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Reisetagebuch MaGenTu (4): Die vertikale Stadt

29 Aug

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Städtehopping im Februar 2015. Heute geht es von Mailand nach Genua. Inklusive Geisterschiff, Piratenschiff und einer Zahnradbahn.

Montag, 09. Februar 2015, Mailand.

„Stellen sie sich vor, nur 9 Euro von Milano nach Genova! Und bis nach Napoli nur 39 Euro! So billig ist Bahnfahren! Es ist wie ein Wunder! Ein Geschenk des Himmels!“ Der alte Mann redet unablässig auf sein Gegenüber ein und preist das Wunder der Eisenbahn. Dabei ist der Zug, in dem wir gerade sitzen, schon stark in die Jahre gekommen. Durch das Plumpsklo am Ende des Wagens kann man auf die Gleise sehen, also ist dieser Intercity vermutlich so um die 40 Jahre alt. Er rumpelt und wackelt durch die Landschaft, als hätten die Gleise Schlaglöcher.

Wir sind zu sechst in einem engen Abteil. Eine Hausfrau, die unablässig auf ihrem Handy rumtippt, vier ältere Herren zwischen 60 und 80 und ich. Die Männer tragen alle Cordhosen, Strickjacken und Schiebermützen. Alle dösen vor sich hin oder lesen, nur der Mann neben mir hat Mitteilungsbedürfnis und redet alles, was ihm gerade einfällt. Über die Preise der Bahn, zum Beispiel. Die sind kein göttliches Wunder, wie er glaubt. Warum Bahnfahren in Italien so billig ist könnte ich ihm sogar erklären.

Bahnhof in Mailand: Los geht´s, gen Süden!

Bahnhof in Mailand: Los geht´s, gen Süden!

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Exkurs: Die Bahn in Italien
Trenitalia, das staatliche Bahnunternehmen, wird von der Bevölkerung innig gehasst, und das aus guten Gründen. Offiziell ist die italienische Bahn ein Wirtschaftsunternehmen und soll auch so geführt werden, hat dazu aber aus drei Gründen keine Möglichkeit.

1. Schulden. Der Staat schiebt Verluste aus anderen Bereichen in die Zuständigkeit von Trenitalia. Damit sind die Schulden aus dem Landeshaushalt raus und Problem des Unternehmens, dass in den Zahlen und Statistiken des Staates ja nicht auftaucht.

2. Jobs. Einen Arbeitsplatz bekommt man bei Trenitalia so gut wie nie wegen der Qualifikation, sondern aus politischen Gründen. Zum einen werden unbequeme und in Ungnade gefallene Beamte dorthin abgeschoben. Für die ist Trenitalia das Abstellgleis, und entsprechend motiviert sind sie. Dabei ist die Arbeit eigentlich gut bezahlt, es gibt eine Krankenversicherung, alles ist Krisensicher und man wird nicht gefeuert. Als Angestellter bei Trenitalia hat man ausgesorgt, und das macht die Jobs so begehrt, dass man nur über Beziehungen rankommt. Stellen werden nicht nach Qualifikation vergeben, sondern an Verwandet, Freunde und Freunde von Freunden. Was dabei rauskommt kann man sich denken.

Mit Arbeitsplätzen lässt sich auch die Arbeitslosenstatistik gut frisieren. Regelmäßig wird von der Politik einfach mal verordnet, dass Trenitalia jetzt mal 30.000 neue Jobs bereitzustellen hat, zufällig in den Regionen, in denen in diesem Jahr gewählt wird. Das resultiert in einem gigantischen Wasserkopf aus unmotiviertem, schlecht qualifiziertem und patzigen Personal. Obwohl jede Stelle quasi zweimal besetzt ist und auch entsprechende Kosten verursacht, ist das Leistungsniveau auf dem Level eines kommunistischen Staatsbetriebs.

3. Preise. Bahnfahren in Italien ist spottbillig. Viel billiger als es sein dürfte, wenn das Unternehmen wirklich wirtschaftlich agieren müsste. Dem ist aber nicht so. Die meisten Strecken kosten, bei entsprechend früher Buchung, 9 Euro, manchmal auch 19 oder maximal 39 Euro, dafür kann man dann aber schon den ganzen Stiefel entlang von Mailand bis nach Lecce fahren. Die Preise sind keine Marktpreise, sondern von der Politik festgesetzt. Der Grund: Bahntickets sind im statistischen Warenkorb enthalten, und das Verhältnis des durchschnittlichen Ticketpreises zum Durchschnittseinkommen ist ein bedeutender Faktor bei der Berechnung der Wirtschaftskraft des Landes. Die Regierung mogelt sich hier also die Statistik über billige Bahntickets schön.

Die Ironie: Obwohl Trenitalia von allen Italienern gehasst wird und das Abladebecken für Unfähigkeit ist, funktioniert es meistens immer noch besser als die Deutsche Bahn. Das muss man auch erstmal hinbekommen.
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Ich behalte dieses ganze unnütze Wissen für mich und widme mich wieder dem Buch*, während die Labertasche einen Sitz weiter schon bei einem ganz anderen Thema ist. Um uns herum wird die graue Februarlandschaft hügelig, dann wachsen sich die Hügel zu einem Gebirge aus, durch dessen Mitte der Zug durch einen Tunnel rumpelt. Als er wieder daraus hervorkommt, fährt er über eine hohe Brücke. Von hoch oben sehen ich über das Häusermeer einer Großstadt hinab. Der graue Dunst verschwunden, und goldenes Sonnenlicht scheint durch die dreckigen Fenster des Zugs. Es ist, als hätte die Bahn mit der Fahrt durch den Tunnel auch einen Sprung in eine andere Welt gemacht. Die Stadt da unten sieht ganz anders aus als Mailand, dass ich vor knapp zwei Stunden erst verlassen habe.

Mailand ist Business. Die Innenstadt ist eine endlose Aneinanderreihung von Bürogebäuden der Banken und Versicherungen, und in den Ladenstraßen findet sich nur ein Modelabel-Flagshipstore am nächsten. Andere Geschäfte, wie Supermärkte, oder für Dinge des täglichen Bedarfs – das alles gibt es nicht. Nicht mal die üblichen Gedönshändler mit ihren Andenkenständen gibt es hier. Mailand wirkt… steril. Der Eindruck wird durch die breiten Straßen und modernen Gebäude verstärkt. Mailand hat alles Neue begrüßt und sofort umgesetzt, und sich dabei radikal von alten Sachen getrennt. Die Stadt ist 2.600 Jahre alt, aber sie wirkt, als hätte sie keine Vergangenheit.

Das genaue Gegenteil von Mailand ist Genua.
Gerade mal 90 Minuten südlich von Mailand liegt La Superba, die Großartige. Und ja, in Genua ist vieles groß und vieles anders als anderswo. Von der Hochbrücke aus kann ich sehen, dass die Stadt wie eine Wucherung in mehreren Tälern der ligurischen Berge liegt. Der Hauptteil der Stadt zieht sich zwischen den Bergen und dem Meer auf fast 30 Kilometern Länge dahin, ein riesiges Labyrinth aus Beton. Und ein dreidimensionales noch dazu: Manche Stadtteile sind an steile Bergrücken angebaut, und alles ist in- und übereinandergschachtelt. Manche Gebäude türmen sich übereinander, andere verschwinden im Boden.

Der Bahnhof Statione Principe, in den der Zug schlußendlich einrumpelt, liegt unter dem Straßenniveau, gleichsam in einem nach oben hin offenen Tunnel.

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Vor dem Bahnhof steht der berühmteste Sohn der Stadt, Christophoro Colombo, und starrt grimmig Löcher in die Luft.

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Genua hat viel Vergangenheit, und die leugnet es auch nicht. Einst war es die große Seerepublik, die mit Venedig im Dauerclinch lag, und das die erste Bank der Welt hervorbrachte (die 600 Jahre bestand und erst vor Kurzem, in der Wirtschaftskrise, die Flügel streckte). Dann war die Stadt DAS angesagte Winterdomizil für den Adel aus ganz Europa und Russland, danach folgte ein Absturz zum Industriehafen und Hochburg von Kriminalität und Schmuggel. All diese Epochen haben die Stadt gezeichnet. Aus der Frühzeit ist die größte, zusammenhängende Altstadt Europas geblieben. Aus der Ferienzeit im 19. Jahrhundert zeugen die schmiedeeisernen Wintergärten und viktorianischen Stadthäuser, die 6 bis 10 Stockwerke in den Himmel ragen und immer noch reich verziert sind. Handels- und Kreuzfahrthafen ist Genua immer noch, aber die Sache mit der Kriminalität hat man im Zuge der Stadtsanierung zum Anlass des Christoph-Columbus-Jahrs 1992 in den Griff bekommen. Damals wurde das ganze Hafenviertel umgestaltet. Das hat ausgerechnet Renzo Piano gemacht, der Architekt, der mich überall hin verfolgt. Dunkle, enge Gassen gibt es in Genua immer noch genug, aber man kann sich in ihnen bewegen ohne Angst haben zu müssen abgestochen zu werden.

Der Bahnhof Brignole in Genua.

Der Bahnhof Brignole in Genua.

Dunkel ist es sicher nicht, als ich um 11.00 Uhr vom Bahnhof aus in die Richtung laufe, in der ich die Innenstadt vermute. Es herrscht strahlender Sonnenschein, die Luft ist mit 11 Grad recht warm, und als ich die alten Häuser und das geschäftige Gewusel in den vielen, kleinen Läden sehe, geht mir das Herz auf. Das hier ist wirklich ganz anders und viel schöner als in der Bankenmetropole Mailand.

Sofort mache ich Bekanntschaft mit einer Genueser Spezialität: Dem Ladentypus der Foccacheria.

Die erste ist gleich die beste Focchacceria: „Di Teobaldo“ in der Via Balbi.

Nun mag ich ja Focchaccia, dieses bröselige Brotding, eigentlich nicht, wie ich in mehreren Anläufen auch hier vor Ort rausgefunden habe. Aber eine Focchacceria bietet auch Pizza vom Blech und Calzone an. Bezahlt wird nach Gewicht und MAN, ist die Pizza hier gut! Mampfend gehe ich die Straße hinunter und komme an der Universität vorbei. Ich kann nicht anders und muss einen Blick hinein werfen. Holla! Alles ist edel und ehrwürdig, die Klassenräume in altem Holz gehalten und mit Kronleuchtern und Gemälden versehen. Es sieht so aus, als hätte sich hier in den letzten 300 Jahren nichts verändert. In so einem Ambiente studiert es sich doch gerne!

Innenhof der ehrwürdigen Universität zu Genua.

Innenhof der ehrwürdigen Universität zu Genua.

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Kleiner Hörsaal.

Kleiner Hörsaal.

An der nächsten Straßenecke halte ich Inne. Das kenne ich doch! Tatsächlich, hier, in dieser Gasse, liegt die kleine Garage, in der ich die Renaissance bei unserer allerersten Tour, 2012, untergebracht habe.

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Damals war ich nur zwei Stunden in der Innenstadt von Genua, nachdem ich schon einen halben Tag auf Staglieno verbracht hatte und am Abend noch eine Unterkunft im Piemont erreichen musste. Ich hatte für nichts Zeit, und es war so heiß, dass ich am Ende nur noch hier weg wollte. Aber seitdem hat mich Genua nicht mehr los gelassen. Um die Stadt besser kennen zu lernen und zu verstehen wie sie tickt, deswegen bin ich jetzt wieder hier.

Ein Stück die Straße weiter liegt ein riesiger Tunnel, der durch ein noch riesigeres Haus führt. Oder sind es mehrere Häuser, zu einem verschmolzen? In Genua gehen Gebäude ineinander über, wachsen aus Bodensenken heraus und wuchern die fast senkrechten Berghänge empor, während durch die Gebäude hindurch Straßen und Fußgängertunnel führen. Genua ist in vielen Ecken in den Himmel gebaut, eine vertikale Stadt mit tiefen und engen Gassen zwischen den Häusern.

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Fußgängertunnel führen duch Häuser und Felswände.

Fußgängertunnel führen duch Häuser und Felswände.

Tiefe Häuserschluchten, in denen auch am hellen Tag Zwielicht herrscht.

Tiefe Häuserschluchten, in denen auch am hellen Tag Zwielicht herrscht.

Manchmal blickt man unversehens von der Straße auf Häuser hinab, obwohl die selbst fünf Stockwerke und mehr haben. Manche Hausdächer sind untereinander und mit darüberliegenden Straßen durch Stege verbunden.

Manchmal blickt man unversehens von der Straße auf Häuser hinab, obwohl die selbst fünf Stockwerke und mehr haben. Manche Hausdächer sind untereinander und mit darüberliegenden Straßen durch Stege verbunden.

In einer Seitengasse ist eine unscheinbare Glastür, darüber steht „Zeka-Righi“.

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Dahinter verbirgt sich die Furniculare, die Zahnradbahn von Genua. Ich habe beim Edicolare, dem Tabakwarenhändler, einen „Blocco Biglietti“ gekauft, einen kleinen Abreißblock mit 10 Fahrscheinen zu je 1,50 Euro, die 100 Minuten für Bus, Straßenbahn, U-Bahn und eben Zahnradbahn gelten. Entwertet werden sie in gelben Stempelmaschinen. Fährt man mehr als drei Mal pro Tag, lohnt sich ein 24h Genua Pass, den man für 4,50 Euro am Automaten der Metro bekommt. Für mich reichen aber die Einzelfahrscheine.

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Da ich eh nichts besseres zu tun habe, steige ich in die Zahnradbahn ein.

Es geht steil den Berg hinauf und fühlt sich fast so an, als wäre das keine Bahn, sondern ein Fahrstuhl, in dem man sitzen kann.

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Die Endstation liegt in Righi. Von hier kann man der alten Stadtmauer folgen, die die Berge der Umgebung umspannt und an denen immer wieder Burgen liegen. Ich spare mir das, zum einen dauert diese Wanderung den ganzen Tag, zum anderen kann ich das mit dem kaputten Zehengelenk ohnehin nicht. Stattdessen sitze ich in der Sonne und genieße den Ausblick über die Stadt und den Hafen und die ligurische Küste.

Zwischensation Carbonara. Hmmm, lecker.

Zwischensation Carbonara. Hmmm, lecker.

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Kleine Straßen auf den Bergrücken über der Stadt.

Kleine Straßen auf den Bergrücken über der Stadt.

Der Club „Cacciatori Castellaccio“, der Club der Jäger von Castellaccio, ist in Wahrheit ein Tenniverein mit Billiardabteilung, der auch ein Amateurobservatorium betreibt.

Mein Auge bleibt an einem Schiff in einem der Hafenbecken hängen. Ganz klein sieht es von hier oben aus, aber die Stützkonstruktionen an der Seite lassen sich sogar auf die Entfernung erkennen. Es ist die COSTA CONCORDIA, das unglückliche Schiff, dass von seinem Captain vor der Insel Giglio auf Grund gesetzt wurde und da mehrere Jahre lag! HIER bekomme ich sie tatsächlich noch zu sehen!

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Die Costa Concordia, das berühmteste Geisterschiff der Welt. (Im Deutschen fehlt ein Wort für „infamous“).

Auf dem Rückweg von der Zahnradbahn komme ich an der Kirche Santissima Annunziata del Vastato vorbei. Die wirkt von Außen wie ein griechischer Tempel. Berühmt ist sie aber für ihr Inneres: Eine überbordende Pracht in Gold!

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Wieder in der Stadt schlendere ich durch den Hafen. Der wurde 1992 wirklich komplett umgebaut. An der Sopra Elevata, der großen Straße auf Stelzen, die den Anblick der Stadt von der See aus zerstört, konnte man nichts machen, aber der Rest des Hafens ist wirklich sehenswert.

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Die Hochstrasse, über die ich zuletzt vor 8 Monaten mit dem Motorrad gefahren bin. Dabei entstand der Wunsch, einmal mehr von Genua zu sehen. Zu Fuß und in Ruhe.

Die Hochstraße, über die ich zuletzt vor 8 Monaten mit dem Motorrad gefahren bin. Dabei entstand der Wunsch, einmal mehr von Genua zu sehen. Zu Fuß und in Ruhe.

Es gibt ein Piratenschiff zu entdecken, das größte Aquarium Europas zu besuchen, eine Biosphäre zu bestaunen und mit dem „Bigo“ kann man sogar alles von ganz weit oben entdecken.

Im Hafen konzentrieren sich die Sehenswürdigkeiten.

Im Hafen konzentrieren sich die Sehenswürdigkeiten.

Das Piratenschiff aus Roman Polanskis „Piraten“.

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Das größte Aquarium Europas.

Das größte Aquarium Europas.

Der Bigo, der wie eine Krake mit acht Armen aussieht und ein Panoramalift ist, hat leider im Februar geschlossen.

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Stattdessen besuche ich die Biosfera. Die Kugel mit lediglich 20 Metern Durchmesser beherbergt 150 Tier- und Pflanzenarten, die in einem (beinahe) geschlossenen System leben.

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Ich bestaune in tropischer Atmosphäre Pflanzen wie schwarzen Pfeffer oder Bananen, wobei ich von einem kleinen Schwarm komischer, kleiner Stelzvögel mißtrauisch beäugt werde. Es sind Ibisse, die verspielt durch die Büsche hüpfen und im Wasser nach Insekten suchen.

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Die Ibisse dürfen im Wasser planschen, alle anderen sollten besser die Finger da raus lassen. In den kleinen Seen und Flüßchen der Biosfera leben nämlich Piranhas!

Ich ermutige das Wiesel neue Freundschaften zu schließen.

Das Wiesel kann übrigens nicht lesen.

Das Wiesel kann übrigens nicht lesen.

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Im Hafen gibt es ein „Eataly“, eine Filiale des Franchise, das sich die Förderung der Vermarktung italienischer Lebensmittel verschrieben hat. Ironie: Das Eis, dass die verkaufen, ist das zweifellos schlechteste, das ich jemals in Italien gegessen habe. Davon lasse ich mir aber nicht die Laune verderben. Zu schön ist es, im Hafen in der Sonne zu sitzen, die Schiffe zu beobachten und zu lesen, bis es Zeit ist das Hotel aufzusuchen.

Das „No Logo“ hatte ich mir ausgeguckt, weil es in der Nähe des Bahnhofs liegt. Leider hat Genua zwei Bahnhöfe, und natürlich liegt das Hotel nicht neben dem, an dem ich angekommen bin. Trotzdem ist die Lage gut, denn die Innenstadt ist um die Ecke, und damit ist das Hotel der perfekte Ausgangspunkt für Unternehmungen. Wichtiger noch: Obwohl es in der Innenstadt liegt, kostet es gerade mal 40 Euro pro Nacht. Dafür muss man auf nichts verzichten – im Gegenteil. Alles ist effizient und modern, ohne dass man Abstriche machen muss. Das merke ich schon, als ich die Lobby betrete.

Das „NoLogo“ sieht von Außen aus wie ein normaler Plattenbau-Wohnblock. Tatsächlich belegt es eine Hälfte eines Wohnblocks, und die Rezeption nimmt zusammen mit dem Frühstücksraum eine Etage ein. Hinter dem Tresen sitzen zwei Models – überschlanke und perfekt gestylte Mädchen, deren Aussehen in starkem Kontrast zu den schlichten, schwarzen Kittelschürzen stehen, die sie tragen. Die beiden sind aber nur optische Zierde, das Sagen hat eine dritte Frau, etwas älter und definitv kein Model.

Sie sieht gemütlich und mollig aus und reißt die Augen auf, als sie meinen Ausweis sieht. „So ein Zufall! Ihr Geburtstag ist ja …“ „Ja“, sage ich abrupt. „Dann werden wir den nicht vergessen, wir werden etwas ganz besonderes…“, sagt sie. „Neinneinnein“, sage ich schnell, weil man in Italien alles drei mal sagen muss, wenn man es ernst meint. „Bitte nicht. Ich bin in Genua um gerade nicht zu feiern. Bitte, machen sie nichts.“ Sie nickt. Und grinst.

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Der Name „No Logo“ ist natürlich Koketterie. Ich habe selten ein Haus mit einem stärkeren Corporate Design gesehen. Das Hotel hat nicht nur ein Logo, es ist auch durchgestylt bis unter die Haarspitzen. Überall finden sich Rock´n´Roll und Musikmotive.

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Die Zimmer erreicht man über den Hausaufzug. Der hält aber nur auf der Hoteletage, wenn man eine Chipkarte in ein Lesegerät steckt. Zimmer 311 geht zum Hinterhof hinaus. Schon als ich die Tür öffne, weiß ich, dass mein Wunsch in Erfüllung gegangen ist: Es ist WARM!! Anders als in dem Zimmer in Mailand funktioniert hier die Klimanlage. Ich muss nicht frieren, und noch besser: Auch die Dusche wird richtig heiß statt nur lauwarm, und es gibt Internet, in das man sich sofort mit seinem Twitter/Facebook/Google+-Account einloggen kann. Der Raum hat ein großes Doppelbett, ein eigenes Badezimmer und einen Ausblick auf eine Kunstakademie. Ich kann von meinem Schreibtisch aus den Leuten dort beim Malen zusehen!

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Das Zimmer im Nologo hat aber noch mehr zu bieten. Scannt man eine Fläche neben dem Bett mit einer Augmented Realtity-App, schweben plötzlich bedienelemente im Raum – zumindest auf dem Bildschirm des Smartphones. Mit denen kann man Musik abspielen. Augmented Reality ist zwar ziemlich 2011, aber das Feature ist ein nettes Detail, was zum Musikstyling des Hotels passt.

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Nachdem ich das Gepäck abgeworfen habe, lege ich mich eine Stunde ab. Als ich wieder aufstehe ist mein Gesicht ganz warm. Ich gehe ins Bad und betrachte mein Gesicht im Spiegel. Ist das Sonnenbrand? Tatsächlich… Sonnenbrand im Februar.

Mittlerweile ist es dunkel geworden, und ich streife durch die Stadt. Es dauert keine 5 Minuten, bis ich auf eine Ecke stoße, die ich noch von 2012 kenne – habe ich damals doch mehr gesehen als mir schien. Ich laufe durch das Hafenviertel, die Altstadt und wieder zurück.

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Der Dom von Genua.

Der Dom von Genua.

Beim Stromern durch die Hafengassen entdecke ich einen Dönerladen, und wie so oft lasse ich mich von dem Gedanken an ein schönes Kebab verführen. Der schmeckt, wie immer, fürchterlich. In Deutschland sind wir total verwöhnt, hier kann man echt guten Döner aus ordentlichen Zutaten bekomme, meist von Türken zubereitet. In Italien misstraut man Ausländern und macht deren Spezialitäten lieber selber, mit reichlich Freude am Experimentieren. Das Ergebnis ist fürchterlich: Statt Soße gibt es Ketchup und Senf, und Pommes werden direkt in das Brot hineingepackt, das eigentlich ein süßes Hamburgerbrötchen ist. Würg. Ich nehme mir vor morgen besser zu essen, aber für heute ist der Tag vorbei.

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* Ich denke vom Kindle immer gerne als DEM BUCH. Das Buch, in dem alle Bücher der Welt drin sind. Das BUCH DER BÜCHER, sozusagen.

 
4 Kommentare

Verfasst von - 29. August 2015 in Reisen, Wiesel

 

4 Antworten zu “Reisetagebuch MaGenTu (4): Die vertikale Stadt

  1. zimtapfel

    29. August 2015 at 09:04

    In einer der italienischsten aller Städte Döner essen. Selbst schuld, Herr Silencer! Das gehört einfach bestraft, echt mal…
    Im Zusammenhang mit besagtem Schiff würde ich „infamous“ spontan mit unrühmlich übersetzen. Die ÜbersetzungsApp spuckt zudem noch berüchtigt und verrufen aus, aber ich denke, unrühmlich passt da am besten.
    So Zugtoiletten, bei denen man runter auf die Schienen gucken kann, kenne ich auch noch aus meiner sehr bahnfahrdominierten Kindheit.

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  2. Silencer

    30. August 2015 at 12:27

    Genau, wer so Quatsch macht gehört bestraft. Dachte ich auch, als ich das Ding vor mir hatte :-/
    „Unrühmlich“ ist ein tolles Wort, das ist mir gar nicht eingefallen. Allerdings trifft es das nur zum Teil, „infamous“ hat noch eine Note von „berüchtigt“.

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  3. Kim

    31. August 2015 at 13:55

    Den Fußgängertunnel stelle ich mir in der Nacht etwas gruselig vor ^^“

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  4. Silencer

    2. September 2015 at 08:30

    Ja, das ist schon umheimlich…

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