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Motorradreise 2014 (5): Totes Wasser und die Kathedrale der Bilder

22 Nov

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Im Sommer 2014 reiste Herr Silencer mit dem Motorrad durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Heute steht ein Gewaltakt bevor: Es geht an einem Tag durch das Herault, die Carmargue und die Provence.

Dienstag, 10. Juni 2014, Leucate-Plages, Mittelmeerküste, Frankreich

Es ist kurz vor Sieben, als ich vor das Appartement trete. Ein herrlicher Morgen: Die Straße runter rauscht das Meer, und die Sonne steht am Himmel und wirft fast weißes Licht durch die Bäume. Die Sachen sind gepackt, die Kawaski ist startbereit.

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Ich wecke Monsieur Vermietör und drücke ihm den Schlüssel in die Hand, dann lasse ich Leucate-Plages hinter mir. Das Appartement hatte mir zuletzt gut gefallen, bis auf das Diethyl-Phtalat-Faß, aber trotzdem will ich jetzt weiterfahren. Woanders wartet was besseres auf mich, und da gibt es auch Meer.

Die Renaissance zieht in der trüben Morgensonne durch die Weinberge des Hérault Richtung Narbonne, dann weiter nach Béziers und schließlich wieder auf die Meridienne, die Autobahn A75. Heute liegt ein weiter Weg vor mir.

Von Leucate über Aigues-Mortes, durch die Carmargue in die Provence, dort nach Les Baux, von dort hinter Toulon.

Die Tour des heutigen Tages: Einmal fast komplett an der französischen Mittelmeerküste entlang, von Leucate über Aigues-Mortes, durch die Carmargue in die Provence, dort nach Les Baux, von dort weiter hinter Toulon.

Es geht flüssig und auf schönen Landstraßen bis Montpellier, dort gerate ich dann in den morgendlichen Berufsverkehr. Die Stadt hat viele Ampeln, daher geht es nur langsam voran. Während einer Rotphase hält plötzlich ein dreirädriger Roller von Peugeot neben mir. Der Fahrer nickt mir zu und schaut nach vorne. Dann besinnt er sich plötzlich eines Besseren und schiebt sein Gefährt ein Stück zurück, lehnt sich hinüber und ruft „Deutscher, ja?“ „Qui, suis Allemand, ça va?“, entfährt es mir automatisch, während ich aus meinen Gedanken gerissen werde. „Ich! Bin aus der Schweiz“, ruft der Peugeotfahrer.
„Mit DEM DING?“, frage ich verblüfft und deute auf das Dreirad. „Nein“, lacht der Schweizer, „wohnhaft hier“. Aha. „Wie fährt sich denn das so, mit drei Rädern?“, will ich wissen. „Gaaanz super für die Staahaaaadt“, ruft der Schweizer im Anfahren und ist schon im Stadtverkehr verschwunden.

Stadtmauer von Aigues-Mortes.

Stadtmauer von Aigues-Mortes.

Um kurz nach 10 komme ich in Aigues-Mortes an. Hier war ich schon einmal, aber nur kurz, und ohne wirklich Augen für die Stadt gehabt zu haben. Damals war ich zu sehr mit was ganz anderem beschäftigt als das ich mich hierauf hätte einlassen können. Irgendwie habe ich seitdem das Gefühl, in dieser merkwürdigen Stadt noch was Unerledigtes zurückgelassen zu haben.

Aigues-Mortes heisst so viel wie „totes Gewässer“

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Die Geschichte von Aigues-Mortes
Im Jahr 1240 beschloss der König von Frankreich, dass er jetzt doch mal Ländereien am Mittelmeer bräuchte. Gesagt, getan: Er erwarb Land von den dortigen Mönchen und baute einen Turm, den Tour Constance. Dann folgte eine viereckige Stadtmauer, dann ein Hafen. Aufgrund der strategisch geschickten Lage wurden viele Zölle eingenommen, und Aigue-Mortes blühte auf. Von hier starteten Kreuzzüge, hier wurde der Friedensvertrag von Nizza verhandelt.

Im 16. Jahrhundert änderten sich die Wasserströmungen, und die Zufahrten versandeten. Aigues-Mortes wurde aufgegeben, und 400 Jahre lang lag die Stadt vollkommen intakt, aber vergessen, in der Camargue. Nach ihrer „Wiederentdeckung“ wurde sie Touristenmagnet und Zentrum der Salzherstellung. Aigues-Mortes liegt heute sechs Kilometer vom Mittelmeer entfernt, verfügt über einen vollkommen intakten, mittelalterlichen Kern und ist weltweiter Exporteur der Fleur de Sel, der „Salzblumen“: Salzkristalle, die durch die Verdunstung von Meerwasser in den flachen Teichen um die Stadt gewonnen werden. Gibt´s auch hier in jedem besseren Supermarkt, auf dem Siegel am Deckel steht Aigues-Mortes.

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Von einer leichten Unruhe gepackt streife ich unruhig durch die Straßen, mache hier ein paar Bilder, erkenne dort eine Ecke wieder, schaue in einige der unzähligen „Spezialitäten der Provence“ Läden. Aigues-Mortes Altstadt ist mittelalterlich eng, und ein Geschäft drängt sich an das nächste. Viele sind ganz liebevoll eingerichtet. Die Straßen sind fast alle rechtwinkelig angeordnet, die Stadt selbst ist ein langezogenes Viereck:

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Daran erkennt man, dass sie nicht gewachsen, sondern am Reißbrett geplant wurde. Ziemlich einzigartig für das Mittelalter.

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Mir haben es besonders diese Gewürzmühlen angetan.

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Dann besuche ich die Kirche, das habe ich beim letzten Mal nicht geschafft.

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Als ich gerade wieder aus der kleinen Festungsstadt hinausgehen will, fällt mein Blick auf die Stadtmauer. Da oben drauf sind Leute! DAS wollte ich damals unbedingt machen und konnte es nicht. Ich klettere ja überall drauf, wenn es möglich ist. In Aigues-Mortes muss und kann man gar nicht in die Höhe klettern, aber man kann gegen Eintritt auf die Stadtmauer!

Den Witz mit „Auf der Mauer, auf der Lauer…“ sparen wir uns an dieser Stelle.

Ich begebe mich zur Tourist-Info, wo ein Paar Ende dreißig mit zwei drei- und vierjährigen Kindern steht. Ich taufe sie in Gedanken Familie Umständlich, denn sie lassen sich umständlich erläutern, dass der Rundgang rund 1,5 Kilometer lang ist und mit Besuch der Ausstellung 2 Stunden dauert. Aber, gibt die gute Mitarbeiterin der Stadt mit Blick auf die plärrenden Kindern zu bedenken, heute ist es sehr heiß, und es gibt keinen Sonnenschutz. Das ist die Aufforderung für Mutter Umständlich zu erzählen, wo sie heute schon überall waren, wie heiß es schon dort war und wie anstregend. Vater Umständlich fragt, ob man nicht am späten Abend wiederkommen könnte, dann wären die Kinder im Bett und die Sonne weg. Letztlich lösen die beiden das Problem so, dass sie Maximillian fragen, ob der vierjährige sich fit genug fühlt, um 2 Stunden bei 35 Grad über eine Schattenfreie Mauer zu laufen. Sein müdes Plärren interpretieren sie als ein „Ja, ich würde gerne die kulturellen Sehenswürdigkeiten besichtigen“. Habe ich schon mal erwähnt, dass deutsche Eltern oft fürchterlich doof sind?

Die Rundgang beginnt in einem Turm, den man in seinen Mauern erklettern kann und von dem aus man einen tollen Blick über die Stadt hat. Der Tour de Constance ist ein richtiger Trumm und war das erste Bauwerk von Aigues-Mortes.

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Der Tour Constance hat mehrere große Hallen in seinem Inneren. Absurd. Quelle: Canalblog.com

Der Tour Constance hat mehrere große Hallen in seinem Inneren. Absurd. Quelle: Canalblog.com

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Ich klettere zuerst auf den Tour Constance, dann stiefele ich auf der Wehrmauer entlang. Die ist erstaunlich dünn. Was eigentlich klar ist: Im Mittelalter haben solche dünnen Mauern ausgereicht. Die mussten erst richtig verstärkt werden, als Kanonen erfunden waren – aber zu der Zeit interessierte sich schon niemand mehr für Aigues-Mortes, das in den Sümpfen vor sich hinmoderte. Die Sonne brennt tatsächlich gnadenlos, aber es gibt in jedem der vielen Wehrtürme eine kleine Ausstellung oder eine Videoprojektion, dort kann man in den kühlen Mauern verschnaufen. Was ich aber nicht tue, der Tag ist kurz. Von der Mauer bietet sich tolle Aussicht.

Beautiful Decay.

Beautiful Decay.

Steck Dein Kopf in ein Schwein.

Steck Dein Kopf in ein Schwein.

Salzseen, aus denen das Fleur de Sel gewonnen wird, die Salzblumen.

Salzseen, aus denen das Fleur de Sel gewonnen wird, die Salzblumen.

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FliewaTüüt können die Franzosen nicht.

FliewaTüüt können die Franzosen nicht.

Als ich nach einer Stunde wieder von der Mauer klettere bin ich fix und fertig. Nicht nur, dass es warm ist. Ich trage natürlich den schweren Motorradanzug samt Stiefeln, das macht alles doppelt anstrengend.

Wieder auf dem Motorrad bin ich froh, als frische Luft durch die Lüftungsöffnungen des Anzugs und über die Mebran, die unter dem Leder sitzt, streicht. Das kühlt, so lange Fahrtwind da ist.

Hinter Aigues-Mortes beginnt die „Petit Carmargue“, das Carmarguevorland, und das gibt heute alles, um ihrem Image gerecht zu werden. Während das Motorrad über die sandigen Asphaltstraßen saust, tummeln sich links und rechts auf den versteppten Wiesen Herden weißer Pferde und schwarzer Stiere. Gelegentlich tauchen flache Seen auf, in denen Sablons, Flamingos, herumstaksen. Links und rechts neben der Straße stehen kleine Stände, an denen Spargel, Pfirsiche, Wein und allerlei anderes verkauft wird. Romantischer Alltag.

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Irgendwann wird der Sprit knapp. Ich hatte ganz vergessen, wie leer die Carmargue ist. Dabei Gebiet ist gar nicht so groß: Als Carmargue wird die Ansammlung von Wiesen und Seen zwischen den beiden Mündungsarmen der Rhone bezeichnet. Sie beginnt bei St.Marie-de-la-Mer und endet bei Port St.Louis-de-Rhone, das sind gerade mal 40 Kilometer. Es gibt nur wenige Straßen und fast keine größere Ansiedlungen, und die Tankstellen, die auf meiner Route lagen, hatten beide geschlossen.

Tankstellen haben Mittags zu. Immer.

Tankstellen haben Mittags zu. Immer.

Ich schalte um auf den Reservetank. Damit komme ich noch hundert Kilometer weit, also alles unkritisch. Dann lasse ich das Navi nach einer Tankstelle suchen. Das geht zum Glück mit zwei Klicks, und schon lotst es mich nach… Arles. Ausgerechnet Arles, der Ort, der mich schonmal fast zur Verwzweifelung und den Kühler des Autos zum Kochen gebracht hat, weil ich im Verkehr feststeckte und nirgends ein Parkplatz in Sicht war.

Aber zum Glück geht es nach dem Tankstopp gleich wieder aus Arles hinaus und in die Berge. Hier ändert sich die Landschaft schon wieder radikal. Heute Morgen bin vorbei an grünen Weinbergen gefahren, heute Mittag durch das platte Land der Carmargue, und jetzt bin ich in den Bergen der Provence. Hier sieht alles so felsig und verdorrt aus, dass es genauso gut auch Spanien sein könnte. Oder ein Westernfilm. Und hier soll eine Kathedrale stehen?

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Die Geschichte mit der Kathedrale der Bilder

„Und weissu, da wo alle hinrennen, da gehste nich hin, sondern die andere Richtung“, sagt mein Gegenüber. Er streckt den Zeigefinger aus und rührt mit dem in der Luft herum, während er sich mit der anderen Hand an der Theke festhält. Kein einfaches Unterfangen, die dreht sich nämlich ziemlich schnell. Ich finde das unverantwortlich von ihr und bestelle aus Protest noch ein Bier. „Undan?“, frage ich den Fingerzeiger. „Undan gehste den Berg hoch un inne Hütte rein und dann is da die Kathedrale der Biller“, sagt er. „Wer warndenn die Biller?“, frage ich. „Nich Biller. BIL-DER. Ganz unglaublich“, sagt er und sinkt leicht in sich zusammen. „Bilder in einer Kirche sind jetzt nicht so ungewöhnlich“, gebe ich zu bedenken. Er richtet sich wieder auf un beugt sich vor, dann flüstert er: „Aber die Kathedrale ist keine Kirche. Das ist eine Höhle. Und die Bilder… leben“.

Der Fingerzeiger war die gleiche Quelle, die mich auch schon auf die Stadt unter dem Vatikan aufmerksam gemacht hat – er ist eine gute Quelle für ungewöhnliche Reisetips.
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Ich steuere einen steilen Berg hinauf, der vollgeparkt ist mit Autos und Wohnmobilen. Anscheinend ist hier oben tatsächlich was zum Angucken. Auch auf der anderen Seite, den Berg hinab, stehen die Stoßstange an Stoßstange. Moment…
DAS KENNE ICH DOCH!

Aus einem wagen Gefühl wird Gewissheit. Hier war ich doch schon mal! ja, genau auf dem Parkplatz da, das stand das Kleine gelbe AutoTM!

2011 war ich schon einmal hier.

Archivaufnahme: 2011 war ich schon einmal hier.

2011 hatte Mme. Clementine, unsere Gastgeberin in Tarascon, uns dringend empfohlen das hier anzusehen. Nur, dass es damals bei der Fahrt hierher und dem Parken blieb. Ich hatte dann auch nie recherchiert was hier eigentlich anzugucken gewesen wäre. Jetzt hat mich das Schicksals zum zweiten Mal hierher geführt.

Ich parke das Motorrad auf einem halbwegs geraden Parkplatz und will gerade einen Parkschein lösen, als eine Frau mit Sonnenbrille und buntem Wickelrock auf mich zugestürmt kommt. „Monsieur!“, ruft sie von Weitem. Als sie vor mir steht, wedelt sie mit einem Parkschein. „So von Deutscher zu Deutschem, bitte sehr! Den ganzen Tag gültig!“ Ich finde ihre Ansage seltsam, bedanke mich aber und bestehe darauf, ihr die Hälfte des Preise zu bezahlen. Im Weggehen raunt sie mir noch zu: „Und ziehen sie sich was warmes an, ist kalt da drin“. Kalt? Nun, gegen ein bißchen kalt habe ich nichts. Die Sonne brennt und wir haben über 30 Grad im Schatten.

Dann wandere ich den Berg hinauf. Die Straße ist links und rechts vollgeparkt, Reisebusse zirkulieren die Bergstraße hoch und runter. Karawanen von Besuchern wandern rechts den Berg hinauf. An einer Wegkreuzung biege ich nach links ab. Die Straße ist hier förmlich aus dem Fels geschnitten.

Die Straße ist in den Fels geschnitten.

Die Straße ist in den Fels geschnitten.

Nach wenigen hundert Metern komme ich auf ein natürliches Plateau im weißen Felsen. Hier liegt ein kleiner Parkplatz, dahinter ein unscheinbarer Flachbau. Davor stehen ein paar Leute herum. Es handelt sich um den Eingang zur Kathedrale der Bilder.
Im Flachbau ist ein Kassenhäusschen, dahinter eine Tür und ein schwerer, dunkler Vorhang. Ich trete hindurch und… bin in einem Holodeck. Zumindest fühlt es sich so an. Es ist dunkel, aber Wände und Böden leuchten und strahlen in unterschiedlichen Farben. Es sind Bilder, die sich langsam bewegen und um mich herum fließen und ineinander übergehen. Dazu sind überall um mich herum sphärische Klänge. Ich stolpere unbeholfen vorwärts, denn die fließenden Bilder machen es im ersten Moment die Orientierung im Raum sehr schwierig. Ich kann nicht sehen, welche Beschaffenheit der Boden hat und wo er aufhört und die Wand anfängt. Es ist ein wenig wie das Gefühl des Fallens, das man manchmal im Traum hat. Das Gleichgewicht ist schwierig zu halten, wenn man den Augen und Ohren nicht trauen kann und man nicht weiß, wo im Raum man sich befindet.

Langsam gewöhne ich mich an die fließenden Böden und Wände. Im Halbdunkel kann ich andere Menschen ausmachen, und nach ein Paar Minuten beginne ich zu erahnen, wie riesig der Raum ist, in dem ich mich gerade befinde. Auch die Bilder kann ich zuordnen: Es sind Werke von Klimt, aber so groß projeziert, dass ich mich IN ihnen befinde. Aber es sind nicht nur expressionistische Bilder, die die Höhle verwandeln

In einer Minute steht man in einem Urwald, in der nächsten entsteht um die Besucher herum das Weltall, und im nächsten Moment schmückt jede Wand wieder ein haushohes Bild von Klimt. Dann wird wieder alles Schwarz. Plötzlich erscheinen im Dunkel Pinselstriche, die die Skizzen von Torbögen auf Säulen und Wände zeichnen. Die Skizzen werden schraffiert, dann fliesst Farbe in sie hinein, schließlich werden Torbögen, Fenster und Verzierungen dreidimensional und wachsen zu einer Kathedrale zusammen. Der Eindruck ist fantastisch, schon wegen der Dimensionen der riesigen Höhle.

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Die Kathedrale der Bilder oder Carrières de Lumières

Schon seit Ewigkeiten wird in Les Baux weißer Kalkstein abgebaut. Die alte Festungsstadt besteht sogar selbst daraus und war Jahrhunderte DIE Hautpstadt des Kalksteinabbaus. Daher auch der Name für diese Art von Gestein: „Bauxit“ kommt von „Les Baux“.

1935 wurden die Steinbrüche geschlossen. Zurück blieben große Höhlen mit glatten, weißen Wänden. Der Surrealist Jean Cocteau wählte 1959 diesen surrealen Ort als Drehort für seinen Film „Das Testament des Orpheus“. 1977 wurde das Kunstprojekt „Kathedrale der Bilder“ gestartet. Die Idee: Die weißen Wände sollten als Leinwände für moderne Ton- und Projektionstechnik dienen.

Der „Dante Room“ ist das Holodeck. Der „Picasso Entrance“ ein offener Steinbruch, der „Cocteau Room“ ein kleines Kino. Quelle: http://www.carrieres-lumieres.com/de

Bis heute findet hier eine Lichtshow statt, mit jährlich wechselndem Inhalt. Einhundert synchronisierte Hochleistungsbeamer bespielen 6.000 Quadratmeter Höhlenwände, -böden und -decken. In einem Nebenraum wird Cocteaus „Testament des Orpheus“ gezeigt. 2012 nannte sich das Projekt in „Steinruch der Lichter“, Carrières de Lumières, um, aber „Kathedrale der Bilder“ finde ich viel schöner.
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Mit einem Pinselstrich ist die Kathedrale wieder verschwunden, und die Besucher wandeln in Gemälden.

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Man kann die Haupthöhle durch einen Seitengang verlassen und sich im alten Steinbruch umsehen, der ein wenig wie eine Indiana Jones Kulisse aussieht. In einer Nebenhöhle läuft ein surrealer Film von Jean Cocteau, „Das Testament des Orpheus“.

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Nach einer Stunde habe ich das Programm einmal durch, die Bilder und Filme wiederholen sich. Ich verlasse die Höhle. Um die Ecke liegt eine Geisterstadt: Les Baux, nach der das Bauxit tatsächlich seinen Namen hat.

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Die Stadt ist lange verlassen, thront aber nahezu intakt auf einem Bergplateau. Ich stapfe die steilen Treppen hinauf und in die Stadt hinein, und stelle fest, dass sie – genau wie Aigues-Mortes auch – voller Kinkerlitzchen- und Süßwarenläden ist.

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Am höchsten Punkt der Stadt liegt der Zugang zum Chateau. Eigentlich will ich nicht mehr dahin, mir ist zu heiß, aber in dem mit 30 Euro recht teurem Kombiticket der Höhle war der Eintritt ins Chateau mit drin.

Auf einen Audioguide verzichte ich, ich habe eh die Hände voll mit der dicken Motorradjacke, und außerdem will ich mich nicht lange aufhalten, nur mal gucken und wieder raus. Das ist der Plan.
Tja. Dooferweise gibt es hier aber richtig was zu sehen, und noch besser: Ordentlich was zum draufklettern. Erst einmal gibt es einen Blick vom Hochplateau über die Provence.

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Und dann gibt es da das Chateau, von dem aber außer ein paar Türmen nichts mehr steht. Nur: Die Türme sind Fucking hoch, nur über schmale, sehr steile, schlecht gesicherte und sehr rutschige, weil glatt gelaufene, Treppen zu erreichen. Es wundert mich daher ein wenig, das hier mehrere Schulklassen mit sechs- und siebenjährigen unterwegs sind. Und Schlimmeres, das bekommt das Wiesel zu spüren.

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Es stiehlt sich aus meiner Tasche und macht Faxen an einem alten Pranger, und ehe es sich versieht, hat ein kleiner Junge es geschnappt, unter den Arm geklemmt und rennt damit davon.

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Wieselnapping! „JULES“, ruft seine Mutter, „JULES, das gehört nicht Dir, lass es wieder frei!“ Aber Jules sieht überhaupt nicht ein, dass er seinen Fang wieder hergeben soll und hält das Wiesel an seinem Schal fest. Die Mutter schnappt die andere Seite des Schals und zieht daran, und das Wiesel hängt zappelnd in der Mitte und läuft langsam blau an.

Ich gucke dem Treiben amüsiert zu und bin gespannt, wie das renitente Tier da wieder rauskommt. Derweil mache ich mich schon mal an den Aufstieg, der über rutschige Felswege und durch Horden von Schulkindern führt. Weit bin ich noch nicht gekommen, als ein japsendes Wiesel an mir hochspringt und sofort in der Umhängetasche verschwindet. Hinter mit heult ein bockiger Jules voller Zorn „warum so brutal?!“. Ich habe keine Ahnung, ob sich das auf seine Mutter oder das Wiesel bezieht, ist mir aber auch egal.

Ich will nur noch da hoch, und dann schnell wieder hier weg – die Sonne steht senkrecht, und ich bin schon viel länger im prallen Licht unterwegs als gut ist.

Zwar habe ich mich heute morgen dick mit Sonnencreme mit einem hohen Lichtschutzfaktor eingeschmiert, aber die ist vermutlich den Polstern des Motorradhelms zurückgeblieben.

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Es gibt keinen vernünftigen Rundgang, und so muss ich den ganzen Weg wieder zurückklettern und laufen. Als ich wieder beim Motorrad ankomme, fühlt es sich an, als ob mir der Kopf platzt. Ich muss schnellstens in den Fahrtwind! Ich nehme das Tagesticket und blicke mich um. „Monsieur!“, rufe ich einem Mann zu, der gerade zum Parkautomaten will, und wedele mit dem Parkschein, „So unter uns Engländern…“.

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Von Les Baux aus geht es Richtung Aix-en-Provence, von dort über die Brücke von Martinique. Die kenne ich von unten, da ist sie schon ein erhebender Anblick, aber der Ausblick von oben… sagenhaft. Kilometerweit kann man über die See und die schroffe Felsenküste entlangsehen, und von oben wirkt der Ort nahezu winzig.

Die riesige Brücke über Martinique, vom Ort aus gesehen.

Die riesige Brücke über Martinique, vom Ort aus gesehen.

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Nach Martinique geht es Richtung Marseille. Plötzlich singen in meinem Kopf die Doors „Light my Fire“, dann erst nehme ich bewusst die Flammen einer Raffinerie am Horizont war. Ich muss ganz schön erschöpft sein, wenn mein Unterbewusstsein Dinge früher bemerkt als das Bewusstsein.

Ich habe extra einen Wegpunkt gesetzt, der mich weit um Marseille herumführt – denn diesen Moloch von Industrie- und Hafenstadt will ich nicht zur Feierabendzeit queren – aber schon die Randbezirke sind ein Geflecht aus Schnellstraßen, Autobahnen, Zubringerstraßen und whatnot. Das Navi lotst mich souverän durch den dichten Verkehr von Straße zu Straße, nutzt hier ein mautfreies Stück Autobahn und schickt mich dort über einen Zubringer. Eine Stunde fahre ich nur Auffahrten hinauf und Abfahrten hinab, dann habe ich es in die Berge geschafft.

Hier schlängelt sich eine Straße durch Pinienwälder hinauf und hinab, und schließlich taucht zum Meer hin ein markanter Felsen auf, den ich sofort erkenne: Die Klippe von Cassis, quasi das Wahrzeichen der Region.

Die Klippen von Cassis, hier auf einer Aufnahme aus 2011.

Die Klippen von Cassis, hier auf einer Aufnahme aus 2011.

Lange kann ich mich nicht daran freuen, denn plötzlich kracht etwas ohrenbetäubend, und das Vorderrad wird ein Stück zur Seite gerissen. Anscheinend habe ich einen Stein überfahren, und ich will hoffen das der kaputt gegangen ist, und nicht mein Reifen.

Ich komme durch Bouilladisse, einem kleinen, unbedeutenden Ort, in dem aber ein cooles, kleines und günstiges Hotel ist, in dem ich schon mal übernachtet habe. Seltsam, ohne es zu wollen begegnen mir heute Orte, die ich schon einmal besucht habe. Nun, in Bouiladisse hätte ich als unfinished Business nur ein Frühstück zu erledigen, und dafür ist jetzt nicht die Zeit.

Nach einer weiteren Stunde rollt die Renaissance durch die Altstadt von Saint-Cyr-sur-Mer, einer kleinen Hafenstadt westlich von Toulon. Sie liegt direkt neben La Ciotat, dem winzigen Fischerdorf wo das Spiel Boule erfunden wurde, und in Nachbarschaft von Cassis, wo das gleichnamige Getränk herkommt. Viel französischer als hier kann es nicht mehr werden.

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Die Madame an der Rezeption des Hotels Les Villes Du Pines ist überaus freundlich und lässt es sich nicht nehmen, den perfekten Parkplatz für das Motorrad im Hinterhof des Hotels selbst festzulegen.

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Merkwürdig, Motorradfahrer genießen oft die Sympathien von Gastwirten und bekommen Vorzugsbehandlungen. Wissen die nicht, dass die meisten von uns widerliche Angeber sind?
Egal. Das Motorrad ist versorgt, und ich stolpere aus dem Anzug, falle unter die Dusche und lasse die letzten Stunden Revue passieren. Die Bilder der Fahrt und aus der Höhle gehen mir nicht aus dem Kopf:

70er Jahre Charme im Les Pines

70er Jahre Charme im Les Pines: Das Bett hat Radiokonsolen.

Dann schleppe ich meine müden Knochen zum Hafen. Der ist zum Glück nur fünf Schritte entfernt, mehr würde ich auch nicht mehr schaffen. Meine Akkus waren schon nicht voll als ich vor 5 Tagen diese Reise angetreten bin, und seitdem sind sie jeden Tag ein wenig leerer geworden. Dazu heute die Anstrengungen bei der Hitze… das schlägt irgendwann durch. Es ist kurz nach sieben, ich bin schon mehr als 12 Stunden unterwegs, und vermutlich werde ich langsam auch einfach alt.

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In einer Bar am Hafen bestelle ich Fast Food, einen Dönerteller, und werde vom Chef angeraunzt woher ich wohl käme. Deutschland, klar, die wollen immer so früh essen, Mon Dieu, immer eine Stunde bevor die Küche aufmacht. Trotzdem bringt er das Gewünschte, Tiefkühldöner ist halt auch nicht so schwer zuzubereiten. Dennoch grummelt er die ganze Zeit und wirft mir böse Blicke zu.

Mir ist das egal, ich sitze im Licht der Abendsonne am Hafen, habe was gegessen, ein kühles Bier steht vor mir und ich habe das Gefühl, heute mit ein paar Sachen abgeschlossen zu haben.

Blick aus dem Zimmerfenster.

Blick aus dem Zimmerfenster.

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Die ganze Reise:

 
4 Kommentare

Verfasst von - 22. November 2014 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

4 Antworten zu “Motorradreise 2014 (5): Totes Wasser und die Kathedrale der Bilder

  1. Le provençal

    17. Dezember 2014 at 10:02

    Immer wieder erschreckend, wie sehr ein untalentierter Fotograf auch die schönsten Orte entstellen kann.

    Gefällt mir

     
  2. Silencer

    18. Dezember 2014 at 14:23

    Le Provencal: Interessante Möglichkeit in einen Dialog einzutreten. Kannte ich so auch noch nicht.

    Gefällt mir

     
  3. Le provençal

    22. Dezember 2014 at 14:06

    Wieso Dialog? Per definitionem ist der Kommentar ein auf Fakten beruhender namentlich gekennzeichneter Meinungsbeitrag.

    Gefällt mir

     
  4. Silencer

    22. Dezember 2014 at 14:31

    QED. Und jetzt bin ich mal gespannt ob es bei der per Definition kritischen Stellungnahme bleibt und damit eine private Anmerkung war oder ob wir hier eine mir neue Form des Marketings erleben dürfen.

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