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Motorradreise 2015 (3): Unterwelten & Sternchenkeksmondkuchen

07 Nov

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Sommerreise mit dem Motorrad. Am dritten Tag möchte ich das Motorrad gerne von seinem Leiden erlösen, lerne was eine Brachse ist, und das Wiesel vergnügt sich mit Sternchenkeksmondkuchen.


Dienstag, 09. Juni 2015, Opicini in der Nähe von Triest.

Der Kirschwinkel, der Gasthof L´Angolo dei Cielegie, ist neu ausgebaut – aber genau auf die verkehrte Art. Es ist, als ob jemand das Konzept Gasthof und Hotel zwar verstanden hat, aber nicht bereit war, die letzten fünf Meter zu gehen, um das auch umzusetzen. Das Ergebnis fühlt sich falsch an.

Das in der Dusche der Wasserhahn abfällt ist zu verkraften. Das das Zimmer staubig ist, auch. Das die Rezeption quasi nie besetzt ist, ist schon doof. Das man dadurch das WLAN-Passwort nicht erfährt ist peinlich. Aber das die Wände hauchdünn sind und zwischen meinem und dem Nachbarzimmer sogar eine Verbindungstür ist, durch die ich das Rascheln des Bettuchs hören kann, wenn die Nachbarin sich umdreht – das ist unverzeihlich. Ja, man kann hier gut Station machen, weil es strategisch günstig liegt, das eigene Fahrzeug sicher steht und es im Verhältnis nicht so teuer ist. Sicher würde ich hier noch einmal übernachten, aber schön ist anders.

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Dementsprechend halte ich mich nicht lange mit dem Frühstück in der vorgelagerten „Street Bar“ auf, sondern packe schnell meine Sachen – um dann festzustellen, dass die Rezeption auch heute zu ist und ich nicht mal bezahlen kann. Die Bedienung der Street Bar ist zu beschäftigt mit Telefonieren und winkt genervt ab, als ich den Wunsch vorbringe, jemanden mit Geld zu bewerfen. Erst als ich den letzten Koffer am Motorrad befestige, kommt ein junger Mann herangesprungen und bemüht sich ehrlich darum freundlich zu sein. Vermutlich der Besitzer. Tja. Zu spät, ich reise mit einem sehr gemischten Eindruck ab.

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Gestern hat das Vorderrad des Motorrads noch gequietscht wie irre, und mich damit fast in den Wahnsinn getrieben. Ich hatte dann Abends fix recherchiert und rausgefunden, dass es nichts ernstes sein kann – kein Teil wird heiss, und so lange es nicht rumpelt und schleift, da ist man sich in den Internetforen einig, ist es auch nicht das Radlager, sondern nur irgendwas kleinteiliges. Das hatte mich beruhigt. Nun, heute morgen rumpelt und schleift es dann. Und zwar so, dass ich die Unwucht im Rad spüren kann, was wirklich ein ungutes Gefühl ist.

Zum Glück muss ich zunächst nicht weit fahren, sondern nur 7 Kilometer, in das Dorf der Grotta Gigante. Wie man sich denken kann, handelt es sich hierbei um eine Höhle, und eine verdammt große noch dazu. Als ich um kurz vor 10 dort ankomme, ist das Empfangsgebäude noch geschlossen. Das ändert sich jedoch, als eine Schulklasse eintrifft – kaum stecke ich bis zur Hüfte in schnatternden Schulkindern, öffnet sich das Tor.

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Ich kann mir die Sprache der Führung aussuchen, was gut ist – mein italienisch reicht die meiste Zeit nicht aus, um schnellen und mit Fachbegriffen gespickten Erläuterungen zu folgen. Ich bin auch nicht der einzige Deutsche, eine Gruppe bayrischer Rentner ist ebenfalls anwesend. Unsere Führerin ist eine junge Inderin namens Neha, die fliessend italienisch und deutsch spricht.

Ein kleines Museum ist im Empfangsgebäude untergebracht.

Ein kleines Museum ist im Empfangsgebäude untergebracht.

Sie führt uns durch eine Metalltür und hinab in die Tiefe, wobei tief wirklich ernst zu nehmen ist. Der Weg ist alle paar Meter mit kleinen Lampen illuminiert, und die scheinen sich endlos in den Abgrund zu schrauben und weit unten in der Dunkelheit zu verlieren.

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Neha erklärt zuerst den Deutschen eine Station des Rundwegs und schickt uns dann auf eigene Faust los, dann wendet sie sich den Schulkindern zu. Die Höhle besteht hauptsählich aus einem großen Raum. Der ist wirklich riesig, 80 Meter breit, 170 Meter lang und 100 Meter hoch – hoch genug für einen Basejump, was wirklich schon ein Verrückter gemacht hat. Die Grotta Gigante ist die größte Schauhöhle der Welt.

An den Wänden und zwischen Tropfsteinformationen ziehen sich Laufstege entlang. Vom Boden bis zur Decke führen zwei weiße Rohre. In denen verlaufen 2 mm dünne und 100 Meter lange Polymerfasern, sog. geodätische Pendel. Daran hängen sensible Meßgeräte, die Veränderungen der Erdkruste messen können. Sie detektieren zum Beispiel ob auf den Alpen Schnee liegt, so empfindlich und genau sind diese Instrumente, die es in dieser Form nur hier gibt.

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Die Stalagmiten sind von einer Form, wie ich sie noch nie gesehen habe. Die wirken fast als hätten sie einzelne, plattgehämmerte Bläter, die versetzt übereinander gelegt wurden. Neha erklärt, dass es diese Art Stalagmiten nur in der Grotta Gigante gibt, und das diese Form von der hohen Fallhöhe der Wassertropfen herrührt. Das ist ebenso einzigartig wie die Färbung der Wände, die gelb-rot sind, wobei das gelb von Aluminiumsalzen herrührt. In der Grotta gibte es Probleme mit Algen. Die wachsen im Licht der künstlichen Beleuchtung. Um der Photosynthese und ihrem Wachstum Einhalt zu gebieten, wird die Höhle jede Nacht mit ultraviolettem Licht geflutet, das mögen die Pflanzen nicht.

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Ich bin sehr beeindruckt, nicht zuletzt vom größten Stalagmiten der Höhle, „Rüdigers Säule“.

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Leider braucht Neha mit den Schulkindern sehr lange, so dass ich mich auf eigene Faust auf die Suche nach dem Ausgang mache.

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Nach 1.000 Stufen geht es wieder ans Tageslicht, und kurze Zeit später sitze ich wieder auf der Renaissance und fahre nach Westen.

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Eine Vespa aus... Altötting?!

Eine Vespa aus… Altötting?!

Die Kawasaki quietscht und rumpelt, dass es eine Schande ist. Das nimmt mir jeglichen Spaß am Fahren. Es ist, als wäre mein einst stolzes Ross verkrüppelt und würde nur noch humpeln. Vermutlich muss ich das Motorrad bald erschießen. Viel Freude am Fahren ist gerade ohnehin nicht, für jeden kurzen Moment, in dem der Tachozeiger auf 100 hochzittert (Moment, wieso zittert der überhaupt?) kommen 5 Minuten im Stau.

Nunja, auch das ist eine Tradition: Das Motorrad macht immer dann Probleme, wenn ich am gleichen Tag Frau B. besuchen will. Die ist mit Mann und Wiesel und il mio nipote auf Urlaub in Caorle, einem Urlaubsort in der Nähe von Venedig, und während Wiesela und Wiesel sich über Sternchenkeksmondkuchen hermachen, verbringe ich mit la Famiglia einen schönen Tag am Strand.

Dieser junge Mann weiß, wo sein Wiesel ist.

Dieser junge Mann weiß, wo sein Wiesel ist.

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Abends bin ich zu Gast bei Sara und Francesco in ihrer Villa Maria Luigia in San Biagio Callalta. Die beiden haben die venezianische Offiziersvilla wunderschön restauriert und betreiben darin einen Gasthof.

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Francesco und Sara.

Francesco und Sara.

Ich mag es hier, ich war 2013 einer der ersten Gäste nach der Eröffnung, und Sara freut sich ebenso mich wieder zu sehen wie ich sie. Sie erzählt mit viel Geduld und sanfter Stimme, und ich fühle mich auf Anhieb wieder wohl. Ich bekomme das beste Zimmer im Haus, und kurze Zeit liege ich frisch geduscht auf dem Bett und grübele: Habe ich wirklich Lust eine Werkstatt zu suchen? Überhaupt nicht. Würde ich zu Hause mit den Problemen des Motorrads eine Werkstatt aufsuchen? Sofort. Verleiden die Probleme mir aktuell den Spaß? Absolut.

Ich laufe vor Problemen nicht davon. Ich bereite mich gerne vor, aber selbst dann kann immer was schiefgehen. Und wenn was schiefgeht, muss man darauf vorbereitet sein zu improvisieren. In dem kleinen Netbook, das ich als Reiseschreibmaschine dabei habe, liegt eine Liste mit Werkstätten, die mit der, teils mild absurden, Kawasaki umgehen können. Schnell sind zwei gefunden, die in der Nähe meines morgigen Ziels liegen. Eine davon ist in Grossetto. Ich überlege für einen winzig kurzen Moment Max Fleschhut um Hilfe zu bitten. Fleschhut ist deutscher Buchautor und Blogger, er wohnt in Grossetto und könnte vielleicht helfen, wenn mein italienisch nicht ausreicht oder es zu Problemen kommt.

Das verwerfe ich aber sofort. Ich will das selbst hinbekommen. Außerdem gibt es noch eine andere, noch besser geeignete Werkstatt. Die liegt in Livorno, nur 50 Kilometer von meinem morgigen Ziel entfernt. Das Problem ist nur, dass es von hier aus bis dahin satte 450 Kilometer sind.

Ich klappe das Netbok zu und gehe essen, ich will auf andere Ideen kommen. Sara hat jeden Raum des Hauses mit großem Sinn für Geschmack eingerichtet und kümmert sich um die Gäste, während Francesco eine Küche auf Gourmetniveau betreibt.

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Die Wirtin des Hauses serviert handgemachte Ravioli, danach Brachse mit Oliven und Tomaten, dazu Chardonnay.

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Was eine Brachse ist, muss ich übrigens erst nachschlagen.

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Dafür, dass ich eigentlich keinen Fisch mag, schmeckt mir das Essen prima. Hier, an der Lagune von Venedig, etwas anderes zu essen, wäre auch nicht richtig. Nicht heute. Ich lehne mich zurück und sehe der Sonne beim Untergehen zu. Es gibt so Orte, an denen fühle ich mich sofort geborgen und zu Hause. Die Villa Maria Luigia gehört dazu, und das liegt an den Menschen hier.

Nach dem Essen beginne ich bei einem Espresso Tagebuch zu schreiben, als Sara und Francesco sich meinen Tisch gesellen. Die beiden sprechen nur italienisch, und trotz meiner eher bescheidenen Sprachkenntnisse entspinnt sich ein angeregtes Gespräch. Später müssen die beiden wieder arbeiten, für spät angekommene Gäste, dafür setzt sich Andrea an meinen Tisch. Selbst um kurz vor zehn ist es noch fast 25 Grad warm, und wir bestellen noch einmal kalten Weißwein.

Andrea ist aus Livorno und hat mitbekommen, dass ich da morgen hin will. Er erzählt, dass er seine Familie vermisst (was allen Italienern so geht, sobald sie nur die Haustür hinter sich schließen, weshalb sie ständig mit allen Familienmitgliedern telefonieren). Er war, so erzählt er, einer der Ingenieure, die bei der Bergung der Costa Concordia mitgheholfen haben. Er selbst hat Bolzen für die Pontons am Schiffsrumpf verschweißt. Die extreme UV-Strahlung der Schweißgeräte hat bei ihm trotz der Schutzkleidung, die alle 30 Minuten ausgetauscht werden musste, überall Sonnnebrand verursacht. „Wie unter einer Höhensonne war das“, sagt Andrea. Bei jedem Satz schwingt der Stolz über die geleistete Arbeit mit, und ich komme nicht umhin ihm auf die Schulter zu klopfen und ihn als „intrepido“, als mutig zu loben, und ich meine es ernst. Ich habe die Concordia in Genua gesehen, und hätte nie gedacht, dass das Schiff von Giglio weg kommt.

„Warst Du schon mal in Livorno?“, fragt Andrea. „Certo“, sage ich. „Jedes Jahr besuche ich ein Mal ein tolles Restaurant tief in den Bergen hinter Livorno, …“ „La Piccionaia?“, unterbricht er mich. „Du kennst das?!“, frage ich entgeistert. „Na sicher, auch wenn es nicht mehr das gleiche ist seit….“ „Carlo weg ist“, beenden wir beide den Satz und grinsen.

„Ey, wenn Du nächstes Jahr wieder nach Livorno kommst, sag Bescheid, ich sorge dafür, dass Du die Festung besichtigen kannst“, sagt Andrea und verabschiedet sich dann leicht schwankend in Richtung Bett.

Was für ein Tag.

 
4 Kommentare

Verfasst von - 7. November 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

4 Antworten zu “Motorradreise 2015 (3): Unterwelten & Sternchenkeksmondkuchen

  1. Albrecht Wagenhöfer

    7. November 2015 at 16:53

    Deine Reiseberichte sind spannend zu lesen, gewürzt mit Hintergrundwissen, etwas Anektode und viiel gutem Bildmaterial. Du kannst einem im Herbst auch das Leben damit etwas schwerer machen, juckt es mir doch in der Gashand und ich möchte auch losfahren.

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  2. Silencer

    7. November 2015 at 21:21

    Merci, solch Lob motiviert zum weiterschreiben!

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  3. Ursus310

    9. November 2015 at 14:51

    Die Grotta Gigante ist wirklich interessant … vor allem, weil es hinter dem „Altar“ ja noch mal so weit nach unten geht… das hat unsere Führung zumindest behauptet … wir haten abe rauch keine Schulklasse dabei.
    Was du vergessen hast zu erwähnen … hinein kommt man in die Grotta mit Höhenangst relativ problemlos … raus … na ja … ;-P

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  4. Silencer

    10. November 2015 at 21:51

    Hast du in allen Punkten Recht. Neha könnte zum weiteren Verlauf leider nichts sagen, weil sie erst eine Woche später das erste mal hinter den Altar gucken durfte.

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