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Reisetagebuch Paris 2014 (1): Nachtreise in die 50er

18 Apr

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22. Oktober 2014, Göttingen

Gibt es eine elegantere und entspanntere Form des Reisens als in einem Schlafwagen? Ich kenne keine.
In den Zug einsteigen, hinlegen, einschlafen – und am nächsten Morgen, schon zu Beginn des Urlaubs, erholt und vollkommen ohne Reisestress am Ziel ankommen. Wunderbare Vorstellung, oder?

Natürlich schafft die Deutsche Bahn es, diesem Plan jegliche Eleganz zu nehmen. Das beginnt schon bei der Differenzierung zwischen dem unbezahlbaren Schlafwagen (Kabine mit Bett, Dusche und wasweißich) und dem Liegewagen. Liegewagen heisst, dass man ein normales Abteil hat, in dem aber statt sechs Sitzplätzen sechs Pritschen an die Wand geschraubt sind. Kopfhöhe 50 Zentimeter, breite 60 Zentimeter. Platzangst oder viel Gepäck darf man da nicht haben.

Nicht sooo viel Gepäck. Aber wieder eine Dokumentenrolle. Man weiß ja nie.

Nicht sooo viel Gepäck. Aber wieder eine Dokumentenrolle. Man weiß ja nie, ob einem nicht alte Landkarten oder tolle Bilder vor die Flinte laufen.

Schwerstes Stück im Gepäck: Das Wiesel freut sich, dass es wieder losgeht. Im Hintergrund ein historischer Stadtplan von Paris, den ich in den letzten Wochen auswendig gelernt habe.

Schwerstes Stück im Gepäck: Das Wiesel freut sich, dass es wieder losgeht. Im Hintergrund ein historischer Stadtplan von Paris, den ich in den letzten Wochen auswendig gelernt habe.

Mit Geld kann man übrigens die Anzahl der Leute im Abteil reduzieren. Wenn man im Vorfeld bucht, kann man den Standardtarif nehmen, und läuft Gefahr mit sechs Personen im Abteil zu sein. Für 10 Euro mehr ist das Sechserabteil nur noch mit vier Personen belegt. Für 50 Euro mehr hat man es zu Zweit. Zumindest theoretisch. Bei der Bahn geht ja gefühlt jede zweite Reservierung verschütt. So auch heute. Im Internet habe ich gerade schon gesehen, dass der Zug heute ohne den Wagen verkehrt, in dem ich mir ein Viererabteil gebucht hatte.

Nächtliche Wanderung durch die stillen Straßen von Göttingen.

Nächtliche Wanderung durch die stillen Straßen von Göttingen.

Es ist kurz nach 23 Uhr, als ich am Bahnhof ankomme. Ich habe heute noch einen normalen Arbeitstag bestritten, dann ein paar Stunden geschlafen und bin dann in die Stadt gefahren. Einen kurzen Spaziergang durch die nächtliche Innenstadt mit dem Cityrucksack auf dem Rücken stehe ich auf dem Bahnsteig, an dem außer mir noch zwei alte Männer und eine jüngere Frau warten, alles Koreaner.

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„Fahren Sie auch nach Frankreich?“, will einer der Männer wissen und guckt mich ernst an. Der andere Mann guckt verdrießlich auf eine Stelle drei Zentimeter neben meinem linken Ohr. „Mein Bruder hier, der ist Franzose, der will auch nach Frankreich.“ Der französische Koreaner starrt noch grimmiger neben mein Ohr. Die Frau stellt sich neben den weißhaarigen Mann, der mir gerade seine Verwandtschaftsverhältnisse erklärt. „Wieviel haben sie für ihr Ticket bezahlt?“, fragt sie und guckt ebenfalls ganz ernst. Ich nenne den Preis von 79 Euro und simultan machen die beiden dicke Backen, während der Franzose weiter grimmig die Luft neben meinem Ohr anstiert.

Jetzt stellen sich alle im Halbkreis auf, starren mich vollkommen ohne Mimik an und reden auf mich ein „Sie müssen die Tickets in Frankreich kaufen“, sagt der Mann. Die Frau sagt: „Da kosten sie nur 29 Euro“. Der Man ergänzt: „Wenn man liegen will 49“. Die Frau pflichtet bei: „Ja, 49. das ist viel billiger.“ „Kaufen sie ihr Ticket in Frankreich“, sagt der Mann. Die Situation ist skurril. Die beiden reden als wollten sie mir was verkaufen, und dazu die vollkommen regungslosen Gesichter… Ich komme mir vor als sei ich von außerirdischen Ticketverkäufern umgeben. Ich bedanke mich für die freundlichen Hinweise und bin froh, als der Zug kommt und ich dieses seltsame Gespräch beenden kann. Später finde ich heraus, dass die französische SNCF eine deutschsprachige Website betreibt, wo man die DB-Tickets tatsächlich sehr viel günstiger und in größeren Kontingenten bekommt. Leider nützt mir dieses Wissen nichts, denn der Nachtzug nach Frankreich wird im November 2014 eingestellt, oder zumindest hält er nicht mehr in Göttingen.

Positiv ist zu verbuchen, dass der Zugbegleiter alles im Griff hat. Es gibt Liegeplätze für alle die reserviert haben, nur heute in einem anderen Wagen. Im Abteil sind wir sogar nur zu Dritt. Neben dem französischen Koreaner, der während der Erläuterungen des Zugbegleiters grimmig drei Zentimeter neben dessen linkes Ohr starrt, am Ende nickt, dann mit ernster Miene in die entgegengesetzte Richtung marschiert und kurze Zeit im Zug verloren geht, bis er wieder eingefangen werden kann, ist noch ein Armenier mit satten fünf Rollkoffern im Abteil. Sonst niemand.

Um in die mittlere und obere Ebene zu kommen muss man gut klettern können und gelenkig sein.

Um in die mittlere und obere Ebene zu kommen muss man gut klettern können und gelenkig sein.

Ich strecke mich auf der Liege aus, klemme mir den kleinen Rucksack mit allen Wertsachen und einer kleinen Wasserflasche zwischen die Kniekehlen und lese. Der Zug rumpelt pünktlich um 23.30 Uhr aus dem Bahnhof und in die Nacht hinaus.

Gegen 1.00 Uhr sind mir die Augen schwer. Ich verstaue die Brille in einem kleinen Etui, das nicht durch das grobmaschige Netz an der Wand des Abteils rutschen kann, dann schließe ich die Augen. Der Zug rattert und schaukelt durch die Nacht. Der Armenier schnarcht, aber ansonsten ist alles ruhig und gesittet.

Waschecke im Zug.

Waschecke im Zug.

Wie erwartet döse ich nur leicht ein, das Rumpeln und Schaukeln des sicher 25 Jahre alten Zugs hält den Schlaf zuverlässig fern. Um 2.00 Uhr macht der Koreaner einen Spaziergang, und ich lese wieder. Gegen 3 fallen mir wieder die Augen zu, und ich döse. Plötzlich wird der Zug ganz ruhig. Kein Rattern und Schaukeln mehr, jetzt gleitet er sanft dahin. Haben wir die Grenze passiert und das französische Bahnnetz ist besser gedämmt? Wer weiß. Schlafen kann ich trotzdem nic…

…ich schrecke hoch. Die Leuchtzeiger der Armbanduhr zeigen 07.30 Uhr, meine normale Zeit zum Aufstehen. Ich bin wirklich tief und fest eingeschlafen! Draußen zieht eine herbstliche Landhschaft vorbei, abgeerntete Felder sind zu sehen. Die letzten zwei Stunden vergehen wie im Flug, und als der Zug gegen 09.30 Uhr sein Ziel erreicht, bin ich tatsächlich… ausgeschlafen und entspannt!

Einfahrt nach Paris.

Einfahrt nach Paris.

Gegen die blitzenden und modernen TGV-Züge, die aufgereiht im Gare de l´Est stehen, wirkt unser uralter, dreckiger DB-Zug mit seinen Grafitti noch mehr wie ein Seelenverkäufer, als er sich ächzend und quietschend durch die Weichen quält und schließlich hält.

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Ich bin in Paris!

Ich kann es kaum glauben. Ich mache ja gerne im Februar und nochmal im Oktober eine Städtereise. So richtig eine Woche lang nur eine Stadt, von Morgens bis Nachts, um sie wirklich kennen zu lernen, Orte zu entdecken und mit zu bekommen wie sie tickt. Die Reise nach Paris war seit Anfang 2014 geplant. Dann kam aber überraschend noch eine Arbeitsreise nach Paris im Juli hinzu, so dass ich vor drei Monaten schon einmal hier war. Da hatte ich aber keine Zeit was von der Stadt zu sehen und bin seitdem total erpicht darauf, mehr über die Hauptstadt einer großen Nation zur erfahren.

Ankunft am Gare de l´Est.

Ankunft am Gare de l´Est.

Doch zunächst gilt es Dinge zu organisieren. Ein paar Minuten laufe ich im Bahnhof im Kreis, auf der Suche nach der Gepäckaufbewahrung. Die versteckt sich in einer Ecke hinter den Rolltreppen im Untergeschoss. Die Benutzung ist nicht ganz einfach. Zunächst muss man alle seine Sachen selbst durch eine Röntgenmaschine schieben und dann durch einen Metallscanner gehen. Bei mir piepten beide Maschinen wie irre, aber das störte das Wachpersonal, zwei dunkelhäutige Frauen, nicht. Es klickt, als sie aus dem inneren ihres Wachkabuffs die Metalltür zu den Schließfächern öffnen.

Schließfächer gibt es ja in den meisten großen Bahnhöfen nicht mehr, aus Angst vor Bomben, die dort deponiert werden könnten. Eine Schande, denn die Gepäckaufbewahrungen, die es heute überall gibt, sind langsam und das Personal geht vielerorts mit dem Gepäck nicht gerade zimperlich um. Die Franzosen haben das mit ihrem Do-it-Yourself-Scanner also schon clever gelöst, konnten sie so doch ihr altes Automatensystem beibehalten und trotzdem den Anschein von Sicherheit produzieren und damit die Terrorismushysteriker beruhigen. Nun, das kann mittlerweile auch anders sein. Im Januar 2015 wird der Anschlag auf das Satiremagazon Charlie Hebdo verübt, und vermutlich ist die Stadt jetzt leider ähnlich paranoid wie Lonodon, wo überall Sicherheitschecks und bewaffnete Truppen unterwegs sind. Aber jetzt ist es Oktober 2014, und die Stadt ist zutiefst entspannt.

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Es kostet mich wieder einige Minuten um die Funktionsweise der Schließfächer zu verstehen. Man packt sein Gepäck in einen Spind. Bezahlen muss man jeweils 24 Stunden, Auswahl ist nicht möglich. Je nach Größe des Fachs kostet das zwischen 5,50 Euro und 9,50 Euro. Man schliesst die Tür, dreht an einem Schalter, dann wirft man das Geld passend in Münzen ein und muss eine halbe Minute warten, dann erhält man ein Ticket, mit dem man das Fach später wieder öffnen kann.

An einem Ticketautomaten kaufe ich eine Ticket „Paris Visiter“. Das ist für 5 Tage für alle Metrostationen gültig und enthält jede Menge Rabatt auf die lokalen Sehenswüdigkeiten. Allein, dass ich mich nicht um Einzeltickets kümmern muss, sind die 34 Euro wert, die der merkwürdige Automat von meiner Kreditkarte abbucht. Ebenfalls in Frage gekommen wäre ein Carnet (Heftchen mit 10 Metrotickets für 13,70 Euro) oder ein „Mobilis“, ein Tagesticket. Aber für jetzt und die nächsten 5 Tage tut es das „Visiter“.

Mild skurril: Die Navigation in den Menüs des Automaten wird über die große Walze bedient.

Mild skurril: Die Navigation in den Menüs des Automaten wird über die große Walze bedient.

Das Pariser Metrosystem habe ich schon auf Anhieb bei meinem ersten Aufenthalt in dieser Stadt verstanden, und das ist 23 Jahre her. Alle Linien sind farbkodiert und haben eine Nummer, die Endstation gibt die Richtung an. Easy as Pie. Die Pariser u-Bahn ist GROß. Rechnerisch ist man in der Innenstadt nie weiter als 250 Meter von der nächsten Station entfernt und kommt innerhalb von 30 Minuten von einem Stadtende ans andere.

Wenige Minuten nachdem ich am Gare de l ´Est in die Metro eingestiegen bin, stehe ich in Les Halles, dem großen Einkaufszentrum, und einen kurzen Spaziergang in Richtung Pont Neuf habe ich auch schon das erste Ziel erreicht. In einem kleinen Büro hole ich eine Karte für den Louvre ab, die es mir erlauben wird, jegliche Warteschlangen zu umgehen. In der Nähe der berühmten Oper wird mir ein zweites Ticket überreicht, diesmal für die Conciergerie. Damit ist das Pflichtprogramm für diesen Tag schon erfüllt, und dabei haben wir nicht man elf Uhr.

Jugendstilgebäude am Pont Neuf.

Jugendstilgebäude am Pont Neuf.

Pont Neuf.

Pont Neuf.

Ich nehme die Metro zum Place d´Etoile Charles de Gaulle und klettere auf den Arc de Triomphe.

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Inschriften: Namen von Kriegstoten.

Inschriften: Namen von Kriegstoten.

Unterirdischer Weg zum Triumphbogen.

Unterirdischer Weg zum Triumphbogen.

Aufstieg in einer Säule des Bogens.

Aufstieg in einer Säule des Bogens.

Im Inneren des Triumphbogens ist ein kleines Museum, in dem gezeigt wird, wo auf der Welt überall Triumphbögen stehen. Außerdem sind Teile der Originalfassade ausgestellt, die im Laufe der Zeit gegen Nachbildungen ausgetauscht wurden.

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Zentrum des Museums ist ein großer Tisch, in dem ein Monitor eingelassen ist. Direkt im Zentrum des Triumphbogens gibt es eine, nach unten gerichtete, Kamera, verborgen in einem Ornament. Die guckt den Leuten auf den Kopf, und im Triumphbogen stehen andere Leute und kichern.

Spiontisch. es ist, als könnte man den Leuten von hier aus auf den Kopf spucken.

Spiontisch. es ist, als könnte man den Leuten von hier aus auf den Kopf spucken.

...von unten ist die nicht zu sehen.

…von unten ist die nicht zu sehen.

Verborgene Kamera, stark vergrößert.

Verborgene Kamera, stark vergrößert.

Am Tollsten ist aber die Aussicht. Die folgenden Bilder sind keine Panoramaaufnahmen. Von hier kann man den Eiffelturm sehen, aber noch beeindruckender ist La Defense, das moderne Viertel im Osten der Stadt, geprägt durch Mitterands Triumphbogen.

In der Ferne das Wolkenkratzerviertel La Defense.

In der Ferne das Wolkenkratzerviertel La Defense.

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Die Kirche Sacre Coeur auf dem Berg Montmartre.

Die Kirche Sacre Coeur auf dem Berg Montmartre.

Der Eiffelturm, ihm Gegenüber der Tour Montparnasse. Die beiden Gebäude und Sacre Coeur sind die drei höchsten Erhebungen in Paris.

Der Eiffelturm. Ihm gegenüber der Tour Montparnasse. Die beiden Gebäude und Sacre Coeur sind die drei höchsten Erhebungen in Zentralparis.

Vom Arc de Triomphe führt der Champs d´Elysee in Richtung Innenstadt. Von einstiger Größe ist hier nicht mehr viel zu merken. Sicher, die Straße ist noch groß und breit. Aber ich hatte hier Nobelgeschäfte erwartet, kleine Maßschneidereien oder sowas. Stattdessen gibt es Schnellrestaurantketten, Kinos, Modeketten und -erstaunlicherweise – Showrooms von Autoherstellern, die die Prachtstraße säumen. Klar, außer den großen Konzernen kann sich niemand die Mieten von bis zu 1.000,- Euro pro Quadratmeter und Monat leisten. Einkaufen kann man aber woanders in der Stadt besser.

HIer hängt der Himmel voller... Kupferpötte?

HIer hängt der Himmel voller… Kupferpötte?

Showroom großer Autohersteller.

Showroom großer Autohersteller.

Skurrile Gebäude am Champs Elysee.

Skurrile Gebäude am Champs Elysee.

Ich schlendere zwischen dem großen und dem kleinen Palais hindurch, über die Pont Alexandre III und auf den Invalidendom zu. Der Tag ist diesig und bedeckt, was die Stadt grauer scheinen lässt als sie ist. Aber wenigestens ist es mit 15 Grad nicht kalt, und regnen tut es auch nicht.

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Pont Alexandre III.

Pont Alexandre III.

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Verfolgt mich auch überall hin: Nikki de Saint Phalle.

Verfolgt mich auch überall hin: Nikki de Saint Phalle.

Dann biege ich vorher ab und suche den Bahnhof L´Invalides. Dessen Gebäude liegt ganz versteckt, und im Inneren ist eine Fluggesellschaft. Der eigentliche Bahnhof ist unterirdisch. Mittlerweile bin ich schon wieder zig Kilometer gelaufen und irgendwie müde, deshalb setze ich mich in eine Metro und fahre nach Creteille. Das ist weit weg im Süden der Stadt, und immer wieder fallen mir auf der Fahrt die Augen zu.

Creteille kenne ich von meinem ersten Besuch in Paris. Damals war ich 16, der übliche Schüleraustausch. Weil ich so unfassbar schlecht in Französisch war, hatte ich um einen Austauschschüler gebeten, der neben Französisch auch englisch spricht. Bekommen hatte ich einen, der genauso schlecht in Französisch war wie ich: Anh-Tam „Philippe“ Nguyen konnte perfekt koreanisch, aber nicht gut französisch und überhaupt kein englisch. Er wohnte in Creteille, das ist ein Vorort aus Plattenbauten, rund 10 Kilometer vom Zentrum entfernt. Was erklärt, warum ich erst nach 10 Tagen in der Stadt den Eiffelturm auch nur aus der Ferne gesehen habe.

Als ich in Creteille ankomme, erkenne ich überhaupt nichts wieder. Es gibt immer noch hässliche Plattenbauten, aber jetzt ist unmittelbar an den Bahnhof ein UFO-gleiches Einkaufszentrum angeflanscht. Ich habe überhaupt keine Erinnerung daran, wo Anh-Tams Wohnung oder das Geschäft seiner Familie war. Ich bummele kurz durch das Einkaufszentrum und wundere mich, wie voll es bereits am Mittag ist. Gut, Creteille ist ein sozialer Brennpunkt und leidet an hoher Arbeitslosigkeit.

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Dient das Shoppingparadies vielleicht einzig dazu, den Arbeitslosen einen Ort zum Aufenthalt zu bieten? Ich mag gar nicht drüber nachdenken… wenn der Bau von Einkaufszentren in Problemvierteln als beruhigende Maßnahme funktioniert und Schule macht und Qualifizierungsmaßnahmen und Sozialarbeit ablöst… dann sind wir wirklich auf dem Weg in die Idiokratie.

Ich fahre zurück in die Stadt und hole mein Gepäck aus dem Schließfach, denn mittlerweile ist es 15.00 Uhr und mein Zimmer sollte bezugsfertig sein. Das Zimmer liegt im Hotel Audran, und DAS liegt im Kern von Montmartre, dem alten Viertel am Fuße des Hügels auf dem Sacre Coeur steht.

Montmartre, das Viertel hinter dem Moulin Rouge.

Montmartre, das Viertel hinter dem Moulin Rouge. Gesäumt von Cafés.

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Mein Zimmer, Nummer 48, ist nicht groß, aber mehr als ausreichend. Es liegt in einen winzigen Innenhof hinaus, der eigentlich mehr ein Lichtschacht ist. Durch seine Lage ist es ruhig. Nach vorne zur Straße raus gibt es größere Zimmer, aber aus Erfahrung weiß ich, wie laut die von Restaurants gesäumten Straßen sein können, und wie penetrant die Müllautos sind, die nachts durch die Straßen von Paris rumpeln.

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Nein, ich bin mit meiner Unterkunft zufrieden, auch wenn das WLAN bestenfalls lökerig ist. Ich stelle das Gepäck ab, lasse mich auf´s Bett fallen, und bin zwei Minuten später eingeschlafen. Die letzte Nacht war wohl doch zu kurz.

Zwei Stunden später streife ich durch Montmartre und bin überaus beeindruckt. Es gibt hier wenige Touristen, dafür viele kleine Restaurants und Geschäfte. An einer Ecke steht eine stämmige Fischhändlerin neben ihrer Theke und nimmt Fische aus, gegenüber verpackt ein Obsthändler in grauem Kittel Äpfel in eine Papiertüte und schwatzt dabei mit einem Bäcker, der an der Tür seines Geschäftes lehnt und raucht.

Ich bin sehr beeindruckt. Es ist, als sei hier die Zeit stehengeblieben. Oder als hätte ich gerade einen Zeitsprung in die 50er Jahre gemacht. Vermutlich wird es das hier nicht mehr lange geben und die kleinen Geschäfte in Kürze verschwinden – ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fischhändlerin oder der Obstmann Nachfolger finden werden, die bereit sind, bei Wind und Wetter hier zu stehen. In diesem Bewusstsein wirkt das Szenario gerade noch wunderbarer.

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Ich klettere weiter den Berg hinauf und bewundere die prächtig angestrahlte Kirche Sacre Coeur, von deren Vorplatz aus man einen irren Blick über Paris hat. Dann laufe ich ein wenig durch die Stadt, wandere die Straßen entlang und sauge die Atmosphäre in mich auf. DAs Kaufhaus Lafayette schliesst bereits, als ich noch schnell durch die Türen husche und einen Blick ins Innere werfe. Die Schickimicki-Waren interessieren mich nicht, aber das Gebäude ist großartig.

Altes Haus am Montmartre.

Altes Haus am Montmartre.

Kleine Straße auf Montmartre.

Kleine Straße auf Montmartre.

Konventshaus neben Sacre Coeur.

Konventshaus neben Sacre Coeur.

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Kuppel des Kaufhauses La Fayette.

Kuppel des Kaufhauses La Fayette.

Ich nehme die Metro zum Trocadero, von dem aus man den Eiffelturm sehen kann. Die Idee habe ich nicht alleine. Obwohl es schon mitten in der Nacht ist, stehen hunderte Leute auf der Plattform und schauen auf den Eiffelturm. Der beginnt zu jeder vollen Stunde für kurze Zeit zu glitzern. Zumindest sieht es so aus, in Wahrheit sind es tausende Stroboskopbirnen, die Lichtblitze abgeben. Das wirkt fast… magisch.

Place Trocadero.

Place Trocadero.

Bild: Silencer. (c) Tour Eiffel – illuminations Pierre Bideau So glitzert und blitzt der Eiffelturm zu jeder vollen Stunde für einige Minuten...

Bild: Silencer. (c) Tour Eiffel – illuminations Pierre Bideau
So glitzert und blitzt der Eiffelturm zu jeder vollen Stunde für einige Minuten…

Bild: Silencer. (c) Tour Eiffel – illuminations Pierre Bideau ...um dann wieder ruhig, aber immer noch festlich beleuchtet da zu liegen.

Bild: Silencer. (c) Tour Eiffel – illuminations Pierre Bideau
…um dann wieder ruhig, aber immer noch festlich beleuchtet da zu liegen.

Metrofahren ist super. Ich liebe es dabei die Leute zu beobachten. Gegen 22.00 Uhr mache ich mich auf den Weg zurück zu meiner Unterkunft. Dabei komme ich am Moulin Rouge vorbei, das jetzt prächtig beleuchtet ist und vor dem lange Schlangen stehen. Durch die Gasse links neben dem Theater geht es den Berg hinauf, und nach zwei Minuten bin ich in meinem Hotelzimmer. Was für ein irres Gefühl, an einem so bekannten Ort zu wohnen, und das noch eine ganze Woche! Denn auch wenn er lang war, das war heute erst der erste Tag in Paris!

Das Moulin Rouge markiert den Eingang zu Montmartre. Zwei Gehminuten dahinter liegt mein Hotel.

Das Moulin Rouge markiert den Eingang zu Montmartre. Zwei Gehminuten dahinter liegt mein Hotel.

 
9 Kommentare

Verfasst von - 18. April 2015 in Reisen, Wiesel

 

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9 Antworten zu “Reisetagebuch Paris 2014 (1): Nachtreise in die 50er

  1. Svenja

    18. April 2015 at 03:14

    Nim lieber die Fotos vom Eifelturm bei Nacht aus dem Artikel, dafür kann man abgemahnt werden (leider kein Witz): http://www.welt.de/finanzen/verbraucher/article130853217/Nachtfotos-vom-Eiffelturm-koennen-teuer-werden.html

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  2. kalesco

    18. April 2015 at 04:31

    Schon weitergeleitet 😉

    Tolle Bilder! Vor allem Nachtaufnahmen macht sie (bzw du mit ihr) gute. (Hast du deine Kamera schon mal wo vorgestellt? Muss ich suchen…)

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  3. Silencer

    18. April 2015 at 09:25

    HI Svenja, danke für den Hinweis. Die Problematik kannte ich noch gar nicht! Bilder sind erstmal rausgenommen, mal gucken ob ich mir eine Genehmigung hole.

    Kalesco: Lumix Tz41. Die Nightshot-Funktion ist nett, die macht mehrere Fotos in Folge und rechnet das Rauschen raus.

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  4. Modnerd

    18. April 2015 at 09:26

    Der Vergleich mit dem TGV am Anfang ist lustig. Die Züge sind teilweise aus den Siebzigern und vielleicht genauso alt wie dein Nachtzug. Und wenn sie sauber waren, hast du einen guten Tag erwischt. Wann immer ich TGVs sehe, hab ich das Gefühl, die wurden einfach mal noch nie gereinigt, oder nur bei der großen Inspektion alle 5 Jahre …

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  5. Silencer

    18. April 2015 at 09:31

    Äh… Ok. Vielleicht waren es keine TGVs, sondern ein anderes Modell? Die waren auf jeden Fall ultramodern und trugen die Aufschrift SNCF. Ich dachte eigentlich, dass das ähnlich wäre wie in Deutschland, wo auch alle schnellen Züge ICEs sind.

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  6. Die Wunderbare Welt des Wissens

    19. April 2015 at 16:59

    130 Gramm sind der schwerste Teil Ihres Gepäcks? Glaumwanich, glaumwanich!

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  7. Silencer

    19. April 2015 at 20:07

    Watt glaumwanich? Dass das Wiesel das schwerste Teil war? Ich glaube Ihre Fantasiezahlen nicht. 130 GRAMM? Wo hamse das denn her? Ein durchschnittliches Wiesel wiegt 135 Kilogramm bei einem Stockmaß von 1,30 m. Natürlich war das das schwerste Teil des Gepäcks. Oder glaubense etwa, der Koffer mit den Haarpflegeprodukten wäre schwerer?

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  8. Die Wunderbare Welt des Wissens

    19. April 2015 at 22:23

    Mein Wiesel behauptet felsenfest, es wiege nur 130 Gramm. Allerdings hatte ich auch schon oft das Gefühl, ziemlich viel mit mir herumzuschleppen. Seltsam.

    An Ihre Haarpflege hatte ich bislang gar nicht gedacht, ich tippte auf Ihre Krawattensammlung.

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  9. Silencer

    20. April 2015 at 17:56

    🙂

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