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Sommer ´94

19 Jul

1994 begann seltsam. Erst starb Telly Savalas, dann Jackie Kennedy. Curt Kobain schoss sich den Kopf weg. Solche persönlichen Schicksale dominierten die Nachrichten, denn die großen Themen waren abstrakt und fanden weit weg statt. Die Apartheid endete, Ayrton Senner starb und Politiker unterschrieben Vereinbarungen, aber das alles passierte am anderen Ende der Welt.

Meine eigene Welt wurde währenddessen immer kleiner. Erst war sie wochenlang von Büffeln geprägt, dann bestand sie nur noch aus Nervosität und Anspannung während der Abiprüfungen, und danach war alles… Leere.

Die letzten Monate der Schulzeit verbrachte ich mit dem Warten auf die Abiturnoten und dem diffusen Gefühl, dass ein großer Lebensabschnitt sich dem Ende zuneigte, aber etwas anderes noch nicht begonnen hatte. April und Mai 1994 waren ein Limbo, ein Leben zwischen den Welten.

Das änderte sich, als mir im Juni endlich das Abiturzeugnis in die Hand gedrückt wurde. Das war wie eine Befreiung, der Fahrschein in eine neue Welt. Ich wollte ab Oktober in Göttingen, der nächsten Stadt mit einer Uni, studieren. Bis dahin waren es noch vier Monate, und um studieren zu können brauchte ich eine Wohnung – und einen Computer.

1994, das ist schon 22 Jahre her. Eine andere Zeit, eine andere Welt.
Kein Internet.
Keine Smartphones.
Keine Mobiltelefone.
Kaum Rechner, wenn man von Heimcomputern wie dem Amiga absah.
Eine unvernetzte Welt.

Computer waren unfassbar teuer – ein 486 DXII-66 mit einer 40 Megabyte Festplatte und Monitor kostete mindestens 2.700 DM. Das war auch der Grund, weshalb ich in diesem Sommer fast jeden Tag in einem Schnellrestaurant arbeitete. Einer der wenigen Jobs, den es in unserer strukturschwachen Region für Schüler und Studenten gab, und der dazu gut bezahlt wurde.

Ab Juni machte ich fast jeden Tag Früh-, Tages- oder Nachtschichten, immer so, wie es gerade gebraucht wurde. Mal begannen meine Tage um 04.30 morgens, mal waren sie von Schichten von 12.00 Uhr bis 20.30 Uhr regelrecht zerstückelt, mal kam ich erst um drei Uhr nachts nach Hause. Die Arbeit war zwar nicht so schwer wie z.B. auf dem Bau, aber schon anstrengend. Am Ende einer 8,5-Stunden-Schicht (die an Tagen mit hohem Krankenstand in der Belegschaft auch schon mal 10 oder 12 Stunden lang werden konnte) hatte ich manchmal keinerlei Kraft mehr im Körper. Gute, ehrliche Arbeit macht sowas.

Dazu kam das Wetter. Es war heiß. Im Juni, Juli und August schien fast jeden Tag die Sonne, die Temperaturen kletterten regelmäßig über 30 Grad, und in drei Monaten fiel kaum mal mehr als ein kleiner Regenschauer. Bei der Arbeit in der Restaurantküche, zwischen heißen Grills und Friteusen, konnte man literweise Wasser trinken und musste trotzdem stundenlang nicht auf´s Klo.

Eine Klimaanlage gab es nicht, aber wenigstens eine Radio. Je nachdem, wer gerade Schichtleiter war, lief dort ein anderer Radiosender. Ich mochte NDR2 oder FFN. Die spielten zwar viel zu viel altes Zeug aus den achtzigern, aber immer wieder lief auch mal was, womit ich was anfangen konnte: Die 4Non Blondes mit „What´s going on“, die Crash Test Dummies mit „Mmm mmm mmm“, die Spin Doctors mit „2Princes“ oder auch Lucilectric, die davon sang, dass sie so froh sei ein Mädchen zu sein.

Nicht ausstehen konnte ich N-Joy. Der Radiosender war vor zwei Monaten erst an den Start gegangen und spielte rund um die Uhr Kindertecho, sowas wir Marc Ohs „Hörst Du mich“, Maruschas „Over the Rainbow“ oder Scooters „Hyper Hyper“. Sowas konnte doch niemand ernsthaft gut finden!

Wenn ich es mir aussuchen konnte, hörte ich eh´ ganz andere Dinge. Portishead waren super, aber für´s Radio natürlich viel zu düster und zu langsam. Aerosmith´ „Get a Grip“ hatte ich gerade erst im Bertelsmann Buchclub als Quartalskauf erstanden. Darauf war“Living in the edge“, was im CD-Player auf repeat-one lief, und auch „Cryin“ und „Crazy“, denn zu denen es tolle Videos gab. Musikvideos waren die neue Form des Erzählens in Bildern, und Künstler wie Aerosmith oder R.E.M. erzählten in vier Minuten komplexe Geschichten. Die besten Videos liefen auf MTV, wo sie von coolen Typen wie Ray Cokes angesagt wurden. Man mustse natürlich Glück haben und zufällig gerade vor dem Fenrseher sitzen, dann konnte man vielleicht sein Lieblingsvideo sehen. Wenigstens lernte man nebenbei von den Moderatoren englisch, denn MTV auf Deutsch gab es nicht.

Was es auf deutsch gab war „VIVA“. Das war ein ganz neuer Musiksender, den ich inbrünstig verachtete. Bei Viva moderierten ausschließlich nervige Arschgeigen, die wie auf Koks Unsinn plapperten und die ich keine zwei Minuten ertrug. Außerdem wurde auf VIVA nur Kindertechno oder unsäglicher Europop gespielt. Sowas wie Dr. Albans „What is love“. Ace of Base gehörten gerade noch zu den erträglicheren Nummern, aber ich hatte mich festgelegt, ich guckte gerne MTV. Die hatten nicht nur die besseren Moderatoren, sondern zeigten auch die cooleren Videos.

War aber eigentlich auch egal was da draußen gesendet und gespielt wurde. Ich konnte in meinen vier Wänden hören und sehen was ich wollte. „Meine vier Wände“, woah, wie das schon klang! MEINE VIER WÄNDE! Ja, ich hatte vier Wände ganz für mich allein. Zusammen mit einer Arbeitskollegin aus dem Restaurant, die ebenfalls im Herbst ein Studium beginnen wollte, hatte ich eine Wohnung angemietet.

Der Wohnungsmarkt in Göttingen war schlimm. Es gab viel zu wenige Wohnungen für die vielen Studierenden, und die Mieten waren exorbitant. Sowas wie 1994 schafften später nicht mal doppelte Abiturjahrgänge: Hausbesitzer vermieteten selbst breitere Flure als Durchgangszimmer oder fensterlose Abstellräume im Keller voller verdreckter Gartenmöbel als „möblierte 1-Zimmer Appartements“. Mehrere hundert D-Mark sollte man dafür hinlegen, und tatsächlich konnten sich die Vermieter vor dem Ansturm auf diese Unverschämtheiten kaum retten.

Deshalb hatte ich mich mit Sandra zusammengetan. Wir hegten keine besonderen Sympathien füreinander, aber als Wohngemeinschaft würden wir uns mit dem, was wir im Schnellrestaurant verdienten, zumindest eine ordentliche Wohnung leisten können. Ordentlich hieß: Ein zwei Zimmer-Appartement in einem riesigen Plattenbau, in dem links die Nazis, rechts die Punks und in der Mitte die Studis wohnten. Aber wenigstens hatte das Ding alle Wände, dichte Fenster und einen funktionierenden Telefonanschluss.

Sandras Zimmer war 10 Quadratmeter groß, meines 16. Dafür war in meinem Zimmer die Kochnische und der Kühlschrank, der laut vor sich hinsummte und ab und zu quiekte. Aber das war mir alles egal, denn zum einen wollten wir eh nur ein Jahr hier wohnen, in der Zeit was anderes suchen und dann die WG auflösen. Viel wichtiger aber: Mit Unterzeichnung des Mietvertrags waren das hier MEINE eigenen vier Wände geworden. Okay, UNSERE, aber Sandra würde erst im Herbst hier einziehen. Den Sommer über hatte ich die Wohnung ganz für mich allein.

Das Schnellrestaurant lag genau auf halber Strecke zwischen meinem Elternhaus und Göttingen, ich konnte mir also nach jeder Schicht aussuchen wohin ich fuhr. Nach sehr kurzer Zeit steuerte ich nicht mehr nach Hause zu meinen Eltern, sondern in die Wohnung in der Stadt.

Die Einrichtung bestand in den ersten Wochen nur aus einer alten Matratze, die direkt auf dem Boden lag. Ihr gegenüber stand ein kleiner schwarzweiß-Fernseher auf einem Tomatenkarton. Sehr spartanisch, aber für mich Luxus, denn das war etwas eigenes, ganz für mich.

Wenn ich mitten in der Nacht nach Hause kam, nach Friteusenfett stinkend und durchgeschwitzt, konnte ich ohne Wartezeit in ein Badezimmer, dass ich mit niemandem teilen musste. Dann warf ich eine Tiefkühlpizza in den Backofen, was auch um 3 Uhr niemanden störte, und hockte mich in Unterwäsche vor den Röhrenfernseher. Dann guckte ich MTV oder RTLplus, wo im Nachtprogramm „Verrückt nach Dir“ lief oder „Eine schrecklich nette Familie“, oder Pro Sieben, wo Wiederholungen von „Roseanne“ gesendet wurden. Dazwischen priesen nervige Werbspots „Punica“ an, oder „Wick Rachendrachen“. In Villariba oder in Villabajo (ich vergesse immer wo) wurde Fairy Ultra verwendet um die Paellapfannen schneller sauber zu bekommen als im Nachbardorf, nichts ging über Bärenmarke und bei Milka pries ein Almöhi mit Sonnenbrille etwas mit den Worten „Aber vorsicht, it´s cool man“ an und blieb damit besser in Erinnerung als das Produkt selbst (Milka Mint Crisp).

In diesem Sommer wurde es auch Nachts nicht kühler. Eine willkommene Ausrede um Eis in rauen Mengen zu verschlingen. Von Schöller gab es „Manhattan“, ein Vanilleeis mit Fruchteinrührung in den Sorten „Strawberry Swirl“ und „Apple Fudge“. So eine 1,5 Liter-Packung überlebte meist nur einen Abend.

In diesen warmen Nächten strahlte durch das Fenster des Appartements orangefarbenes Licht vom Rangierbahnhof, an dem es lag. Die ganze Nacht wurden da Züge bewegt, aber das störte mich nicht. Ich war mit dem Geräusch von Bahnen aufgewachsen und nahm das Rumpeln auf den Gleisen als beruhigend, ja einschläfernd wahr.

Arbeiten bis zur Erschöpfung, dann total kaputt nach Hause kommen, dann vor dem Fernseher die Nacht verdahmeln. Für mich war es der Himmel auf Erden.

Über den Sommer brachte ich immer mehr Dinge in diese eigene Wohnung. Aus einer Arbeitsplatte und zwei angemalten Sägeböcken wurde ein Schreibtisch. Aus Kellerregalen wurden Bücherregale. An die leeren Wände kamen Poster. Unter anderem Ansichten von New York bei Nacht und ein selbstgmaltes, auf den ich mit Edding den Text von R.E.M. „Losing my Religion“ geschrieben hatte. Das Video zum Song hatte mich nachhaltig beeindruckt, und mir kam es sehr erwachsen vor, so tolle Liedtexte an der Wand zu haben. In erster Linie wollte ich damit natürlich zeigen was für ein deeper Typ ich war und Frauen beeindrucken. Das funktionierte auch, sogar besser als ich erwartete. Bis eine Eroberung anmerkte, das ich „Losing“ schon in der Überschrift falsch, nämlich mit zwei „o“ geschrieben hatte. Das Poster verschwand sofort und wurde nie wieder aufgehängt, aber weggeworfen habe ich es auch nicht. In irgendeiner Ecke im Keller muss es noch liegen.

Wenn ich nicht arbeiten musste, ging ich abends ins Kino. Da meine ehemaligen Klassenkameraden den Sommer über nichts zu tun hatten, war ich dabei nie allein.

Etwas zum Ansehen fand sich immer, denn 1994 war ein exzellentes Kinojahr. Während in den Straßen noch die warme Luft stand, lümmelten wir uns in den Sesseln der vielen kleinen Kinos, die damals noch nicht vom Cinemaxx plattgemacht waren. Unsinn wie „Police Academy 7“ oder „Beverly Hilly Cop III“ guckten wir natürlich nicht an. Wir amüsierten uns bei Leslie Nielsens „Die nackte Kanone 33 1/3“, vergötterten Una Thurmann in „Pulp Fiction“, waren nachhaltig beeindruckt von Brandon Lees „The Crow“ und holten uns schmerzende Hintern auf den Holzstühlen im „Cinema“, weil „Forrest Gump“ fast drei Stunden lief.

Danach ging es meist noch in „Thanners Tag- und Nachtschänke“ auf ein Bier. Warum auch nicht, ich musste ja nicht mehr fahren, denn ich WOHNTE ja nun in der großen Stadt. Der Weg nach Hause war nicht lang, und wenn ich nachts durch die Straßen streifte, die in der warmen Sommerluft immer noch belebt waren, hatte ich meist ein breites Grinsen im Gesicht. Ein neuer Lebensabschnitt hatte begonnen, und der Anfang war genau nach meinem Geschmack.

Bei meinen Eltern war ich nur noch ab und zu, um ein paar Sachen zu holen oder um Wäsche zu waschen. Viel zu sehr genoss ich das Gefühl der Freiheit, dass mit dem Leben in den eigenen vier Wänden und in der Stadt einher ging. Die kleine Wohnung hatte mein Leben plötzlich sehr viel größer gemacht, und mit dem Sommer 1994 verbinde ich nicht nur heiße Tage und warme Nächte, sondern vor allem das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit.

In der Rückschau verschwimmen die meisten Sommer zu einem Amalgam aus Eindrücken, bei dem einzelne Ereignisse nicht mehr einem Jahr zuzuordnen sind. Aber dieser eine Sommer, der wird mir in Erinnerung bleiben.

 
3 Kommentare

Verfasst von - 19. Juli 2016 in Historische Anekdoten

 

3 Antworten zu “Sommer ´94

  1. Michael

    19. Juli 2016 at 22:24

    Super geschrieben, auch wenn du deutliche Schwächen beim Benennen der Eurodance-Interpreten hast. Aber damit wirst du, denke ich, hervorragend leben können ;-).

    Gefällt 1 Person

     
  2. Silencer

    19. Juli 2016 at 22:30

    🙂 Danke. Eurodance/Eurospop war damals eine Soße, die ich in der tat nicht wirklich mochte…

    Gefällt 1 Person

     
  3. modnerd1138

    20. Juli 2016 at 16:48

    Interessant, was ein paar Jahre Unterschied ausmachen. Sein Sommer ’94 war mein Herbst ’97.

    – Eurodance löst bei mir im Gegenteil sehr wohlige Erinnerungen aus. Ich *weiß*, dass das Mist ist, aber ich habe es in der falschen (richtigen) Phase erlebt. Zu viel ungewohnter Alkohol zu dieser Musik brennt sich eben ein.
    – Meinen ersten Internet-Anschluss legte ich mit dem Einzug in die erste Wohnung, das war dann irgendwie fest mit den Lebensphasen verknüpft.

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