Die verlorene Zeit

Tag 11.

Krank sein und nicht aus dem Haus können ist doof. Was mich zuerst am meisten irritierte ist die Zeit. Nein, nicht das die sich zieht und nicht rumgeht – bekanntermaßen ist mir ja nie langweilig – sondern das Gegenteil. Nach meinem Empfinden RASEN die Tage gerade vorbei. Das kam mir nach kurzem Nachgrübeln bekannt vor, weshalb ich mal wieder in der Kiste mit den Soziologieklassikern wühlen musste.

Tatsächlich kennt man das Phänomen, das die Zeit rast, wenn man zu viel davon hat, wissenschaftlich seit den 30er Jahren. Damals wurde in der Nähe von Wien, im Örtchen Marienthal, eine Fabrik geschlossen. Die Siedlung war nur um diese Fabrik herum entstanden, und in der Folge waren ein ganzer Ort plötzlich arbeitslos.

Die Soziologen Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld starteten eine bis dahin beispiellose Untersuchung. Mittels teilnehmender Beobachtung, Interviews und Zeitjournalen erforschten sie die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die Bevölkerung. Die Zeitjournale waren besonders interessant. Darin sollten die Menschen am Ende eines Tages notieren, was sie wann und wie lange gemacht hatten. Dabei zeigte sich das Phänomen der verlorenen Zeit; eigentlich kurze Tätigkeiten füllten im Denken und in den Zeitjournalen der Menschen viel zu lange Zeitperioden.

Ein kurzer Gang um den Block wurde als Beschäftigung für den ganzen Vormittag angegeben, das Rauchen einer Zigarette nahm den ganzen Nachmittag ein, usw.

Grund dafür sind die fehlenden Strukturen, die sonst die Zeittaktung vorgeben. In der Folge verschwimmen die Tage zu einem diffusen Schleier, und man weiß nicht, was man eigentlich die ganze Zeit über gemacht hat.

Genau so geht es mir gerade, zumindest zum Teil. Heute? Beim Arzt gewesen. Zwei Maschinen Wäsche gewaschen. Blogeintrag geschrieben. Tag rum.

Drei Kreuze, wenn das hier vorbei ist.

14 Gedanken zu “Die verlorene Zeit

  1. Zeit wird nur von uns Menschen gemessen. Wir lassen uns daher durch unsere eigene Aufstellung zum Sklaven dieser machen. Warum also ein schlechtes Gewissen , wenn mal nicht alles nach den sonst gesetzten Zeitregeln läuft?

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  2. Weil Zeit ohne Struktur in verlorenen Tagen endet, an denen man nicht gelebt hat, sondern die einfach so durchgerutscht sind. Das ist kurzzeitig sicher mal spaßig, auf Dauer macht es das Leben kaputt.

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  3. das ist so nicht ganz richtig. Manchmal sind diese Auszeiten wichtig um danach mit neuen Ideen zu starten. Leerlauf und dann wieder langsam starten, so geht das. Manchmal übernimmt man sich und dann stellt einem das Schicksal ein Bein, um mal über sich nachzudenken.

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  4. Willkommen in meinem Leben.
    Das ist eines der Dinge, mit denen ich seit Jahren immer wieder meine Kämpfe habe. Ich versuche, das dadurch in den Griff zu bekommen, mir selber eine möglichst strenge Struktur aufzuerlegen, aber das klappt – je nach Verfassung – unterschiedlich gut. Als mein Leben eine striktere Struktur von aussen hatte, hatte ich zwar enorm viel weniger Zeit, die ich frei verplanen und nutzen konnte, hatte aber nie so sehr das Gefühl, die Zeit rase in Lichtgeschwindigkeit an mir vorbei.

    Dass dir das gerade zusetzt, kann ich mir vorstellen. Es ist ja auch nochmal was komplett anderes, wenn man freiwillig freie Tage hat oder wenn man sich das nicht so aussuchen konnte.
    Mir helfen, wenn es sich ganz blöd anfühlt zwei Dinge: zum einen, Kram mit den Händen zu machen. Das macht mir den Moment bewusster als irgendeine geistige Beschäftigung wie lesen. Zum anderen Dinge anders zu machen als sonst – und wenn es völlig banale Kleinigkeiten sind wie die Spülmaschine ausnahmsweise oben zuerst auszuräumen und dann unten.

    Drück dir die Daumen, dass du aus dem schlechten Gefühl schnell wieder rauskommst!

    Spannend übrigens, dass es dazu eine so umfangreiche Studie gibt und die noch dazu schon so alt ist! 🙂

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  5. Oh, ich hoffe, du hast das nicht als Jammern verstanden. 😦 Ich wollte damit eigentlich nur sagen, dass ich verdammt gut verstehen kann, wie du dich vermutlich gerade fühlst. 🙂
    Es ist bei mir auch eine Frage der Gewöhnung. Man kann sich ja mit vielem irgendwie arrangieren.
    Aber: doll gedrückt fühle ich mich immer gerne. 🙂 ❤ *re*

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  6. OT: „und wenn es völlig banale Kleinigkeiten sind wie die Spülmaschine ausnahmsweise oben zuerst auszuräumen und dann unten.“

    Ich räume ja immer erst oben aus, damit die Tassen, auf denen oft noch Flüssigkeit ist, diese nicht „runterschwappen“. Ich kleiner Rebell werde das dann auch mal anders herum ausprobieren.

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  7. (Mit-OT: Wenn ich bei meiner den oberen Korb rausziehe, tropft mir das in der Bewegung das Geschirr unten nass, deswegen mache ich das so rum. Ich dachte, das sei bei allen so, dass aus diesem Drehärmchen Wasser tropft, nein? :D)

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  8. Katja: Keine Bange, ich habe das nicht mißverstanden. Das war nur ein kleiner Empathieausbruch, denn ich mag mir gar nicht vorstellen wie sich das anfühlt wenn kein Ende in Sicht ist…

    OT: Also ich ziehe ja beide Etagen gleichzeitig raus und lasse den Kram dann so einen Tag trocknen.

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  9. @Silencer: Danke! 🙂 Es ist ja tatsächlich wie so vieles eine Frage der Gewöhnung. Insofern mit der Zeit leichter auszuhalten als wenn es einen so frisch erwischt wie dich. 🙂

    OT: Für ’nen ganzen Tag trocknen lassen, fehlt mir hier die Zeit. Gibt kaum einen Tag, wo James (so heisst meiner) nicht läuft und wenn ich das neu-schmutzige Geschirr rumstehen hab, werdsch bekloppt. 😀

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