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Motorradreise 2014 (13): Der eiserne Baron

14 Feb

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Am 15. Tag wird der Sage vom Eisernen Baron nachgespürt.

Freitag, 20. Juni 2014, Siena, Toskana

„Wenn der Baron hoch zu Ross durch die Weinberge ritt, beugten die Bauern ihre Rücken noch tiefer und arbeiteten noch schneller. Niemand wagte es ihn direkt anzusehen. Aber selbst wenn die Bauern sich die Hände blutig arbeiteten, für den Baron war das nicht genug. Der hochgewachsene Mann mit den stechenden Augen forderte immer noch mehr, mehr Leistung, mehr Anstrengung, mehr Präzision.

Nach seinem Tod wurde sein Körper in einen Sarg gebettet. Vier Männer aus dem Dorf sollten ihn aus der Kapelle des Schlosses zum Friedhof tragen. Aber so sehr sie sich auch mühten, sie schafften es nicht den Sarg auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Dann kam der Priester und murmelte jene lateinischen Worte, die nur die Toten wirklich verstehen. „Versucht es noch einmal, jetzt ist der Sarg ohne Gewicht“, sagte der Geistliche, und tatsächlich, jetzt konnten die Männer den Sarg davontragen.

Kurze Zeit später begab es sich, dass in Vollmondnächten in den Häusern der Bauern Geschirr zerbrach. Unheimliche Winde rüttelten an den Fensterläden. Und eine hochgewachsene Gestalt, gehüllt in einen schwarzen Mantel, ritt durch die Weinberge. Hoch zu Ross, gefolgt von einer Meute Jagdhunde, blickte der eiserne Baron mit glühenden Augen auf die, denen er begegnete. Und so ist es bis heute.“

Die Kawasaki rollt voll bepackt durch das Tor des Hotels Porta Romana. Das Haus mit seinem Zimmerchen und dem guten Frühstück im Garten war OK, aber um Klassen vom Casa Brescia entfernt – und das, obwohl die Nacht im Casa nur die Hälfte von dem kostet, was das Hotel gerne habe möchte.

Ich habe keinen Plan was ich an diesem Tag machen soll – in meiner ansonsten ziemlich detaillierten Reiseplanung steht nur „Erkundung“ und „Siena“. Nun, Erkundung heißt soviel wie durch die Gegend fahren, was mit Koffern aber weitaus weniger Spaß macht als unbeladen. Ich beschließe daher, dass ich den Tag mit der Jagd nach einem Mythos begehen werde: Dem eisernen Baron. Dessen Geschichte erzählt man sich in den Dörfern nördlich von Siena.

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Ich fahre nach Norden, wo die Toskana bergig und grün wird. Schnell bleiben die goldgelben Felder um Siena hinter mir, und es geht über kurvige Straßen ins östliche Chianti. Es st recht warm an diesem Morgen, um die 26 Grad und sonnig, und so kann es meinetwegen auch bleiben. Der Regen hat mich von der Westküste an hartnäckig verfolgt, eine Pause vom schlechten Wetter wäre nett.

Nach 40 Kilometern komme ich in Brolio an. Brolio kennt man in Deutschland nur als Name für billiges Bratenöl, aber das hat überhaupt nichts mit dem kleinen Ort zu tun, der praktisch immer noch der Familie Ricasoli gehört. Der Ort besteht nur aus ein paar wenigen Häusern und einem großen Neubau mit frisch geschotterten, großen Parkplätzen in der Ortsmitte. Dieses Gebäude beherbergt eine moderne Enothek sowie riesige Bürohallen und ist nobel eingerichtet, Stein und Holz und Glas soweit das Auge reicht, unglaublich edles Ambiente. Hier residiert immer noch die Familie Ricasoli, und offensichtlich geht es dem Familienunternehmen sehr gut.

Die Enotheca neben dem Bürogebäude.

Die Enotheca neben dem Bürogebäude.

Mittendrin im Bürogebäud steht, in einem seltsamen Gegensatz zu den Glaswänden drum herum, steht ein mittelalterlich anmutender Tisch, eine große Tafel mit einem halben Dutzend Weingläsern an jedem Platz. Hier verkostet der Vorstand des Unternehmens, vermute ich, als mich die Empfangsdame schon wieder herauskomplimentiert. In das Bürogebäude habe ich mich auch nur verlaufen, was mich WIRKLICH interessiert ist das alte Castello oben auf dem Berg, der den Ort überblickt.

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Der Anstieg ist steil und führt über einen Weg aus grauen Steinen, die unregelmäßig hier und dort aus dem Boden stehen und von einer grauen Mauer begrenzt werden. Das Grau der Umgebung wirkt unwirklich und unheimlich. In so einer Umgebung achtet man mehr auf das, was um einen rum passiert. Mir fällt auf wie still es hier ist. Viel ruhiger als weiter unten am Berg, als ob sich nicht nur die Menschen, sondern auch die clevereren unter dern Singvögeln von diesem Ort fernhalten würden. Spüren sie, dass dieses Land noch heute dem eisernen Baron gehört?

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Das Wiesel hat keinn Furcht, weder vor Geistern noch vor eisernen Baronen.

Das Wiesel hat keine Furcht, weder vor Geistern noch vor eisernen Baronen.

Der Aufstieg endet an Ehrfurcht einflößenden Mauern.

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Als ich an den Toren des Castells ankomme, bin ich überrascht: Hier befindet sich eine moderne Empfangseinrichtung für Touristen, die bereits von Amerikanern umlagert ist, es gibt einen mehrsprachigen Stab von Mitarbeiterinnen und sogar geführte Touren! Aber nicht durchs Castell, sondern „nur“ durchs das Museum, dass lediglich aus vier Räumen besteht. Hört sich nach nicht viel an, aber ich bin neugierig und äußere den Wunsch, an einer Tour teilzunehmen. „In welcher Sprache?“, werde ich gefragt. Ich zähle meine Wunschreihenfolge auf, bei der englisch an erster Stelle steht, bekomme aber bei „Tedesco“ gleich gesagt: „DAS können wir auch, und zwar gut!“

Das stimmt auch. Ich bekomme eine Führerin ganz für mich allein, weil ich der einzige Deutsche bin. Claudia ist Schweizerin und spricht hervorragend deutsch, und es ist ein Vergnügen ihr zuzuhören. Sie entführt mich zurück in die Zeit und zeigt mir äußerst beeindruckende Dinge. Die Familie Ricasoli siedelte sich vor 900 Jahren hier an, das Gut in Brolio ist das älteste Weingut in Italien.

Die Familie stieg auf, in ihren besten Zeiten finanzierte sie u.a. das Fort des Malteserordens auf Malta. Dann kam der Fall, und als Bettino Ricasoli 1827 mit nur 18 Jahren die Familiengeschäfte übernahm, waren die Ricasoli kurz vor dem Bankrott. Der junge Bettino schaffte es in kurzer Zeit das Weingut wieder in ein florierendes Geschäft zu verwandeln. Dann wandte er sich der Politik zu, und wurde mit 39 der Gonfaloniere von Florenz, faktisch das Oberhaupt des Stadtstaates.

Leider darf man im Museum keine Fotos machen. Der erste Raum enthält Waffen aus unterschiedlichen Epochen, aber keine einzige ist vergleichbar mit welchen, die schon bei unzähligen Besuchen anderen in Museen gesehen habe. Diese Waffen hier sind alle war besonderes. Da gibt es Archbustiere von der Waffenmacherei Aquasante, zwei von nur sechs erhaltenen Waffen dieser mittelalterlichen Präzisionsgewehre. Da gibt es Pistolen mit aufklappbarem Lauf, die nicht zum Töten dienten; vielmehr wurde in den lauf eine Zigarre eingelegt, Schießpulver eingefüllt und abgedrückt – brannte die Zigarre, war das Schießpulver noch gut. Eine Art martialischer Schießpulverprüfer also. Es gibt Gewehre mit Bajonetten, die so dreizackig und verdreht geschmiedet sind, dass sie Wunden verursachen, die sich nie wieder schließen lassen. Und dann gibt es da noch Schwerter mit Scheiden aus Haifischhaut, die aufgrund ihrer Beschaffenheit das Schwert bei jedem Ziehen schärft. Tatsächlich wird, sagt Claudia, Haifischhaut auch heute noch zum besonders feinen Schmirgeln teurer Geigen benutzt.

Im zweiten Raum geht es um den eisernen Baron, Bettino Ricasoli. Schon das erste Bild zeigt den Mann mit Trikolorenschärpe und strengem Blick. Er sieht seltsam aus: Der Kopf scheint zu groß für den dürren Körper, die Augen liegen tief in den Höhlen, die Wangenknochen treten deutlich hervor. Gegen die wohlgenährten Herren, mit denen er auf anderen Bildern zu sehen ist, wirkt er geradezu wie ein Skelett. Dazu kommt der leichte Silberblick, der zusammen mit den stechenden Augen unheimlich wirkt. Was mir Claudia aber dann erzählt, hat so gar nichts mit dem Monsterbaron aus der Gruselgeschichte zu tun, sondern eher mit einem asketischen Genie, dass Italien entscheidet prägte, und dass in Vergessenheit geriet.

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Bettino Ricasoli musste schon in jungen Jahren den Familienbetrieb übernehmen. Er probierte innovative Methoden im Weinbau aus und war besessen davon, den perfekten Wein zu finden. Er gründete die erste Zeitung Italiens, La Nazione (um seine Meinung unters Volk zu bringen). Er baute Schulen, um dem Volk Lesen beizubringen (damit es seine Meinung auch mitbekam). Er war einer der Gründerväter des vereinten Italiens. Schon mal was von der Gründung der USA gehört? Die Gründung Italiens war spannender, inklusive olitischer Intrigen, der Einmischung der Kirche und marodierender Söldnertruppen, und Ricasole mischte auf der politischen Ebene kräftig mit. Jede Stadt in Italien hat eine Via Cavour, nach Cavour, dem ersten Ministerpräsidenten des geeinten Italiens. Als der überraschend starb, wurde Ricasoli Ministerpräsident. Er war Zeitgenosse Vittorio Emanuele II, aber mit diesem oft nicht einer Meinung. Ricasoli zeigte sich sogar respektlos, als er den König auf Castello Brolio ohne Kopfbedeckung und zu Pferd begrüßte, was den so verärgerte, dass er nicht im Schloß übernachten wollte – sagt eine Theorie, eine andere sagt, dass der König die Nacht lieber bei einer Geliebten in Siena verbringen wollte.

Gründungsväter des vereinten Italien. Rechts: Bettino Ricasoli.

Gründungsväter des vereinten Italien. Rechts: Bettino Ricasoli.

Ricasoli prägte Italien, und die Toskana in besonderem Maße. Die revolutionierte er nicht nur durch neue Weinanbaumethoden, die er aus Frankreich mitbrachte, sondern auch durch den Bau des Eisenbahnetzes. Als er sich, nach Querelen mit dem Vatikan, aus der Politik zurückzog, widmete er sich auf Schloß Brolio der Kunst und Wissenschaft. Er zeichnete gerne und gut und war sehr selbstkritisch – es gibt Bilder von ihm mit dem Vermerk „Nicht gut genug zur Ausstellung“ versehen wurden.

Seine asketische Lebensweise, seine Selbstdisziplin und seine Ausdauer, gepaart mit wissenschaftlicher Präzision brachten ihm den Spitznamen „eiserner Baron“ ein. Bei einem solchen Mann ehrgeizigen und willensstarken Mann ist anzunehmen, dass er die Härte gegen sich selbst auch im Umgang mit anderen forderte – daher sein Spitzname und die Legende, dass er über seinen Tod hinaus Leistung von seinen Untergebenen verlangen würde. Seine Erfolge brachten die Neider auf den Plan, die ihm böses andichteten – so wurden aus der ehrfurchtsvollen Bezeichnung, die „Eiserner Baron“ gewesen war, eine böse Sagengestalt. Die Legende des schwarzen Barons, der bei Vollmond über sein Gut streift, hält sich übrigens sehr hartnäckig. Die meisten der Älteren in Brolio behaupten angeblich ihm begegnet zu sein. Im Jahr 1965 schrieb sogar ein Journalist über eine angebliche Begegnung mit dem Geist, aber seit den 70ern hat die Zahl der Sichtungen des eisernen Barons abgenommen.

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Das ist vielleicht auch eine Folge des Marketings der Familie Ricasoli, die sich bemüht, die Errungenschaften des Barons darzustellen. Neben seinen geschäftlichen, politischen und künstlerischen Erfolgen war Ricasoli bekannt für seine wissenschaftliche Akribie was Feldversuche mit Wein anging.

Er widmete seine Zeit der Erschaffung des perfekten Weines, indem er den Mineraliengehalt der Böden analysierte, das Wetter aufzeichnete, Wachstumsraten vermaß, usw. Er wollte eine Formel finden, eine exakte Bauanleitung für den perfekten Wein.

Ein neues Problem kam ihm dazwischen: Die Reblaus. Diese Insekten wurden aus den Kolonien nach Europa eingeschleppt und fraßen Blätter und Wurzeln der Weinstöcke auf, und zwar in einer unfaßbar hohen Geschwindigkeit. Ein Weinberg nach dem nächsten ging ein, nicht nur in der Toskana, sondern überall in Italien und Europa. Es war ein Flächenbrand, dem über kurz oder lang der Wein in Europa zum Opfer fallen würde. Ricasoli experimentierte mit Seidenraupenzucht. Gelang es nicht den Wein zu retten, würde er das Familiengeschäft auf die Produktion von Seide umstellen.

Ich hatte davon gelesen, aber wie schlimm es wirklich aussah, dass habe ich erst auf Brolio gesehen. Der Baron hat 1887 ein Blatt und eine Wurzel eines befallenen Weinstock in eine Konservierungsflüssigkeit eingelegt. Hunderte Maden kleben an durchlöcherten Blättern und Wurzelwerk, der Grad der Zerstörung ist immer noch deutlich sichtbar.

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Der Baron experimentierte mit unterschiedlichsten Giften, Tinkturen und Gasen und kam schließlich zu dem Schluss, dass nichts den italienischen Wein retten konnte. Und er hatte damit recht. Trotzdem, und das ist das bemerkenswerte, fand er DENNOCH eine Lösung.

Bei seinen Experimenten war im nämlich aufgefallen, dass aus den Kolonien importierte Weinstöcke nicht befallen wurden. Diese amerikanischen Weinstöcke lieferten aber nur Trauben in einer Qualität, die Ricasoli als minderwertig erachtete. Seine Lösung: Er pfropfte italienische Weine auf amerikanische Wurzeln auf. Diese Methode verbreite sich, und so wurde der Wein in Italien und Europa gerettet. JEDER Weinstock in Europa, egal wo, ist ein amerikanisch-euopäischer Hybrid, den es ohne Bettino Ricasole nicht geben würde. Diese Leistung des Eisernen Barons ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Wenn man sich sein Lebenswerk so ansieht, und seine Erfolge in Politik, Landentwicklung, Bildung, Kunst und Wissenschaft, kommt man nicht umhin festzustellen, dass Bettino Ricasole auf einer Stufe mit dem anderen, großen Genie der Toskana steht: Leonardo da Vinci.

Seinen perfekten Wein hat er am Ende auch noch gefunden: Sein Rezept wird bis heute angwendet, die Mischung aus 85% Sangiovese und 15 % anderem heisst bis heute Chianti Classico.

Claudia Telefon klingelt. In Italien hört man den Nokia-Klingelton noch erstaunlich häufig, und als sie auflegt sagt sie: „Tut mir leid, ich habe eigentlich nur eine halbe Stunde für die Führung. Da sind wir schon weit drüber weg, aber es macht soviel Spaß dir was zu erzählen!“ – und ich höre gerne zu!

Nachdem wir uns verabschiedet haben, streife ich noch ein wenig über das Gelände des Castellos. Es gibt einen streng symmetrisch angelegten Park, der im krassen Gegensatz zu verwunschenen Ecken mit knorrigen Bäumen und Efeuüberwucherten Felsen steht, die es am anderen Ende des Grundstücks gibt.

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Die Sicht ist fantastisch, und von hier aus kann man sogar Siena sehen. Ricasoli war Gonfaloniere von Florenz, der Kontrahentin von Siena, und Castello Brolio der weiteste Außenposten der Medicistadt. „Wenn sich Florenz räuspert, hustet Brolio“ hieß es früher.

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Die Burg nötig einem Respekt ab. Deutlich ist zu sehen, wie sie mehrfach erweitert wurde. Der Kern aus dem Mittelalter besteht aus den grauen Felsen der Umgebung, die neuen Anbauten sind aus rotem Backstein. In der Fassade sind die Einschläge von Kanonen zu sehen, die letzten stammen aus dem zweiten Weltkrieg. Sie wurden nie repariert und das Gebäude trägt die Beschädigungen mit Stolz und als Mahnung, wie ein Kriegsveteran seine Narben trägt.

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Nachdem ich vom Berg wieder runter bin, fahre ich gen Norden und verbringe den Mittag in Greve in Chianti, wo ich mir die Antica Marcelleria Forlorni ansehe und dann in einem der Weinshops die genialsten Weinzuberhörteile Ever zulege.

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Die Weingenossneschaften im Chianti sind innovativ, sowohl beim Wein als auch beim Zubehör. Dieses Kellnerbesteck hier klappt automatisch auseinander und hat statt einem Messer einen Folienschneider im Schaft, mit dem man in Sekunden die Umhüllung einer Weinflasche entfernen kann. Der Flaschenaufsatz ist eine kleine Vakuumpumpe, mit der man angebrochene Flaschen wieder verschließen kann. Genial!

Nachmittags fahre ich zum Casa Brescia, und diesmal empfängt mich Stefano nicht mit vor´s Gesicht geschlagenen Händen, sondern ausgebreiteten Armen und jede Menge „sorries“. Bei einem Caffé im Garten des Casa erzählt er mir im Schnelldurchlauf die Neuigkeiten des vergangenen Jahres. Natürlich seufzt er und beklagt sich darüber, dass alles zu viel sei – aber es geht ihm wirtschaftlich gut, er hat im vergangenen Jahr 2.500 Gäste beherbergt und dafür einen genial hohen Booking.com-Score von 9.1 eingefahren. Seine Freundin, im letzten Jahr noch schwer vermisst, ist mittlerweile auch in Siena und bewirtschaftet ein neues Haus, das „Villa San Stefano“.

„Soso, heiliger bist Du also auch, hm?“, frage ich, und er verdreht die Augen und seufzt wieder. „Zwei Personen bewirtschaften zwei Häuser, und mittlerweile kommen die Gäste von überall her“, sagt er, mit einem mürrischen Unterton. „Das ist nicht immer gut. Italiener, zum Beispiel, die sind unhöflich. Und Franzosen sind oft schwierig und haben tausend Extrawünsche. Aber am Schlimmsten sind Asiatinnen.“ „Was?“, entfährt es mir. Ich habe die Beobachtung auch schon gemacht, dass an Touristenorten kleine Japanerinnen und Chinesinnen durch Rücksichtslosigkeit auffallen. Für den perfektem Selfie sind die bereit Kniescheiben rauszutreten.

„Ja, Asiatinnen. Im Ernst. Die tun so lieb und nett und nicken und lächeln immer. Aber wenn die Tür zum Zimmer zufällt, stellen die dahinter unvorstellbare Dinge an. Wenn Asiatinnen zu Gast sind, muss ich drei Mal so lange putzen wie nach einem normalen Gast. Überall Haare. Unter Wasser gesetzte Badezimmer. Bettwäsche voller Make-Up. Und überall Müll. Anfang des Jahres hatte ich zwei kleine Japanerinnen hier. Die haben eine Nacht hier verbracht, am nächsten Tag musste ich das Badezimmer renovieren, weil von vom Klopapierhalter bis zum Spiegel alles kaputt war. Am Schlimmsten waren zwei Chinesinnen. Die sind abgereist, und anschließend habe ich in ihrem Zimmer dreißig Prada-Schuhkartons gefunden! DREIßIG!!!Und ich musste die alle entsorgen!“. Stefano seufzt wieder und grummelt vor sich hin, während er sich noch eine Zigarette dreht. Ich lege die Hände hinter den Kopf und lehne mich zurück. Die sonne scheint mir auf´s Gesicht, es riecht nach Siena, und ich freue mich wieder hier zu sein.

Am späten Nachmittag fahre ich in die Stadt. Das Motorrad bleibt, wie immer, an der Sportarena in der Via dei Mille zurück. Mit einem Sack voll Wäsche über der Schulter marschiere ich in die Innenstadt. Bei der Hitze und dem Staub kann man kein Teil zwei Mal anziehen, deshalb muss ich jetzt schon wieder Wäsche waschen. Waschsalons gibt es in Italien nicht oft, aber in Siena gibt es einen in der Gasse neben dem Rathaus. Heute Abend spielt in der Weltmeisterschaft Italien gegen Ecuador Uruguay (korr. n. Anm. v. MdmePdC) COSTA RICA (nochmal korrigiert nach eigener Recherche, was der perfekte Zeitpunkt zum Wäschewaschen ist. Tatsächlich ist der Salon leer, bis auf eine kleine Gruppe amerikanischer Rentner.

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Ich stopfe meine Klamotten in eine Waschmaschine. Waschpulver habe ich in einer kleinen Plastikflasche dabei. Dann wird an einem Münzkasten 3 Euro bezahlt und das entsprechende Programm gewählt.

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Ähnlich funktioniert das mit den Trocknern, die schon ein wenig altersschwach sind. Zunächst lasse ich den Trockner auf der kleinsten Stufe laufen, um die Funktionswäsche aus Polyester nicht zu verbrennen. Das bringt aber weniger als wenn ich versuchen würde die trocken zu pusten. Also eine zweite Runde, diesmal bei „Schranktrocken“. Das bringt den gewünschten Effekt, und nach insgesamt zwei Stunden schlendere ich mit einem Beutel frisch duftender Wäsche durch Siena, gönne mir ein Eis und nehme dann noch eine besondere Spezialität mit: Ricciarelli, mürbes Marzipan nach einem uralten Rezept. Das gibt es so nur in Siena.

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Die Ricciarelli verputze ich am Abend im Casa Brescia. Unter einem Dach aus Weinranken hat Stefano eine Sitzecke eingerichtet. Langsam geht die Sonne unter. Es ist warm und die Grillen zirpen, während ich am Netbook schreibe, Marzipan mümmele und dazu ein Glas Rotwein genieße.

Alles ist so wie es sein muss.

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Die ganze Reise:

 
7 Kommentare

Verfasst von - 14. Februar 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

7 Antworten zu “Motorradreise 2014 (13): Der eiserne Baron

  1. zimtapfel

    14. Februar 2015 at 04:49

    Uruguay, das war Uruguay. Ecuador spielte in einer anderen Gruppe und ist genau wie Italien nicht über die Gruppenphase hinaus gekommen, daher können die beiden gar nicht gegeneinander gespielt haben. Tse.

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  2. Leandrah

    16. Februar 2015 at 14:09

    ich werde den Chianto Classico jetzt mit ganz anderen Augen trinken trinken. In meinem Weinregal befindet sich von den Rotweinen ….Von der Ahr ein trockener Spätburgunder und ansonsten aus dem Hause Lamberti ein trockener Bardolino und Barolo. Jetzt hat eine Freundin am Samstag einen Kalifornischen Wein mitgebracht – Apothic RED . Kann ich nur empfehlen.

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  3. Silencer

    16. Februar 2015 at 16:37

    Danke, Frau Zimt. Ist korrigiert.

    Leandrah: Kalifornischer kann auch lecker sein, trotz Vanillearome und Eichholzchips.

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  4. Silencer

    3. März 2015 at 15:37

    Frau Zimt: Es war Costa Rica, nicht Uruguay.

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  5. zimtapfel

    4. März 2015 at 09:59

    Die Recherche hat aber gedauert!
    Costa Rica kann es in der Tat ebenfalls gewesen sein, denn die waren genau wie Uruguay (und England) Gruppengegner Italiens.
    Da stellt sich nun die Frage, haben Sie Ihre Wäsche am Freitag gewaschen, dann wäre es das vorletzte Gruppenspiel gegen Costa Rica gewesen, oder war der Waschtag am Dienstag, denn da war das finale Gruppenspiel und mithin auch der letzte Auftritt Italiens bei der WM gegen Uruguay. Letzteres war denn auch das Skandalspiel der WM, bei dem Herr Suarez sein Gebiss nicht im Zaum halten konnte. Sprechen Sie mal einen Italiener drauf an…

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  6. Silencer

    4. März 2015 at 10:02

    Das Datum steht ja oben: Freitag, 20.06.
    Bin ich auch nur deswegen drüber gestolpert, weil es am Dienstag den 24. Staatstrauer gab und diese Episode kommt nächste Woche im Reisetagebuch.

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  7. zimtapfel

    4. März 2015 at 10:45

    Aaaaaaah! Gut, ich gestehe, so aufmerksam war ich nicht. Aber natürlich bin ich schon ausgesprochen gespannt auf die Episode.

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