hat Lungenkrebs, und bei einem 96jährigen ist eine Therapie weder sinnvoll noch möglich. Er hat nur noch wenige Wochen, vielleicht nur noch Tage.

„Können sie sich das vorstellen? Die haben mir mit dem Anwalt gedroht! Mit dem Anwalt!“, schluchzt Frau Holzer und setzt ihre Lesebrille ab, um sich die Augen mit einem Stofftaschentuch abzutupfen.

„Die“ sind dieses merkwürdige Paar, das über mir eingezogen ist. Und ja, kann ich mir vorstellen das die gedroht haben, ich habe es sogar mitbekommen. Ich war nämlich unfreiwilliger Ohrenzeuge. Als ich heute Abend nach Hause gekommen bin, standen gleich vier Leute in der Eingangshalle um Frau Holzer herum. Ein sicher zwei Meter großer und 120 Kilo schwerer Mann Anfang zwanzig, eine 1,60m große Frau, die aussah wie 16, und ein Paar Anfang 50 guckten mich dullig an, bis ich die Treppe hinauf verschwunden war. Der riesige Kerl und die kleine Minderjährige sind wohl das neue Mieterpärchen.

Offensichtlich hielten sie gerade inne, in einem schon länger dauernden Gespräch. Kaum war ich außer Sichtweite, legten sie wieder los. Zu viert redeten sie auf die kleine Frau Holzer ein, und durch die geschlossene Wohnungstür hörte ich Fetzen wie „Wir bleiben auf den Kosten nicht sitzen!“… „Wir werden sie verklagen…“ „…Lebensgefährlich…“ „…Mietminderung…“.
Bis ich irgendwann die Tür von Frau Holzers Wohnung zufallen hörte und die Vierergruppe unter empörten Geschnatter durch das Treppenhaus nach oben getrampelt war. Weil ich weiß, wie schlecht es den Holzers gerade geht, musste ich jetzt erst mal schauen ob alles in Ordnung ist, und deswegen habe ich bei den beiden geklopft.

„Was bitte haben „die“ denn für ein Problem?“, frage ich, während Frau Holzer sich umständlich schneuzt und tief durchatmet. Die Holzers sind die besten Vermieter, die man sich vorstellen kann. Wenn man bei Holzers wohnt, zahlt man sehr wenig Miete, weil sie mit der Vermietung nicht reich werden, sondern nur ihr Haus erhalten wollen. Wichtig ist ihnen ein gutes Klima im Haus: Alle sechs Parteien sollen gut miteinander auskommen und miteinander leben können, alles andere ist nachrangig.

Ist irgendwas zu reparieren, sagt man einfach Bescheid, und am nächsten Tag steht der Handwerker vor der Tür. Hat man einen Wunsch, erfüllen sie ihn, falls möglich. Wohnen bei Holzers, das heisst: Sie mischen sich in nichts ein, bieten aber Service. Beim Einzug hilft Klempner Holger die Waschmaschine anzuschließen und erklärt einem die Heizung, die über Raumthermostate gesteuert wird, und Elektrikermeister Börne hilft auf Kosten der Holzers beim Anschluss von großen Elektrogeräten. Bessere Vermieter sind sicher schwer zu finden, deswegen wundert es mich doch sehr, dass die Mieter, die gerade mal sechs Wochen hier wohnen, mit Mietminderung und Rechtsanwalt drohen.

„Deren Problem“, sagt Frau Holzer und rückt ihre Brille zurecht, „ist, dass sie fürchterlich gewöhnlich sind“.

Gewöhnlich. Was für ein schöner Ausdruck. Der Wortfan in mir jubiliert. Frau Holzer drückt es nochmal anders aus, für den Fall, dass ich mit dem altmodischen Ausdruck nichts anfangen kann: „Die sind so doof wie er lang ist. Die meinen alles selbst machen zu können, dabei können die nix! Die haben unseren Holger weggeschickt und Herrn Börne auch. Und dann war es kalt und die Heizung ging nicht, und ich musste einen Notdienst rufen, am Wochenende. Und was war? Die waren zu doof die Thermostate zu bedienen. Hatten alles verstellt, aber von Holger wollten sie sich ja nichts zeigen lassen. Und jetzt…“, sie schnauft kräftig und holt Luft, „Jetzt wollen die von mir einen neuen Herd haben!“

„Wieso das?“, will ich wissen. „Weil die dumm sind! Die hatten einen Herd, haben den selbst angeschlossen und Bumm, war der kaputt. Dann sind die losgefahren und haben noch einen Herd gekauft, haben den genauso angeschlossen, Bumm, auch kaputt. Ich habe Herrn Börne Bescheid gesagt, der hat alles geprüft und hat eine Überbrückung im Anschluss gefunden. So ein Kabel, dass da nicht hingehört. Dadurch hat der Herd 400 Volt in die verkehrte Buchse gekriegt. Aber DIE behaupten jetzt, die ganze Hauselektrik wäre verkehrt und auf allen Steckdosen wäre Starkstrom. Ich soll denen den zweiten Herd bezahlen, dafür würden sie mir auch den ebenfalls kaputten Kühlschrank erlassen, und sie würden mich auch nicht verklagen, weil ich sie in Lebensgefahr gebracht habe und sie beinah gestorben wären und jetzt keine Freude mehr am Leben haben, weil sie in ständiger Angst leben.“
„Wie großzügig“, sage ich. Mehr fällt mir dazu gerade nicht ein.

„Das ist so gewöhnlich„, stöhnt Frau Holzer. „Mein Mann liegt nebenan und stirbt, und die machen mich fertig mit so einem Tinneff, nur weil sie zu dumm sind. Ich habe die gebeten wieder auszuziehen, wenn sie so unzufrieden sind, aber das wollen sie nicht. Sie wollen Geld von mir oder klagen“.

Ich weiß gar nicht was ich sagen soll, mir tut die alte Frau einfach nur leid. Niemand hat es verdient sich mit so dummen Leuten rumärgern zu müssen. Das Problem mit dummen Leuten ist ja meistens, dass sie sich selbst vollkommen überschätzen (der Kruger-Danning-Effekt) UND sich immer im Recht wähnen und das, dank Rechtsschutzversicherung, auch ohne Rücksicht durchzusetzen versuchen. Das kostet Zeit und Nerven, mal abgesehen davon, dass es einfach für schlechtes Karma sorgt.

„Wir wollen doch nur, dass alle zufrieden sind“, seufzt Frau Holzer. „Und die machen mich so fertig… naja, morgen bekommen die erstmal Briefe“, sagt Frau Holzer, „Herr Börne ist auch Gutachter, der hat den Pfusch fotografiert und dokumentiert und schreibt denen, dass alles in Ordnung war bis die dran rumgefummelt haben. Dann schreibt ihnen noch unser Versicherungsbüro. Müssen die ja nicht wissen, dass der Chef davon der Neffe vom Bruder unseres Horsts seiner Marion ist. Darin wird er alle Ansprüche verneinen. Und wenn das nicht hilft, dann würde ich ihnen Bescheid sagen.“

„Mir?“, frage ich erstaunt. „Ja, sie können mal bei Ihrer Arbeit eine Etage tiefer gehen, und dem Anwalt, der dort sein Büro hat, Bescheid sagen, dass seine Frau ihre Großtante ihre Schwester ihre Elisabeth hier ein paar Lümmel hat, die den Hintern versohlt brauchen. Und wenn er ihnen dabei noch ein blaues Auge verpasst oder versehentlich die Nase bricht, habe ich da auch nichts dagegen.“

Jetzt lächelt Frau Holzer kämpferisch. Die Frau hat einen Krieg überlebt, drei Kinder aufgezogen und Unternehmen geführt und gecoacht. Außerdem sollte man IMMER vorsichtig sein sich mit Leuten anzulegen, die einem über siebzig Jahre Lebenserfahrung voraus haben. Ich bin kurz am Überlegen, ob mir die „Gewöhnlichen“ leid tun sollten.

„Warum schütteln sie den Kopf?“, fragt Frau Holzer. „Ach nichts“, sage ich und denke: Was zählt ist, wer am Ende heult.

 
9 Kommentare

Verfasst von - 20. November 2014 in Gnadenloses Leben

 

9 Antworten zu “Bis einer heult (2)

  1. Leandrah

    21. November 2014 at 16:06

    willst Du da ausziehen? bei so tollen Vermietern? So welche wünsche ich mir auch. Dafür würde ich sogar überlegen nach Göttingen zurück zu ziehen.

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  2. Leandrah

    21. November 2014 at 16:07

    Und ja, gewöhnlich ist ein guter Ausdruck. Leider ist die Dummheit nicht ausrottbar.

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  3. hirnwirr

    21. November 2014 at 18:38

    die Gewöhnlichen sollen wieder ausziehen, aber sofort!!

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  4. aeon

    21. November 2014 at 19:26

    Au, ich hoffe ja, alle Namen sind geändert (oder die Story frei erfunden). 🙂

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  5. Silencer

    21. November 2014 at 19:46

    Leandrah: 🙂

    Hirnwirr: Ich unterstütze diese Forderung, ist wirklich besser für alle Beteiligten.

    Aeon: Natürlich sind die Namen geändert. Und vielleicht passiert die Geschichte auch gar nicht jetzt, sondern fand schon vor langer Zeit statt 🙂

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  6. zimtapfel

    22. November 2014 at 13:05

    Geben Sie es doch zu, Herr Silencer: Sie bloggen tagtäglich tagesaktuell über Ihre Mitmenschen unter deren realen Namen. Jeder weiß das!
    😜

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  7. Silencer

    24. November 2014 at 10:20

    Natürlich. Das ist die beste Tarnung, weil exakt das NIEMAND erwarten würde 😀

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  8. markus

    24. November 2014 at 15:31

    ich bekomme bei so doofen ungerechten Menschen immer sooo einen Hals.

    aber schön wenn sich die alte Frau zu wehren weiß, das ist meistens das Problem. :/

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  9. Silencer

    25. November 2014 at 16:28

    Ja, warte mal ab wie´s ausgeht.

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