Motorradreise 2015 (1): Von Walhalla in die Welt der Eisriesen

Sommerreise mit dem Motorrad. Schon an den ersten beiden Tagen geht es nach Walhalla, dem Sitz der Götter, und nach Jotunheimen, der Welt der Eisriesen.
Sonntag, 07. Juni 2015, Passau
Der Wirt des Gasthofes SchĂ€fer sieht aus, als ob er mit bloĂen HĂ€nden einen BĂ€ren erlegen könnte. Sein Temperament ist dabei das genaue Gegenteil der Ă€uĂeren Erscheinung. Der AnfangfĂŒnziger ist ein sehr stiller Mensch, der immer ein wenig schĂŒchtern wirkt und spricht, als wĂŒrde jedes Wort 100 Euro kosten. Deshalb geht er sparsam mit ihnen um und wĂ€hlt sie mit groĂer Sorgfalt aus.
Bei meiner Ankunft in Passau hatte er mir wortlos den ZimmerschlĂŒssel hingelegt und verschmitzt gelĂ€chelt. Erst Sekunden spĂ€ter schob er ein “Sie kennen sich ja aus, gell?” hinterher. Das war die ganze BegrĂŒĂung. Und dennnoch war das ein warmherziges und freundliches Willkommen, mit einem LĂ€cheln in den Augen.
Es ist Morgens, in der Gaststube duftet es nach Kaffee. Es ist mein dritter Aufenthalt im Gasthof SchĂ€fer, und mittlerweile kann ich den Wirt deuten und an seinen Augen ablesen, was er fragen will. “Ja, Kaffee nehme ich gerne”, sage ich, und spare ihm damit 300 Euro, weil er sich nicht den Satz “Kaffee fĂŒr sie?” abringen muss. Ja, den SchĂ€ferwirt bringen Worte in BedrĂ€ngnis, seine QualitĂ€ten liegen anderswo. Beim FrĂŒhstĂŒck machen, zum Beispiel.


Ein “Besseres Wetter, diesmal, gell?” zusammen mit einem freundlichen Blick zeigen, dass er sich daran erinnert, dass ich mit dem Motorrad zuletzt 2013 hier war, an dem Tag, als Passau unterging.
Heute Morgen ist das Wetter hervorragend. Blauer Himmel, Sonnenschein, 25 Grad schon vor 9 Uhr. Das war nach den Blitzen und dem Donnern in der vergangenen Nacht nicht unbedingt zu erwarten gewesen, aber ich beklage mich nicht.
Kurz nach der Verabschiedung vom SchĂ€ferwirt (“Bis bald, gell?”, – eine Verabschiedung im Wert von 300 Euro!) surrt die Kawasaki ĂŒber eine HĂŒgelkuppe. Unter uns ausgebreitet liegt Passau, und so schnell wie die Drei-FlĂŒsse-Stadt aufgetaucht ist, lassen wir sie hinter uns. Es ist schon der zweite Tag der Tour. Gestern ging es von Göttingen hier her, aber das war eine ereignislose Autobahnfahrt.

Das Wiesel, das mich auf der Tour begleitet, hatte sich unterwegs so gelangweilt, dass es bei einem Halt auf eigene Faust versuchte davonzufahren.



Interessant war nur der Ausflug nach Walhalla. Das ist ein groĂes Bauwerk auf einem HĂŒgel mitten in Bayern. Bin ich schon mehrfach dran vorbeigefahren, gestern habe ich mir den “Göttersitz” mal angeguckt.



Die Walhalla blickt weit ĂŒber die umliegende Gegend. In die riesige Halle haben die Bayern BĂŒsten von allen Leuten gestellt, die ihnen irgendwie wichtig schienen. Sind natĂŒrlich viele Bayern dabei, aber auch Albrecht DĂŒrer, Einstein, und sogar Martin Luther.





Warum existiert so ein Ort, und warum heisst er ausgerechnet wie der Sitz der Götter? Weil Deutschland um das Jahr 1800 rum zersplittert war und unter der Knute der Franzosen stand. Angesichts âTeutschlands tiefster Schmachâ, der Auflösung des Heiligen Römische Reichs, lieĂ der damalige Kronprinz Ludwig bereits 1807 eine Serie von BĂŒsten ârĂŒhmlich ausgezeichneter Teutscherâ bauen. Darin fand die angekratzte Seele Trost, und 1842 wurde dann das passende GebĂ€ude dazu fertig.
Die Walhalla ĂŒberblickt die Weiter des Donautals. Die Kulisse ist malerisch.


Ein frisch verheiratetes Paar nutzte die Aussicht fĂŒr Hochzeitsfotos, aber hey, die beiden mĂŒssen noch VIEL lernen. Naja, bei der nĂ€chsten Hochzeit klapptÂŽs besser mit dem Herzchen.



Das Wiesel wollte auch unbedingt eine BĂŒste in Walhalla, aber daraus wird wohl nichts: Zwar sind Geschlecht, Stand und vermutlich auch Spezies egal, aber um in Walhalla aufgenommen zu werden, muss Deutsch sprechen. Ein unĂŒberwindbareres Problem, dass das Wiesel mit einem Knurren quittierte.



Seine Laune besserte sich erst wieder, als wir am Abend des ersten Tages mit einer Horde Passauer Freunde einen Biergarten unsicher machten. Dort ersĂ€ufte das Wiesel seinen Kummer in Hackl-Bier, und ich aĂ das erste Mal im Leben Schweinshaxe – und fand das unerwarteterweise lecker.


Passau war nur eine kurze Zwischenstation auf dem Weg nach Ăsterreich, dessen Grenze direkt hinter der Stadt liegt und die ich gerade ĂŒberfahre. Das neue Navi lockt mich gleich erstmal in eine Falle. Das Garmin ZUMO, an das ich mich immer noch zu gewöhnen versuche, fragte vor Antritt der Fahrt drei Mal, ob es die Strecke, die ich aus dem Speicher aufrufe, mit Maut und Vignette rechnen darf. Jedes Mal verneine ich, und trotzdem fĂŒhrt mich das dumme Ding direkt auf die deutsche Autobahn A3, die nahtlos in die österreichische A1 ĂŒbergeht – und durchgehend Vignettenpflichtig ist.
Als mir aufgeht, dass ich jetzt mehr als 20 Km quasi schwarzfahren soll, bricht mir fast der SchweiĂ aus. Spielt das GerĂ€t gerade auf Risiko, nach dem Motto “Uns erwischt schon niemand”? Das wĂ€re eine Katastrophe, denn WENN es eine Chance gibt erwischt zu werden, in die ScheiĂe zu greifen oder falsch zu liegen, dann trifft es MICH ganz bestimmt. Ich plane auch deswegen so viel, weil ich mich nicht auf das diffuse Konzept “GlĂŒck” verlassen kann. Ich mache mein eigenes GlĂŒck, durch harte Arbeit und gute Vorbereitung und dem Vertrauen in meine Instinkte. So auch jetzt. Ich nehme sofort die nĂ€chste Abfahrt, und das Navi schwenkt auf LandstraĂe um. Geht doch, Arschloch, denke ich grimmig.

Die LandstraĂe lĂ€sst sich auch viel schöner fahren als die langweilige Autobahn. In weiten SchwĂŒngen zieht sie sich durch die Berge und TĂ€ler von Oberösterreich, das jetzt, Anfang Juni, noch in einem satten, frĂŒhlingshaften GrĂŒn da liegt. EindrĂŒcke strömen in riesiger Menge auf mich ein: Der Anblick der weiten TĂ€ler, mit den verstreuten Gehöften. Der Geruch von frisch gefĂ€llten BaumstĂ€mmen, aufgestapelt am StraĂenrand. Der Duft von gemĂ€htem Gras. Die WĂ€rme, die durch das leicht geöffnete Helmvisier strömt.
Hier ist es schön, einfach nur schön. Mehr fĂ€llt mir dazu nicht ein, in diesem Moment, in dem die Renaissance ĂŒber die HĂŒgel gleitet.
Fast drei Stunden bin ich unterwegs, als ich in den Ort Oberwiesenmayr hineinfahre. Der erweist sich als erstaunlich groĂ, hat sogar Oberleitungen fĂŒr elektrische Busse, und sieht so gar nicht aus wie die anderen Gehöftansammlungen. Als ich das Ausgangschild passiere, weiĂ ich auch warum: Oberwiesnmayr war nur ein Vorort. Das war gerade Salzburg, durch das ich da unbemerkt durchgefahren bin.
Weil gerade mal Zivlisation da ist, nutze ich die Gelegenheit und steuere eine kleine Tankstelle am Wegesrand an. Die ZZR rollt an eine ZapfsÀule, und ich bin erstmal verwirrt. Ist das jetzt Benzin E5? Oder E10? Da kommt schon der Tankwart herbeigeeilt, greift zielsicher nach einer Zapfpistole und beginnt, das Motorrad zu betanken.
Er ist braungebrannt, trĂ€gt eine ölverschmierte Latzhose und muss lachen, als ich in nach dem Anteil Bioethanol frage. “Diesen RĂŒbensaft haben wir in Ăsterreich nicht”, sagt er und erklĂ€rt mir dann seine Theorie, dass E10-Sprit die Motordichtungen und SchlĂ€uche zersetzt und dann Fahrzeuge in Brand setzen. Ich kann das nicht nachprĂŒfen, aber wenn ich so drĂŒber nachdenke… ja, zumindest gefĂŒhlt haben die Meldungen ĂŒber brennende Autos in den letzten Jahren zugenommen. Göttingen liegt ja direkt an der A7, da berichtet die Lokalpresse immer direkt drĂŒber. Ich bedanke mich bei dem Tankwart und setze meine Fahrt fort.



Gerade hat mich die schöne Landschaft wieder eingelullt, als die Stimme in meinem Helm laut fordert, ich solle doch bitte hier abbiegen und in die Berge fahren. Ich halte kurz an und blicke mich um. Hoch auf einem Felsen thront eine Burg, und noch viel weiter darĂŒber thront der Berg, auf den ich muss.




Zig steile Kehren spÀter hÀlt die Kawasaki vor einem neuen GebÀude, neben einer Unzahl an PKW und Reisebussen.
Im Inneren des GebĂ€udes ist es kĂŒhler als drauĂen, wo ĂŒber 30 Grad herrschen. Als ich am Ticketschalter stehe, sage ich “OK, ich wĂŒrde gerne die FĂŒhrung mitmachen. Und was ist das da, was Sie noch anbieten? Das mit dem Seilbahnsymbol?”
“Das”, antwortet die Frau mit dem platinblonden Kurzhaarschnitt, die ein wenig wie eine zu kuze geratene und ĂŒbergewichtige Version von Marie Fredericksen aussieht, “Ist die Seilbahnfahrt”. “Echt jetzt?”, sage ich. “Ja”, sagt sie, “Sie gehen jetzt hier raus und zwanzig Minuten den Berg hoch und da ist die Seilbahn und dann steigen sie ein und die fĂ€hrt drei Minuten und dann steigen sie aus und steigen nochmal 20 Minuten den Berg rauf…”
“Nee”, sage ich. “Auf den Berggipfel will ich heute nicht, dazu bin ich zu warm angezogen”. Ich deute an mir runter, denn ich stehe in kompletter Motorradmontur vor ihr, mit Stiefeln, der Lederhose und der schweren Jacke, deformiert von dem knappen Dutzend Protektoren, die sich unter Leder und Cordura verbergen. Definitiv zu schwer, um in der brĂŒtenden Hitze 20 Minuten den Berg hoch zu laufen. Ich will ja auch nur kurz hier diese Höhle angucken, die muss ja hier unter dem EingangsgebĂ€ude sein. Marie Fredericksen lĂ€sst die Schlupflider einen halben Zentimeter sinken und starrt mich kalt an. “Wie sie wĂŒnschen. Die Alternative ist dann nur zu FuĂ zu gehen, dauert ca. zwei Stunden. Der Höhleneingang liegt oben, fast am Gipfel des Berges.”
“OK, DAFĂR bin ich DEFINITIV zu warm angezogen”, sage ich und bin plötzlich froh die Seilbahn buchen zu dĂŒrfen. Die Teile ich mir mit einer arabischen GroĂfamilie, die stĂŒckweise beginnt durch aufdringliches Getue und permanentes DrĂ€ngeln in Tateinheit mit grassierender Selfie-itis zu nerven.
Weiter oben am Berg verliere ich die schnell wieder, als ich fluchend den steilen und staubigen Pfad hinaufklettere, umgeben von grandioser Aussicht. Aus 1,5 Kilometer Höhe blicke ich hinab auf Ortschaften und Autobahnen. Ich mag Berge und finde sie eindrucksvoll, in dem Sinn, dass sie die MaĂstĂ€be gut zurechtrĂŒcken und einen Eindruck von den wahren VerhĂ€ltnissen vermitteln: Der Mensch ist klein und winzig in einer groĂen Welt.
Das folgende Video zeigt die Seilbahnfahrt bis zum Höhleneingang und die Walhalla am Tag zuvor:






Ich gebe zu, dass ich hierauf schlecht vorbereitet bin. Ich weiĂ kaum was ĂŒber mein Ziel, war nur bei Google Maps ĂŒber Symbol und Beschriftung gestolpert und hatte das in letzter Sekunde in die Routenplanung aufgenommen ohne mich groĂ zu informieren. Wie immer, wenn ich mich auf mein GlĂŒck verlasse und einen Schuss ins Blaue wage, ist es schief gegangen. HĂ€tte ich gewusst, dass ich hier in glĂŒhender Hitze einen Berg besteigen muss, ich hĂ€tte die schwere Jacke im Motorradkoffer eingeschlossen und den Helm an den GepĂ€cktrĂ€ger gekettet und wĂ€re nur im T-Shirt losmarschiert. Aber nein…
Das ich nicht wirklich weiĂ, was mich erwartet, wird umso deutlicher, als ich endlich den Zielpunkt erreiche. Ein Höhlenportal, der Eingang zur Eisriesenwelt. Ja, Eisriesenwelt. Wie bei Game of Thrones oder in der nordischen Mythologie. Bei dieser speziellen Eisriesenwelt handelt es sich um eine Höhle.
Der Eingang zur Eisriesenwelt liegt in einem groĂen Felsauge, das die Weite der Berge auf 1.656 Meter ĂŒberblickt. Nach innen verjĂŒngt es sich, bis es nach 10 Metern abrupt an einer MetalltĂŒr endet. Davor hĂ€ngen Schilder, “Deutsch” und “English”, wo man sich zu verschiedensprachlichen FĂŒhrungen einfinden soll.




Die Schilder sind nur 10 Meter von den heiĂen Sonnenstrahlen am Eingang der Felsvertiefung entfernt, und dennoch… meine ich meinen Atem kondensieren zu sehen. Ich gucke genauer hin. Neben mir zieht sich eine junge Frau um. Ihre baren Schultern sind schweiĂbedeckt, und sie… dampft. Von ihrer Haut und aus ihren Haaren steigt Dampf auf und ringelt sich davon, im Gegenlicht des Felseingang ist das deutlich sichtbar.

Ich blicke auf meine Arme und sehe ĂŒberrascht, dass auch von mir Dampf aufsteigt. Ich drehe die HĂ€nde fasziniert vor meine Augen hin und her, dann blicke ich an mir herab und sehe, wie aus den LĂŒftungsöffnungen der Anzugshose Dampfwolken aufsteigen. Es ist KALT. Nicht das normale “Es ist im Schatten kĂŒhler als fĂŒnf Meter weiter in der Sonne”, sondern wirklich EISKALT, wie in einem KĂŒhlhaus.
Jetzt bin ich doch froh die Jacke dabei zu haben. Schnell schlĂŒpfe ich in die hinein und versiegele den Motorradanzug mit Reiss- und Klettverschluss. Jetzt frieren mir nur noch Kopf und Ohren, aber dagegen gibt es Abhilfe. In Paris habe ich im vergangenen Jahr das Konzept des Schlauchtuchs kennengelernt, einem sehr vielseitigen KleidungsstĂŒck. Normalerweise trage ich das um den Hals, aber mit zwei Griffen ist es eine warme MĂŒtze geworden. Um mich herum kleiden sich immer mehr Leute in warme Sachen, die sie vorsorglich mitgebracht haben. Ich hatte mich schon ĂŒber die Leute gewundert, die mit C&A-TĂŒten unter dem Arm den Berg hochmarschiert sind. Die waren einfach gut vorbereitet.

Mittlerweile haben sich noch andere Leute eingefunden, darunter auch ein HöhlenfĂŒhrer, der sich als “Der Hannes, ne?” vorstellt. Jetzt kann es losgehen in die Eishöhle. Unsere Gruppe besteht aus rund 50 Personen, an jeden fĂŒnften wird eine Carbitlampe ausgegeben. HöhlenfĂŒhrer Hannes entzĂŒndet und mahnt “Aber niemanden anders anzĂŒnden, ne?” Dann geht es los.

Denke ich zumindest, und dann trifft es mich zum dritten Mal unerwartet. Als die MetalltĂŒr im Berg geöffnet wird, schaffe ich es nur mit MĂŒhe hindurchzugehen. Aus der TĂŒröffnung brĂŒllt ein Sturm heraus, gegen den ich mich mit meinem ganzen Körpegewicht werfen muss. Nach zwei Metern ist die unsichtbare Barriere durchbrochen und ich stolpere VorwĂ€rts ins Dunkel.
Abgesehen von den Carbitlampen, die mehr Schatten als Helligkeit produzieren, ist es stockdunkel. Plötzlich glĂŒht weiĂes Feuer in der Dunkelheit. Hannes hat ein StĂŒck Magnesiumband entzĂŒndet, dass nun mit heller Flamme verbrennt und einen Blick auf die Szenerie ermöglicht.
Vor uns eröffnet sich ein gigantischer Höhlenschacht, der fast senkrecht nach oben in den Berg fĂŒhrt und weit oben in der Dunkelheit verschwindet. Den Schacht herunter wĂ€lzt sich eine riesige Eiszunge. Kein gefrorener Wasserfall, sondern eher eine Gletscherzunge, die sich irgendwie in diesen Berg verlaufen hat, und an deren FuĂ wir stehen.
Hannes begrĂŒĂt die Gruppe, mahnt eindringlich an, nicht zu fotografieren und lobt unseren Mut, dass wir bei Null Grad Celsius einen Kilometer in den Berg eindringen wollen. Aber uns wĂŒrde schon nicht kalt, immerhin hĂ€tten wir 1.400 Stufen zu bezwingen, ne?
Mir fÀllt das Essen aus dem Gesicht. WHAT. THE. FUCK?!
Null Grad? Und 1.400 Stufen? Verdammt, der Vatikan hat 521, und DAS ist schon anstrengend!
Egal, jetzt bin ich halt hier. HĂ€tte ich den Quatsch hier mitgemacht, wenn ich vorher gewusst hĂ€tte wie anstrengend das wird? ĂŒberlege ich und komme zu dem Ergebnis: Aber SELBSTVERSTĂNDLICH.
Ein wenig tun mit die Araber leid. Die sind genauso schlecht informiert wie ich, aber nicht zufĂ€llig in einem kĂ€ltedichten Cordurazeug unterwegs, sondern in Shorts, T-Shirts und FlipFlops. Eine der Frauen trĂ€gt sogar ein Kleinkind auf dem Arm. Das wird hart fĂŒr sie werden.
Im Dunkel stapfen wir die steile Holztreppe hinauf, eine dampfende Karawane aus Geistern, deren Aura von den tanzenden Schattenstrahlen der Carbitlampen durchbrochen wird und deren Zuckungen sich im Eis spiegeln, bis sie sich im Dunkel verlieren. Im Vergleich zu der riesigen Gletscherzunge im Fels sind wir klein wie Ameisen, die auf einer Picknickdecke herumkrabbeln.
Im Folgenden sind einige Bilder der Höhle zu sehen, die ich mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber zeigen darf. Die Bilder vermitteln ein gutes Bild der Eisformationen, aber nicht der AtmosphĂ€re – sie sind nĂ€mlich zu hell. WĂ€hrend die Fotos toll ausgeleuchtet sind, steht man als Besucher im Dunkeln herum, nur die diffusen Lichter der Carbitlampen und das Flackern des brennenden Magnesiumbands bringen unstetes Licht in die Höhle.

An einigen Stationen hĂ€lt unsere Geisterprozession inne, und Hannes erlĂ€utert im Schein eines Magnesiumsfeuers die Höhle. Es handelt sich um die gröĂte Eishöhle der Welt, mit einer Gesamtausdehnung von 42 Kilometern. Sie wurde erst 1896 von einem Jungen namens Mörk entdeckt wurde, der leider mit nur 27 Jahren im ersten Weltkrieg fiel. Mörk war Fan der nordischen Mythologie, und er benannte “seine” Höhle nach der Eisriesenwelt Jotunheimen.

Bildnutzung mit freundlicher Genehmigung der Eisriesenwelt GmbH, Salzburg. Alle Rechte vorbehalten. Klick auf das Bild fĂŒhrt zu groĂer Version auf der Website der Eisriesenwelt, wo es noch viele weitere Aufnahmen gibt.
Das Besondere an der Höhle: Weiter oben am Berg dringt Wasser und vor allem Wind ein. Der kalte Winterwind zischt durch den Fels, der hier aus Kalk- und Leimstein ist, und kĂŒhlt den bis in tiefste Schichten ab. Auch jetzt, Mitte Juni, drĂŒckt von oben kalte Luft in die Höhle – das erklĂ€rt den brĂŒllenden Sturm am Eingang. Im Winter friert hereintropfendes Wasser im unteren Höhlenbereich sofort und taut auch im Sommer nicht wirklich weg. Lediglich der heulende Wind schleift und formt das Eis. Im unteren Teil der Höhle hat der Wind das Eis in die Form eines Gletschers geschliffen, weiter oben in viel bizarrere Figuren.
Die “Burg von Hymir”, dem Eisriesen, sieht aus wie ein groĂer Gehörgang aus Eis, in dem Hannes aufrecht stehen kann. Er beleuchtet das Eis von hinten mit einem Magesiumfeuer, und die windgeschmirgelten EisflĂ€chen straheln weiĂ und blau.

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Tiefer im Berg gibt es Klippen aus Eis, glitzernde FacettenflÀchen, einen gefrorenen See und einen 40 Meter hohen Dom, in dessen Wand die Urne des Entdeckers eingelassen ist. Es ist eine bizzarre Welt, die sich hier unter dem Berg findet, und alle Hallen und Figuren tragen Namen aus der nordischen Mythologie.

Bildnutzung mit freundlicher Genehmigung der Eisriesenwelt GmbH, Salzburg. Alle Rechte vorbehalten. Jlick auf das Bild fĂŒhrt zu groĂer Version auf der Homepage der Eisriesenwelt, wo es noch viele weitere Aufnahmen gibt.

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Nach 70 Minuten erreichen wir wieder den Eingang, die Tortur der 1.400 Stufen ist vorbei. Die Araber haben Rauhreif in den BĂ€rten. Sie sind sichtlich am Ende, die Mutter mit Kind kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Niemand hat ihr das Kleine abgenommen, und die MĂ€nner bemitleiden sich offensichtlich gegenseitig, haben aber auch jetzt keinen Blick fĂŒr Mutter und Kind ĂŒbrig.


Ich kraxele den Berg hinab, zurĂŒck zur Seilbahn und von dort zum Motorrad, und bin froh, als ich wieder auf der StraĂe bin. Jetzt geht es durch die Alpen. Noch 170 Kilometer bis zu meinem heutigen Ziel, der Stadt Villach kurz vor Slowenien. Und man, DAS werden 170 Kilometer! Ich wusste ja, das Ăsterreich abwechselungsreich sein kann, aber was ich auf der Reise erfahre, sprengt alle Erwartungen. Es ist schlicht groĂartig, dieses Land auf seinen LandstraĂen im wahrsten Sinne des Wortes zu er-fahren.

Schmale TĂ€ler mit schroffen BerghĂ€ngen und sprudelnden SturzbĂ€chen wechseln sich ab mit Ebenen voller weitlĂ€ufiger Wiesen, getupft mit MilchkĂŒhen und kleinen Dörfern. Ich habe groĂen SpaĂ daran durch die herrlich abwechslungsreiche Landschaft zu sausen, die fahrerisch mal gemĂŒtlich, mal anspruchsvoll ist. Die Route fĂŒhrt meistens durch die AlpentĂ€ler, es geht nur selten ĂŒber sehr niedrige PĂ€sse.








40 Kilometer vor Villach wird es plötzlich SEHR anspruchsvoll, als in einem Seitental aus heiterem Himmel und bei strahlendem Sonnenschein unvermittel dicke Regentropfen fallen. Dazu habe ich noch einen Northeimer vor mir, einen von der besonderen Sorte. Im Landkreis Northeim (KFZ-KĂŒrzel: NOM) liegt mein Heimatort, und daher kann ich bestĂ€tigen, was alle anderen vermuten: Ein NOM ist die kleinste Einheit fahrerischen Könnens. Der NOM vor mir gehört zu der Sorte, die beim Ăberholt werden aufÂŽs Gas latscht, bei interessanten UnfĂ€llen eine Vollbremsung zum Glotzen einlegt, und der ansonsten gerne mal von der linken zur rechten Leitplanke quer ĂŒber zwei Fahrbahnen oszilliert. Stets wachsam fahre ich hinter dem NOM her, durch verwaiste Wintersportorte und ĂŒber weitere LandstraĂen.
GlĂŒcklicherweise biegt der Kaputte in Spittal ab, und ich komme heil in Villach an. Hier habe ich eine Untgerkunft in einem Gasthof gebucht. Gerne hĂ€tte ich im nahen Slowenien ĂŒbernachtet, aber das schlicht zu teuer – im österreichischen Zonenrandgebiet ĂŒbernachtet es sich viel gĂŒnstiger. Der Gasthof Karpfenbacher liegt auĂerdem zentral, hat einen perfekten Parkplatz fĂŒrÂŽs Motorrad und verfĂŒgt ĂŒber eine unfassbar kompetente Mitarbeiterin, die routiniert den Hotel- und Restaurantbetrieb schmeiĂt.


Die Zimmer sind groĂ, aber die Austattung ist erkennbar in den frĂŒhen 90ern aus diversen Haushalten zusammengewĂŒrfelt wurden. Ist mir aber egal, fĂŒr mich istÂŽs perfekt. Ich habe genug Platz fĂŒr mein ganzes Gelumpe, und auch wenn das warme Wasser in der Dusche nicht funktioniert – bei der Hitze ist kalt Duschen eh am Besten. Dass das Zimmer nach Rauch riecht, stört mich schon eher. Kennt man ja gar nicht mehr, sowas. Aber fĂŒr eine Nacht wird auch das gehen.
Ich mache einen kurzen Ausflug in die nur 500 Meter entfernte Innenstadt, und komme nicht umhin, mich zu fragen, wie schwer Villach in den letzten Kriegen verwĂŒstet wurde. Die Stadt ist nĂ€mlich verdammt hĂ€sslich. Betonbauten an Betonbauten, wohin das Auge blickt.





TatsĂ€chlich lese ich spĂ€ter, dass Villach im Krieg eines der wichtigsten Ziele war, weil es den Verkehrsknotenpunkt zur Adriaregion darstellte. Am Ende des zweiten Weltkriegs lagen 85 Prozent der Stadt in Schutt und Asche, und das sieht man ihr heute noch an. Selbst die zentrale Kirche, einst gothisch, erhielt einen hĂ€sslichen Betonvorbau. Die Inschrift im Gedenkstein davor ist an DĂ€mlichkeit kaum zu ĂŒberbieten – “den Gefallenen des ersten Weltkriegs fĂŒr Ihre Ruhmreichen Taten“. Wenn es im ersten Weltkrieg eines nicht gab, dann war es Ruhm und Ehre.

ZurĂŒck im Karpfenbacher gibt es ein ordentliches Abendessen, das leider zum GroĂteil aus Fertigskram und tiefgrefrorenem besteht und keine lukullische EnthĂŒllung ist, was aber durch die ĂŒberaus fixe und gute Bedienung aufgefangen wird. Satt geht es ins Bett. Morgen, Kinder, wirdÂŽs was geben.
Morgen… habe ich einen der schwersten BergpĂ€sse Osteuropas vor mir.
Weiter zu Teil 2: Der Mangart
11Â Gedanken zu âMotorradreise 2015 (1): Von Walhalla in die Welt der Eisriesenâ
Einen wunderschönen guten Morgen aus Ballerup (Vorort von Kopenhagen)!
Sehr schöner Artikel, wie immer đ
Ich hatte beim Teaser schon vermutet, dass du in der Eisriesenwelt warst, und mich ein wenig gewundert, dass du so viel Zeit dafĂŒr ĂŒbrig hattest. Sonst hetzt du ja eher durch Ăsterreich (aber auch wetterbedingt und um Zeit aufzuholen, schon klar).
Schön, dass du dich diesmal mehr umschauen konntest – ist schon schön bei ‘uns’.
(Nord)Slowenien auch, bin gespannt auf die nÀchsten Berichte!
Es geht endlich wieder los. Das macht Reiselust, hihi.
In der Piefka Saga sitzt auch einer direkt ĂŒber dem Abgrund und spielt Ziehharmonika đ
MoinMoin nach Kopenhagen! Oh, in diesem Jahr hatte ich eigentlich vorgehabt 2-3 Tage in Graz und Umgebung zu bleiben, aber ohne Dich schien das einigermaĂen sinnlos. Deshalb auch diesmal nur “Durchfahrt”, ein paar StĂŒndchen Eisriesenwelt waren dennoch drin.
CKater: Ach?
Rufus: Pefke gibt es als Saga?
Hi hi hi ja das weià der Kenner!!! Das ist der Autohof in Wörnitz. Oh man ich sachs nicht gern, doch da hab ich echt mal gearbeitet. Und nun steht Sie auf der anderen Seite und ist selber Brummifahrerin.
So nun sind wir aber mal gespannt wie ein Flitzebogen, was das Wiesel und der Herr Silencer so alles erlebt haben auf ihren Riesen Ă€hm ich meine latĂŒrnich Reisen. đ
GrĂŒĂle aus dem SĂŒden
Wobei sich das Bild dooferweise reingemogelt hat, wie Herr Peteman anmerkte. Ich war nĂ€mlich auf der RĂŒckfahrt in Wörnitz, nicht auf der Hinfahrt. đ
Na na ist doch alles gut!!!!! Wir haben es erkannt. Ob du nun auf der Heimreise da warst oder vorher, dit is doch ejal. Wer wees wo zu it jut is. đ
Achja, und Schlauchschal FTW đ
Das ist die “Erlebnisburg Hohenwerfen”
Hallo Silencer,
ich habe in letzter Zeit einige Reiseberichte gelesen und na ja, die meisten waren Berichte halt.
Doch was du hier ablieferst das sind keine Tagesrapporte, nein ich behaupte jetzt mal es handelt sich um Reise Literatur. Allein schon wie du Menschen beschreibst, kommt mir z.B. so vor als hĂ€tte ich schon zig mal beim SchĂ€ferwirt ĂŒbernachtet. Auf die Idee zu kommen ihn so zu beschreiben, als jemand der Worte auf die Goldwaage legt, war goldrichtig und hat echt Stil! Und ich glaube daĂ du das alles nicht einfach nur so runter schreibst, sondern richtig Zeit investierst. Sollte es anders sein, na da hĂ€tte ich noch mehr Achtung vor deiner Leistung. So jetzt habe ich aber genug Honig verschmiert. Ich möchte dir jetzt einfach meinen Dank aussprechen: DANKE, DANKE, DANKE!
LIEBEn GruĂ und gute Fahrt
rudi rĂŒpel
Danke Rudi, fĂŒr das Lob – das freut mich sehr (und ja, es ist relativ viel Arbeit – aber fĂŒr ein Hobby ist das echt OK, und es bringt mich dazu, mich nochmal ganz anders und intensiver mit dem Erlebten auseinanderzusetzen) đ