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Warum Journalisten keine offene Briefe schreiben sollten

12 Aug

Liebe Journalistinnen und Journalisten,

dieser Tage schreibt ihr sie wieder. So häufig, dass ich es nicht mehr ertrage. Die Rede ist von den euren „offenen Briefen“. Ihr schreibt sie gerade zuhauf, als ließe sich das Sommerloch allein damit stopfen.

Offene Briefe sind in bestimmten Bereichen was ganz Tolles. Ein offener Brief von einer Bürgerinitiative an die Politik, als Ausdruck der politischen Willensbildung? Super! Nichts gegen einzuwenden. Der offene Brief ist gut für Menschen, die ein echtes Anliegen haben und ansonsten kein Medium haben um Öffentlichkeit dafür zu generieren. Genau dazu gehören Journalisten aber per Definition nicht.

Was mir maßlos auf den Saque geht ist die massenhafte Verwendung von offenen Briefen im Journalismus. Da hat er nämlich überhaupt nichts zu suchen. Journalistinnen und Journalisten steht in der Regel ein Medium für die Erreichung der Öffentlichkeit und eine breite Palette an Darstellungsformen zur Verfügung. Der offene Brief gehört explizit nicht zum Handwerkszeug.

Warum liest man dann so viele „offene Briefe“ in Print und online? Weil er bequem ist. Der offene Brief lässt sich eben mal so runterschreiben. In einen offenen Brief kann man alles mögliche Reinpacken und muss es nicht mal belegen. Genau darin liegt aber die Gefahr. Der offene Brief als textuelle Chimäre erlaubt eine gefährliche Mischung aus Fakten, gefühlten Wahrheiten und persönlichen Befindlichkeiten, im schlimmsten Fall noch gemischt mit einer gezielten Attacke auf eine Person oder einen Kreis von Personen und einer gehörigen Portion Anmaßung.

Die Autorin oder der Autor tut sich damit nicht wirklich einen Gefallen, wenn die Intention des Textes nicht nur das Abgreifen von Kommentaren oder Likes ist. Der offene Brief wirkt nämlich oft albern aufgrund der Anmaßung, die ihm innewohnt. Wenn ein Lokaljournalist vom Dorf an den russischen Staatspräsidenten schreibt und dem erklärt wie die Welt geht, dann ist die Idee an sich schon unfreiwillig komisch, die Umsetzung aber nur anmaßend. Würde der Dorfjournalist im echten Leben Stift und Papier in die Hand nehmen, den Text verfassen und dann zur Post bringen? Natürlich nicht. Warum sollte er dann in der Zeitung landen? Sowas hat schon in Blogs nichts zu suchen, im Qualitätsjournalismus aber mal gleich gar nicht. Der offene Brief ist ein Synonym für „Ich hatte keine wirkliche Meinung und keine echte Idee was ich schreiben soll, also schwafele ich hier rum“. Er steht für Faulheit und schlechtes Handwerk.

Liebe Journalistin, lieber Journalist, wenn Du plötzlich den Gedanken hegst, einen offenen Brief schreiben zu müssen, halte einen Moment inne und überlege: Lässt sich das, was ausgedrückt werden soll, in eine Nachricht oder einen Bericht kondensieren? Wenn Du eine starke und pointierte Meinung hast – lässt sich die in einem Kommentar unterbringen, oder in einer Glosse? Falls Du diese Fragen mit ja beantworten kannst – dann wähle diese Darstellungsform! Falls nein – dann nimm Dir einen Stift, male Dir ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin faul“ und geh nach Hause, aber verschon uns mit einem offenen Brief.

Der einzige, der offene Briefe schreiben darf, ist der Wagner von der Bild.

Herzlichst,

S.

 
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Verfasst von - 12. August 2015 in Meinung

 

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