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Motorradreise 2014 (10): Nutelleria

24 Jan

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Am zwölften Tag geht es endlich wieder auf die Straße, ich begegne einem vegetarischen Jagdzwerg und das Internet bekommt Schnappatmung.

Dienstag, 17. Juni 2014, San Vincenzo, etruskische Riviera, Italien

Der Mülleimer des Appartements ist rausgebracht, die Küchenecke ist geputzt und die Koffer hängen am Motorrad. Ich bin bereit für die Abreise. In genau diesem Moment kommt Signore Eusebi auf den Parkplatz vor I Papaveri gefahren. Perfektes Timing, so kann ich ihm den Schlüssel übergeben und dann gleich starten. „Und vielleicht“, sage ich zum Abschied, „a prossima volta“, bis zum nächsten Mal. „Wir sind immer hier, und Du bist hier immer willkommen“, sagt der alte Mann und lächelt freundlich. Dann mache ich mich bereit zum Start, muss aber den Helm nochmal absetzen und von der Kawasaki klettern, weil Franca, die Dame des Hauses auf mich zugestürmt kommt. „Einfach so abhauen ohne Tschüss zu sagen, das geht aber nicht!“, schimpft sie scherzhaft und haucht mir Küßchen auf die Wange. „Und jetzt geht´s zurück nach Deutschland, ja?“, fragt sie. „Noch nicht“, antworte ich. „Na, wenn Du wieder in Germania bist, grüß mir die Mer-ke-le“. Ich verdrehe die Augen und sie lacht sich kaputt, dann hebt sie die Hände auf halbe Brusthöhe und macht mikroskopische Winkbewegungen „Musst ja nur ein bisschen grüßen“, sagt sie, kichert wie ein Schulmädchen und reißt dann die Arme hoch, um mir richtig nachzuwinken, als ich vom Hof fahre.

Es geht nach Süden, immer auf der Schnellstraße entlang. Die ist langweilig, außerdem muss man hier wirklich auf die Geschwindigkeit achten – hier sind viele Touristen unterwegs, und auch wenn ich keine Blitzer sehen kann, es sind bestimmt welche da. Aber hey, immerhin bin ich endlich wieder auf der Straße. Die wetterbedingte Auszeit die letzten Tage war gut, aber ich bin froh, das unter mir wieder der Asphalt dahinsaust. Ich will wieder was sehen! Davon lasse ich mich auch nicht von meinem Magen abhalten Magen, der ein einziger Klumpen ist und dafür sorgt das mir schlecht ist. Selbst schuld, warum musste ich auch gestern Abend versuchen den gesamten übrigen Käse auf einmal aufzufressen. Soviel fetten Pecorino verträgt kein Magen.

In Grossetto, einer Stadt südöstlich von San Vincenzo, suche ich mir einen Parkplatz.

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Grossetto ist eine große Stadt, die ich mit Industrie assoziiert und deshalb bislang gemieden hatte. Umso erstaunter bin ich, dass sie in einer intakten Stadtmauer eine wunderbare kleine Altstadt beherbergt.

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Der Dom ist aus rosafarbenen Marmor, sowas habe ich auch noch nicht gesehen. Ebenfalls zum ersten Mal sehe ich eine eine Nutelleria, und als ich ein Bild davon Twittere, bekommt das Internet kollektive Schnappatmung.

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Nach einem Caffé in einer Bar geht es weiter nach Osten, weg von der Küste und hinein ins Landesinnere. Um kurz vor halb 12 komme ich in Tuscania an, einer kleinen Stadt mit einer gewaltigen Festungsmauer. Da bin ich letztes Jahr dran vorbeigefahren und war so beeindruckt, dass ich es mir jetzt unbedingt ansehen muss.

Vorher wäre noch eine Runde tanken angebracht, aber das erweist sich als unmöglich. Zwei der vier in der Datenbank des Navis enthaltenen Tankstellen sind rein imaginär und existieren in Wirklichkeit nicht, eine Essotankstelle ist so schief in den Berg gebaut, dass man über Megasteile und schmale Rampen hinauffahren muss, was ich mit dem beladenen Motorrad nicht ausprobieren will, und die vierte Tankstelle ist am Straßenrand hinter einem Kreisel, hat einen halben Meter hohen Bordstein und wird vom überfordertsten Benzinaio der Welt bedient. Oder eben gerade nicht, irgendwie läuft der Mann die meiste Zeit verwirrt um seine Zapfsäulen herum und geht nicht seiner eigentlichen Aufgabe nach.

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Merkwürdiges Standbild am Parkplatz vor der Stadt. Man beachte die Schuhe. Sind das vielleicht rituelle Opfergaben?

Merkwürdiges Standbild am Parkplatz vor der Stadt. Man beachte die Schuhe. Sind das vielleicht rituelle Opfergaben?

Dann wird halt nicht getankt, ist auch noch nicht wirklich nötig. Ich parke außerhalb der Stadtmauer und erkunde Tuscania, dass sich als erstaunlich winzig und verschlafen erweist. Innerhalb der Stadtmauern entdecke ich überhaupt nichts interessantes, es gibt einfach gar nichts zu sehen. Das Fehlen jeglicher Schauwerte ist an sich faszinierend: Hier wohnen Menschen in einem Jahrhunderte alten Monument und gehen einfach so ihrem Alltag nach. Mittelalterliche Bausubstanz und Anforderungen eines Alltags, der von Internet und Individualverkehr geprägt ist, arrangieren sich hier auf seltsam normale Art und Weise. Aber heute steht mir nicht der Sinn nach solchen Metabetrachtungen, und ich empfinde Tuskania schlicht als öde.

Plötzlich zupft mich was am Ärmel. Ein Junge steht vor mir, vielleicht acht Jahre alt. „Willst du was von unserem Flohmarkt kaufen?“, fragt er und deutet mit dem Finger auf eine Bank in der nähe, neben der ein gleichaltriger Junge steht und schüchtern guckt. Auf der Bank liegt allerlei Plastikspielzeug. „Tut mir leid“, sage ich auf italienisch, „Ich spreche kein italienisch“.

Der Junge sieht mich an, dann sagt er laut und langsam auf italienisch „KAU-FEN!“ „Wenn ich kein italienisch spreche weiß ich auch nicht was KAU-FEN heisst. Und wenn ich nicht weiß was kaufen bedeutet kann ich auch nichts kaufen“, sage ich auf italienisch. Der Junge überlegt einen Moment, dann sagt er „Stimmt!“, dreht sich um und läuft weg.

Von Außen toll, Innen langweilig: Tuskania.

Von Außen toll, Innen langweilig: Tuskania.

Ich setze meinen Weg fort, erst zu Fuß, dann wieder mit dem Motorrad. Unterwegs versuche ich noch viermal zu tanken, aber es ist immer das gleiche Spiel: An zwei Tankstellen ist das Benzin aus, und alle haben Mittagspause. Benzin bekommt man nur gegen Vorauszahlung am Automaten, der aber keine Kreditkarte akzeptiert (habe ich schon erwähnt wie ich nationale Debitkarten HASSE?! Ja, dazu gehörst auch du, eklige EC-Karte!). Die Alternative wäre Zahlung mit Banknoten, aber dabei ist die Abnahme dann nur für 20 oder 50 Euro möglich, und beides ist zu viel, soviel passt nicht in den Tank der Renaissance. Tankstellen in Italien sind ECHT Mist.

Heute ist eh nicht mein Tag, und auch das Fahren ist kein pures Vergnügen. Die Straßen im oberen Latium, der Region nördlich von Rom, sind unfassbar kaputt. Die Landstraßen führen über dichte bewaldete Hügel. Harte Winter, extreme Sommersonne, Baumwurzeln, schwere LKW und schlechte Flicken haben die Straße in etwas verwandelt, dass das Motorrad und mich so durchschüttelt, dass ich immer wieder in den Rückspiegel schaue um zu prüfen, ob sich die Koffer noch am Heck befinden oder sich schon abvibriert haben.

Als die Straße mal wieder etwas besser ist, gebe ich in einer langgestreckten Kurve Gas – und plötzlich rutscht das Hinterrad weg. Das Heck des Motorrads bricht aus, und die Maschine gerät in starke Seitenlage. Dann greift der Reifen plötzlich wieder und die Kiste fährt normal weiter. Keine Ahnung was das war, aber der Schreck fährt mir gehörig in die Glieder, und die nächsten Minuten halte ich die Augen doppelt offen. Einen Unfall in dieser abgelegen Region braucht niemand. Das ist ein kleiner Nachteil am reisen allein. Wenn man krank wird oder unterwegs was passiert, ist man auf sich oder die Hilfe von Fremden angewiesen. Ist man zu zweit oder zu mehreren unterwegs, sind Notfälle einfacher zu handhaben.

Immer weiter geht es durch die Wälder. Gestern Abend habe ich mir noch mit Alex Roe geschrieben. Alex wohnt in Mailand und bloggt auf „Italy Chronicles“ Nachrichten, Hintergründe und Wissenswertes über Italien. Ich unterstütze die Chronicles finanziell, musste Alex aber leider mitteilen, dass ich ihn auf Twitter entfolgen musste weil er zeitweise in Spammassen Bilder retweetet und das einfach zu viel ist. Ironischerweise waren bei der letzten Ladung ein Dutzend Bilder einer Stadt dabei, die mich sehr beeindruckt hat, und zu der ich mich jetzt spontan aufgemacht habe. Auf einem Berghang thronend überblickt Calcata grüne Felsentäler. Danke, Alex!

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Viel zu sehen gibt es im Inneren der Stadt nicht, am imposantesten ist noch der Blick von einem Wanderweg oberhalb der Altstadt. Entlang dieses Wegs stehen vereinzelte Häuser, und anscheinend besteht der Berg aus leicht bearbeitbarem Tuffstein. Die Hauseigentümer haben sich Lagerräume und Garagen in den Berg gewühlt, und manchmal das Aushöhlen etwas übertrieben: Durch Einbrüche im Hang kann ich immer wieder in die Keller und Garagen der Leute sehen.

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Im Westen haben sich dunkle Wolken zusammengeballt und Donnergrollen ist zu hören. Das überrascht mich nicht, für heute Nachmittag zeigt die Wetterapp schon wieder Weltuntergang für mein Reiseziel.

Dunkle Wolken drohen.

Dunkle Wolken drohen.

Ich steuere darauf zu und versuche unterwegs zu tanken. Das erweist sich schon wieder als unmöglich, eine Tankstelle hat kein Benzin mehr, sondern nur noch Diesel, eine andere hat gleich ganz geschlossen, wegen „Technischer Probleme“, wie ein verschmierter Zettel an einer Zapfsäule informiert.

Mittlerweile ist es nach 15 Uhr, aber die Tankstellen in dieser Region laufen immer noch im Automatenbetrieb. Geöffnet haben die nur als sozialer Treffpunkt, anders ist nicht zu erklären, dass an einer großen Tampoil-Station zwar drei Tankwartinnen, Benzinaia, eifrig tratschen, aber keine Kundschaft bedienen. Egal, das Motorrad ist mittlerweile so leer, dass ich 20 Euro in die Zapfsäule schiebe. NUn passieren gleich zwei Wunder: 1. Funktioniert die Geldannahme, 2. Passt tatsächlich alles, bis auf den letzten Tropfen, gerade so in den Tank. Der Liter Sprit kostet hier übrigens 1,76. Das sind 20 Cent weniger als 2012, wo man in Italien auf den normalen Spritpreis 10 Cent als Hilfe für Erdbebenopfer aufgeschlagen hatte. Zum Vergleich: In Deutschland zahlt man im Juni 2014 1,56 Euro pro Liter.

Weiter geht es nach Amelia, einem kleinen Ort in der Nähe von Terni in Umbrien. Auch diesen Ort hatte ich im vergangenen Jahr links liegen lassen und will ihn mir jetzt ansehen.

Tor von Amelia.

Tor von Amelia.

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Die Altstadt besteht aus schmalen Gassen, die sich in den Berg hinaufziehen. Das hier Autos fahren dürfen, tut der Stadt nicht gut, ist aber letztlich auch egal: Amelia ist tot. an jedem Haus hängt ein „Zu verkaufen“ Schild, in jedem zweiten der wenigen Läden eines mit der Aufschrift „Gechäftsaufgabe“.

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Die Wirtschaftskrise treibt hier Blüten die schwer nach Landflucht aussehen. Umbrien ist eh wirtschaftlich schwach, aber Amelia hat es extrem getroffen. Das hier ist der Nährboden, auf dem Ideen wie die von Claudio wachsen.

Claudio betreibt den Hof seiner Familie hier in der Nähe, und er glaubt fest daran, dass wir durch das marode Finanzsystem weg von Banken und auf lokale Tauschökonomien zusteuern.
Ich klettere durch die Gassen von Amelia den Berg hinauf, drehe aber eine Viertelstunde vor dem Dom, der den krönt, um. Das Wetter ist kurz davor zuzuschlagen, dass ist deutlich zu sehen. Schwarze Wolken und Donnergrollen ziehen auf Amelia zu, und so sehe ich zu, dass ich schleunigst vom Berg runter und zurück zum Motorrad komme.

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Ich gebe der Renaissance die Sporen und jage die Maschine über die Landstraße nach Westen. Das Navi brauche ich nicht, den Weg zu Piana delle Selve, dem Hof von Claudio, kenne ich noch auswendig. Erste Regentropfen klopfen auf meinen Helm, als ich noch drei Kilometer vom Agriturismo entfernt bin. Ich ducke mich auf´s Motorrad und fahre noch schneller, und tatsächlich schaffe ich es vor dem Regen zu der versteckten Auffahrt zum Bauernhof. Sie ist steil und ungeteert, Sand und Schotter, und ich hatte im vergangenen Jahr schon gedacht: Gut, dass ich DAS DING nie fahren muss, wenn es vom Regen durchweicht ist. Nun, wenn der Wetterbericht recht hat, habe ich dieses zweifelhafte Vergnügen in den nächsten Tagen.

Aber für jetzt habe ich es geschafft, und als ich das Haupthaus von Piana delle Selve betrete, kommt mir schon eine junge Frau entgegen. Die will eigentlich gerade los, versorgt mich aber dennoch mit Wasser und zeigt mir mein Zimmer. Dann fragt sie noch was, das ich absolut nicht verstehe und selbst nach drei Anläufen plus Pantomime weiss ich nicht, was sie von mir will. Schließlich gibt sie auf, sagt „Moment“ und eilt davon. Augenblicke später kommt Claudio um die Ecke, wie immer zottelbärtig und mit Rastas, mit denen der stämmige, kleine Mann wie ein Zwerg aus dem „Herrn der Ringe“ wirkt.
Claudio ist verwirrt – er hatte gedacht ich käme mit dem Zug in Orte an und hat jemanden dorthin geschickt um mich abzuholen. Keine Ahnung wie er darauf gekommen ist, wundern tut es mich aber nicht – Claudio ist ein wenig verpeilt. Aber er sieht besser aus als im vergangenen Jahr. „Jaja“, sagt der Mann, der früher als Bühnenbildner bis nach Japan gereist ist, „ich habe auch 20 Kilo abgenommen. Ich bin jetzt Vegetarier, auch wenn ich immer noch der Jäger und Fleischer von Piana delle Selve bin!“

Ich fahre die Renaissance unter der große Vordach. Keine Sekunde zu spät, denn in dem Moment geht ein unfassbarer Wolkenbruch los. Der Regen ist so dicht, dass kaum noch die nächsten Weinberge zu sehen sind.

Gastraum von Piana delle Selve.

Gastraum von Piana delle Selve.

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Ich lege mich auf´s Bett und höre dem Regen zu, dann fange ich schonmal an Tagebuch zu schreiben.

Für heute habe ich nichts mehr zu tun und will und kann auch nirgendwo hin. Piana delle Selve ist total abgelegen, Internet gibt es nicht, Mobilempfang auch nicht. Aber es gibt was viel wichtigeres: Nette Leute und eine Osteria im Erdgeschoß, in der die Frauen des Hofes hervorragendes Essen zaubern. Alles wird immer frisch gekocht, aus dem was der Hof hergibt. Es gibt keine Karte, und gerade bei den Secondi, den Fleichschgerichten, kann ich nur raten was das sein will. Heute ist es ein gemischter Vorspeisenteller mit scharfen Gurkenscheiben, Salami, Spinattarte und Salat. Danach Ravioli mit Ricottafüllung, Rippchen mit Speck und schließlich ein Muffin, der aber nur Hülle ist und innen ganz aus geschmolzener Schokolade besteht. Dazu gibt es den Rotwein vom Hof, danach selbstgemachten Grappa und Caffé. Ich bin nicht der einzige Gast auf Piana delle Selve, am Nebentisch sitzen 3 Japaner und unterhalten sich auf japanisch. Einer kann anscheinend italienisch.

Als ich gegen halb elf auf mein Zimmer zurückkehre, vollgefressen und gemästet, prasselt draußen immer noch der Regen nieder als wolle er nie wieder aufhören.

Tour des Tages: Von San Vincenzo in der Westtoskana über Grossetto und Tuscania bis nach Amelia in Umbrien.

Tour des Tages: Von San Vincenzo in der Westtoskana über Grossetto und Tuscania bis nach Amelia in Umbrien.

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Die ganze Reise:

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 24. Januar 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

Eine Antwort zu “Motorradreise 2014 (10): Nutelleria

  1. Die Wunderbare Welt des Wissens

    25. Januar 2015 at 00:05

    Wiesel ❤

    Ach, und das Essen klingt soo lecker.

    Gefällt mir

     

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