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Motorradreise 2014 (17): Das verborgene Tal

14 Mrz

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Am 19. Tag geht es in eine seltsame Welt hoch oben.

Dienstag, 24. Juni 2014, Siena, Toskana

Viele hatten diesen Ort vergeblich gesucht, aber er hatte ihn gefunden. Eine sprechende Schlange hatte ihm, den die Leute nur Il Guerrin Meschino nannten, den jämmerlichen Ritter, den Weg gewiesen. Tief in den Bergen des Apennin, unweit des Tals, in dem Pontius Pilatus seine letzte Ruhestätte gefunden hat, lag die Höhle der Sibylla am Fuße des Monte Vettore.

Die Schlange hatte ihm davon abgeraten die Höhle zu betreten, aber der Ritter wagte sich trotzdem ins Innere des Berges vor. Die Antworten die er suchte, würde er nur hier finden. Die Sibylla empfing den Ritter und zeigte ihm ihr Reich unter dem Berg. An einem magischen See lagen Schlösser und Türme, so wunderbar wie es die größten Königshäuser über der Erde nicht waren. Sie zeigte ihm auch, was mit den Menschen passierte, die ein Jahr in ihrem Reich blieben.

Diejenigen, die rein waren von Schuld wurden befreit. Sie konnten die Höhle verlassen und lebten fortan ein glückliches, zufriedenes und langes Leben. Oder Sie konnten im Königreich der Sibylla bleiben, wo sie jeden Tag die Freuden der Sinne genießen und ohne Krankheit oder Alter ewig leben konnten. Neben diesen Freuden hielt die Höhle aber auch unaussprechliches Leid für die sündigen unter den Besuchern bereit, denn diese wurden in Tiere verwandelt und waren auf ewig verdammt, wie die sprechende Schlange.

Die Sibylla selbst war die Königin der Verdammten, denn sie selbst war in Gottes Ungnade gefallen, als sie gegen die Wahl Marias protestiert und sich selbst zur Mutter Gottes hatte machen wollen. Seitdem war sie eingeschlossen unter dem Berg Vettore, und ihr unterirdisches Reich grenzte sowohl an die Ausläufer der Hölle als auch an die elysischen Felder am Rande der sieben Himmel, auf denen die Helden und Krieger ruhen und die ein Paradies sind.

Sie stellte den Ritter vor die Wahl, ein Jahr in ihrem Reich zu verweilen. Der Ritter erschrak, als er erkannte, dass das Verweilen bei der ausgestoßenenen Sibylla selbst eine Sünde in den Augen Gottes sein würde. Der Weg zu der Antwort, die er suchte, durfte nicht sündhaft sein. So floh er aus der Höhle und dem Reich der Sibylla.

Dann fängt es auch noch an zu regnen. Das passt zu meiner Laune. Heute morgen bin ich wieder müde und gerädert aufgestanden, als hätte alle Kraft meinen Körper verlassen. Als alle anderen Gäste des Casa Brescia ausgeflogen waren, hatte ich noch mit Stefano geplaudert, und dann mit sehr gedämpfter Laune und schwerem Herzen die Koffer zum Motorrad getragen. „Stesso tempo, prossimo anno!“, nächstes Jahr zur selben Zeit, hatte ich mich verabschiedet und ein muffeliges „Ich bin immer hier!“ zur Antwort bekommen. Stefano hatte schlechte Laune gehabt, weil das Casa Brescia schon wieder ausgebucht war.

Mit jedem Kilometer, den sich das Motorrad nun von Siena entfernt und tiefer zurück nach Umbrien vorrückt, sinkt meine Stimmung. Ich bin müde, und eigentlich möchte ich – um es mal ganz ehrlich zu sagen – nach Hause. Ich bin seit fast drei Wochen unterwegs, ständig woanders, und habe so viel gesehen und erlebt wie andere nicht in drei Jahren. Ich sehne mich danach auszuschlafen, rumzuhängen und ein wenig Leerlauf zu haben. Das es jetzt auch noch anfängt zu regnen und mein Reiseziel wettertechnisch ebenso eine Sackgasse ist, macht das ganze nicht besser. Ich fühle mich, als wäre ich am Ende meiner Kräfte, und dabei liegt jetzt nochmal eine der fordernsten Etappen überhaupt vor mir. Heute geht es ins Gebirge, in ein Gebiet, das total isoliert liegt und abgeschnitten von der Außenwelt ist. Dorthin zu kommen ist nicht einfach, mit einem Motorrad schon gar nicht. Und dummerweise ist für die nächsten zwei Tage dort Sturm und Regen angekündigt, was bedeutet: Ich sitze da unter Umständen fest und kann nichts machen.

Über der Tiefebene von Umbrien ballen sich die Wolken:

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Lustlos stromere ich durch den Ort Spello, der am Rand der Ebene und am Fuße eines Berges hockt. Dort gibt es eine Kunsthandlung an der nächsten, aber erstaunlicherweise im Großteil der Stadt kein Café. Schön ist der Ort, aber gerade habe ich da nicht so das Auge für.

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Niedergeschlagen mache ich mich weiter auf den Weg ins 70 Kilometer entfernte Norcia (gesprochen: Nortscha). Der kleine Ort am Fuß der Sibellynischen Berge ist berühmt für seine Fleischwaren. Breite, saubere Straßen und sorgfältig hergerichtete Lädchen vermitteln den Eindruck einer Modellstadt. Ein Spezialitätenladen liegt neben dem nächsten. Überall hängen Wildschweinköpfe an den Hauswänden, und über allen Gassen liegt der Duft von Salami, Schinken und Pecorino.

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Die Geschichte von Norcia
Tatsächlich waren früher die Bewohner von Norcia so auf Fleischwaren spezialisiert, dass sie fast nichts anderes machten und die Fleischverarbeitung zum Meisterhandwerk perfektionierten. Im Winter gingen die jungen Fleischer von Norcia auf Reisen in andere, tiefergelegene und wärmere Teile des Landes und arbeiteten dort. Weil sie das so meisterhaft taten, heißen heute noch in weiten Teilen Italiens die Fleischereien „Norceria“, eben nach dem Ort Norcia.
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In der Mitte des Ortes findet sich ein imposanter Platz, auf dem die Statue von San Bernadetto steht. Der Heilige ist hier geboren und ist der Schutzpatron für Europa. Um den Platz drapieren sich eine kleine Festung, das Rathaus und zwei Kirchen. Sehr beeindruckend sieht das aus und wunderhübsch, wie das alles so im warmen Sonnenlicht daliegt.

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Ich lasse mich hier nieder und beobachte das Wiesel rund eine Stunde beim Faxenmachen, dann ist es Zeit zu gehen.

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Ich blicke am Gebirge hoch, das sich wie eine Wand hinter Norcia erhebt. Auf dem Weg hierher bin ich durch ein Tal mit stattlichen Bergen gefahren, aber die waren nur Vorspiel gegen dieses Gebirge. Ich kann die Baumgrenze sehen, und darüber gehen die Berge noch viel, viel weiter. Dieses Gebirge meint es ernst. Das würde den Monte Amiata, den Spielzeugberg von gestern, nicht mal wahrnehmen.

Ich seufze. Und da will ich hochfahren? Wirklich? In diesem Moment brüllt alles in mir: Nein, willst Du nicht! Du willst nach Hause! Was Du hier machst ist gerade Blödsinn! DU WEISST, dass dort oben Morgen Unwetter herrscht und wie steil der Weg dahin ist! Tatsächlich habe ich mir die Straße auf der Karte angesehen. Innerhalb weniger Kilometer überwindet sie einen Höhenunterschied von Tausend Metern. Das bedeutet: Extreme Steigungen, scharfe Kurven und mittendrin: Die Mutter aller Tornantes, eine 180 Grad-Kehre, mit einer Fahrbahnbreite von 2 Metern und einer Steigung von 20 Prozent.

Sowas muss man fahren können – und Glück haben. Gestern, auf dem Rückweg von Montalcino, bin ich auch auf so eine enge Kehre gestoßen. Ich bin sie ordentlich angefahren, aber dann hatte ich Pech und eine starke Windböe hat mich urplötzlich so zur Seite gedrückt, dass ich die Kurve nicht mehr kriegte. Glücklicherweise gab es keinen Gegenverkehr, und die Kehre hat an der Spitze einen Parkplatz, auf den ich dann einfach ausgerollt bin. Shit happens, aber wenn man es mit der Mutter aller Kehren zu tun hat, kann eine Extraportion Vorsicht nicht schaden. Wenn ein Motorrad in so einem Ding zu langsam wird und eine Windböe kommt – dann kann man schlimmstenfalls die Maschine nicht mehr halten, unddann kippt man um und poltert den Berg runter.

Und das will ich mir antun? Warum? Was tue ich hier eigentlich?
Ich fühle mich wie 2012. Damals hatte ich am 12. Tag der Reise so einen melancholischen Hänger, an dem ich mich fühlte, als wäre ich in den Sümpfen der Traurigkeit gefangen. Es war auch an dem Tag gewesen, an dem ich Siena verliess. Ich hatte ein echtes Tief, und als an dem Abend dieses Tages auch noch das Motorrad in einem Schotterhang umkippte, war das wirklich der Tiefpunkt einer ansonsten tollen Fahrt.

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Wieder seufze ich. Mensch, jetzt reiss Dich zusammen, sage ich mir. Irgendwann muss ich mich der Herausforderung stellen. Also, los geht´s! Vorher tanke ich aber noch. Bevor es in diese gottverlassene Region geht, will ich die volle Reichweite der Kawasaki zur Verfügung haben – wer weiß, wann ich die nächste Tankstelle finde.

Dann geht es los – eine kleine Straße knickt von der Hauptstraße von Norcias Gewerbegebiet ab und zieht sich sofort steil den Berghang hinauf. Der Asphalt ist zunächst noch gut, weicht aber sehr bald einem Flickenteppich, der das Motorrad ordentlich durchschüttelt. Zunächst geht es in weiten Kurven den Berg hinauf. Das ändert sich aber bald, denn ich muss auf einer Nebenstrecke weiter, die wesentlich schmaler ist und sich in engeren Kurven windet. Immer höher geht es hinauf. Längst stehen links und rechts hohe Stangen mit Reflektoren, die den Fahrbahnrand markieren – ein Zeichen dafür, dass hier oben hoch und lange Schnee liegt.

Ein paar mal kommen mir Autos entgegen, meist in der Mitte der Fahrbahn, so dass abruptes Ausweichen notwendig ist. Einmal meine ich zu spüren, wie der rechte Seitenkoffer schon durch den Pflanzenbewuchs der Felswand schrappt, aber das kann auch Einbildung sein. Kurve um Kurve geht es weiter. Immer wieder sehe ich kurz auf das Navi, um einen Blick auf den weiteren Straßenverlauf zu erhaschen. Ich merke, dass ich stoßweise atme und stelle erstaunt fest, dass ich alle Symptome einer beginnenden Panikattacke habe. DIE MUTTER ALLER KEHREN!!, schreit das bedrückende Gefühl in meiner Brust und schnürt mir die Luft ab. Ganz ruhig jetzt, hält der Verstand dagegen. Konzentrier dich auf´s Fahren, du hast schon Schlimmeres überstanden als so eine dumme Kehre bei trockener Fahrbahn.

Die Mutter aller Kehren in der Draufsicht. Ein spitzes Biest.

Die Mutter aller Kehren in der Draufsicht. Ein spitzes Biest.

Plötzlich taucht auf dem Navi in der Ferne DIE KEHRE auf. Aus der Entfernung sieht es aus, als ob die Fahrspuren übereinander liegen würden.
WEITE KEHRE?!
Ja sicher. Hast Du nicht aufgepasst, als wir die Satellitenbilder angeguckt haben?
DIE IST ENG!!!
Nein, das kann nicht sein. In der Mitte wachsen Bäume, d.h. die Spitze liegt wenigstens drei Meter auseinander. Das ist Piece of Cake, die in Montalcino hatte EINEN Meter.

Dann kommt die Kehre und geht wieder. Sie ist zwar spitz und steil, aber nicht mörderspitz, und ich kann gut ausholen und in einem Bogen herumziehen und -ZACK- ist sie geschafft, die Mutter aller Kehren, die sich dann doch als total harmlos herausstellt. Ich fahre langsam weiter. Am nächsten, halbwegs ebenen, Aussichtspunkt halte ich an, klappe den Helm auseinander und atme erst einmal tief durch. Was ist heute nur los mit mir?

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Jetzt, wo die Angstgegnerin geschlagen ist, geht es mir besser. Weiter geht es den Berg hinauf. Ab 1.200 Meter wird es merklich kühler, und ich schließe die Jacke der Kombi. Bei 1.400 Metern liegt die Baumgrenze. Ab jetzt gibt es nur noch Gras und Büsche. Immer weiter geht es die Bergstraße hinauf, in immer engeren Kurven und Kehren, immer weiter nach oben. Ich lege das Motorrad von einer Seite auf die andere und wedele durch die Kurven.

Dann sehe ich plötzlich keine Straße mehr. Sie führt noch ein Stück geradeaus den Berg hinauf, dann verschwindet sie im Himmel. Zumindest sieht es so aus. Natürlich handelt es sich um eine Bergkuppe, und als ich über die fahre, öffnet sich unter mir eine Hochebene.

Mir bleibt bei dem Anblick die Luft weg. Da es mir wohl nicht alleine so geht, hat man direkt hinter der Kuppe einen Parkplatz für nach Luft ringende Touristen angelegt. Ich stelle die Renaissance ab und nehme den Helm ab. Das ist wirklich wunderschön… Die Piana Grande, die große Ebene, leuchtet in sattem grün, durch das sich tiefe Wasserflächen ziehen. Sie ist ringsum von hohen Bergkämmen umgeben, auf deren Spitzen noch Schnee liegt. So ein grünes Tal würde man so hoch oben und mitten im Gebirge nicht erwarten, und ich komme mir vor, als hätte ich eine verlorene Welt entdeckt.

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Die Magie des Augenblicks wird ein wenig durch einen älteren Herren gestört, der mich von der Seite anquatscht. Er hat offensichtlich nicht wirklich alle beieinander, aber zum Glück kommen nach kurzer Zeit deutsche Touris in einem Porsche Cayenne angefahren, und ich bin sehr dankbar als sich Mario, so heisst der Quatschvogel, denen widmet. Vorher will er noch wissen, was „incredibile“ und „belissima“ auf Deutsch heißen. Ich sage es ihm, dann zieht er davon und nervt die Deutschen mit „Hier Wunderscheen“ und „Isse onglublich“.

Ich grinse und fahre weiter. Meine Abenteuerlust ist wieder da, und das Ziel des Tages liegt am Ende des Tals: Castelluccio, wohl einer der seltsamsten Orte Italiens. Das winzige Dorf liegt auf einem Berg, der sich ziemlich allein in einer Ecke der Hochebene kauert. Die wird nach allen Seiten von einer Kette von schroff aufragenden Berggipfeln umgeben. Jenseits der Bergkette und unerreichbar in der Mitte des Gebirges steht der höchste Berg der Umgebung: Der Monte Vettore, zu dessen Füßen der See Lago Pontius Pilatus liegt. Wenn man nicht weiß, dass dieses große, grüne Tal mit der Ebene hier oben existiert, man würde sie hier nicht vermuten. Dieser Teil des Apennin wird Sibyllinische Berge genannt und gehört zum gleichnamigen Nationalpark.

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In Castellucio eine Unterbringung zu finden ist nicht ganz einfach. Zumindest hilft das Internet nicht groß weiter, denn die Gastwirte hier oben glauben nicht an booking.com oder Websites. Zwar bietet hier fast jedes Haus ein Fremdenzimmer an, aber eines mit einem ebenerdigen Parkplatz zu finden ist schwer, den Castelluccio ist nicht nur winzig, sondern die Häuser hier sind auch übereinander gestapelt und nur mit Fußwegen verbunden. So enden Straßen schon mal abrupt in Treppen, und alles ist schief und verdreht und ineinandergeschoben. Nur der ehemalige Marktplatz, gelegen mitten im Ort und an der Durchfahrtsstraße, ist halbwegs eben und hat ein paar Parkplätze. Und dann gibt es noch den einen oder anderen Hinterhof, in dem sich ebenerdig parken lässt – aber dann nicht mehr wenden.

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Nein, um hier was Passendes für das Motorrad zu finden, habe ich im Vorfeld tatsächlich wieder intensiv Geländekarten und Google Streetview zu rate gezogen und war jede fotografierte Straße virtuell abgefahren. Am Ende blieb noch ein Haus übrig: „Il Guerrin Meschino“, der jämmerliche Ritter, ist ein Restaurant, das auch vier Zimmer vermietet, am einzigen, ebenen Weg (dem zum Friedhof) liegt und einen festen Grünstreifen vor dem Haus hat – Luxus, wo Platz hier doch Mangelware ist. Sogar einen betonierten Hof von der Größe zweier Fiats gibt es.

Ich werde freundlich und professionell empfangen und kann die Kawasaki auf meinem Wuschplatz im Hof abstellen. Der ist nicht nur super anzufahren, hier wird die Maschine auch vor dem kommenden Unwetter ein wenig geschützt sein.

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Nachdem das Motorrad versorgt ist, erkunde ich ein wenig den Ort, was nicht lange dauert. Interessant ist Castellucio aber allemal: Die Architektur ist ungewöhnlich, die zusammengekauerten Häusern deuten auf lange und harte Winter hin. Es hier Brauch, zu Silvester die Untaten der Bewohner im vergangenen Jahr auf die Hauswände zu schreiben, was ebenfalls ein interessanter Anblick ist. Leider kann ich keinen einzigen Satz übersetzen, der Dialekt hier ergibt für mich schlicht keinen Sinn. Und nicht zuletzt sind es immer wieder die großartigen Ausblicke, die mich staunen lassen.

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Entdeckt hat diesen Ort Leandrah, die mir im vergangenen Jahr Bilder davon schickte. Eigentlich war meine Reise zu dem Zeitpunkt schon geplant, aber als ich die Aufnahmen sah, habe ich alles umgestellt um zwei Tage hierher kommen zu können. Ich will hier nicht die Sibylla suchen, obwohl das sicher auch interessant wäre, ich bin wegen der Farben hier. Im Juni -also jetzt!- blüht die Hochebene, und sieht tageweise so aus:

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(Die obenstehenden drei Bilder sind von Franco Ciminari. Franco wohnt in Castellucio und machte bis 2006 regelmäßig Bilder. Ich habe seine Erlaubnis die hier zu veröffentlichen. Seine Website ist http://www.webalice.it/f.ciminari/ und die sollte man unbedingt mal besuchen).

Das Video zeigt den heutigen Tag: Norcia, die Fahrt in die Berge und die Ausblicke über Castellucio:

Castelluccio ist der einzige Ort in dieser Höhe. Die Hochebene, an der es liegt, hat ziemlich einzigartige Eigenschaften. Der Boden ist weitgehend Wasserundurchlässig, Regen kann nur durch einen Felsspalt in der Mitte abfließen. Die ganze Eben ist quasi ein weites Waschbecken mit nur einem Abfluss. Deshalb steht hier viel Wasser, und das ermöglicht den Anbau von – Linsen! Hier oben werden die besten Linsen Europas angebaut, von den Bewohnern von Castellucio. Die Ebene ist in Felder aufgeteilt, und jedes Feld hat eine andere Blumenart zu den Linsen beigemengt. Das führt dazu, dass im Juni – also jetzt! – die Ebene in vielen, verschiedenen Farben erstrahlt. Nunja, zumindest in der Theorie, in der Praxis bin ich in diesem Jahr zu früh dran. Die Ebene ist noch nicht knallbunt, nur grün und gelb. Aber dennoch schön, so weit wie man hier blicken kann und so sanft, wie die Berge in die Ebene übergehen.

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Im Dorfladen gibt es mystisches Bier mit Bildern der Sibylla und ihrer Feenkolleginnen. Ich mag es härter und kaufe ein ein SM-Bier, einfach weil ich neugierig bin was das wohl ist.

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Dann ziehe ich mich auf das Dreibettzimmer zurück, dass ich für mich allein habe, und warte darauf, dass das Fußballspiel Italien gegen Uruguay vorbei ist – vorher brauche ich nach einem Abendessen gar nicht zu fragen.

Linsen!

Linsen!

Die Zeit vertreibe ich mir mit Internet – das Guerrin Meschino hat keins, aber da Castelluccio über einen mordsmäßigen Funkturm fürs Mobilnetz verfügt, kann ich mal wieder den Accesspoint der Renaissance nutzen, der hier gefühlt ebenso schnell arbeitet wie mein DSL zu Hause. Die Wettervorhersage ist unter aller Sau. Süße Ironie: Genau wie in San Vincenzo und Amelia wird das Wetter genau dann wieder besser werde wenn ich den Ort verlasse.

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Als das Fußballspiel vorbei und Italien endgültig aus der WM 2014 geflogen ist, begebe ich mich ins Restaurant des Guerrin Meschino. Dort gibt es einen großen Teller Nudeln mit Wildschweinsauce, die leider eine Menge Knochensplitter enthält, gekochtes Rindfleisch auf Ruccola mit Balsamico und unfassbar gutes Panna Cotta mit Mandeln und Honig.

Alles schmeckt großartig, aber irgendwie scheinen sich die Speisen nach dem verzehr und im Magen noch weiter auzudehnen – mir ist danach so schlecht, dass ich, kaum wieder auf dem Zimmer, herzhaft das große, weiße Porzellantelefon umklammere und mich ausgiebig übergebe. Zur Übelkeit kommen heftige Magenkrämpfe hinzu, und es dauert einen Moment, bis ich die Kraft finde mich am Waschbecken hochzuziehen und vornübergebeugt zum Bett zu stolpern. Ich nehme ein paar Tabletten gegen Übelkeit aus der Bordapotheke des Motorrads, dann krümme ich mich auf dem Bett zusammen und versuche mich auf ein Hörspiel zu konzentrieren. Ich bin froh, als ich endlich wegdämmere und das Gefühl, sterben zu müssen, langsam im Halbschlaf versinkt.

Tagestour: Von Siena über Norcia nach Castellucio, rund 230 Km.

Tagestour: Von Siena über Norcia nach Castellucio, rund 230 Km.

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Die ganze Reise:

 
3 Kommentare

Verfasst von - 14. März 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

3 Antworten zu “Motorradreise 2014 (17): Das verborgene Tal

  1. Rufus

    14. März 2015 at 09:24

    Würde die Feen vorziehen – hast welche mitgebracht? 😉

    Gefällt mir

     
  2. WWDW

    14. März 2015 at 21:03

    Isse unglaublich wunderscheen!!

    Zum Glück wird das mit den Untaten in De nicht praktiziert. ..

    Und preiset das Wiesel für seine Fotogenität ❤

    Gefällt mir

     
  3. Leandrah

    15. März 2015 at 11:04

    das Tal ist ja wirklich wunderschön. und wenn man diese Blumenpracht sieht dann hat man das Gefühl,da ist jemand verschwenderisch mit den Farben umgegangen so das diese unglaubliche Schönheit in diesem unwegsamen Tal entstehen konnte. Selbst, nur diese unglaublichen, satten unterschiedlichen Grüntöne sind an sich schon ein Hammer. Freue mich, das ich dir mit den zugesandten Bildern ein kleines Highlight beschert habe 🙂

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