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Präkariatsinternet

25 Mrz

Disclaimer: Der folgende Artikel klingt vielleicht stellenweise seltsam arrogant. Das ist nicht beabsichtigt. Herr Silencers kann Eliten nicht leiden.

Warum eigentlich ist Facebook die Brutstätte von Nazis, warum wird auf Youtube rumgepöbelt und wieso geht es in den Kommentarkästen unter Artikeln zu wie in einer Grundschule? Wieso ist das Internet ein Ort des Hasses, und die Netzwerke darin bestenfalls asozial?

Interessante Fragen. Auf den ersten Blick bestätigen die Phänomene meine These aus frühen Jahren, dass ca. 80 Prozent aller Menschen schlicht einen an der Waffel haben, und das halt früher oder später aus ihnen herausbricht. Dieses leicht verschobene Menschenbild habe ich mittlerweile korrigiert. Interessant ist aber, wie ich dazu gekommen bin: Ich habe nämlich während des Studiums lange Jahre in der Systemgastronomie gearbeitet.

Wenn man ein Schnellrestaurant nachts und an Wochenenden leitet, dann bekommt man es mit der ganzen Bandbreite an menschlichen Absurditäten zu tun. Das reicht von lautstarken Keifereien einer überforderten Mutter, weil das Kleinkind die Nuggets verschmäht, über den Herren im Anzug, der mit dem Anwalt droht, weil sein Burger dauert, bis hin zu dem Typen, der in die Kinderecke kackt, aus Protest gegen das System oder das Wetter. Kein Wunder, dass das eigene Menschenbild zynisch wird, wenn man sich so einen Mist dauernd geben muss.

Interessanterweise besteht ein Zusammenhang zwischen der Dienstleistungshölle, der mir den Glauben in die Menschheit raubte, und dem Dummprogramm, das gerade im Internet gefahren wird. Denn sowohl das Systemrestaurant als auch das Internet haben ein Problem: Sie werden überdurchschnittlich häufig von bildungsfernen Schichten besucht. Eine Grafik, destilliert aus einer OECD-Studie, geisterte wohl schon im Januar durchs Netz, ist aber irgendwie an mir vorbeigegangen. Sie ist ohnehin nur eine (fehlerbehaftete) Abwandlung dieser Grafik hier:

2016-03-25 15_30_14-Government at a Glance 2015 _ OECD READ edition

Die Kernaussage: Während in anderen Ländern eher höher gebildete Menschen soziale Medien nutzen, ist das in Deutschland genau anders herum. Hierzulande stammt der größere Teil der Nutzerschaft sozialer Medien wie Youtube oder Facebook aus bildungsfernen Schichten, haben entweder keinen oder nur einen sehr niedrigen Schulabschluss.

Auch wenn ich die Studie methodisch an manchen Stellen zweifelhaft finde (die Bildungseinstufung und der Begriff „social media users“ wird nicht ordentlich definiert, oder ich habe die richtige Stelle nicht gefunden), ist sie doch interessant. Denn sie erklärt, was mich bislang wirklich gewundert hat: Warum das Hass- und Pöbelverhalten ein deutsches Phänomen zu sein scheint. In anderen Ländern gibt es solche Probleme nicht oder signifikant weniger, weil, so die Studie, dort die sozialen Medien eher von Menschen mit höherer Bildung genutzt werden. Das Deutschland aus der Reihe tanz hat m.E. zwei Ursachen:

1. Gehört der Internetzugang zu den Sozialleistungen. Auch Hartz-IV-Empfänger benötigen Internet und haben viel Zeit, die sie damit verbringen können. In anderen Ländern ist Zugang zum Internet schwerer oder nur über höhere Kosten möglich.

2. Internetaversion gehobenerer Bildungsschichten. Deutschland ist das Land der Internetverweigerer, und insb. Akademiker halten oft nichts vom Internet und schon gar nichts von sozialen Medien. Egal, was die Elitepartner-Werbung einem vorlügt.

Aspekt 1 arbeitet David Hain in seinem Erklärbärvideo „Youtube – eine BeSCHANDsaufnahme“ heraus, in dem er auch schön darstellt, warum das deutsche Youtube voller rotzedummen Doofcontent ist, der einen glauben lässt, „Idiocracy“ wäre bereits Wirklichkeit geworden.

Natürlich spielen noch viele andere Faktoren mit rein, die die sozialen zu asozialen Medien zu machen, aber dennoch ist die Studie und deren Implikation erst einmal beeindruckend. Sie zeigt auch, welchen Stellenwert Bildungspolitik haben sollte.

Leider ist die immer unbeliebt und wird auf der Agenda gerne so lange geschoben, bis sie hinten runterfällt. Wichtig wird sie im Aktionismusgetriebenen Tagesgeschäft des Politikbetriebs nur, wenn mal wieder eine PISA-Studie um die Ecke kommt. Ein Grund für die unsexyness von Bildungspolitik ist, dass ihre dramatischen Auswirkungen selten sofort, sondern manchmal erst eine Generation später sichtbar werden. So lange die verfehlte Bildungspolitik zu Hause auf dem Sofa sitzt und RTL2 guckt, stört sie nicht mal großartig, und ist nur eine Zahl im Sozialbudget. Wenn sie aber die Gelegenheit bekommt sich lautstark zu äußern, wird sie sichtbar.

Genau diesen Zustand haben wir länger schon erreicht, die häßliche Fratze der geringen Bildung stiert uns aus allen möglichen Kommentarkästen entgegen. Nun kommen die medienwissenschaftlichen Folgeeffekte hinzu, von der Schweigespirale (von der Mehrheit abweichende Meinungen werden nicht geäußert/nicht gehört) bis zum Kruger-Dunning-Effekt (Selbsterüberschätzung aufgrund von Unwissen). Die Resultate sind jetzt schon zu besichtigen und reichen von erschreckend bis belustigend. Zu den erschreckenderen Phänomenen gehört das Wiedererstarken des Nationalismus.

Zu den belustigenderen gehört die diesjährige Cebit. Auf der trieben sich erstaunlich viele Leute rum, die definitiv weder aus der IT noch aus der Wissenschaft oder dem Finanzbereich kamen. Es war auf den ersten Blick zu erkennen, dass diese Personen auf der Messe fehl am Platz waren. Nicht im Sinne von hochnäsigem „die haben da nichts zu suchen“, sondern im Sinne von „die haben sich aufgrund falscher Erwartungen die Cebit verlaufen und fühlen sich jetzt total fehl am Platz“. Diese Personengruppe war auf den ersten Blick erkennbar, u.a. an der Kleidung, am meisten aber an ihrem Verhalten.

In Zweier- oder Dreiergrüppchen trotteten sie an den Reihen der Hochglanzstände vorbei und beklagten lautstark wie öde das alles sei oder hingen rauchend vor den Hallen ab und äußerten dort ihren Unmut. Was die Leute überhaupt nach Hannover getrieben hatte? Zufällig bekam ich eine Unterhaltung von zwei Mittdreißigern mit. Es handelte sich um intensive Facebooknutzer, für die Facebook das Synonym für Internet, Digitalisierung und überhaupt IT ist und eine ganze Messe dazu, die wollten sie sich nicht entgehen lassen. So weit ist es schon. Leute, die Facebook benutzen können, halten sich in Kruger-Danningschem Größenwahn für prädestiniert, eine IT-Messe zu besuchen.

Für ihren Geschmack fand auf der Facebookmesse dann aber definitiv zu wenig Facebook statt. Zur Strafe klauten sie den vermeintlich langweiligen Wissenschaftlern der Hochschule Harz auch die Kulis, die keine Werbegeschenke waren.

 
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Verfasst von - 25. März 2016 in Betrachtung

 

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