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Assassins Creed Unity (2014)

29 Dez

acukl2

Neulich Abend: Ich liege vor meiner PS4 und will mich für ein kurzes Spielchen in die Helix-Cloud von Abstergo Entertainment einloggen um Erinnerungen anderer Leute nach zu erleben. Plötzlich wird die Simulation gestört, und eine Frau, die sich „Bishop“, nennt meldet sich und „will mir die Wahrheit zeigen“. Statt der Mittelaltersimulation habe ich plötzlich Paris im Jahr 1789 auf dem Bildschirm und steuere den Jungen Arno Dorian.

Arno ist fünf Jahre alt, als sein Vater am Hof von Versailles einem Attentat zum Opfer fällt. Er wächst als Mündel des Adeligen Monsieur de la Serre auf. Zeitsprung: Als Arno 20 Jahre alt ist, wird De la Serre ermordet. Arno trägt daran eine Mitschuld, und auf seiner Suche nach Wiedergutmachung schliesst er sich der Bruderschaft der Assassinen an. Vor dem Hintergrund der französischen Revolution sucht er nach den Mördern. Dabei kommt ihm immer wieder Elise in die Quere. Die ist nicht nur Arnos große Liebe und Tochter des ermordeten De la Serre, sondern gehört auch, wie ihr Vater, zu den Templern, den Erzfeinden der Assassinen. Gemeinsam suchen die beiden nach denjenigen, die sowohl die Revolution als auch Assassinen und Templer für ihre eigenen Zwecke manipulieren.

***

Der Start von „Unity“ war für Ubisoft ein Debakel, was hauptsächlich auf eine schlechte PC-Version zurückzuführen ist. Auf Rechnern zeigte sich das Spiel Hardwarehungrig, schlecht optimiert und bis zur Unspielbarkeit verbuggt. Erst nach vier Wochen und ebensoviel großen Patches lief Paris einigermaßen flüssig. Auf Konsolen hingegen machte das Spiel vom Start weg eine gute Figur, aber das ging im Getöse der Empörung unter.

Dabei macht „Unity“ so viel richtig: Es ist in vielerlei Hinsicht ein Neustart der Serie und erscheint nur für moderne Konsolen, löst sich storytechnisch von seinen Vorgängern und bringt neue und überarbeitete Gamemechaniken mit. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Das Paris der Revolutionsjahre sieht atemberaubend gut aus. Bekannte Gebäude wie Notre Dame, das Hotel de Ville und dutzende andere sind akkurat nachgebildet, dazwischen kann man durch die prächtigen Viertel des Adels oder die Slums der Bauern streifen. Hunderte von Personen sind gleichzeitig auf den Plätzen und Straßen in Bewegung, die Stadt fühlt sich belebt und realistisch an.

Ich ahnte schon im Vorfeld das Unity ein technisches Juwel werden würde, denn Creative Director Alex Amancio hat schon mit „Revelations“ gezeigt, das er schöne Welten und funktionierende System schaffen kann. Was Revelations aber auch gezeigt hat: Das er keine Geschichten erzählen kann. Und das ist exakt das, was „Unity“ das Genick bricht: Die Geschichte passt auf einen Bierdeckel, ergibt trotzdem keinen Sinn und ist noch dazu komplett seelenlos umgesetzt.

Die Gegenwartstory ist komplett weg, stattdessen wird der Spieler direkt als „Initiate“ angesprochen und quasi „im realen Leben“ für die Assassinensache rekrutiert. Das funktioniert nicht nur nicht, das nervt auch. Denn um „Unity“ komplett spielen zu können, muss man eben im echten Leben auch noch mit einer App runhantieren und regelmäßig eine Website aufsuchen, sonst bleiben Items im Hauptspiel verschlossen. Soviel Lebenszeit und Geduld werden nur die wenigsten aufbringen können, alle anderen werden von dem Gefühl genervt, dass ihnen das Spiel Dinge vorenthält.

Die Vergangenheitsgeschichte von Arno und Elise klingt zunächst interessant, ist aber fade und ohne jegliche Spannung inszeniert. Ab dem letzten Drittel versackt die Story dann komplett und sorgt nebenbei noch dafür, dass die Spielwelt in sich nicht mehr stimmig ist: Obwohl Arno aus dem Assassinenorden ausgeschlossen wird, verfügt er nach wie vor über deren Ressourcen und wird von ihnen beauftragt. Daran ist deutlich zu sehen, wie egal den Machern die Geschichte und die Figuren sind.

Das zufällig die französische Revolution stattfindet, merkt man nur am Rande. Die Geschehnisse der Zeit werden meist nur über Texte erläutert, wirklich SEHEN und ERLEBEN tut man die Umwälzungen nicht. Was mehr als eine verpasste Gelegenheit ist, denn statt hier klein-klein den Privatkram von Arno aufzudröseln, hätte man die Revolution als DIE Schlacht der Assassinen (die für Freiheit und Brüderlichkeit stehen) und den Templern (die im Hintergrund die Fäden ziehen wollen) inszenieren könne, nein, MÜSSEN. Die französische Revolution hat die Geschichte Europas verändert, aber in „Unity“ stehen nur ein paar Leute herum und skandieren die Marseillaise. Lediglich in einigen, wenigen Szenen blitzt das alte Konzept der historischen Fiktion durch, etwa wenn erklärt wird, woher Robespierre seine Gesichtsverletzung hatte (von Elise!).

Mit den letzten Teilen von „Assassins Creed“ wurde Stück für Stück alles weggeworfen, was den zweiten Teil so brilliant gemacht hat: Spannende und umfangreiche Geschichte, die Verquirlung von historischen Ereignissen mit Fiktion und Verschwörungstheorien, der tolle Sci-Fi-Part in der Gegenwart, das war alles intelligente Unterhaltung und hat mich zum Fan werden lassen. Diese Bestandteile wurden von AC-Erfinder Patrice Desilets zu etwas verschmolzen, was mehr als die Summe seiner Teile war. Jemand wie Desilets fehlt der Serie nun schmerzlich. Ubisoft hat offensichtlich wirklich keinen Plan wohin sie mit der Serie wollen, was wirklich unverzeihlich ist, und es gibt niemanden mit einer Vision was Assassins Creed ausmacht. In der Folge hat man sich von den gut erzählten Geschichten, dem Krieg im Geheimen und der alten Verschwörung der Vorfahren verabschiedet und bringt stattdessen Larifarikram, der schon beim Probespielen auseinanderfällt.

Wo eine gute Geschichte fehlt, fallen Fehler im Gameplay umso stärker auf. Die neue Schleichmechanik etwa funktioniert nicht für 5 Pfennig, Gegner sehen die Spielfigur quasi sofort und aus drei Kilometern Entfernung. Durch die Stadt lassen sich anfangs keine drei Schritte unbehelligt machen, weil Schlägertrupps den armen Arno selbst in der dichtesten Menschenmenge ausmachen und angreifen. Das Underpowering zieht sich so durch, zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, einen mächtigen und im Geheimen wirkenden Assassinen zu spielen.

Das Customizingsystem mit den Rollenspielelementen ist nett, aber um seinen Arno mit einer besseren Rüsung auszustatten muss man manche Missionen drei Mal spielen – viele davon sind Multiplayermissionen, für einen Einzelgänger wie mich harte Kost. Die Möglichkeit mit anderen Spielern gemeinsam auf Missionen zu gehen statt sich gegenseitig zu meucheln ist nett und funktioniert technisch, als Solospieler hat es mich aber schon genervt, als ich aus Versehen mit wildfremden Leuten in einem Auftrag gelandet bin. Das lief dann so ab, dass alle unkoordiniert und wie die wilden auf das jeweils nächste Ziel losgestürzt sind. Spass ist was anderes.

Unity ist nicht mal ein wirklich schlechtes Spiel – immer wieder hat es mir die Kinnlade zu Boden sinken lassen, wenn es dann doch mal wieder was Cooles brachte wie einen Ausflug auf den Eiffelturm im zweiten Weltkrieg, wo des Nachts über der besetzten Stadt die deutschen Luftschiffe kreisen. Oder die wirklich fantastisch modellierten Gebäude, die man nun auch fast alle betreten kann. „Unity“ ist in vielen Belangen besser als seine direkten Vorgänger und in seinen guten Momenten ein würdiger Nachfolger zu den hervorragenden „Assassins Creed II“ und „Brotherhood“. Ich hatte Spaß mit dem Spiel und habe mich lange im Paris der 1790er Jahre bewegt. In der Summe aber kann ich es nicht verzeihen, dass Ubisoft hier keine epochale Geschichte erzählt, sondern lediglich seelenlos Gamemechaniken und schöne Assets aufeinander wirft. Das MUSS beim nächsten Teil endlich anders werden, vor allem die Gegenwartsstory als Rahmenhandlung muss endlich zurückkehren, ansonsten ist aus dem Assassinengedöns wirklich die Luft raus.

 
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Verfasst von - 29. Dezember 2014 in Ganz Kurz

 

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