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Motorradreise 2014 (8): Die Teufelsbrücke

10 Jan

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Am achten Tag wird einer Sage nachgegangen.

Freitag, 13. Juni 2014, San Vincenzo, etruskische Riviera, Italien

Die Fürstin befahl den Bau der Brücke, und der Baumeister machte sich ans Werk. Ein Jahr ging ins Land. Der Termin der Fertigstellung rückte immer näher, aber die Brücke war nur zur Hälfte fertig. Immer wieder schwemmte der Fluss die Fundamente für das letzte Stück hinfort. Der Baumeister war der Verzweifelung nahe. Da trat ein Fremder an ihn heran. Er war großgewachsen und gut gekleidet und lächelte stets. Er bot dem Baumeister einen Handel an: In nur einer Nacht sollte die Brücke fertig werden. Im Gegenzug sollte die erste Seele, die sie querte, ihm gehören. Denn der Fremde war der Teufel in Person. In seiner Verzweifelung und aus Furcht um sein Leben willigte der Baumeister ein. In der Nacht plagte ihn aber schon sein Gewissen. Was, wenn ein unschuldiges Kind die Brücke als erstes querte? War es recht, eine unsterbliche Seele zu ewigen Höllenqualen zu verdammen, nur um eines Bauwerks willen? Er schmiedete einen Plan.
Am nächsten Morgen trat er früh ans Ufer des Flusses. Der Teufel hatte Wort gehalten, die Brücke war, wenn auch von seltsamer Gestalt, so doch fertiggestellt. Der Baumeister griff in seinen Umhang und zog ein kleines Schwein heraus und setzte es an den Fuß der Brücke. Es lief auf die andere Seite zu, und als es in der Mitte des Brücke angelangt war, erhob sich ein geflügelter Schatten und packte es. Der Teufel hielt für einen Moment inne, als er merkte was vor sich ging. Betrogen um eine menschliche Seele brüllte er vor Zorn auf. Aber der Pakt war erfüllt: Eine Brücke für eine Seele. Der Schrei des Teufels hallte an den Talwänden wieder, als er das Schwein packte und mit ihm im Wasser des Flusses verschwand. Seither hat er sich in der Gegend nie wieder blicken lassen.

Hatte ich gesagt, dass ich in San Vincenzo Pause mache? Nun, eigentlich stimmt das – der Plan war, hier rumzulungern, lange auszuschlafen, den Tag über am Strand abzuhängen und gelegentlich mal einen Ausflug zu machen. Dafür hatte ich mir satte 5 Tage habe ich mir hier Auszeit genommen. Aber nun, da ab Morgen hier wettertechnisch die Welt untergehen wird, bleibt mir für mein kleines Programm sehr viel weniger Zeit. Also heisst es ein Opfer bringen und doch wieder früh aufstehen.

Einen Instantkaffee später düst die Renaissance bereits über Landstraßen Richtung Norden. Ich kenne die Gegend hier mittlerweile gut, und nach einer Stunde bin ich in Pisa. Leider ist hier Stau, wohl ganz normal im morgendlichen Berufsverkehr. Der ist auch immer noch, als ich eine weitere Stunde später in Lucca eintreffe. Hier ist alles dicker verstopft als die Arterien von Rainer Calmund, nur in Schrittgeschwindigkeit geht es voran. Es ist erst kurz vor Neun, aber mit 30 Grad schon wieder abartig warm. Besser wird es erst, als ich den Ort hinter mir lassen kann und in die Berge fahre. Nach einem Tunnel bin ich im Garfagnatal, hier ist es kühler und Menschenleer. Kein Auto begegnet mir für die nächste halbe Stunde.

Borgo a Mozzano ist von San Vincenzo aus rund 130 Kilometer entfernt.

Borgo a Mozzano ist von San Vincenzo aus rund 130 Kilometer entfernt.

Mich hat es in die abgelegene Region verschlagen, weil ich einer alten Sage nachgehen möchte. Sagen sind faszinierend: Im Gegensatz zu Märchen, die komplett erfunden sind, verbinden Sagen eine fantastische Erzählung mit etwas Realem, etwa einer Person, einem Ort oder einem Gegenstand. Italien ist voller solcher Geschichten und Mythen, und eine Idee der diesjährigen Motorradreise ist es, den Sagen hinterher zu spüren. Daran hatte ich 2012 schon viel Spaß, als ich die italienische Version der Legende vom Schwert im Stein und dem Schurken mit den abgebissenenen Händen besucht habe.

30 Kilometer flussaufwärts liegt der Ort Borgo a Mozzano, und hier steht ein absonderliches Bauwerk. Ich kann es schon von Weitem sehen, und ziehe das Motorrad auf einen Parkplatz am Rande der Straße. Das ist sie also, die Ponte della Maddalena, besser bekannt als Ponte del Diavolo, die Teufelsbrücke.

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Die Legende, die sich um sie rankt, ist nicht mal besonders originell. Eine Seele für ein Bauwerk, die Geschichte gibt es oft. Es ist schnell zu sehen warum das Bauwerk hier im wahrsten Sinne des Wortes sagenhaft ist und sehr schnell den Ruf hatte, ein Werk des Teufels zu sein: Es ist asymmetrisch. Im Mittelalter, als die Brücke gebaut wurde, beherrschte der kirchliche Aberglauben die Welt. Symmetrie galt als Ausdruck himmlischer Würdigung, alles unsymmetrische war das Werk des Teufels. Die Brücke von Borgo a Mozzano könnte unsymmetrischer nicht sein: Ein Drittel des Flusses wird von einem einzigen, riesigen Bogen überspannt.

18 Meter hoch und 40 Meter lang ist er und wirkt so fragil, dass es wie ein Wunder scheint, dass er überhaupt hält – ganz abgesehen davon, dass er schon 900 Jahre hier steht. Den Dorfbewohnern war die bizarre Konstruktion so suspekt, dass sie immer neue Ausreden fanden um einen weiten Umweg über eine andere Brücke stromabwärts zu machen. Dem Wiesel ist nichts suspekt, es aalt sich auf der Brücke in der Sonne und hält dann Ausschau, ob es irgendwo im Wasser noch ein Schwein sehen kann.

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Dann mache ich mich zurück auf den Weg nach San Vincenzo. Der ist kaum besser als die Hinfahrt, wieder ist in Lucca ein dicker Stau, diesmal allerdings bedingt durch einen Unfall. Trotzdem stehe ich wieder stundenlang in der prallen Sonne. Als ich wieder in I Papaveri angekommen bin, falle ich erstmal auf´s Bett und schlafe eine Stunde.

Nur ein kurzes Nickerchen...

Nur ein kurzes Nickerchen…

...dann geht es an den Strand.

…dann geht es an den Strand.

Dann packe ich meine Sachen und verfrachte mich an den Strand von Castagneto Carducci. Das Motorrad hat dabei übrigens nur Topcase und einen Koffer eingeklinkt. Ins Topcase kommt der Helm, in den Koffer die Jacke und alles andere. Dadurch habe ich an wertvollen Dingen nur noch den Schlüssel zum Topcase dabei, und der lässt sich in der Badehose verstauen. Ja, erhöhter logistischer Aufwand, wenn man allein und dazu als Motorradfahrer an den Strand will. Wobei an DIESEM Strand vermutlich niemand was klauen würde. Es sind fast ausnahmslos italienische, deutsche und schweizerische Familien hier, die alle gegenseitig auf ihr Kram achten.

Am Strand sind ständig afrikanische Händler unterwegs und bieten Sonnenbrillen,  Uhren und anderen Tand an. In der Mittagshitze machen sie ein Schläfchen im Schatten der alten Festung.

Am Strand sind ständig afrikanische Händler unterwegs und bieten Sonnenbrillen, Uhren und anderen Tand an. In der Mittagshitze machen sie ein Schläfchen im Schatten der alten Festung.

Ich breite das Badelaken aus und ziehe die Schuhe aus. Wow, der Kies ist aber ganz schön heiß. Ob der Sand dahinten vielleicht kühler ist? Ich bin keine sechs Schritte in Richtung des Sandabschnitts gekommen, als meine Füße mir mitteilen WIE heiss es wirklich ist. Ich sprinte zurück zum Badelaken, aber es ist zu spät: Ich habe mir die Fußsohlen verbrannt. Fluchend ziehe ich die Schuhe wieder an und verlege mein Lager ganz dicht an die Wasserlinie. Und selbst die kurze Distanz bis ins Meer muss ich dann hüpfen, um bloss nicht zu lange in Kontakt mit dem glühend heißen Boden zu kommen. Den Rest des Nachmittags verbringe ich zu gleichen Teilen im Wasser und an Land, bis ich nach 3 Stunden beschließe, dass es jetzt reicht und mehr Sonne auch gar nicht gut wäre – Sunblocker hin oder her.

Rathaus von San Vincenzo.

Rathaus von San Vincenzo.

Irritierend: Warum gibt es hier eine Straße mit dem Namen Pfarrkirchen?

Irritierend: Warum gibt es hier eine Straße mit dem Namen Pfarrkirchen?

Ich schwinge mich wieder auf´s Motorrad, fahre aber nicht nach Süden, zurück zu I Papaveri, sondern nach Norden. In den Bergen hinter Livorno liegt La Piccionaia, eine wunderbare Osteria, in der ich seit 2010 jedes Jahr ein Mal gegessen habe. La Piccionaia, der Taubenschlag, hat einen Pizzabäcker, Carlo, der eine Zeit in Berlin gelebt hat und mit dem ich in den vergangenen zwei Jahren interessante Gespräche hatte.

Als ich das Restaurant betrete geht es hier nicht zu wie im Taubenschlag. Im Gegenteil: Ich bin der einzige Gast. Nicht gut, zumal dies ein Freitag Abend ist. Die Bedienung nimmt mich in Empfang und führt mich zu einem Tisch auf der Terasse. „Gibt es heute Pizza?“, frage ich. „Nein, Nein“, sagt die Bedienung und bricht in einen schnellen Wortschwall aus, in dem ich nur „Carlo“ und „weg“ verstehe. Nach mehrmaligen Nachfragen ist klar: Carlo arbeitet hier nicht mehr. Er hatte im vergangenen Jahr schon gesagt, dass die Wirtschaftskrise auch das La Piccionaia schwer getroffen hat, und er nie wüsste, ob er man ihn im nächsten Monat noch bezahlen könne.

Nicht viel los. Die Wirtschaftskrise wütet immer noch, auch wenn Deutschland das ignoriert.

Nicht viel los. Die Wirtschaftskrise wütet immer noch, auch wenn Deutschland das ignoriert.

Ich bin ein wenig traurig, was die Bedienung als Enttäuschung über fehlende Pizza interpretiert. Ich bestelle eine Flasche Wasser, Crostina Misti della Casa (verschiedene Belegte Röstbrotscheiben), als Primo Pasta mit blabla Pulpa, was sich als Tomatensauce mit Muscheln entpuppt, und ein Bistecca di Manzo (Rumpsteak) mit Röstkartoffeln.

Das Steak ist gigantisch, bestimmt um die 400 Gramm, und als ich nicht alles schaffe, fange ich mir tadelnde Blicke von der Besitzerin ein.

Als ich zahle sage ich: „Für mich ist das Piccionaia was ganz besonderes. Ein Mal in jedem Jahr, seit 5 Jahren…“ „Jaja, ich weiß“, unterbricht mich die Frau. „Sie wissen?!“, frage ich erstaunt. „Klar. So ein schlechtes Gedächtnis habe ich nicht. Du kommst einmal im Jahr hier rein und willst Pizza bestellen. Klar kenne ich dich!“

Ich bin Baff und komme mir albern vor. „Ja, wobei die Pizza nicht das wichtige ist. Für mich ist dieser Ort wichtig, und es war immer nett ein paar Worte mit Carlo wechseln zu können.“ „Ja, er spricht ein wenig deutsch“, sagt die Bedinung. „Er spricht Tres Bien deutsch“, sage ich. „Das war jetzt aber französisch, oder?“, sagt die Bedienung tadelnd. „Sorry, ich war gerade in Frankreich, und in meinem Kopf gehen noch französische und italienische Worte durcheinander“, sage ich. Das stimmt auch, ich gebe in den letzten Tagen ein wirres Mix von mir, das schon so manchen Italiener den Kopf hat schütteln lassen.

Motorrad auf der Bergstraße vor dem „Picconaia“.

Ich verabschiede mich mit „Bis nächstes Jahr“ und hoffe, dass in einem Jahr das Restaurant noch existiert. Scheiß Wirtschaftskrise. Scheiß Finanzmarkt.
Es ist schon dunkel, und ich kurve die Berge hinab bis in die Hafenstadt Livorno und von dort zurück nach San Vincenzo. Die Strecke führt am Meer entlang, und ist im Stadtgebiet in dieser Freitag Nacht eine einzige Partymeile. Mehrfach muss ich die Renaissance um Betrunkene herumziehen, die auf die Straße torkeln.

Das folgende Video zeigt die Strecke von den Bergen hinter Livorno, durch die Stadt an der Prachtmeile mit den bizarren Burghäusern vorbei nach San Vincenzo. Unspannend, wenn man nicht auf den First-Person-View von der Motorradnase steht.

Als ich wieder in I Papaveri ankomme ist es kurz vor Mitternacht, und meine Stimmung immer noch leicht gedrückt.

Zweite Strecke des Tages: Von San Vincenzo in die Berge, dann durch Livorno und wieder zurück. Rund 130 Kilometer.

Zweite Strecke des Tages: Von San Vincenzo in die Berge, dann durch Livorno und wieder zurück. Rund 130 Kilometer.

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Die ganze Reise:

 
4 Kommentare

Verfasst von - 10. Januar 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

4 Antworten zu “Motorradreise 2014 (8): Die Teufelsbrücke

  1. zimtapfel

    10. Januar 2015 at 04:45

    Na, mit der Bildauswahl haben Sie diese Woche aber dem Gequengel einer gewissen Dame nachgegeben, oder? 😉

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  2. Die Wunderbare Welt des Wissens

    10. Januar 2015 at 15:21

    *Belehrungszeigefinger* Das ist kein Gequengel, die Statuten der WWF, deren stolzes Mitglied mit der laufenden Nummer 2 oder 3 ich bin – das haben wir nicht ausdiskutiert – verpflichten mich dazu *Belehrungszeigefinger runter*

    Jedenfalls: Hachz! Das Wiesel gibt Küsschen ❤
    Wunderschöne Brücke.

    Das mit Carlo ist traurig. Es ist **** ungerecht, welche Auswirkungen die Krise noch immer hat, während es den üblichen Verdächtigen längst wieder blendend geht.

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  3. Silencer

    10. Januar 2015 at 18:18

    Das war jetzt in der Tat Zufall. Mal hat das Wiesel viel Lust auf Rumspielen und fotografiert werden, mal macht es einen Tag alleine was oder lässt sich einfach nicht blicken.

    Ud solange die Belehrungen zum Wohle der Wieseligkeit sind, sind sie angebracht.

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  4. Die Wunderbare Welt des Wissens

    10. Januar 2015 at 18:52

    „Zum Wohle der Wieseligkeit“ ist schließlich das Mission Statement der WWF 😀

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