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Göttinger Blau

06 Mai

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Göttingen ist eine nette Stadt. Nett im Sinne von „nicht komplett doof“, was angesichts der Tatsache, dass ein Fünftel der 125.000 Einwohner Studierende sind, nicht selbstverständlich ist.

Göttinger fahren am Liebsten überall mit dem Fahrrad hin, und wer was für die Radfahrer tut, wird von ihnen gewählt. Das führt in der Lokalpolitik des öfteren zu merkwürdigen Aktionen, insbesondere wenn Wahlen in Tateinheit mit abgreifbaren Fördermitteln anstehen, die Beschaffung von Wahlstimmen also praktisch zum Nulltarif passieren kann.

Exakt diese Situation hatten wir im vorvergangenen Jahr in Südniedersachsen. Es standen Wahlen an, und zeitgleich förderte der Bund die Elektromobilität. Nun hat Göttingen mit Elektroautos nicht viel am Hut, aber eben mit Radfahrern. Aus dieser unheiligen Konstellation erwuchs der „eCycle Superhighway Göttingen“, auf Deutsch „eRadschnellweg“. Die Idee: Vom Bahnhof bis zum vier Kilometer entfernten Nordcampus der Universität wird eine vier Meter breite Radspur eingerichtet, auf der dann glückliche Studis auf Elektrorädern hin- und hersausen können. Die Elektroräder sind allerdings nicht im Preis inbegriffen. Man könne aber auch mit normalen Rädern auf dem eRadweg fahren, und damit viel schneller und sicherer als bisher durch die Stadt flitzen, teilte die Stadt Göttingen mit und fuhr mit dem Antrag eine Million Euro an Fördergeldern ein.

eCycle Superhighway.

eCycle Superhighway.

Allerdings liegt zwischen Bahnhof und Norduni ein Teil der Innenstadt und ein Wohnviertel, und Häuser abreißen wollte man für die Fahrradschnellstraße dann doch nicht. Das Resultat: Der eHighway führt nun zum Teil über alte Radwege, aber auch über Busspuren, Abbiegestreifen, Spielstraßen, im 45 Gradwinkel über eine vielbefahrene Kreuzung und schließlich auf einer stattlichen Länge von zwei Kilometern über die Gegenfahrbahn des motorisierten Straßenverkehrs.

Für einen „eCycle Superhighway“ gibt es in der StVO keine Regelungen zur Kennzeichnung, und so nahm sich Göttingen einige künstlerische Freiheiten heraus. Man erfand ein neues Schild (s.o.), und ging ansonsten recht offensiv mit blauer Farbe ans Werk. Mal wurden Bordsteine blau angemalt, mal blaue Linien an Wegräder gezogen, mal ganze Flächen und Wege blau getüncht. Für eine Million Euro bekommt man VIEL blaue Farbe.

Für eine Million Euro lässt sich VIEL blaue Farbe kaufen.

Für eine Million Euro lässt sich VIEL blaue Farbe kaufen.

Etwas befremdet reagierten Anwohner einer Wohnstraße, als sie eines Morgens Bautrupps vorfanden, die ihre Straße blau anmalten. Das sei jetzt eine Fahrradstraße, erklärte man ihnen, und im übrigen sei ab jetzt hier Durchfahrt für Autos verboten. Das sorgte für einigen Unmut unter Anwohnern der Schlumpfstraße und den ansässigen Supermärkten, die sich prompt danach erkundigten, wer die Kosten für die Warenanlieferung per Fahrradkurier übernehmen würde. Daraufhin wurden Anlieferverkehr, Autos und Motorräder wieder erlaubt, was die Fahrradstraße faktisch wieder zu einer normalen Straße macht – nur blauer.

Fahrradstraße!! Aber, äh, auch für Motorräder und Autos.

Fahrradstraße!! Aber, äh, auch für Motorräder und Autos.

Die uneinheitliche Kennzeichnung macht seitdem einige Schwierigkeiten, weil unklar ist, wer eigentlich was darf und wer wo Vorfahrt hat. Insbesondere der verschwenderische Umgang mit der blauen Farbe bei Fahrbahnquerungen irritiert. Hier wähnen sich Fahrradfahrer immer wieder als Vorfahrtsberechtigt und steuern nach Kamikazeart in den Gegenverkehr, was schon zu mehr als einem Unfall geführt hat.

Eigentlich eine normale Straße, aber ketzt mit blauen Rändern und ECycle-Superhighway-Schild. Wer darf hier was?

Eigentlich eine normale Straße, aber ketzt mit blauen Rändern und ECycle-Superhighway-Schild. Wer darf hier was?

Für mehr Sicherheit hat der eCycle Superhighway also noch nicht gesorgt, aber das hat in Göttingen Tradition. Vor einigen Jahren, zufällig zur Wahlkampfzeit, stellten besorgte Lokalpolitiker fest, das einer der Göttinger Kreisel die Durchfahrt mit Tempo fünfzig erlaubte und unmittelbar nach dem Kreiselausgang von Radwegen gequert wurde.

Der Kreisel war statistisch nicht als Unfallschwerpunkt in Erscheinung getreten, aber dennoch wurden über Nacht Betonkübel, die in den 60er Jahren als Blumenbeete in der Fußgängerzone gedient hatten, kreuz und quer auf der Fahrbahn platziert, um so die Autofahrer zu niedrigeren Geschwindigkeiten zu zwingen. Als am nächsten Morgen Dutzende Unfallberichte eintrudelten, weil Autos gegen die nur kniehohen und kaum sichtbaren Hindernisse gerast waren, schwante den Verantwortlichen, das ein irgendwie gearteter Hinweis auf die geänderte Fahrbahnführung und evtl. Reflektoren an den Betonkübeln doch eine gute Idee gewesen wäre.

Reflektoren wurden zwar mittlerweile nachgerüstet, aber der Kreisel ist jetzt dennoch ein Unfallschwerpunkt: Die Slalomfahrt im Kreisel erfordert volle Aufmerksamkeit, und während die Autofahrer sich auf das Umfahren des Hindernisparcours konzentrieren, achten Sie nicht mehr auf die querenden Radwege, weswegen es immer wieder zu Kollisionen zwischen Autos und Fahrrädern kommt. Vielleicht sollte man irgendwas blau anmalen, das hilft bestimmt.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 6. Mai 2015 in Betrachtung, Satire

 

Eine Antwort zu “Göttinger Blau

  1. Katja

    6. Mai 2015 at 21:05

    Haha! Ich kannte den ja nun wirklich und musste noch einmal herzhaft über die Schlumpfstraße lachen. 😀

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