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Motorradreise 2014 (7): Ein Lied von Eis und Käse

03 Jan

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Am siebten Tag gibt es Stühle aus Käse, einen Traum aus Eis und das Motorrad wird zur Schwarmkönigin.

Donnerstag, 12. Juni 2014, Savona, Provinz Savona, Italien

Wieder mache ich nur kurz die Augen zu, und nach gefühlt nur einigen Sekunden klingelt schon wieder der Wecker. Ich schiele mit einem Auge unter der Bettdecke hervor. Sechs Uhr. Hilft alles nichts, die heutige Tour ist so lang, dass ich wirklich früh los muss.

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Fast das gesamte Erdgeschoss des Hotels San Marco in Savona wird von einem Frühstücksraum aus weißem Marmor eingenommen. Dort gibt es ein großes Buffet und eine Caffétheke, hinter der ein Barrista herumwirbelt. Neben dem typischen Kuchen und Zwieback gibt es auch Brot und Schinken, aber ich bleibe bei der süßen Variante, einem Joghurt und einem doppelten Caffé. Ich bin der einzige Gast um diese Uhrzeit, und erst als ich schon die Koffer zum Motorrad trage, sind aus den anderen Hotelzimmern vereinzelt Wecker und die Geräusche von aus dem Bett fallenden Menschen zu hören.

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Die Kawasaki parkt in einem abgeschlossenen Hinterhof am Ende der Straße. Von diesem Parkplatz mit seinen beschränkten Dimensionen und dem tiefen Schotter wegzukommen erfordert ein wenig Planung. Ich schiebe die Kawasaki zuerst rückwärts, bis mir die Stiefel im Schotter wegrutschen und es nicht mehr weitergeht. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn mit dem Gepäckträger bummse ich an die Mauer des engen Hofes und verursache dadurch einen Kratzer im pulverbeschichteten Metall. Ich ab jetzt also nicht mehr sagen ich hätte die Reise ohne einen Kratzer überstanden, aber wenn es bei diesem einen bleibt ist das verkraftbar.

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Die Maschine steht nun mit dem Heck an der Hauswand, das Vorderrad deutet direkt auf die Mauer, die den Parkplatz eingrenzt. Jetzt geht es weder vor noch zurück, aber damit war zu rechnen. Ich starte den Motor und und schaukele das Motorrad aus der Kieskuhle unter den Reifen, dann ziehe ich die Vorderradbremse, stütze mich so gut es geht mit den Füßen ab und gebe einmal heftig Gas. Das Hinterrad fasst für einen Moment, dann dreht es durch. Steine spritzen davon, und das Heck der Maschine bricht zur Seite aus. Ich kann die Bewegung kontrollieren und nehme das Gas abrupt wieder weg, als sich die Maschine um 90 Grad gedreht hat. Jetzt steht das Motorrad richtig und zeigt mit der Nase auf das schwere Metalltor, durch das ich jetzt geradeaus fahren kann. Außerhalb des Tores liegen große Steine herum, es gibt lediglich einen schmalen Streifen Asphalt. Auf dem halte ich an und klippe jetzt erst die Koffer und das Topcase an. Die Nummer eben hätte ich voll beladen nicht machen können, mit dem Gewicht des Gepäcks hätte ich die Kiste nicht halten können als das Heck weggerutscht ist.

Durch das Gewirr von Gassen und kleinen Nebenstraßen in Savonas Altstadt führt die Navigation auf eine breite Straße parallel zum Strand. Der weicht nach wenigen Kilometern großen Hafenanlagen. Die Morgensonne fällt auf große Verladekräne und bricht sich im Wasser des Meeres, als ich Savona verlasse und die Küste entlangfahre.

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Die Straße schwingt sich die Berge hinauf, auf deren Klippen Häuser aus dem vorletzten Jahrhundert stolz über das Meer blicken. Nach einer Stunde passiere ich das Ortsschild von Genua. Berufsverkehr in Genua um 08.00 Uhr Morgens ist schon was besonderes. Die Stadt hat fast 600.000 Einwohner, und aus irgendeinem Grund scheint um diese Uhrzeit scheint jeder von seinem Wohnort aus gesehen an das exakt entgegengesetzte Ende der Stadt zu müssen.

Bild von Streetview. Als ich hier unterwegs bin, ist es wesentlich voller.

Bild von Streetview. Als ich hier unterwegs bin, ist es wesentlich voller.

Das trotz des massenhaften Individualverkehrs nicht alles zum Erliegen kommt, ist nur zwei Tatsachen geschuldet: 1. Zwei Drittel der Verkehrsteilnehmer fahren nicht Auto, sondern Motorroller und 2. Alle fahren italienisch.

Ersteres ist selbsterklärend, letzteres bedeutet: Jede Lücke nutzen, Augen und Ohren überall haben, Aufpassen, zügig fahren. Sich nicht auf das Gesetz und die Regeln verlassen, sondern DENKEN und mit allen Sinnen dabei sein. Im Prinzip verhandelt man seinen Weg durch den Verkehr, verhandelt jede Sekunde, mit jedem anderen Teilnehmer, durch beobachten, antizipieren und aufpassen. Das muss man schon können, und bei aller Bescheidenheit: Ich kann das, und LIEBE es sogar so zu fahren. Lediglich die römische Variation bei jeder sich bietenden Gelegenheit spontan neue Fahrspuren aufzumachen irritiert mich stellenweise. Leider haben die Genuesen das adaptiert: Eben fahren noch alle in einer Spur hintereinander her, plötzlich ist man zu viert nebeneinander.

Schon wenige Meter hinter dem Ortsschild ist die Kawasaki, die geradeaus in der Mitte der Straße dahinrollt, links und rechts von kleinen, summenden Vespas umgeben. Wie ein Schwarm umkreisen die leichten Motorroller das Motorrad und wechseln dabei ständig die Position, von links nach rechts, mal ziehen welche vorbei, mal lassen sich andere zurückfallen. Im Gegensatz zu den kleinen Motorrollern ist die Renaissance mit ihren breiten Heckkoffern groß und massig, und ein klein wenig kommt es mir so vor, als wäre sie gerade die Königin, umgeben von einem Schwarm aus kleinen Putzfischen.

Die ZZR schwimmt mit dem Verkehr, um uns herum auf den Motorrollern die unterschiedlichsten Berufs- und Menschengruppen. Im Vergleich zum Autofahren, wo man sich aktuell am Liebsten hinter „Tinted Privacy Glas“ (dem neuesten Schrei bei Neuwagen) versteckt ist Rollerfahren geradezu Exhibitionismus. Hier sitzt jemand mit der Uniform eines Portiers, daneben jemand im vornehmen Anzug und teuren Lederslippern. Junge Männer in Sandalen, Shorts und T-Shirt fahren neben schlanken Frauen mit durchgedrücktem Rücken, freien Schultern und „Hello Kitty“-Helmen. Ein Carabiniere in voller Uniform und mit Maschinenpistole am Gürtel überholt einen Koch in weißer Küchenkleidung und so weiter.

Die morgendliche Fahrt durch Genua ist für mich fast so spannend wie vor zwei Jahren, als ich aus den Bergen in die Stadt hineinsteuerte und es zu einem Flirtrennen mit einer Rollerfahrerin kam.

Die Hochstraße Sopraleva  Aldo Moro. vor dem Verkehrsinfarkt rettender Bypass und gleichzeitig Schandfleck der Stadt.

Die Hochstraße Sopraleva Aldo Moro. vor dem Verkehrsinfarkt rettender Bypass und gleichzeitig Schandfleck der Stadt.

Genua ist lang. Über 30 Kilometer zieht sich die Stadt in dem schmalen Gürtel zwischen dem Meer und den ligurischen Bergen hin, und sie zu durchqueren dauert ewig. Ein Großteil von Genua gleicht einem zu Beton erstarrten Behemoth, dreckig und hässlich. Über eine Stunde geht es allein durch Industriegebiete und Fischereihäfen, vorbei an Kreuzfahrtterminals und über die Hochstraße (Sopraelevata) „Alda Moro“ , die die Altstadt vor dem Verkehrskollaps gerettet hat, dafür aber eine ästhetische Zumutung ist.

Wieder mal bin ich froh das Navi am Motorrad zu haben, dass mich präzise und mit rechtzeitigen Ansagen durch den Verkehr lotst, auf den ich mich dadurch ganz konzentrieren kann. Außerdem warnt es mich, denn auch im Stadtverkehr wird geblitzt, und unter der Hochbrücke, so zeigt das Motorrad an, liegen Induktionsschleifen zur Geschwindigkeitsmessung über einen Streckenabschnitt hinweg.

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Genua ist auch eine alte Stadt. Manche Gebäude und Straßenzüge standen schon so vor 600 Jahren, als Christoph Columbus hier geboren wurde. Vor 20 Jahren noch stand in einem Reiseführer, dass die Innenstadt von Genua schmutzig und dunkel sei, nach Urin rieche und man nicht allein in den Gassen unterwegs sein sollte. Das hat sich mittlerweile geändert, im Zuge des „Columbusjahres“ 1992 wurde der Hafen komplett neu gestaltet und die Innenstadt vom Schmutz befreit. Den neuen Hafen hat übrigens Renzo Piano designt, ein Architekt, auf dessen Arbeiten ich auf meinen Reisen ständig stoße, als würde er mich verfolgen. Dennoch: Das Alter der Stadt merkt man an vielen Ecken. An etlichen Stellen war z.B. kein Platz für Kreisel. Deshalb gibt es für italienische Verhältnisse recht viele Ampeln, und Ampeln können Italiener so gut wie wir Deutsche Kreisel: Gar nicht. Die Ampeln in Genua sind da keine Ausnahme. Sie sind unabsichtlich als halbrote Welle geschaltet, und die Umlaufzeiten sind stets viel zu lang. Als ich endlich das Ortsausgangsschild von Genua passiere bin ich schon fast in Recco.

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Recco, dass ist der Ort mit der gigantischen Eisenbahnbrücke, die wie ein Fremdkörper durch die Neustadt und über Gebäude hinweg führt. Irgendwie verschlägt es mich immer wieder hier hin. Ich war schon zwei Mal hier, aber nie habe ich es geschafft das berühmte Brot zu probieren das hier erfunden wurde: Focaccia.

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Dieses Mal klappt es: Die Geschäfte haben offen, und jetzt kaufe ich endlich ein Stück Focaccia. Das ist so eine Art Blechbrot, eine ligurische Spezialität, und in Recco gibt es angeblich die beste der Welt. Auch wenn dem so ist: Nach einer Verkostung stelle ich fest, dass ich wohl nie ein Fan davon werde. Als ich selbst mal Focaccia gemacht habe, kam etwas knochenhartes und krümeliges dabei raus. Ich hatte das auf meine zweifelhaften Backkünste geschoben, aber dem war wohl nicht so, denn auch das beste Focaccia der Welt ist krümelig und recht geschmacklos. Egal, jetzt kann ich wenigstens sagen, dass ich Focaccia dort probiert habe, wo sie herkommt. Und sie trotzdem nicht leiden kann.

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Sports Bar: Ein schneller Caffé...

Sports Bar: Ein schneller Caffé…

...und der Toilettenschlüssel mit dem zweitgrößzen Anhänger, den ich je gesehen habe.

…und der Toilettenschlüssel mit dem zweitgrößten Anhänger, den ich je gesehen habe.

Weiter geht es, an der Küste entlang nach Süden. Wenn nach schönen Küstenstraßen in Italien gefragt wird fällt ja immer reflexhaft der Name „Amalfiküste“. Die liegt bei Sorrento, südlich von Neapel, und die Steilküste gilt als eine der schönsten der Welt. Sie ist tatsächlich beeindruckend, aber die Küstenstraße, die sich an ihr entlangzieht, beeindruckt nur in ihrer Gräßlichkeit und grassierenden Wahnsinn: Der Verkehr ist so dicht und die Straße so absurd schmal, das zu manchen Uhrzeiten eine Einbahnstraßenregelung gilt. Und selbst dann wird man alle Nase lang von anderen Verkehrsteilnhemern bedrängt und selbst von Bussen in halsbrecherischen Manövern überholt. Am Ende des Tages ist man froh wenn man den adrenalingeladenen Irrsin heil überstanden hat.

Ganz anders die ligurische Riviera, an der ich gerade entlang cruise: Die Straße ist breit, gut ausgebaut und angenehm kurvig ohne Unübersichtlich zu werden, die Verkehrsdichte ist niedrig und die Schauwerte sind mehr als gegeben. Im steten Wechsel fährt man mal am Wasser entlang oder folgt den Berghängen in die Höhen hinauf, von wo es Ortschaften und Meer von oben zu sehen gibt. Die Berge fallen schroff ins Meer ab, und die Straße klebt an ihnen dran, was manchmal zu seltsamen Anblicken führt, z.B. wenn man plötzlich auf Augenhöhe und gerade mal 10 Meter entfernt an einer Kirchturmspitze vorbeifährt.

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Die Straße windet sich in endlosen Kurven zahlreiche viele Orte, denen ihr einstige Größe noch anzusehen ist. Die Küstenregion ist nur ein schmales Band vor den hoch aufragenden Bergen, die vor den kalten Winden des Inlands schützen. Die ligurische Küste hat warmes, an manchen Stellen fast tropisches Klima. Das merkten um 1875 auch zuerst Engländer und Russen, dann das restliche Europa. Wer es sich leisten konnte, reiste im Spätherbst nach Ligurien und kam erst im Frühjahr wieder. Für die feinen Herrschaften wurde viel gebaut, und so kommt es, dass noch heute viele Gebäude und Bauten hier herumstehen, die aussehen, als wären sie direkt aus dem viktorianischen London hierher gebeamt worden: Schmiedeeiserne Tore, säulenbewehrte Häuser und grazile Wintergartenkonstruktionen aus Stahl und Glas zeugen von dem einstigen Luxus. Heute ist vieles nicht so gepflegt wie es sein müsste. Die salzige Luft setzt der Farbe der Häuser schnell zu, und ohne ständige Pflege wirkt alles ein wenig heruntergekommen. Beautiful Decay, frei übersetzt „Romantischer Verfall“, nennt man diese Wirkung.

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Ich habe eine Route über Moneglia geplant. Dort bin ich vor zwei Jahren einen absurd engen und langen und uralten Tunnel gefahren. Nach fast 6 Kilometern in einer gerade mal drei Meter breiten und unbeleuchteten Röhre und mit fast 100 Stundenkilometern hatte ich das Gefühl, dass die Wände auf mich zukommen. Das muss ich unbedingt nochmal wiederholen. Diesmal ist das allerdings nicht so spektakulär, zumal der Tunnel jetzt vollständig beleuchtet ist und vor mir ein verzagter Autofahrer die meiste Zeit nur gerade mal 50 statt der erlaubten 60 km/h fährt. Die Einheimischen fahren hier wesentlich schneller, zwischen 80 und 100, was bei der schmalen Röhre, wenn die Wände dicht an einem vorbeirasen, gefühlt etwa 160 entspricht.

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Von Moneglia aus geht es in die Berge. Die Straße führt in engen Serpentinen die Hänge hinauf, und in kürzester Zeit klettert die Renaissance vom Niveau des Meerespiegels auf über 400 Meter Höhe. Von dort oben gibt es dann Ausblick hinab in die Dörfer, die in den Schluchten zum Meer hin kleben.

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Ich fahre durch grüne Wälder und über eine Strecke die so perfekt kurvig ist als wäre sie für Motorräder geschaffen worden. In solchen besonders schönen Momenten des Motorradfahrens ist alles harmonisch, alles kommt zusammen. Ich bin eins mit Motorrad und Straße und glaube spüren zu können, wie die Maschine und die Straße im Einkling schwingen und gemeinsam das Lied des Asphalts singen.

Die Straße ist wirklich perfekt. Das nutzt auch ein Schwarm frisierter Mofas aus, die an mir vorbei ziehen als ich am Rand der Straße ein paar Fotos mache. Obwohl die Renaissance sicher 10 Mal stärker ist als die kleinen Maschinchen, schaffe ich es nicht sie zu überholen, so halsbrecherisch heizen sie durch die Kurven ihrer Hausstrecke. Lokalchampions, ganz klar. Im Video weiter unten kann man ihre Fahrweise bewundern.

Kleines Rennen mit einem Mopedfahrer. Obwohl die Renaissance vermutlich 10 Mal stärker ist, komme ich diesem geschickten Fahrer auf seiner Hausstecke nicht hinterher.

Kleines Rennen mit einem Mopedfahrer. Obwohl die Renaissance vermutlich 10 Mal stärker ist, komme ich diesem geschickten Fahrer auf seiner Hausstrecke nicht hinterher.

Die Strecke lässt sich super fahren, allerdings bedeuten die vielen Kurven auch: Das Fahren kostet Kraft, außerdem geht es kaum vorwärts. Wirklich Kilometer kann man hier nicht machen, und deswegen ist diese Etappe der Reise auch so lang. Aber egal, ich mag die Berge hier, und habe Freude daran über den Asphalt zu gleiten.

Hier oben in den Bergen liegt Carrodano, ein kleiner Ort mit einer besonderen Bedeutung. Carrodano war meine erste Begegnung mit Italien, 2010. Hier, im Hotel „Al ponte Antico“ habe ich die erste Nacht auf italienischem Boden verbracht. Das war der Startpunkt für eine Reise, an deren Ende ich mich in das Land verliebt hatte.

Von Carrodano aus ist es ein Katzensprung bis zum Ort Levanto. Seit hundert Jahren wetteifern in dem isolierten Küstenörtchen drei Familien darum, wer das beste Eis herstellt. Das Ergebnis dieses Wettstreits sind qualitativ so hochwertige Eissorten, wie man sie selbst in Italien nur selten findet. Ich parke die Renaissance auf der Strandpromenade und gehe die wenigen Stufen zur Gelateria „Il Porticcoli“, dem „Kleinen Hafen“ hinab, wo ich mir ein großes Eis aus Frutta di Bosco, Walderdbeere und „Baci Bianci“, „Weißer Kuss“, eine Art weiße Schokolade mit Nocciola, gönne.

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Nach kurzer Pause geht es dann weiter. In der Zwischenzeit habe ich mal das Wetter am Zielort gecheckt. Ich habe richtig Geld ausgegeben für eine ordentlich Wetterapp, die nahezu immer zu 100 Prozent richtig liegt. Was die jetzt zeigt, gefällt mir gar nicht. Ich stelle deshalb die geplante Route um und steuere als nächstes nicht das Tagesziel an, sondern fahre stattdessen von Levanto aus wieder hinter die Bergkette, um von dort aus Richtung Süden zu steuern. Auch diese Strecke kenne ich schon, allerdings war mir neu, dass hier jetzt Geschwindigkeitsbegrenzungsfanatiker das Ruder übernommen haben. Die Straße ist 10 Meter breit, übersichtlich und es gibt nur sehr wenig Verkehr. Eine Straße, auf der man ohne Bedenken 100 km/h fahren könnte. Früher ging das auch. Jetzt ist nur noch Tempo 30 erlaubt, was einigermaßen albern ist. Ich komme mir doof vor, mitten im Nirgendwo so langsam zu fahren. Das ist, als hätte jemand eine Autobahn zur Spielstraße erklärt und mit Begrenzung auf Schrittgeschwindigkeit versehen.

Später geht es aus den Bergen heraus und vorbei an dem Ferienzentrum La Spezia, an der Küste mit den endlosen Ferienanlagen entlang bis ins langweilige Viareggio. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung bis in die Schwemmlandebene um Lucca. Kurz darauf sehe ich über einem Ort plötzlich einen gigantischen Dombau, daneben einen schiefen Turm. Ich muss lächeln. Pisa lockt, aber die Stadt besuche ich nur in ungeraden Jahren. Hinter Pisa beginnt eine karge, aber wunderschöne Kulturlandschaft. Die Hügel sind höher, aber genauso geschwungen wie in der Crete hinter Siena, deren Landschaft immer als DIE Toskana wahrgenommen wird. In Gold- und Gelbtönen liegt alles da, das erste Sommergetreide wurde hier schon geerntet. Umgeben von Orten mit so schönen Namen wie Laura und Luciana liegt Fauglia.

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Hier stellt die Familie Busti seit 1955 Pecorino, den italienischen Schafskäse, her. Obwohl Busti immer noch ein kleines Familienunternehmen ist, sind die so gut, dass man ihren Käse mittlerweile sogar in Deutschland kaufen kann. Ein Gutteil des neuen Fabrikgebäudes war sehr lange eine Baustelle, und auch im vergangenen Jahr war der Hofverkauf noch in einer alten Baracke weiter die Straße runter untergebracht. Jetzt hat das neue Geschäft geöffnet, und es ist riesig und nobel. Neben Pecorino gibt es hier auch Lebensmittelspezialitäten und Wein aus der Region.

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Ich kaufe meinen Lieblingskäse, den kräftigen Roncino, der strohbedeckt in einer Höhle in der Garfagna reift, dazu eine Wildschweinsalami der Metzgerei Forlani aus Grewe, einen Rotwein aus dem Chianti und das Beste überhaupt: Mostarda Arancia Piccante, Orangenmarmelade mit Senf. Da hinein tunkt man Pecorinostücke und isst den Käse dann so. Hört sich komisch an, schmeckt aber himmlisch: Herber Käse mit süß-scharfem Orangengelee.

Nach dem Bezahlen verabschiede ich mich mit „Und schöne Grüße an Enzo und Dotorressa Lara!“. Die freundliche Kassenkraft lacht und fragt, woher ich die beiden kenne. Ich erzähle, das mich vor zwei Jahren Verkaufsleiter Enzo und die Dottoressa durch die neue Fabrik geführt und mir gezeigt haben, wie Pecorino hergestellt wird. Vania, so heißt die Verkäuferin, lacht und fragt, ob sie die beiden anrufen soll, aber ich will lieber weiter. Aber da habe ich die Rechnung ohne Vania gemacht. „Du musst unbedingt sehen was wir noch alles gemacht haben!“, ruft sie und umrundet den Tresen. „Hier entlang!“

Ich folge ihr eine Treppe hinab und stehe in einem kühlen Reifekeller, nobel ausgestattet mit Verkostungstischen. In Regalen, die die Wände säumen, liegen Käselaibe, von der Decke hängen ganze Hinterschinken. „Das ist unsere Höhle, La Grotta!“, sagt Vania stolz. „ich dachte immer, eure Grotta sei in der Garfagna“, sage ich irritiert. „Dummchen! Die Garfagnahöhle ist für die Reifung des Höhlenkäses. Das hier ist die Grotta für Gäste!“

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Ich bin amtlich beeindruckt, aber es wird noch besser. Im ersten Stock des Gebäudes findet sich ein großes Restaurant, ausgestattet mit Echtholzmöbel und kombiniert mit modernen Glasflächen. Es gibt eine Bar, Buffettische und sogar einen großen Steinofen für Pizza. Durch einen Durchbruch kann man in das darunterliegende Ladengeschäft im Erdgeschoss hinabblicken.

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Das ist alles nagelneu, Top-Notch mit einer ordentlichen Portion WOW, aber offensichtlich noch nie benutzt worden. „Wann geht das in Betrieb?“, frage ich. „Oh, in ein paar Monaten. Vielleicht. Dann zunächst nur für Feiern und vielleicht Samstags oder so“, sagt Vania. „In Ordnung, dann komme ich nächstes Jahr an einem Samstag wieder, sage ich und verabschiede mich.

Eine Stunde südlich von Pisa liegt an der Küste der Ort San Vincenzo. Am Ortsrand, neben dem Industriegebiet, stehen vier oder fünf Häuser im Kreis um einen großen Schotterplatz. Eines davon trägt den Namen „I Papaveri“, „Die Mohnblumen“.

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Im Video sieht man den Tag bis hierher, inkl. des Mofarennens.

„I Papaveri“ ist das Haus von Signore Franca, und als ich vom Motorrad steige, höre ich bereits wie mein Vorname gerufen wird. Signor Franca kommt mir entgegen, streckt die Arme in die Luft und freut sich ganz offensichtlich. Nach einem festen Händedruck geleitet er mich in sein Kellerbüro. Ich bin von seinem emotionalen Freundlichkeitsausbruch überrascht. Signore Franca ist ein älterer Herr mit geradezu aristokratischer Haltung und einem Hang zu Überkorrektheit, aber er freut sich gerade ganz ehrlich mich zu sehen. Wie es mir geht und wie die Reise war? Gut gut, und selbst? „Ach“, sagt Signore Franca, „die Wirtschaftskrise ist immer noch zu merken, so wenige Gäste…“

Nach der Erledigung der Formalitäten führt er mich zur Conchiglia, der Muschel. So heißt das Appartement im ersten Stock der Papaveri, und hier war ich im vergangenen Jahr schon einmal, aber nur für viel zu kurze drei Tage. Die Wohnung besteht aus einem fast 30 Quadrameter großen Wohnraum mit voll ausgestatteter Einbauküche, einem großen Bad, und einem kleinen Flur, der das große Schlafzimmer anbindet. Die Conchiglia hat zwei Balkone und sehr gutes Internet, und alles ist neu und sehr wertig ausgestattet. Zudem ist alles perfekt arrangiert – jede Kleinigkeit ist sorgsam durchdacht und liegt am dafür vorgesehenen Platz. Ich liebe diese Wohnung, von derer vorderer Terasse man das Meer und die Insel Elba sehen kann. Beim Duschen blickt man über Kornfelder.

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Signore Franca lächelt, als er sieht wie ich mich freue wieder hier zu sein, und zieht sich zurück. Ich seufze glücklich. Ein ganzes Jahr habe ich von diesem Ort geträumt. Jetzt bin ich wieder hier. Obwohl so abgelegen, dass von der Massentourismuspartymeile in San Vincenzo nichts mitzukriegen ist, bietet die Umgebung von I Papaveri die perfekte Infrastruktur: Tankstelle, Supermarkt, Strand – alles da.

Nachdem ich die Koffer in der Ferienwohnung ausgepackt habe, schwinge ich mich wieder auf´s Motorrad und fahre ans Meer. Ich muss jede Minute auskosten. Ich habe ein Jahr lang von San Vincenzo und dem Herumgammeln am Strand des nahegelegenen Castagneto Carducci geträumt. Die letzten Wochen habe ich den Wetterbericht verfolgt – das Wetter war immer blendend. Aber jetzt, wo ich hier bin, zeigt die Wetterapp ab Übermorgen Weltuntergang an. Nicht nur ein wenig Regen oder schlechtes Wetter, sondern Weltuntergang. Also koste ich jede Minute am Strand aus, kaufe später am Abend im Supermarkt ein und mache es mir dann in der Conchiglia mit Wein, Peccorino und Wildschweinsalami gemütlich. Soll doch draußen die Welt untergehen. In den letzen beiden Tagen bin ich quasi einmal rund ums Mittelmeer gefahren, die Pause habe ich mir verdient.

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Tour von heute: Von Savona nach San Vincenzo, 310 Kilometer, sieben Stunden reine Fahrzeit.

Tour von heute: Von Savona nach San Vincenzo, 310 Kilometer, sieben Stunden reine Fahrzeit.

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Die ganze Reise:

 
6 Kommentare

Verfasst von - 3. Januar 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

6 Antworten zu “Motorradreise 2014 (7): Ein Lied von Eis und Käse

  1. Die Wunderbare Welt des Wissens

    3. Januar 2015 at 14:21

    Der Käsehocker ist wundervoll.

    Aber etwas anderes verpöne ich. Ahnen Sie, was?

    Schreiben Sie bitte 100 mal: Ich soll keinen Reisebericht ohne Wieselfotos machen!

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  2. zimtapfel

    3. Januar 2015 at 15:38

    Nun waren Sie schon zum zweiten Mal bei dieser vielgerühmten Pecorinoschmiede, ohne mir etwas mitzubringen. Das verpöne ich, nein, das prangere ich an!
    (Auch Wildschweinsalami wird durchaus gern genommen…)

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  3. Leandrah

    3. Januar 2015 at 18:58

    so nah an Elba und nicht da…. unverzeihlich. Focaccia oder Tomatenbrot wie es bei Petrocelli genannt wird kann eine Delkatesse sein…. In Berlin am Winterfeldplatz…

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  4. Silencer

    4. Januar 2015 at 15:06

    WdW: aber, aber…. Direkt unter dem Käsestuhl ist doch das Wiesel?! Ich kann den Tag auch gar nicht rausnehmen, sonst fühlt sich das Wiesel gekränkt….

    Zimt: nichtmal ich könnte mir was mitbringen. Bei der Hitze lässt sich nix transportieren…

    Leandrah: noch ein Grund nach Berlin zu kommen 🙂

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  5. Die Wunderbare Welt des Wissens

    4. Januar 2015 at 18:17

    Oh, das war mir entgangen. Ich nehme daher alles zurück und behaupte das Gegenteil.

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  6. Rufus

    9. Januar 2015 at 21:35

    Toilettenschlüssel hatte ich bei mir noch nie – muss ich mir gleich notieren 😉

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