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Optiker (1)

11 Mai

In meiner Familie reichen wir von Generation zu Generation diverse Dinge die genetischer Leiter herauf. Dieses Erbe haben sich meine Geschwister und ich reihum aufgeteilt. Ich habe die extrem schlechten Augen geerbt, weshalb ich seit dem 5. Lebensjahr eine Sehhilfe trage – und zwar, bis auf eine kurze Versuchsphase mit Kontaktlinsen, eine Brille.

Ich mag Brillen. Sie visualisieren angeborene Sexiness und Intelligenz (zumindest bei mir), und man hat keine lange Fummelei damit wie bei Kontaktlinsen. Nun ist eine Brille nichts Besonderes, sollte man meinen. Über 40 Millionen Menschen, also mehr als die Hälfte der Bevölkerung, braucht eine Sehhilfe. Spannend wird es aber dann, wenn der Sehfehler extrem ist oder kompliziert. Bei mir ist beides der Fall, weshalb für mich die Wahl des Optikers absolute Vertrauenssache ist.

Nun hatte ich das Glück, dass ich seit meinem fünften Lebensjahr von ein und demselben Optiker betreut wurde. Herrn Wirtmann lernte ich kennen, als er bei einem anderen Optiker angestellt und die Tinte auf seiner Meisterurkunde noch feucht war. Ich blieb ihm treu, als er sich selbstständig machte, und nahm zuletzt ganze Tagesreisen auf mich, um ihn in seinem Geschäft am Rand des Harzes zu besuchen.

In den letzten Jahren wirkte er mit seinen sprunghaften Ticks und hektischem Gebahren immer mehr wie der verrückte Hutmacher aus „Alice im Wunderland“, und an manchen Tagen fragte ich mich ernsthaft ob er wohl heimlich Lösungsmittel schnüffelte. Aber er war ein Meister seines Faches, und schwierige Fälle wie meinen sah er als Herausforderung an. Allerdings war er auch mal eigensinnig und verweigerte schlicht die Arbeit bei Dingen, die er doof fand, etwa, als ich eine randlose Brille haben wollte. Dafür bekam ich ein anderes Mal eine Brille einen ordentlichen Preisnachlass, obwohl er extrem lange an der gearbeitet hatte. Aber er hatte an der Arbeit so einen Spaß, dass er sich dafür mit einem günstigeren Preis bedankte.

Wobei „günstiger“ halt relativ ist. Wenn ich normale Kunststoffgläser mit einem Brechungsindex von 1,5 nehmen würde, was der Standard für Brillen bis 3,5 Dioptrien ist, wären meine Brillengläser 2-3 Zentimeter dick. Das sind die berühmten Colaflaschenböden, von denen Stephen King immer schreibt. Sowas bekommt man im Karnevalszubehör als Scherzbrille.

Für Normalsichtige ein Scherzartikel, für mich bittere Realität: Eine Brille mit billigen Kunststoffgläsern in meiner Stärke sähe so aus.

Nein, um halbwegs normal auszusehen brauche ich spezielles Glas, das so schwer herzustellen ist, dass die deutschen Markenhersteller Zeiss und Rodenstock dafür ein gemeinsames Werk unterhalten. Für den Wert eines dieser Gläser bekommt man einen gebrauchten Ford Fiesta von 1997 oder eine Apple Watch, und zwar nicht das Einstiegsmodell. Dementsprechend selten leiste ich mir eine neue Brille.

Nun musste es aber mal wieder sein. Nach vier Jahren blättert die Farbe von meiner jetzigen Brille ab. Also ins Auto gesetzt und die mittlerweile 60 Km zu Herrn Wirtmann gefahren. Leider stand ich dort vor verschlossener Tür, denn der Herr Wirtmann ist heimlich, still und leise von uns gegangen. In Rente. Verdammt. Und nun? Ich kam mir ziemlich allein gelassen vor. Klar, ich gönne ihm dem Ruhestand, aber nach 35 gemeinsamen Jahren hätte ich eine kurze Benachrichtigung nett gefunden.

Doch, ich habe schon echt schöne Augen.

Doch, ich habe schon echt schöne Augen. Leider sind sie vor der Vergabe vom LKW gefallen. Damaged Goods. Da zählen nicht mal die Inneren Werte. Bild: Augenhintergrund mit Sehnerven.

Ich kann in Punkto Optiker nicht einfach zu Fielmann oder einem anderen Filialisten gehen kann. Bei denen kommt es auf Durchsatz und Masse an, sprich, wie viele Kunden man pro Stunde durchprügeln kann. Eine Brille für mich anzufertigen braucht Zeit und Können. In Göttingen gibt es zwar etliche nicht-Filialisten, aber auch die Einzelunternehmen sind oft nur noch reine Verkaufsflächen ohne eigene Werkstatt. Manche sind gar nur noch Outlets von Brille.de oder ähnlichen Internetservices. Ein halbes Jahr habe ich immer mal wieder Bekannte gefragt und ab und an unverbindlich Optikerläden besucht, hatte aber nie das Gefühl irgenwo richtig zu sein.

Die anderen Optiker schienen mir nicht kompetent, wollten mir in erster Linie teure Fassungen aufdrängen und interessierten sich nur periphär für banale Dinge wie Hornhautverkrümmung. Allen gemein war, dass sie nicht Herr Wirtmann waren.

Da die Stichproben nichts brachten, startete ich vergangene Woche eine systematische Suche im Internet. Mein neuer Optiker sollte in der Göttinger Innenstadt sein, was 16 Treffer ergab. Filialisten kamen nicht in Frage, was die Anzahl auf 10 reduzierte. Die Geschäfte sollten eine eigene Werkstatt haben (blieben noch 6), mir noch nicht dumm gekommen sein (noch 4) und am Besten ein Familienunternehmen mit mehreren Generationen und einem alten Meister.

Am Ende waren nur noch zwei übrig, bei denen ich tiefer bohrte. Das Internet wusste zu berichten, dass in einem der beiden Geschäfte ein brummeliger Patriarch den Laden schmiss, der auch schon mal gerne Kunden beleidigte oder abgegebene Brillen verbaselte und dann behauptete, sie nie erhalten zu haben.

Das andere Geschäft hat einen überaus guten Internetauftritt, dem man sogar entnehmen kann, dass der Junior Optometrie studiert hat – bis dahin wusste ich nicht mal, dass das überhaupt möglich ist. Ich fasste mir ein Herz und ging da am vergangenen Samstag einfach mal hin.

Am Samstag Morgen war der Laden erwartungsgemäß gut besucht. Pluspunkt Nummer 1: Trotzdem gut zu tun war, kam binnen einer Minute kam jemand zu mir, um sich nach meinem Anliegen zu erkundigen. Es war der Senior, der alte Augenoptikermeister. Er liess sich meine Werte sagen, und als er hörte, dass ich eine neue Brille und einen neuen Optiker bräuchte, lächelte er und meinte, dass er ja nur noch aushelfe, wenn es voll sei – ich möge bitte Platz nehmen, der Junior wäre sofort da.

Der Junior stellte sich als schlaksiger, todernster und überaus penibler junger Mann heraus. Er prüfte zuerst meine jetzige Brille, murmelte „interessant, sehr interessant“ und bat mich dann in den Messraum, wo er meine Augen tatsächlich nach der ganz alten Methode, mit Prüfgläsern und Farbtests, vermaß. Pluspunkt Nummer zwei. Wo er gerade dabei war, machte er auch gleich noch eine Augenhintergrundspiegelung und eine Glaukomuntersuchung – Dinge, von denen ich bis dahin dachte, sie seien Augenärzten vorbehalten. Pluspunkte drei und vier.

Dabei erläuterte Junior jeden Schritt, und dabei waren Dinge, die ich tatsächlich noch nicht über meine Augen wusste. Ich ging da raus und hatte was gelernt! Es regnete weitere Pluspunkte: Ordentliche Beratung zu Fassungen (Vor- und Nachteile verschiedener Marken, geeignete und weniger geeignete Designs, Vorteile von Titan) und Gläsern (Brechungsindex, Größe, Gewicht, Entspiegelung, Abkantung)

Zwei Stunden nahm sich Junior dafür Zeit, und ich habe in der Tat das Gefühl, den für mich richtigen Optiker gefunden zu haben. Er beherrscht sein Handwerk, nimmt sich Zeit und sieht meinen Fall als Herausforrderung an sein handwerkliches Können und intellektuelles Geschick. Ich bin mal gespannt wie es nun weitergeht.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 11. Mai 2015 in Gnadenloses Leben

 

2 Antworten zu “Optiker (1)

  1. zimtapfel

    11. Mai 2015 at 20:55

    Ausgesprochen vorfreudig stimmt mich ja die (1) hinter der Überschrift… 😎
    Gruß
    Die Frau mit den Hornhautverkrümmung-Zylinderwerte-knapp8Dioptrien-Kontaktlinsen, die beim Optiker immer ausgesprochen herzlich begrüßt wird

    Gefällt mir

     
  2. Die Wunderbare Welt des Wissens

    12. Mai 2015 at 21:10

    Optiker. I like.
    (Nur die guten, aber das versteht sich ja von selbst).

    Gefällt mir

     

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