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Reisetagebuch MaGenTu (6): Der Turm

12 Sep

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Mittwoch, 11. Februar 2015, Genua.

Vor einem halben Jahr dachte ich plötzlich: Meinen nächsten Geburtstag, den möchte ich gerne alleine verbringen. In Genua. Ich möchte dort am Leuchtturm in der Sonne stehen und auf´s Meer hinaussehen.
Die Idee kam aus dem Nichts, sie war einfach da. Irgend etwas zog mich noch einmal nach Genua. Und warum auch nicht?

Der elfte Februar ist mein Geburtstag, und in diesem Jahr sogar der Vierzigste. Das ist nichts Schlimmes, im Gegenteil. Ich habe gerade einen Punkt in meinem Leben erreicht, an dem ich sehr zufrieden mit mir und der Welt bin, wie dieser Tagebucheintrag beweist, der an diesem Abend im Hotelzimmer in Genua entstehen wird.

Aber noch ist recht früher Morgen, und ich möchte meinen Geburtstag an einem der schönsten Orte zelebrieren, den ich kenne: Staglieno. Der Monumentalfriedhof ist ein sehr intensiver Ort, den ich 2012 schon einmal besucht habe. Er liegt weiter oben in einem der Täler, in denen Genua wuchert. Ich nutze die Gelegenheit und gehe die knapp vier Kilometer zu Fuß, entlang des Sturzbachbetts, dass aus den Bergen kommend durch die Stadt bis zum Meer schneidet.

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Im Moment fließt nur ein klägliches Rinnsal in der breiten Schneise. Möwen paddeln darin herum und untersuchen interessante Steine. Die Menge an Unrat, die an Brückenpfeilern festhängt, zeigt, was hier an Wasser runterkommen muss, wenn es richtige Unwetter oder Schneeschmelze gibt.

Typisch Genua: An den Berghängen wuchert die Stadt in hässlichem Beton...

Typisch Genua: An den Berghängen wuchert die Stadt in hässlichem Beton…

...während die Bergketten von alten Festungen gekrönt sind, die von oben auf das Labyrinth der Stadt hinab blicken.

…während die Bergketten von alten Festungen gekrönt sind, die von oben auf das Labyrinth der Stadt hinab blicken.

Am Eingang zum Monumentalfriedhof gibt es zwei Büros. Ich überlege einen Moment, dann betrete ich das falsche, weil ich bei 50/50-Sachen IMMER verkehrt liege. Im Richtigen, das auf der linken Seite liegt, tut ein braungebrannter, kleiner Mann in einer blauen Arbeitsuniform Dienst. Er hat struppige, grau-schwarze Haare, die ihn ein wenig wie einen Wischmop aussehen lassen. Er trägt eine Lesebrille, die er immer wieder auf die Stirn hochschiebt, etwas liest, und sie dann gleich wieder mit einem Zucken des Gesichts auf die Nase fallen lässt. Er wirkt schmutzig und ungepflegt, auch wenn er es nicht ist. Es gibt so Leute, die wirken immer dreckig und ungepflegt, selbst wenn sie gerade aus dem Schaumbad steigen.

Der schmutzige Stirnrunzler ignoriert mich zunächst, was für italienische Beamte, egal ob bei der Bahn oder sonstwo, normal ist. Italien hat eine ENORM aufgeblähte Bürokratie, die man mit Beziehungen schnell umgehen kann. Der Dienstweg dagegen, der ist aber ganz von Willkür geprägt. Nach einer angemessen demütigen Wartezeit sage ich vorsichtig „Buongiorno, Signore. Scusate, averebbe una fotocopia d´un mappe dello Cimitero per me?“ Verzeihen Sie, hätten Sie vielleicht eine Karte des Friedhofs für mich?

Der Knilch runzelt die Stirn und blickt mich böse an. „Sei Inglese?!“ herrscht er mich an, bist du Engländer? „No, no, sono tedesco. Scusate mio italiano male…“, Nein, ich bin deutscher, entschuldigen Sie mein schlechtes italienisch.

Plötzlich fährt ein Lächeln über das Gesicht des schmutzigen Gremlins. Er springt zu einem Regal und sucht eine Karte von Staglieno heraus, dann wühlt er in einem Karton und legt ein Heft vor mir auf den Tresen. Er schiebt seine Lesebrille in den Haaransatz und sagt in dem monotonen Tonfall, den Italiener drauf haben, wenn sie RICHTIG gut deutsch sprechen: „Ahh, Deutscher. Ich bin ein Fan der deutschen Sprache. Wussten Sie, das Goethe gesagt hat: Nur im Erlernen fremder Sprachen erfahre ich mehr über meine eigene?“. Er zuckt, und die Lesebrille fällt aus ungeahnten Höhen auf seine Nase. „Ich lerne Deutsch, um mehr über das Italienische zu erfahren, und ich hoffe, dass Sie es mir umgekehrt gleich tun.“

Ich bin baff.

In perfektem Deutsch erläutert er mir noch kurz die Karte, dann bedanke und verabschiede ich mich von dem Friedhofsarbeiter, in dem mehr steckt, als man auf den ersten Blick vermutet.

Eingangstor zu Staglieno.

Eingangstor zu Staglieno.

Anders als bei meinem ersten Besuch nehme ich gleich den richtigen Eingang zum eigentlichen Monumentalfriedhof. Genauso wie bei meinem ersten Besuch bin ich nahezu alleine, als ich durch die schier endlosen Arkaden mit den Monumentalgräbern und die Gänge der Ossuarien wandere.

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Es ist ruhig und friedlich, der Lärm der Stadt ist weit weg. Was hier geschaffen wurde ist wunderschön. Die Figuren und die verzierten Gräber sind Denkmäler der Trauer, sicher, aber hier auf Staglieno sind sie so gestaltet, dass sie gleichzeitig das Leben zelebrieren. Dabei ist alles angenehm „unchristlich“ – gelegentlich sieht man mal ein Kreuz, aber es hängt nicht alles mit leidenden Jesusen voll. Im Gegenteil: Die Motive der Gräber sind weltlich, geerdet, zeigen sogar Situationen aus dem Alltag der Toten oder der Trauernden. Oft werden die Verstorbenen auf den Gräbern übrigens nicht als alte Leute abgebildet, sondern in ihren besten, jungen Jahren. Und – nackt. DAs macht Staglieno zu einem erstaunlich sexy Friedhof.

Immer wieder finden sich Motive, die verdeutlichen, dass der Tod als eine Tür begriffen wird, durch die ein Mensch gegangen ist, und bei aller Trauer, bei allem Verlust, ist es für die Zurückbleibenden nötig los zu lassen und weiter zu gehen.

Das ist die Geschichte, die die Gräber vielhundertfach erzählen. Sie tun das in bewegenden Bildern. Manchmal ist es nur eine Figur, die trauernd und nachdenklich da sitzt. Manchmal sind es Szenen, die den Betrachter staunen lassen. Ein Grab zeigt einen alten Mann, der in seinem Bett, umgeben von seinen Kindern und Enkeln verstorben ist. Die Familie trauert, und gleichzeitig sieht man ihn, wie er – 50 Jahre jünger und im schicken Anzug – auf seinen verstorbenen Körper und die Trauernden zurückblickt, seine Frau an der Hand nimmt und mit ihr die Szene verlässt.

Oder das Grab, an dem vier Kinder im Alter zwischen Kleinkind und Teenager stumm und in Trauer wachen. Im Hintergrund ist die Mutter zu sehen, überlebensgroß, wie sie mit gütigem Blick schützend die Hände über die Kinder hält. Dabei entschwebt sie langsam – ihre Füße berühren schon nicht mehr den Boden. Die Botschaft ist klar: Hier hat eine Familie die Mutter verloren, aber sie wird immer bei ihnen sein.

Ein anderes Grab zeigt die umgekehrte Situation: Vater und Mutter knien am Boden, die Gesichter vor Schmerz und Trauer verzerrt, während ihre drei Töchter ruhig und entrückt über ihnen stehen.

Immer wieder sieht man das Motiv, dass die Verstorbenen von Begleitern geleitet, geführt oder beschützt werden. Manchmal sind es Engel, die die Verstorbenen durch Türen führen oder das Böse abhalten. Manchmal ist es der Tod selbst, das Skelett mit der Sense, dass den Weg aus einem dunkeln Wald weist. Manchmal sind es andere Familienangehörige, die nun gemeinsam die letzte Reise antreten.

All diese Geschichten erzählt jeweils die eine Szene, die ein Grab zeigen kann. Ein Foto kann nicht wirklich abbilden, welche Wirkung diese Monumente haben. Der folgende Film hat mich viel Mühe gekostet und fängt zumindest im Ansatz ein, was auf Staglieno vor sich geht:

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Das sind einprägsame wie einfache Bilder, nicht religiös codiert und daher für jeden leicht zu verstehen. Auf Staglieno muss man nicht die Fingerhaltung von heiligen interpretieren, um die Botschaft eines Grabes zu lesen. Hier sprechen die Gräber für sich selbst, und ihre Botschaften sind deutlich:

1. Tod und Trauer gehören zum Leben und sollten eine Zeit lang einen Platz darin haben.
2. Das Leben muss geehrt und gefeiert werden. Sowohl das Leben, das hier in einem Grab endete als auch das Leben derjenigen, die zurückgeblieben sind.

Staglieno ist steingewordenes Symbol dafür, dass man sein Leben so gut man es kann Leben soll. Die Grabmäler vermitteln oft in krassen Bildern Verlust und Trauer, und dennoch tun sie es auf eine Weise, die den Betrachter wissen lässt, dass hier der Wert des Lebens hoch geschätzt wird.

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Staglieno ist übrigens staubig. Alles ist mit einer Patina aus Staub bedeckt, und schon nach einer Stunde Wanderung durch die Gänge muss ich die Brille putzen. Der Friedhof verfällt schneller, als die Pflegekräfte dagegen ankämpfen können, und das merkt man.

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Ich entdecke ganz neue Bereiche auf dem Friedhof: Das Pantheon hatte ich letztes Mal nicht besuchen können, weil ich stundenlang Zeit im verkehrten, nicht-monumentalen Teil des riesigen Friedhofs verbracht hatte. Das hole ich jetzt nach, und entdecke gleich noch einen Bergwald, in den ebenfalls Monumente gebaut sind. Und Waldkapellen. Und eine zweite Galerie hinter den ersten. Und ein weiteres Stockwerk in den Ossuarien… Staglieno ist riesig, hier kann man sicherlich zwei volle Tage verbringen um alles zu sehen.

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Unfassbar: Was da links aus dem Wald guckt, ist eine 21 Meter hohe Nachbildung des Mailänder Doms. Die Grabstätte eines reichen Händlers.

Unfassbar: Was da links aus dem Wald guckt, ist eine 21 Meter hohe Nachbildung des Mailänder Doms. Die Grabstätte eines reichen Händlers.

Caterina, die Frau mit den Nüssen.

Caterina, die Frau mit den Nüssen.

Ich streiche nach dreieinhalb Stunden die Segel, nicht ohne vorher Caterina Campodonico besucht zu haben*, und fahre dann mit einem Bus nach Norden. Beim Abstempeln des Tickets muss ich laut lachen. DAS hebe ich mir auf.

11Feb15 13:37

11Feb15 13:37 Elfzwoer LEET!

Vom Bahnhof Principe aus versuche ich zum Leuchtturm von Genua zu gelangen. Der ist das Wahrzeichen der Stadt, und in der Theorie nur zwei Kilometer entfernt. In der Praxis liegen zwischen mir und „La Laterna“ aber ein Terminal für Kreuzfahrtschiffe und ein Containerhafen. Das fängt erstmal recht hübsch an, mit einer Promenade…

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…wird danach aber schnell zu einem alptraumhaften Labyrinth aus autobahnbreiten und viel befahrenen Straßen.Das Navi im iPhone ist keine Hilfe, es versucht mich immer wieder über die Straßen auf Betonrampen zu lotsen, über die ununterbrochen LKWs in den Hafen donnern und an denen es keinen Gehweg gibt. So muss man sich als Fußgänger in Los Angeles fühlen.

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Aber so schnell gebe ich nicht auf, und nach einer Dreiviertelstunde des Herumirrens über diverse Zubringer und durch die Hinterhöfe von Speditionen sehe ich endlich einen Wegweiser zum Leuchtturmweg. Das ist eine ebenso neue wie abenteuerliche Konstruktion aus Holzbohlen, die über den Containerhafen hinweg und unter den Betonrampen hindurch gebaut wurde. Hat man erst einmal den Eingang gefunden, ist man in Nullkommanix da.

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Bringt nur leider nichts, denn der Leuchtturm mit seiner Aussichtsplattform wird nur nach Verabredung geöffnet. Ich kenne sogar Leute in Genua, die das hätten ermöglichen können, aber das schien mir ein wenig viel Aufwand – zumal die Aussicht zum großen Teil auf einen Industriehafen blickt. Aber ich habe mein Vorhaben wahr gemacht: An meinem Geburtstag stehe ich am Leuchtturm von Genua und blicke, äh, zumindest in die Richtung, in die ich das Meer vermute.

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Früher stand der Leuchtturm auf einer weit ins Meer ragenden Klippe, jetzt ist um in herum ein gigantischer Containerhafen, und das Meer nur in der Ferne zu erahnen.

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In der Sonne ist es so warm, dass ich ohne Jacke und nur in Hemd und Jeans herumlaufe. Am Leuchtturm halte ich mich nicht lange auf, sondern gehe zurück zur Hauptstraße und nehme den nächten Bus zurück in die Innenstadt. Von dort laufe ich durch moderne und modernde Wohnblöcke bis zum Meer, an dem entlang der Corso Italia führt.

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Der rote Prachtweg, den man in Spanien sicher als Rambla bezeichnen würde, war mir aufgefallen, als ich vor neun Monaten die Renaissance über die Stadtautobahn trieb. Ich hatte keine Zeit um anzuhalten, aber jetzt hole ich alles nach und flaniere in der Abendsonne die Prachtstraße am Meer entlang. Alte Palazzi sind in den Hang gebaut und blicken stolz auf´s Meer hinaus. Palmen stehen grau und braun am Wegesrand. Zum Meer hin liegen Anlegestege und Freizeitanlagen: Sportplätze, Schwimmbäder, Parks. Jogger joggen, Skater skaten, und ich nehme mir zwischendurch die Zeit und sitze einfach in der Sonne auf einer Bank und blicke Richtung Portofino auf´s Meer hinaus.

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Je weiter ich nach Süden gehe, desto dörflicher scheint Genua zu werden. Nach sieben oder acht Kilometern wähne ich mich fast in einem Fischerdorf.

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Eben noch ist die Sonne ein roter Ball weit über dem Meer, plötzlich ist sie weg. Es wird innerhalb weniger Minuten dunkel. Ich suche eine Bushaltestelle und nehme den erstbesten Bus, verlasse ihn an einer Station, die mir richtig scheint, dann gehe ich ein paar Meter und bin sofort am Hafen, wo ich auch hinwollte. Erstaunlich. Zu meinen geheimene Superkräften gehört es, mich immer und überall verlaufen zu können, und jetzt bin ich seit 3 Tagen in der nachweislich größten und verwinkelsten Altstadt Europas unterwegs ohne mich auch nur EIN MAL VERLAUFEN ZU HABEN? Was ist nur los mit mir?

Ein letztes Mal schlendere ich die Hafenpromenade entlang, dann mache ich mich auf den Heimweg.

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Im Hotel lasse ich den Abend gemütlich bei einer Folge Top Gear ausklingen, währen draußen im Gang ein Japaner winselnd auf seine Freundin einredet, die ihn aus dem Zimmer geworfen hat und hinter der geschlossenen Tür wie eine Furie auf ihn einschimpft. Habe ich schonmal erwähnt, dass mich Japanerinnen total nerven?

Egal. Es war ein guter Tag, dem noch viele weitere folgen sollen.

Der Schrittzähler sagt übrigens, dass ich heute über 30 Kilometer gelaufen bin…

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Rumgelaufen: Nach Norden bis Staglieno, nach Westen zum Leuchtturm, nach Südosten für den Spaziergang in der Abendsonne.

Rumgelaufen: Nach Norden bis Staglieno, nach Westen zum Leuchtturm, nach Südosten für den Spaziergang in der Abendsonne.

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*Caterina ist das Sinnbild dafür, dass man alles im Leben erreichen kann, so unsinnig und unmöglich es auch scheint. Ihre Geschichte habe ich hier schon einmal erzählt.

HIER gibt es eine weitere Galerie mit Bildern von Staglieno.

 
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Verfasst von - 12. September 2015 in Reisen, Wiesel

 

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