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Motorradreise 2015 (4): Rad´brech

14 Nov
Die Renaissance hat die Nacht auf der Terasse der Villa Maria Luigia verbracht.

Die Renaissance hat die Nacht auf der Terasse der Villa Maria Luigia verbracht.

Sommerreise mit dem Motorrad. Am vierten Tag auf der Straße gibt´s gebrochene Rade, erst beim Motorrad, dann bei mir.


Mittwoch, 10. Juni 2015, San Biagio Callalta, in der Nähe von Venedig

Dieser Tag sollte eigentlich gar keine Erwähnung im Reisetagebuch finden. Es ist einer dieser typischen Transittage, an denen ich die ganze Zeit im Sattel sitze und nur von A nach B fahre. An solchen Tagen mache ich keine Filme, nicht viele Fotos und eigentlich gibt es wenig zu erzählen. Zumindest Letzteres ist aber heute anders, und deshalb erzähle ich es, ohne viel Bilder.

Sara tut alles, was sie anfasst, mit Stil und Eleganz, so auch das einfache Anrichten eines Croissants und einiger Kekse. Als Gast fühlt man sich in der Villa Maria Luigia wie ein König.

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Sara leistet mir Gesellschaft. Mit vorwurfsvollem Blick sagt sie „Du musst wirklich mal länger hierblieben als nur immer eine Nacht. Es gibt so viel Schönes hier anzusehen“. Die Meinung teile ich nicht, aber das behalte ich für mich. Dieser Teil des Venetos besteht nur aus plattem Land, Dörfern und, in der Gegend um Venedig, endlosen Industriegbieten. Nicht das, was ich gerne anschaue.

Eine herzliche Verabschiedung später rumpelt und quietscht die ZZR über die Landstrasse. Auf der Karte sieht die Route romantisch aus, es geht über die Deichstraßen in den Lagunen um Venedig, und dann an so klingenden Namen wie Ravenna, Ferrara und Forlí vorbei.

Sieht von oben aus, als würde man romantisch an der Küsten entlang fahren, ist aber ödes Geschleiche durch doofe Gewerbegebiete.

Sieht von oben aus, als würde man romantisch an der Küsten entlang fahren, ist aber ödes Geschleiche durch doofe Gewerbegebiete.

Ich kenne das aber schon, die Route ist Pain in the Ass. Man fährt eingekeilt zwischen LKWs mit Tempo 50 bis 70 durch eine endlose Aneinanderreihung von Gewerbegebieten, nur unterbrochen durch Zubringer und verstopfte Kreisel. So ist es denn auch, zu den wenigen Highlights gehört die Silhouette der Werften der Wasserstadt Chioggia und die Stelzenhütten mit den Fischernetzten rund um Ravenna.

Ich fahre an all dem nur mild interessiert vorbei, mein einziges Interesse ist Strecke zu machen und in die Werkstatt zu kommen.

Dabei will ich die Mautstraßen meiden, was mir 40 Euro sparen wird, aber drei Fahrt um drei Stunden verlängert. Insgesamt werde ich für 450 Kilometer 7,5 Stunden brauchen und damit ein Mal von der einen Seite des Stiefels auf die andere gefahren. Wenn alles läuft wie geplant, bin ich um Punkt 15.30 in Livorno. Genau dann macht die Kawasakiwerkstatt wieder auf, und die kann sich dann des Rumpelns und Quietschens annehmen.

Ich habe schon Vokabeln dafür rausgesucht, denn am Schwierigsten wird sicherlich die Ursachensuche, und da will ich so gut wie möglich beschreiben können, was in den letzten Tagen so los war: Angefangen beim Quietschen, dass dann vom Schleifen und nun vom Rumpeln Gesellschaft bekommen hat. Das Rumpeln ist mittlerweile so schlimm, dass ich bei jeder Radumdrehung einen leichten Schlag am Reifen spüre. Das MUSS das Radlager sein, was sollte es sonst sein? Ich knirsche mit den Zähnen, das metallene Leiden des Motorrads bereitet mit körperliches Unbehagen.

Unerwartet präsentiert sich das die Ursache des Problems plötzlich ganz von selbst, und beseitigt sich sogar von alleine. Kurz hinter Ravenna springt plötzlich die Nadel des Tachos wie wild zwischen 0 und 90 hin und her, dabei fahre ich konstant ca. 50 Stundenkilometer. Verdammt, ich hatte gestern mal die Tachowelle ausgehängt, habe ich die nicht richtig festgeschraubt? Auf dem Parkplatz eines LIDL-Marktes checke ich die Verbindung zwischen der Welle, die vom Instrument im Cockpit am Ölkühler vorbei bis an die Achse des Vorderrads führt. Dort sitzt der Tachogeber, eine kleine Schnecke in einem Gehäuse, die die Drehungen des Vorderrads an die Welle übergibt.

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Aber nein, hier ist nichts lose, alles fest.
Ich steige wieder auf und will weiterfahren, da macht der Tacho keinen Mucks mehr. Wassen jetzt?, denke ich, Tachowelle gerissen? Ich gucke nochmal nach, kann aber nichts ungewöhnliches entdecken, die Welle scheint ok zu sein. Ist auch erst zwei Jahre alt. Oder ist der Tachogeber defekt? Den hatte ich schonmal getauscht, aber gegen ein gebrauchtes Teil unbekannten Alters. Vielleicht hatte das schon 20 Jahre auf dem Buckel und hat nun den Geist aufgegeben?

Ich kann´s gerade nicht ändern und behelfe mir mit – Software. Wozu hat das Motorrad diesen tollen neuen, ZUMO-Bordcomputer/Navikrempel mit dem Riesenbildschirm? Dort lassen sich Reiseinfos in einer Seiteleiste einblenden, u.a. auch die aktuelle Geschwindigkeit. Zack, Problem gelöst, ich habe jetzt einen digitalen Tacho.

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Dafür rumpelt und schleift jetzt nichts mehr! das Motorrad läuft absolut perfekt! Also muss der Tachogeber kaputt gegangen sein. Ach, wenn es nur das ist!

Das ich ein weiteres Problem habe, geht mir erst kurz vor der Stadt Faenza auf. Der Tacho zeigt ja nicht nur die Geschwindigkeit, er zählt auch die Kilometer. Und nach der Anzahl der gefahrenen Kilometer tanke ich. Die Maschine hat eine Reichweite von 300 Kilometern, bevor ich auf den Reservetank umschalten muss, und meist tanke ich nach 270 Kilometern.

Aber wieviel habe ich jetzt schon verfahren? Egal, ich muss eh noch tanken, bevor alle Tankstellen für 4 Stunden Mittagspause dicht machen. Wird also wieder nichts mit Fayencen in Faenza angucken, nur Benzin aufnehmen und weiter. Der Computer kriegt die Zusatzaufgabe alle 270 Kilometer die nächste Tankstelle zu suchen, und damit wäre auch das Problem erledigt.

Hinter Faenza wird die Landschaft endlich interessanter. Bestand sie vorher nur aus plattem Land, zeigen sich nun erst hügeliger Ausläufer des Apennin, und dann die ganze Pracht der Berge.

Hinter Faenza geht es ab in die Berge.

Hinter Faenza geht es ab in die Berge.

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Ich quere den Apennin, den Gebirgszug in der Mitte Italiens, sonst immer bei San Marino. So weit im Norden war ich noch nie, aber auch hier ist die Landschaft beindruckend. Ich folge einer Landstraße in die Berge hinein, und außer mit tut das niemand. Die LKW und Traktoren bleiben zurück, die PKW werden weniger, und kurz darauf bin ich ganz allein in dem Tal unterwegs, das exakt die Grenze zwischen Emilia Romagna und Toskana darstellt. Das weiß ich in dem Moment nicht, ich bin nur erstaunt, was der Bildschirm im Cockpit für eine Straßenführung anzeigt.

Was dann nämlich folgt ist die wohl vergnüglichste Straße, die ich je gefahren bin. Sie ist leer, hat eine exzellente und griffige Fahrbahndecke und windet sich in kleinen, engen Kurven durch das Flußtal, und das nahezu ohne gerade Stücke. Linkskurve folgt auf Rechtskurve folgt auf Linkskurve, und das Motorrad taucht durch diese Slalompiste hindurch. Blickführung, spätes Einlenken, Fußhaltung, Balance – all das kann ich hier üben, in mehrhundertfacher Wiederholung und mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Dabei bin ich nicht mal schnell unterwegs – 30, max. 50 Sachen, schneller kann man hier nicht fahren, aber das Kurvenräubern macht einfach einen Heidenspaß.

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Die Renaissance klebt förmlich auf dem Asphalt und tanzt trotz der schweren Koffer und des hohen Topcases durch die Kurven. Vor einigen Jahren sang die ZZR auf einer Parallelstraße zu dieser hier ein Lied, nun führt sie einen Tanz mit der Straße auf, wirbelt von links nach rechts und zurück und schwingt sich elegant hin und her. Das hier ist kein kranker Scheiß wie der Mangart oder Schwerstarbeit wie der Vrsicpass. Das hier ist, wofür die ZZR geschaffen wurde. Als ich nach 1,5 Stunden aus den Bergen herauskomme, kann ich Kurven perfekt fahren.

Aber wo bin ich? Der Landschaft nach würde ich sagen: Im Chianti. So daneben liege ich damit nicht, denn ich komme in Fiesole, oberhalb von Florenz, aus der letzten Bergkette heraus.

Querung des Apennin: Bei Faenza in die Berge, genau auf der Grenze zwischen Toskana und Emilia-Romagna entlang gefahren, bei Florenz wieder rausgekommen.

Querung des Apennin: Bei Faenza in die Berge, genau auf der Grenze zwischen Toskana und Emilia-Romagna entlang gefahren, bei Florenz wieder rausgekommen.

Nach der Erfahrung, stundenlang die einsame Bergstraße für mich allein zu haben, geht es nun ohne Übergang in die Hölle des Stadtverkehrs in Florenz. Das ist aufreibend und macht keinen Spaß, zumal die Verkehrsführung hier manchmal echt verwirrend ist – mit Grauen erinnere ich mich daran, mal verkehrt herum auf einer 8spurigen Straße gelandet zu sein, und nur der beherzte Sprung mit dem Motorrad über einen Grünstreifen und eine Fahrt über einen Bürgersteig wieder in Sicherheit führte.

So etwas ist heute zum Glück nicht nötig. Der Stadtverkehr ist anstrengend, aber alles geht gut, und eine Strada Statale führt aus der Stadt heraus und folgt dem Fluß Arno nach Pisa, und dann weiter nach Livorno.

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Um 15.35 Uhr, fünf Minuten nach Ende der Mittagspause komme ich bei „KawaPlanet“ an, eine der ganz wenigen Werkstätten, die auf Kawasakimotorräder spezialisiert ist. Oh, es gibt viele Kawasakiwerkstätten in Italien, aber die meisten machen nur die Bootsmotoren von Kawasaki. Andere verkaufen nur Motorräder. Aber reparieren? Nein, das gibt es in der ganzen Toskana nur zwei Mal, und ein Mal direkt hier.

Ich halte vor der Werkstatt und bin sofort mißtrauisch. Hiert steht alles Mögliche rum, von Rollern über Quads bis zu Einzelteile, bei denen ich nicht mal raten kann zu was die gehören. Die „Werkstatt“ hat nicht mal ein Rolltor, sondern nur eine normale Tür – wie soll man da ein Motorrad durchbekommen? Ich steige dennoch ab und gehe hinein. Das chaotische Bild setzt sich fort: Drei Roller in verschiedenen Stadionen der Zerlegung auf Hebebühnen, alte Maschinen, kaputte Teile überall.

In der Mitte ein Techniker in einer roten Latzhose, der gerade mit einem Rollerbesitzer spricht. Er muss Mitte dreißig sein, und verzieht kein Gesicht während er spricht, kein Lächeln, keine Gesten, einfach nur stoisch. nach einigen Minuten blickt er mich an und sagt „Dimmi“ – Was´n los?
„Ich habe ein Problem mit meiner Zette-Zette-Erre Seiscento“, sage ich. Jetzt kommts. Mein italienisch reicht für Hotel und Restaurant und anderes, aber für eine technische Diskussion fehlen mir im wahrsten Sinne die Worte. „Gestern hat das vornhereine Rad Geräusche gemacht wie Ieek-Ieek-Ieek, dann RUMM, RUMM, RUMM. Aber heute macht das Rad Stille und der Tachometer funktioniert nicht mehr“, radebreche ich. Spezielle Worte wie „Tacho“ hatte ich vorher noch nachgeschlagen. „Du kannst die Geschwindigkeit nicht mehr ablesen?“, sagt der Techniker. Ich nicke. „Zeig mir das mal“.

Wir gehen vor die Tür, er bockt die ZZR auf und ich drücke auf das Heck, während er das Vorderrad dreht. Dann prüft er die Tachowelle und sagt „Da ist vermutlich im Tachogeber was kaputt.“ „Ich denkte, das Radlager war gewesen kaputt und dann denkte die Antrieb von Tacho“, sage ich. „Kannst Sie das austauschen?“ Er guckt mich ausdruckslos an. „Natürlich kann ich das, aber das Teil habe ich nicht da. Du bist nur auf der Durchreise, oder?“ „Ich bin in dieser Gegend. Bin hier bis Freitag“, sage ich. Das ist geflunkert, ich bin länger hier, aber vielleicht beschleunigt das die Sache.

„Komm, wir fragen meinen Bruder, ob das Teil rechtzeitig kommt“, sagt der Techniker, steckt die Hände in die Taschen der Latzhose und marschiert in einen Verkaufsraum, der mir jetzt erst auffällt. Vermutlich weil zwischen Kawasaki-Werkstatt und Showroom noch eine Renaultwerkstatt liegt. Voll der Gemischtwarenladen hier.

Der Bruder ist das genaue Gegenteil des stoischen, wortkargen Technikers. Er ist ein Verkäufer wie er im Buche steht, und schwingt gerne große Reden mit noch größeren Gesten. Er rabbelt so schnell, dass ich kein Wort verstehe, und nach dem dritten Versuch fragt er „Inglese?“ und wir reden auf englisch weiter. Ein Ersatzteil, sagt er, könnte per Express bestellt werden. Kostet aber extra. „Kein Problem“, sage ich.

Heute ist Mittwoch, vielleicht ist es Freitag da. „Kein Problem“, sage ich.
Aber dafür gäbe es keine Garantie. Vielleicht hätten sie auch keine Zeit das gleich einzubauen. Dann ginge das erst Montag. „Kein Problem“, sage ich.
Aber am Montag machen sie Betriebsausflug. „Ich kann kommen am Dienstag“, sage ich, „Ich bin noch in der Region“. Das sei OK, sagt der Verkäufer. Was das kosten wird, frage ich. Der Verkäufer übersetzt für den Techniker, wartet die Antwort ab und sagt dann: „Mein Bruder guckt erst einmal, was genau kaputt ist. Dann können wir über Zahlen reden“.

Nun gut. Als ich neben dem Techniker zurück zur Werkstatt gehe, fragt er aus dem Mundwinkel „Spricht er gut englisch?“ „Verwechselt er Dienstag und Donnerstag und kennt nur zwei Zeiten, aber kann ich ihn verstehen“, sage ich. „Er gibt immer so damit an, dass er so toll und flüssig englisch kann“, sagt der Techniker. „Ha, Dienstag und Donnerstag, wie kann man DAS denn verwechseln, beh“.

Ich baue die Koffer ab steuere die Kawasaki dann durch die Gerümpelhalde aus Rollern und durch die winzige Türöffnung, was gerade so passt. Mitten auf dem letzten freien Stück Fußboden wird sie dann mit einer mobilen Plattform angehoben und kippelt in der Luft herum. Ich muss sie festhalten, während Fabio – so heisst der Mann, erst die Bremsen demontiert und dann das Vorderrad ausbaut. Mir ist nicht klar was das soll, wir haben doch schon beschlossen, dass der Tachogeber defekt ist.

Fabio baut den Tachogeber aus, legt ihn auf eine Werkbank und entfernt das Fett, dass das Gehäuse gefüllt hat. Dann entnimmt er mehrere Teile, reinigt sie und prüft sie mit der gleichen Akribie, mit der ein Juwelier Diamanten prüft. „Kann ich sehen?“, frage ich. Ich kenne den letzten Tachogeber und weiß, wie der aussah als er kaputt war. Fabio nickt und zeigt mir das Gerät. Es sieht OK aus. Er geht zum Vorderrad und löst einen Sprenging, Dann zieht er aus der Achsvertiefung mit einer Zange einen Metallring heraus, so vorsichtig, als würde er eine Bombe entschärfen. Er hält ihn ins Licht und dreht ihn hin und her. Die Ring war mal ein Metallzylinder mit Vertiefungen, wie eine kleine Krone mit stumpfen Zinken. Aber nun sind die Wände des Zylinders eingerollt, verdreht, deformiert und an einer Stelle sogar abgerissen. Kein Wunder, dass es gequietscht und gerumpelt hat – das Vorderrad hat dieses Stück Metall im Inneren der Achse quasi zermalmt und zerrissen.

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„Das“, sagt Fabio, „ist das Gegenstück zum Tachogeber. Das ist kaputt.“ Ich nicke und nehme an, dass er jetzt das Ersatzteil bestellen wird. Aber Fabio trägt den Ring zu einem Schraubstock und spannt ihn ein, dann klopft er mit einem kleine Hammer hier, löst den Schraubstock, dreht den Ring weiter, klopft da. Drückt mit einer Zange. Geht zur einer Bandschleifmaschine und schleift ein wenig. Hält eine Schieblehre an. Klopft wieder ein wenig.

Ich verstehe, er versucht das das Teil wieder in die richtige Form zu bringen! Nach 20 Minuten Klopfen und Drücken baut Fabio alles wieder zusammen, dreht das Rad, runzelt die Stirn. Es hat nicht funktioniert. Er an den Werkstattcomputer, ein folienüberzogener Laptop, der die ganze Zeit Internetradio auf die Lautsprecher in der Werkstatt streamt. „Ist zu kurz, fasst nicht“, sagt er. „Welchen BLABLA?“, fragt er.

Ich verstehe nicht was er sagt. „Welches BLABLA JAHR?“, wiederholt er. Hä? „Der Geburtstag!“, sagt er geduldig. Meiner? Was will er denn mit meinem Geburtstag? „Nein, wann ist das Motorrad geboren?“ Achso. Das Baujahr der ZZR. Jahreszahlen, das hatte ich doch gestern abend erst. 2015 hieß venti-quindici, Zwanzig-Fünfzehn, also ist 2003…. „Zwanzig drei, Ventil-trè“, sage ich, nicht ohne stolz mir was behalten zu haben. Leider kann Fabio Damit gar nichts anfangen. „Was?“, fragt er. „Zwanzig-Drei!“, sage ich und überlege: Kann man das auch anders sagen? Hätte ich doch nur bei den Zahlen mal besser aufgepasst. Ich versuche es mit „Zwanzigtausendrei?“ Fabio legt den Kopf schief und sagt „Hä?“ „Ja, sage ich. „Zwei-Null-Null-drei, Zwanzigtausenddrei“. „Ach, jetzt weiß ich was Du meinst sagt er und gibt Duemille tré, Zweitausend-drei, ein. Was er am Computer sieht weiß ich nicht, aber zufrieden scheint er damit nicht zu sein. Wenn Kawasaki ähnlich übel drauf ist wie Honda was Ersatzteile angeht, gibt es den Metallzylinder vermutlich nur in Kombination mit einer neuen Achse für 800 Euro.

Fabio jedenfalls baut das Teil wieder aus und drückt und klopft jetzt heftiger als vorher. Er macht die Wände des Zylindes dünner und versucht jedes Quentchen Material auszuwalzen, um das Ding dafür höher machen zu können. Während er konzentriert arbeitet, fliegt die Tür auf, und Danny de Vito kommt rein. Oder zumindest ein kleiner, untersetzter Mann mit fettigen schwarzen Haaren, Schiebermütze und Schnäuzer, der aussieht wie Danny de Vito. Er wirft zwei neue Reifen in eine Ecke und brummt in Richtung Fabio nur „Bemüh Dich nicht, Prinzessin“. Dann nimmt er den Firmenstempel vom Schreibtisch, stempelt seine eigenen Lieferpapiere damit, macht Fabios Unterschrift nach und ist schon wieder verschwunden.

Fabio hat sich nicht beirren lassen und weiterhin nur Augen für das Teil aus der Achse der ZZR.
Er setzt es erneut ein und macht einen ersten Test. „BitteBitteBitte“, sage ich. Er blickt auf und sagt ohne eine Miene zu verziehen „Sag lieber: DrehDich, DrehDich, DrehDich“. Dann bastelt er weiter und… als er das Vorderrad dreht, zuckt die Nadel des Tachos. Schwach, aber sie zuckt. „FANTASTICO!!“ entfährt es mir. „Langsam, nicht so schnell. Erst müssen wir sehen ob das hält“, sagt Fabio. Er baut das Vorderrad wieder ein und hängt die Bremsen daran, dann manövriere ich die ZZR langsam rückwärts aus der engen Werkstatttür heraus.

Auf dem Parkplatz lasse ich sie an und fahre lose – der Tacho funktioniert ganz normal, und im Vorderrad rumpelt und quietscht absolut nichts. Ich halte neben Fabio und brülle „WOOOHHOOO!!! DREHT ES SICH!“ Jetzt lächelt Fabio zum ersten Mal und geht, die Hände in den Hosentaschen, zurück zur Werkstatt, während ich ihn mit sinnlosen Worten des Dankes überschütte. Sinnlos deshalb, weil sie wohl ziemlich unzusammenhängend sind und jedes zweite Wort Grazie ist.

Als ich frage was ich schuldig bin, schaut Fabio auf die Uhr an der Wand und sagt, „Sagen wir 40…“ Ich denke, der meint Minuten und sage. „NeinNeinNein, mindestens 60.“ „Nein, 40“. „Eine Stunde“, sage ich. „Was auch immer“, sagt Fabio, „40“. Jetzt verstehe ich. Er redet nicht von Zeit, er redet von Euro. Ich gebe ihm 50 und will es dabei belassen, aber er ist beleidigt un zieht aus einem unfassbar dicken Geldbündel einen Zehner und gibt ihn mir zurück. Dann verabschiede ich mich mit einem „Und vielleicht – bis zum nächsten mal“ und hoffe, dass das nicht nötig sein wird.

Die Renaissance klettert wenig später über die Bergkette hinter Livorno, streift dann über die Landstraßen durch die typisch toskanische Landschaft südlich von Pisa macht dann einen kurzen Stop in Fauglia. Dort kaufe ich bei Familie Busti Pecorino, Wildschweinsalami und Mostarda, Senfmarmelade.
Dann geht es die letzten 50 Kilometer nach San Vincenzo. Wie schon in den Jahren zuvor habe ich hier das Apartment „La Conchiglia“, die Muschel, angemietet. Als ich ankomme, begrüßt mich Licio, der Herr des Hauses, und freut sich wirklich mich zu sehen. Er strahlt über beide Augen und will mich umarmen, traut sich dann aber nicht – und ich bin viel zu müde nud verschwitzt um das gerade zu raffen. Vom Balkon herab grüßt Licios Frau Franca, eine Grande Dame und Spaßgranate erster Güte. „Na, alles wieder OK mit dem Motorrad?“ ruft sie.

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Ich hatte den beiden per Mail mitgeteilt, dass ich später komme, denn sie legen viel Wert auf Pünktlichkeit, Höflichkeit und Ordentlichkeit. „Ja, alles OK – Der Mechaniker war unglaublich fantastisch“, rufe ich zurück. „Nun das“, sagt Franca, nickt zu ihrem Licio und zieht dabei eine Augenbraue hoch, „das trifft auf alle Italiener zu“. Dann bricht sie in Gelächter aus, und ich folge Licio in sein Büro um die Formalitäten zu erledigen. Penibel wie er ist, hat er schon alles vorbereitet – die Formulare sind mit allen Angaben aus dem Vorjahr ausgefüllt, ich habe überhaupt keine Arbeit mehr.

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Später fahre ich ein wenig einkaufen, koche die unpraktischsten Nudeln der Welt (Fusili lunghi Bucati, bekommt man nicht in den Topf und sind so steif, dass man sie am Ende auch nicht essen kann). Dann könne ich mir ein Bier und kann kaum glauben, dass alles OK ist, der lange und gefährliche Teil der Fahrt vorbei ist und ich jetzt hier bin, wo ich einfach entspannt… abhängen kann.

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Fahrt des Tages: Ein mal über den Stiefel.

Fahrt des Tages: Ein mal über den Stiefel. Das sind rund 470 Kilometer und acht Stunden reine Fahrzeit.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 14. November 2015 in Motorrad, Reisen

 

6 Antworten zu “Motorradreise 2015 (4): Rad´brech

  1. Albrecht Wagenhöfer

    17. November 2015 at 09:49

    Daß du mit deinem Nüvi noch „spielen“ kannst, weißt du? Neben dem obligatorischem Zeigedreieck z.B. ein Motorrad (eingescannt sogar deines), POIs ohne Ende, Radarcontrolle, etliche Stimmen auch in bayerisch oder – wenn du das besser verstehst – auch in sächsisch. Per Routenplaner Routen erstellen, aufspielen und abfahren. Mir ging oft die Anweisung per Sprache….auch der von Kerstin oder Susi….auf den Keks, der reine kurze Blick auf’s Navi langt mir.

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  2. Silencer

    17. November 2015 at 12:28

    Ich lasse mir doch keine Gelegenheit zum Spielen entgehen 🙂 Die verschiedenen Symbole fand ich allerdings unübersichtlich, und andere Stimmen gehen mir schnell auf die Nerven. Ich mag es nach Sprachansagen zu navigieren, gerade in Städten, wo ich dann nicht den Blick von der Straße nehmen muss. Zur Routenplanung benutze ich Tyre in der Pro-Version und packe mir die Routen der einzelnen Tage schon vorab auf´s Navi – ist superkomfortabel, morgens nur noch den Reisetag auswählen und die Maschine weiß, wo es hingeht.

    Was mich am Zumo stört, sind die teilweise langen Wege – beim uralten TomTom war die nächste Tankstelle nur einen Klick entfernt, beim Garmin ist das fummeliger gelöst.

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  3. Albrecht Wagenhöfer

    17. November 2015 at 13:38

    Oder du würdest die Tanke-Pois permanent anzeigen lassen. Du läßt aber schon die Sehenswürdigkeiten anzeigen? Garmin hat aber noch einen Schwachpunkt….kann nicht zwischen Schnellstraße und Autobahn unterscheiden.
    Da ich (noch) Tankrucksackverweigerer bin, habe ich ne Kartentasche auf’m Tank für den momentan größeren Überblick. Bin vor 4 Tg. nen Tag in die Nordeifel, also nix mit Einmotten. Bei bestem Wetter um Bitche herum und einfach nur genossen…..wenn ne Straße eng und verschlängelt genug aussah, wurde diese auch untersucht. Mein wichtigster Knopf am Navi ist: Nach Hause wg. Zeitpeilung.
    Ärgerlich die Geschichte mit dem Mitnehmer an der Tachoschnecke. Ich habe z.B. die Bef.-Schraube des Handprotektors überdreht, gibt es nur in Verbindung mit nem Satz neuer Protektoren. Die Geschichte x10 und es reicht für ne Minidrehbank, mit der man Schrauben beliebig drehen kann. Natürlich ironisch gemeint.

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  4. Silencer

    17. November 2015 at 13:47

    Nee, Tank-Pois ständig ist mir zu viel Gewusel. Ich will einfach, wenn es Zeit zum Tanken ist, auf einen Knopf drücken, der die aktuelle Route pausiert und mich zur nächsten Tanke lotst. Unterscheidung Autobahn/Schnellstraße funktioniert nicht? Komisch… ich war der Meinung, ich könnte Autobahnen vermeiden… muss ich nochmal gucken.

    Ach, ich beneide Dich ums Fahren… aber als ich vor drei Tagen wiedergekommen bin, waren hier schon wieder nur noch 6 Grad.

    Der Tachomitnehmer ist übrigens recht günstig, kostet nur um die 12 Euro. Das hatte ich schlimmer erwartet… bei Honda kostete die stinknormale Schraube zum Einstellen der Vergaser satte 64,80 DMark- ich hoffe, Deine Protektorschraube ist günstiger.

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  5. Albrecht Wagenhöfer

    17. November 2015 at 14:20

    Autobahn vermeiden geht, aber eine KFZ-Schnellstraße ist m.M. nach was anderes.
    Trotz Einstellungen Vermeiden versucht das Navi oft, mich auf die AB zu drücken.
    Vergaser…..dann kannst du noch antreten oder notfalls anrollen. Bei mir mit Einpritzung ist ohne Strom absolut tote Hose.
    Beneiden……hatte ich während des Arbeitslebens genug Einschränkungen bis zum sehr oft geht mal gar nix. Jetzt im Lebensherbst geniese ich diese Facette, tun und lassen zu können, wie ICH (mit dem erbettelten Freilauf von Frauli) es für richtig erachte. Dabei auch dein Spruch: Zuerst Roß, dann Reiter…….bei mir erst (einigermaßen) Haus&Hof und die nichtfraulichen Arbeiten, dann Frei(z)heit.

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  6. Silencer

    17. November 2015 at 16:00

    Das sind die richtigen Prioritäten!

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