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Rückschritt

19 Jan

Gerade mal wieder einen Haufen Prospekte entsorgt. Früher lagen die in der Tageszeitung oder dem örtlichen Werbeblättchen, aber seit ein paar Jahren bietet auch die Post den Service der Werbezustellung an. Unter dem Titel „Einkauf aktuell“ stopft einem der Briefträger Werbeprospekte in den Briefkasten, alle eingeschweißt in Folie, wie seinerzeit die YPS-Hefte.

Dieses Plastikgelumpe ärgert mich. Dabei waren wir mal viel weiter! Ich kann mich dran erinnern, dass ich Mitte der 90er auf Konfirmandenfreizeit in Südtirol war. In den dortigen Läden war ich ziemlich erstaunt. Um viele Waren war eine Folienumverpackung, und was mich besonders faszinierte: Dort gab es Plastikeinwegflaschen. Die waren allgegenwärtig. Das kannte ich von zu Hause nicht. Ich war mit dem klassischen Pfandystem mit Getränkekisten mit Glas-Mehrwegflaschen großgeworden. Wollteste Limo, Mineralwasser oder Bier trinken, mussteste Kästen schleppen, so einfach war das. Für die schnelle Cola zwischendurch gab es mal eine Dose, aber das war selten. Und in Norditalien? Alles voller Plastikflaschen, überall. Und Plastiktüten, denn die gab es auch überall umsonst. In Deutschland kosteten die 30 Pfennig, deshalb nahm man zum Einkaufen immer einen eigenen Beutel mit.

Ich erklärte mir das damals damit, dass Deutschland halt viel weiter sei. Italien würde irgendwann auch auf eine Zivilisationsstufe mit uns kommen, und dann würde man dort auch Kästen schleppen. Dachte ich. Und heute, 20 Jahre später? Heute sind unsere Werbeprospekte folienverpackt, Briefumschläge und Versandverpackungen immer öfter aus Kunststoff, in Drogerien, Baumärkten und vielen anderen Geschäften sind die Plastiktüten umsonst und sogar einzelne Kaffeeportionen sind in Alukapseln abgepackt. Lebensmittel wie Gurken, die es gar nicht nötig hätten, sind in Folie eingewschweißt. Am allerschlimmsten aber: Die Plastikflasche hat Deutschland zurückerobert, und wie DAS passiert ist, ist echt ein Witz.

Deutschland war immer führend im Mehrwegbereich. Wir kannten Glasflaschen (supi) und Getränkedosen (böse). Dann schlichen sich Mehrwegplastikflaschen ein, die sind angeblich auch umweltfreundlich, dabei aber leichter zu tragen und „unkaputtbar“. Um den Verkauf von Dosen zu reduzieren führte die Politik ein Einwegpfand ein, mit der entsprechenden Auflage für den Handel, Rücknahmesysteme einzurichten. In der Folge verschwanden kurzfristig nahezu alle Getränkedosen aus den Geschäften.

Ziel erreicht, könnte man meinen. Leider galt das Einwegpfand auch für Plastikflaschen, und DAS bekommen wir Deutschen bis heute nicht geparst. Plötzlich ging der Absatz von Einwegflaschen durch die Decke, WEIL da ein Pfand drauf war. Wir sind nämlich groß geworden mit dem Wissen, dass Pfand umweltfreundlich und holen-austtrinken-wieder wegbringen nachhaltig ist, und deshalb haben wir ein gutes Gewissen, wenn wir den Plastikkram kaufen.

Es ist schon paradox: Das Einwegpfand wurde beschlossen, als die Mehrwegquote bei 72 Prozent lag. Eingeführt wurde es, als die Quote auf 60 Prozent gerutscht war. Das Resultat war, das schon 2008, also innerhalb von 5 Jahren, die Mehrwegquote bei alkoholfreien Getränken auf 30%, also gerade die Hälfte, gefallen war.

Ein grandioser Flop, dieses Einwegpfand. Zumindest wenn es um das eigentliche Ziel geht, nämlich den Mehrweganteil zu erhöhen. Stattdessen hat es zu so riesigen Rückschritten geführt, dass wir nun Norditalien vor 20 Jahren sind. Wir kaufen Plastikflaschen und haben unsere Gurken gerne eingeschweißt. Was für ein Scheiß.

 
5 Kommentare

Verfasst von - 19. Januar 2015 in Betrachtung

 

5 Antworten zu “Rückschritt

  1. ckater

    19. Januar 2015 at 12:27

    Ich habe zu den Plastikumverpackungen der Werbewurfsendungen eine Theorie: Leider scheint hier ganz bewusst das Umweltgewissen der Deutschen ausgenutzt werden: Viele haben nämlich in der Nähe ihrer Briefkästen oder zumindest der Wohnungstür einen Altpapiertbehälter stehen. Da kann man dann gefahrlos und mit gutem Gewissen den ganzen Werbemüll (aus Papier) verklappen. Sobald aber ein Stapel Papier in Plastik eingeweißt ist, kann das natürlich nicht mehr in den Papierhaufen tun. Allein dieses kurze Innehalten mit anschließendem Auspacken (damit Plastik und Papier schön sauber getrennt entsorgt werden kann) reicht schon, um dem Stapel mehr Aufmerksamkeit zu geben, als er verdient und ihn als Medium leicht besser zu stellen, als den Rest. Vermutlich verkauft die Post das intern als Unique Selling Point.

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  2. Leandrah

    20. Januar 2015 at 23:14

    soviel ich von meiner Briefträgerin weiß, reißen die Postboten sich nicht darum, das erschwert denen die Arbeit ganz schön. Bei uns gibt es immer noch Häuser die haben keine Briefkästen im Flur, sondern Briefschlitze in den Türen, Das heißt der Postbote muss alle Haustüren abklappern um es dort einzuwerfen wo der Empfänger wohnt. Denn diese Post ist mit Empfänger gekennzeichnet. Also ist die Post verpflichtet, diese aus zutragen.
    Mit den Kaffeekapseln das ist schon fast irre wenn man bedenkt das sie nicht nur Müll verursachen sondern zudem im Gegensatz zu einem normalen Kaffeepaket das 10fache kosten.
    Meine Einkaufsmärkte haben zu Weihnachten Nüsse in großen Sisalsäcken lose gehabt zum selbst abfüllen, natürlich in die Plastiktüten von der Rolle. Um nicht jede Nusssorte extra einzutüten habe ich weil gleicher Preis es in eine verpackt. Ärger an der Kasse.

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  3. Silencer

    21. Januar 2015 at 09:50

    Modnerd: Klingt plausibel.

    Leandrah: Der Kafffeeirrsinn will mir auch so gar nicht in den Kopf. Und das mit den Nüssen ist… peinlich für den Markt. Dabei kann es nicht mal um Warenhaltung gehen.

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  4. Leandrah

    21. Januar 2015 at 13:43

    angeblich geht es um die Erfassung der unterschiedlichen Warennummern

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  5. Silencer

    22. Januar 2015 at 16:47

    Hm, tja.

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