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Motorradreise 2014 (15): Der Geisterfluss

28 Feb

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Am 17. Tag geht es nach Volterra.

Sonntag, 22. Juni 2014, Siena, Toskana

Siena existiert zwei Mal – ein Mal über der Erde, ein Mal darunter. Die Stadt wurde auf drei Hügeln erbaut. Von dort war jeder Feind in weitem Umkreis leicht zu entdecken. Stolz überblickte die Stadt das Land, und sie wuchs schnell. Damit kamen die Probleme, denn Siena lag weit entfernt von natürlichen Seen und Bächen. Das musste jeden Tag mühsam herbeigeschafft werden, und in heißen Sommern litt das Volk Durst. Man bohrte Brunnen, fand aber kein Wasser. Dabei hörte man des Nachts, wenn es ganz still war, ein Gurgeln und Rauschen von Wasser im Untergrund. Das war, so vermutete man, die Diana, der verborgene Fluß unter Siena.

Im Laufe der Jahre wurden viele Versuche unternommen die Diana zu finden. Sogar Zauberer und Wünschelrutengänger wurden von der Stadt bezahlt, aber die Diana blieb verborgen. Schließlich baute man unterirdische Viadukte und Aquädukte, die die einheimischen I Bottini nannten, und die das Wasser in den Bergen sammelten und in die Stadt transportierten. Das Geflecht der Kanäle war dutzende Kilometer lang, eine Stadt unter der Stadt.

Der Bau dauerte drei Jahrhunderte, und die Arbeit war hart. Die Männer unter Tage wurden „Il guerchi“ genannt, die Lichtlosen. Durch Jahre der Arbeit im Dunkeln waren sie blind im Tageslicht. Sie waren die Verdammten, denn in diesen Tagen des Mittelalters wusste man, dass, je tiefer man grub, desto näher war man der Hölle. Die Guerchi waren ihr am Nächsten, und im Dunkeln hörten sie die Diana gluckern und rauschen, ohne sie je zu finden.

Viel später fand der Maler Andrea Brescianino den unterirdischen Fluß, aber noch bevor er sich mitteilen konnte, verschwand er. Ein geheimer Hinweis auf den Zugang zum Fluß hinterließ er in seinem letzten Bild, aber bis heute ist es niemandem gelungen ihn zu entschlüsseln. So ist La Diana nach wie vor unentdeckt. Aber noch immer hört man sie, des Nachts, wenn es still ist in Siena: Diana, den Geisterfluß.
– Aus: Mystery in Tuscany

Ich muss wirklich damit aufhören Stefanos Kuchen zum Frühstück zu essen. Das ist nämlich, wie mit heute Morgen aufgeht, nichts anderes als ein Tortenboden, über den er ein Glas Marmelade ausgekippt hat. Und die kleinen Biscuitrollen, das sind einfach Milka Tender mit zusätzlich Schokoladensoße aus der Tube oben drauf. Das Zeug enthält zusammen so viel Zucker, dass ich davon im Kopf ganz schwindelig werde und später Sodbrennen bekomme.

Heute morgen Sodbrenne ich durch die Montagnola Senese, die Bergkette nordwestlich von Siena. Ein kurzer Abstecher in mein Lieblingsdorf Monteriggioni ist sehr kurz, denn das Festungsdörfchen ist gerade von Besucherinnen des Festivale Viandanza, dem Jahrestreffen der Nordic Walker, überlaufen. Auf dem Marktplatz gibt es Stände mit neuester Nordic-Walking Technologie, und eine überenthusiastische Frau in den mittleren Jahren predigt die Vorzüge des Stöckel-„sports“.

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Nebenan ereifert sich eine Rentnerin lautstark darüber, dass ihr ein Nippel abhanden gekommen sei. Das kann auch eine Übersetzungsfehlleistung meinerseits sein. Ich suche das Weite.

Bei einem kurzen Abstecher ins Tourist Office muss ich aber breit Grinsen. Hier liegt jetzt ein Tisch mit „Assassins Creed“-Devotionalien aus. Allerdings den falschen. Hat ja jetzt nur 5 JAHRE gedauert, damit dieses liebenswerte Dorf endlich was daraus macht, das pro Jahr tausende Computerspieler hier her pilgern, weil es 2009 in Assassins Creed II vorkam. Und jetzt liegt im Tourioffice Devotionlienkram zu AC IV aus, ausgerechnet dem Teil der Serie, der nicht hier, sondern in der Karibik spielt. Nunja.

Ich kaufe als Andenken einen kleinen AC-Pin, und falle fast vom Glauben ab, als mit dafür 23 Euro berechnet werden. WTF?! Ja, der sei versilbert und hier in Italien in Handarbeit… Jaja, schon gut.

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Ich bin froh, als ich den Walkerinnen und ihrer fanatischen Vorturnerin entkommen bin und wieder der Asphalt der Landstraße unter mir langzieht. In einem Anfall von Wagemut habe ich das Navi auf „Kurvenreiche Straße“ eingestellt, und die bekomme ich jetzt auch. An diesem Morgen fahre ich noch wie eine Karre Mist. Da ist kein Flow drin, Motorrad und ich sind nicht eins. Hüftsteif holpere ich durch die Landschaft, verbremse mich, muss in den Kurven nachkorrigieren.

Das schöne ist: Das ist vollkommen e-g-a-l. Da ich ja allein unterwegs bin, gibt es niemanden, der mir hinterher erzählt was ich alles besser machen könnte. Ein weiterer Vorteil des Alleinreisens: Ich muss auf niemanden warten, und umgekehrt an niemanden Anschluss halten. Ich kann so langsam oder so schnell fahren wie ich will, und in Anbetracht der Landschaft hier will ich gerade GANZ langsam fahren. Volterra liegt auf einer Bergkette, und der Weg dahin liefert abenteuerliche Ausblicke auf die Toskana. Das ist das tolle an dieser Region: Immer sieht man am Horizont Berge, und wenn nicht, dann nur, weil man auf einem drauf ist und von oben über die weiten Felder und Hügel schaut.

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Volterra selbst ist an diesem Morgen noch ruhig. Nur wenige Besucher sind unterwegs, die Gassen noch leer. Ich versuche Bargeld abzuheben, aber zum zweiten Mal in ebenso vielen Tagen klappt das nicht. Gestern war angeblich die Zahl der möglichen Transaktionen überschritten, was ich in Anbetracht der der Kauforgie in Florenz durchaus für möglich hielt, heute ist, und das wird den ganzen Tag so bleiben, das Kreditakartennetz ausgefallen. Tja, ich weiß schon, warum ich immer Bargeldreserven im Motorrad habe. Trotzdem möchte ich die nur ungern anknabbern.

Volterra ist die Stadt der Alabsterschleifer. Seit Jahrhunderten wird der weiße, weiche Stein in den zahlreichen Werkstätten der Stadt bearbeitet und in kunstvolle Formen gebracht. Die Methoden sind dabei beinahe noch mittelalterlich. Die Handwerker stehen nach wie vor den ganzen Tag im weißen Feinstaub – keine Ahnung wie die Lebenserwartung bei denen so ist.

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Hinter Volterra liegt ein römisches Theater. Das ist übrigens kein Amphitheater. Ein Amphitheater ist ganz geschlossen, so wie das Colosseum in Rom.

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Nach einem Rundgang durch die Stadt schwinge ich mich wieder auf´s Motorrad, um in einem weiten Bogen nach Siena zurückzufahren. Das klappt leider nicht ganz, mitten in den Bergen, als es nur noch eine einzige Route gibt, ist plötzlich und ohne Vorwarnung die Straße gesperrt. Ist ja nicht so, als hätte es die letzten 20 Kilometer noch eine Abzweigung oder sowas gegeben. Also umgedreht, 20 km zurück und dann fast den gleichen Weg entlang, den ich auch auf der Hinfahrt gekommen bin.

Mit einer Ausnahme, denn nun geht es 15 Kilometer durch eine extreme Waldstrecke: Die wartet mit extremen Kurven, extremen Steigungen und Gefällen und extrem schmaler Fahrbahn auf. Als dann in den Kurven auch noch Schotter liegt und mir einmal das Hinterrad wegglitscht, habe ich schon fast keine Lust mehr. Das hier ist kein schönes Fahren, dass ist Quälerei.

Siena thront auf drei Hügeln.

Siena thront auf drei Hügeln.

Als Siena in Sichtweite kommt, bin ich fast erleichtert. Beim Casa Brescia haue ich mich für eine Stunde auf´s Ohr, um so der Mittagshitze zu entfliehen. Mittlerweile ist es Nachmittag, und ich war schon wieder 6 Stunden bei deutlich über 30 Grad im Schatten unterwegs.

Später mache ich mich auf den Weg nach Siena. Auch wenn ich jetzt das dritte Jahr hier bin, die Stadt hat immer noch viel im Angebot, dass ich noch nicht kenne. Ähnlich wie Florenz hat auch Siena eine lange Geschichte und viel Schätze, aber durchaus auf anderen Gebieten als die nördlichere Stadt. Wo Florenz mit Wissenschaft und Architektur punktet, sind es in Siena vor allem die sozialen Fortschritte, die man in der Renaissancezeit errungen hat und die viele Spuren hinterlassen hat.

Bei der Pinacoteca Nationale stehe ich allerdings zunächst vor verschlossener Tür – die hat abenteuerliche Öffnungszeiten von nur 9-13 Uhr an Sonntagen. Nicht so schlimm, befinde ich – der Großteil der Sammlungen sind eh aus dem 14. und 15. Jahrhundert, und da die Italiener gerne mal anders rechnen, heißt das mit sehr großer Wahrscheinlichkeit das der Großteil der Werke aus dem 13. und 14. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung sind, d.h. Ikonenmalereien, Madonnenbilder und anderer religiöser Gedönskram, der komplett uninteressant ist. Statt der Pinakothek mache ich mich lieber auf eigene Faust los und erkunde Spuren des Wassers von Siena.

Die Bottini, die unterirdischen Aquädukte, versorgen auch heute noch zahlreiche Brunnen in der Stadt. Einer der ältesten und schönsten ist der Fontana Fontebranda, in dessen überdachten Wasserbassin sogar Fische schwimmen. Sieht man das klare Wasser und die alten Mauern, wird schnell klar wie es zur Legende von La Diana, dem Geisterfluß, kam.

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Ich schlendere am Dom vorbei und mache eine dieser merkwürdigen Zufallsentdeckungen, als ich in ein winziges Geschirrgeschäft mit dem Namen „La Ceramica“ gehe, dass nach hinten raus immer größer zu werden scheint.

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Je weiter ich in das Geschäft hineingehe, desto weniger werden die Regale mit Keramik, und die gemauerten Wände weichen Fels. Die Decke wird immer höher, bis man das Fundament der Häuser weiter oben am Domberg sieht, dann verschwindet sie im Dunkel. Am Ende liegen um mich herum nur noch vereinzelt bunt bemalte Teller mit Preisschildern, und ich stehe ich einer dunklen, kalten Höhle, die vereinzelt von kleinen Strahlern ausgeleuchtet wird, in deren Licht sich grüne Algen angesiedelt haben. Das ist surreal, wie aus einem Traum.

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Ich gehe den Weg zurück, und die Höhle schrumpft um mich herum, die Wände werden wieder von Fels zu Backstein, Regale mit buntem Porzellan werden wieder dichter, und am Ende stehe ich wieder im Keramikgeschäft und komme mir vor wie aus einem Traum erwacht.

Ich besuche noch kurz Il Casale, ein wirklich feines Geschäft für Küchen und Tischwaren. Eigentlich wollte ich dort eine Tischdecke kaufen, die mit der mittelalterlichen Drucktechnik und mit oxidiertem Mehl gefärbt wurde. Hatte ich im letzten Jahr schon mit geliebäugelt, dann aber nicht mehr das Budget dafür gehabt. Das soll in diesem Jahr anders… oh. Doch nicht. Verdammt. Statt der 65 Euro, die ich eingeplant hatte, kostet eine Decke in der Größe, wie ich sie brauche, rund 130 Euro. Sorry, dann doch nicht… vielleicht nächstes Jahr.

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Im Rathaus, dem Palazzo Pubblico, findet im Innenhof gerade ein Konzert statt. Ein Chor und eine Primadonna geben etwas Dramatisches zum Besten, ich tippe auf was aus „Tosca“. Nachdem das Stück vorbei ist löse ich ein Ticket und gehe in das Innere des imposanten Backsteinbaus, dessen 108 Meter hohen Turm ich im vergangenen Jahr schon bezwungen habe.

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Im Inneren des Palazzos ist fotografieren verboten und die Überwachung so heftig, das es an dieser Stelle keine Bilder der toll ausgemaltem Innenräume gibt. Der Saal der Wiedervereinigung, der Saal der Magistrate und der Saal des Rates der Neun sind aber in jedem Fall sehenswert. Die wenigen Exponate sind nicht der Rede Wert, aber allein die, ganz in warmen Erd- und Rottönen gehaltenen, Wände und der Ausblick von der Loggia im zweiten Obergeschoss sind den Eintritt wert.

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Nach diesem Bißchen Kultur gibt es für mich noch ein Eis, eine der unfassbar schlechten Pizzen in der Bar 900 und dann einen gemütlichen Abend im Garten des Casa Brescia.

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P1050319 Die Temperatur beträgt immer noch fast 30 Grad, und ich fühle mich pudelwohl dabei. Nunja, ich habe eh den Verdacht, dass mein Körper unter mediterranen Temperaturen besser funktioniert als in Deutschland. Und ich genieße das hier – ein Blick auf die Planungstabelle und die Wettervorhersage zeigt, dass die Etappe, die am fordernsten wird, gerade bei einstelligen Temperaturen und Unwetter herumdümpelt. Aber dieser Herausforderung werde ich mich zu gegebener Zeit stellen. Und die ist erst übermorgen.
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Die ganze Reise:

 
6 Kommentare

Verfasst von - 28. Februar 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

6 Antworten zu “Motorradreise 2014 (15): Der Geisterfluss

  1. Leandrah

    28. Februar 2015 at 15:18

    die Höhle die sich nach dem Geschirrladen so gezeigt hast, Du hast nichts darüber geschrieben wieso bzw. welche Bewandtnis das so hat.

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  2. Silencer

    28. Februar 2015 at 16:28

    Es gibt sie halt einfach – man hat sie nicht zugemauert o.ä. und ist einfach eine wenig beachtete Attraktion.

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  3. zimtapfel

    28. Februar 2015 at 20:07

    Ich bewundere (ok, bewundern ist das falsche Wort, aber mir fällt gerade kein richtigeres ein) die unverbrüchliche Treue, mit der Sie im Urlaub immer wieder dieselben miesen Kaschemmen aufsuchen, um dort zu speisen. Ich persönlich lege ja auch und gerade im Urlaub Wert auf gutes Essen und daher würde mich ein solcher Laden maximal einmal sehen.
    Ist das so ein Männerding? So ein „Nahrungsaufnahme ist Energiezufuhr und mehr nicht“-Dings?

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  4. Silencer

    28. Februar 2015 at 20:59

    Ja, irgendwie sowas wie „ist ja nur Nahrungsaufnahme“ in dem Fall. Ich esse auch gerne gut im Urlaub, das sind dann auch die Situationen, an die ich mich am besten und liebsten erinnere. Manchmal ist das aber zu teuer (wie in Siena) oder dauert schlicht zu lange (wie in Frankreich), dann gibt es halt nur ein Taboulae aus dem Supermarkt oder ein schlechtes, aber billiges und schnelles Essen wie in der Bar900.

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  5. Leandrah

    1. März 2015 at 12:52

    und was ist mit dem Fluss gibt es ihn denn nun? ich meine mit den heutigen Möglichkeiten wäre er doch sicher auffindbar. Legenden sind ja schön und gut, enthalten aber auch immer ein Stück Wahrheit in verschlüsselter Form. Die konnten das Verschlüsseln glatt besser als alle heutigen Verschlüsseltechniker.

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  6. Silencer

    1. März 2015 at 13:09

    Bis heute wurde die Diana nicht gefunden… Selbst modernes Gerät hat es im Untergrund von Siea schwer, weil es so viele Hohlräume gibt. Aber noch immer hört man, in ganzen stillen Nächten, ein Rauschen in den Gassen der Stadt.

    (Meine Vermutung: Die Stadt ist ganz eng gebaut und hat hohe Gassen, sie ist gebaut wie eine Muschel. Wenn da der Wind drüberstreicht, rauscht die Stadt quasi selbst)

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