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Reisetagebuch (9): No Posing!

21 Mai

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Im November 2015 begeben sich Modnerd und Silencer auf Reisen. Das Besondere: Modnerd hat keinen blassen Schimmer wohin es geht oder was ihn erwartet. Kontrollverlust und Überraschungen sind das Konzept dieser Reise. Dies sind die Tagebücher der beiden. Am neunten Tag der Reise wird Athen erkundet.

Sonntag, 08. November 2015, Athen

Athen hat bis 5 Uhr morgens Party gemacht, und das merkt man auch. Als Modnerd und ich auf der Suche nach einem Kaffee durch Monastiraki stolpern, sehen wir die Reste der Nacht: Die Straßen sind von Müll übersät, und in den Gossen vor den Bars liegen Berge von Eiswürfeln und schmelzen langsam in der Morgensonne.

In einer kleinen Bäckerei gibt es Frühstück. Direkt daneben: Diese putzige Minikirche.

In einer kleinen Bäckerei gibt es Frühstück. Direkt daneben: Diese putzige Minikirche.

Von unserem Stadtteil aus ist es nicht weit bis zur Akropolis, und obwohl der Berg erstaunlich hoch ist, ist der Weg dahin angenehm unanstrengend. Anstrengender sind die ganzen Touristengruppen, die bereits um kurz nach 9 Uhr hier unterwegs sind: 15 Busladungen zählen wir, darunter Deutsche, Italiener und jede Menge Japaner.

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Die Akropolis liegt auf der Spitze des Bergs und blickt auf Athen und das Umland hinab. Ist auch logisch. Der Begriff „Akropolis“ bezeichnet ganz allgemein eine Wehranlage auf einem Berg, nicht nur hier in Athen. Hier in Athen ist allerdings die bekannteste Akropolis, weil die Gebäude und Tempel noch so gut in Ordnung waren. Zumindest bis die Engländer kamen, aber dazu später mehr.

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Das Gelände ist ganz anders als ich erwartet hätte. Kleiner, zum einen. Die Bergspitze ist wrklich nicht so groß, wie es von unten aussieht. Und alles ist glatter. Generationen von Schuhe haben hunderte von Jahren den Fels ganz glatt poliert, deshalb ist er rutschig.

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Die Ruinen selbst sind… Ruinen eben. Sie liegen da im strahlenden Morgenlicht und sind halt kaputt. Davor stehen Leute rum und posieren und machen Fotos von sich selbst mit diesen unsäglichen Selfiesticks. Erstaunlicherweise ist Posieren in Griechenland aber nicht gerne gesehen, bereits in Delfi wurde uns gesagt: Fotos erlaubt, aber nur ohne Blitz und KEIN POSIEREN! Ich finde solche Regeln seltsam, aber vielleicht ist es auch einfach so, dass jeder Wachmann sich ein Mal pro Tag eine neue Regel aus dem Hintern ziehen muss.

Diese Theorie wird untermauert, als einer der Wachleute mich plötzlich anherrscht: „THIS! IS NOT! ALLOWED!“. Dabei deutet er mit dem Zeigefinger an mir vorbei. Ich bin verwirrt, bis ich merke, dass er auf das Wiesel zeigt, dass in einiger Entfernung herumtollt. Nein, moment, es tollt nicht – es posiert! Ich muss grinsen. Dieses alte Rebellenwiesel!

Posierliches Tier, dieses Wiesel.

Posierliches Tier, dieses Wiesel.

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„Not allowed!“, bellt der Wachmann wieder, der sich wohl gerade die Regel ausgedacht hat, dass an Sonntagen Wiesel verboten sind. „Put it in your bag!“

Ich halte meinen Rucksack auf, und das Wiesel hüpft hinein. Hinter der nächsten Ecke lasse ich es wieder raus, und das Wiesel verschwindet blitzartig. Der Wachmann tut mir ein wenig leid, dass wird heute nicht sein Tag werden. Aber wer keine Wiesel mag, hat es nicht besser vedient.

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Modnerd und ich laufen weiter zum Akropolismuseum.

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Der moderne Museumsbau sollte zum Olympiajahr 2004 feierlich eröffnet werden, fertig wurde er dann schließlich 2009. Das lag unter anderem daran das Vangelis, der Komponist, gegen den Bau klagte. Er hatte nämlich ein Appartmenthaus, das er wegen des Blicks auf die Akropolis teuer vermieten konnte. Das neue Museum würden den grandiosen Ausblick versperren, und schon zog ein Heer vorn Anwälten los.

Am Ende verkaufte Vangelis sein Haus teuer an den Staat, der es abreißen ließ, und die andern Anwohner arrangierten sich mit dem neuen Museum.

Das Gebäude ist wirklich beeindruckend. Schon von Außen macht es, trotz seiner Wuchtigkeit, einen modernen und erhabenen Eindruck. Beim Näherkommen bemerkt man, dass es quasi auf Stelzen über einem Ruinenfeld steht, in das man von oben hineingucken kann. Was man dabei nicht sieht: Das ganze Gebäude steht auf Gleitpendellagern, die es vom Untergrund abkoppeln. Damit soll es Erdbebensicher sein.

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Im Inneren ist alles zu finden, was man auf und an der Akropolis noch retten konnte. Viel ist es nicht mehr, Fragmente von Friesen und Statuen, oft nicht mal als das erkenntlich. Leider ist fotografieren verboten.

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Die schönsten und am besten erhaltensten Stücke wurden gestohlen. Von einem Briten, der Friese und Statuen mit Gewalt aus der Akropolis herausgebrochen und -gesägt und bei Nacht und Nebel außer Landes gebracht hat. Zufällig war der Mann ein Lord. Wenn man Brite und Lord ist, ist man kein Dieb, sondern ein Held des Empire, der „Kulturgüter vor dem Verfall sichert“.

Im Falle des Lord Elgins sah das so aus, dass er mit Brecheisen und Steinsägen die Akropolis auseinandernahm und die Friese und alles Schöne nach England verschleppte, wo es heute im Britischen Museum ausgestellt ist. England weigert sich bis heute diese Stücke rauszurücken und damit die Sammlung hier, in Athen, zu vervollständigen. Um die Schmach komplett zu machen, nennen die Briten die Stücke nicht „Teile der Panthenon“ sondern „Elgin Marbles“, als habe der Lord höchstpersönlich sie entdeckt oder gestaltet.

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Ich bin ja Thanatourist und gucke mir, wann immer es geht und wo immer sie was besonderes sind, Monumentalfriedhöfe an. Der erste Friedhof von Athen ist als Monumentalfreindhof klassifiziert, SCHÖNE Monumente gibt es hier aber nur wenige. Dennoch ist es nett, hier im Sonnenschein durch die hügelige Parkanlage zu spazieren.

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Nach so viel altem Zeugs ist nun etwas Moderneres angesagt. Zufälligerweise hat Modnerd Beinahe-aber-irgendwie-nicht-mehr-Lieblingsarchitekt Santiago Calatrava hier ganz moderne Sachen hingestellt, und so fahren wir mit der Metro nach Norden und gucken uns das ehemalige Olympiagelände an, designed und entworfen von Calatrava.

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Vor elf Jahren ging hier die Lutzi ab, heute wird nur noch ein kleiner Teil der Anlagen genutzt. Der Rest verfällt oder wird kreativ genutzt. Athener Eltern bringen auf den perfekt ebenen und autofreien Flächen ihren Kindern das Radfahren bei, Teenager skaten zwischen den rostenden Bogengängen herum.

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Modnerd: Das Olympia-Gelände ist zwar nicht mehr so richtig gut in Schuss, jedoch auch nicht so verlottert und vergessen, wie es in Fotoserien im Netz immer wieder dargestellt wird. Man merkt den Anlagen allerdings an, dass sie einfach kaum gebraucht werden. Große Sportereignisse, wie eben Olympia, und das regelmäßig, so etwas bräuchte es hier, dafür ist die Anlage gemacht. Leider ist vieles dann eben doch nur für einen Moment gebaut – so viele Konzerte oder Großereignisse wie gebraucht würden um die Anlage auszulasten, kann es in Athen wohl gar nicht geben. Und für Sport, naja. Wenn man ehrlich ist, ist das Wetter dafür nur bedingt gemacht, weil vielleicht doch etwas warm. Letztlich wurde das alles hier für einen Moment und dann  zum Wegwerfen gebaut. Sehr, sehr schade und ökologisch richtig schlimm. Wenn man das hier sieht, will man Olympia und andere Großereignisse an wechselnden Orten nicht mehr haben. Warum nicht mal eine Olympiade genau dort stattfinden lassen, wo man vor nicht allzu langer Zeit schon einmal alles dafür gebaut hat?

Typisch: Calatravabauten enthalten immer Elemente, wie man sie eher an Brücken vermuten würde.

Typisch: Calatravabauten enthalten immer Elemente, wie man sie eher an Brücken vermuten würde.

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Twittersymbol in Trenkadíz-Technik.

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Wieder zurück in der Innenstadt erkunden wir die Nationalgärten hinter dem Parlament, sehen die Reste eines Marathons und schlendern dann durch Plaka, das Altstadtviertel, und Monastiraki, den Flohmarktstadtteil. Hier werden all möglichen Waren in unterschiedlichen Formen feil geboten.

Schicke Geschäfte bieten Pelze und Spezialitäten an, Kramläden verkaufen Hüte und Touristengedöns, in Nebenstrassen werden Maschinenteile und Werkzeug gehandelt und entlang des Agora-Parks stehen Tische mit Kunsthandwerk, oft ebenso schön wie fremdartig. Überall gibt es etwas zu sehen und zu entdecken, überall ist Kunst und Leben.

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Ektrisiergerät. Elektrisieren ist gesund!

Elektrisiergerät. Elektrisieren ist gesund!

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Es ist das Jahr der wirtschaftlichen Repressionen und des VW-Skandals. Dieser Künstler ist nicht gut auf Deutschlad zu sprechen.

Es ist das Jahr der wirtschaftlichen Repressionen und des VW-Skandals. Dieser Künstler ist nicht gut auf Deutschlad zu sprechen.

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Held meiner Jugend: Noyky Noyk.

Held meiner Jugend: Noyky Noyk.

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Wie gut ist eigentlich der Zoom der winzig kleinen Lumix? So gut!

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Fremdartig sind auch die Gewohnheiten der Griechen. Sie scheinen den Tag ab 10 Uhr mit Essen zu verbringen. Jede Straße von Plaka bis zur Akropolis ist gesäumt mit Cafés und Restaurants, jedes hat eine Vielzahl von Tischen drinnen und draußen und nahezu alle sind voll belegt mit essenden Menschen. Wohin wir kommen sehen wir, wie unglaubliche Berge an Fleisch und Brot serviert werden. Nur gegen 18 Uhr werden die Restaurants etwas leerer, was wir als Gelegenheit begreifen und schnell zu Abend essen, bis um 19 Uhr der Füllstand der Restaurants wieder sprunghaft ansteigt.

Gefüllte Paprika!

Gefüllte Paprika!

Das Leben, so scheint es, spielt sich in Athen auch im November auf den Straßen ab.

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Lecker: Zähes Zuckergummi mit Kokosraspeln.

Lecker: Zähes Zuckergummi mit Kokosraspeln.

Modnerd: Was für ein toller Tag. Athen macht Spaß, ist eine liebenswerte Großstadt und ganz anders als meine Erwartung. Nach Thessaloniki auf der ersten Reise hatte ich auch hier einen Moloch erwartet. Ich fand keinen, allerdings habe ich mich mit Herrn S. darauf geeinigt: Ein Moloch ist es, ja, aber es gibt so viel Schönes zu entdecken, so nette Menschen überall, dass Athen trotzdem eine ungewöhnlichen angenehme Großstadt ist.
Mich hat – trotz oder gerade wegen des Modus der Überraschungsreise – recht vieles an Athen erstaunt. Die Stadt ist grün, an vielen Stellen wieder Griechenland-typisch floral gestaltet. Blumen auf den Balkons, Bäume in den Straßen und das Interieur angenehm gestalteter Cafés und Restaurants greift die Richtung weiter auf. Alles wunderschön, es gibt viele tolle Straßen zu entdecken und die Stadt wirkt in ihrem Zentrum fast gemütlich.

Wir lassen den Tag ausklingen, in dem wir noch einige weitere interessante Straßen entdecken und besorgen uns noch eine richtig gute Flasche Wein, die zur richtig guten Stadt passt.

Hattu Füße? Weg des heutigen Tags durch Athen.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 21. Mai 2016 in Reisen, Wiesel

 

Eine Antwort zu “Reisetagebuch (9): No Posing!

  1. Die Wunderbare Welt des Wissens

    22. Mai 2016 at 10:38

    Ich mag posierliche Tiere sehr. Menschen alberne Selfies zu verbieten, finde ich aber sehr sympathisch.

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