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Ausge-Xt

21 Okt

Im Einzelhandel wird Beratung groß geschrieben, heißt es. Herr Silencer ist der Meinung: Das ist ein Mythos.

„Und dann haben wir hier noch…“, er kneift ein wenig die Augen zusammen und starrt auf den Deckenhänger, „die Maxhorst Superwarm. Und hier haben wir…“ Fast meine ich zu sehen, wie sich seine Lippen bewegen, während er das Schild liest. Ich bin leicht angenervt, denn von Verkäufern erwarte ich eigentlich, dass die ihre Produkte kennen und beraten können. Schilder kann ich selber lesen, aber jetzt brauche ich Beratung.

Ich will nämlich nicht mehr frieren. Mein Schlafzimmer ist kaum beheizbar, und selbst unter Bettdecke plus Wolldecke plus Wärmflasche friere ich. Deshalb soll eine neue Decke her, was RICHTIG warmes. Aber da das „Norwegische Sofa-Depot“ auf Angaben zum Wärmeindex für Bettdecken verzichtet, brauche ich nun mal die Hilfe des Verkäufers.

Der liest mir noch zwei Schilder vor, dann  trollt er sich mit den Worten „Sie können sich ja mal selbst umgucken“. Ich gucke mich mal um und finde dann was, dass in Frage kommt. Mit Polyesterfüllung. Kann das gut sein? Ich laufe zu einer anderen Verkäuferin. Die ist damit beschäftigt Schilder zu stecken und über eine 10 Meter-Distanz eine gebrüllte Unterhaltung mit einer Kollegin zu führen und ignoriert mich erstmal. Irgendwann trete ich in ihre Sichtlinie und und quatsche direkt in die Konveration über morgendliche Fahrtrituale rein.

„Entschuldigen Sie, ich habe mal eine Frage… diese Füllung aus synthetischem Polyester, ist die…“ „Polyester ist immer synthetisch“, fällt mir die Verkäuferin ins Wort und funkelt mich grimmig an. „Es gibt kein natürliches Polyester…“, „DAS IST MIR schon auch klar“, falle ich ihr ins Wort und funkele grimmig zurück. „Was ich wissen will: Ist das atmungsaktiv oder schwitzt man sich darunter zu Tode?“ Sie guckt pikiert, zieht eine Augenbraue hoch und plappert los „Das ist ja wohl individuell. Jeder schwitzt anders und nimmt es anders war wann was zu warm ist, dazu kann man ja wohl nix Allgemeines sagen“.

Sie lässt mich deutlich spüren für wie absurd sie meine Frage hält.

Ich lasse sie deutlich spüren für wie absurd ich ihre Antwort halte.

Dann habe ich mich für eine Bettdecke entschieden. Die Testdecke, mit der man im Geschäft rumkuscheln kann, ist da, aber eine neu verpackte finde ich nicht. Also muss ich mich an Verkäuferin Nummer drei wenden. „Ich gucke mal im Lager“, flötet die und kommt nach wenigen Minuten mit einer verpackten Decke um die Ecke. Ich freue mich, an der Kasse mache ich dann aber ein langes Gesicht: Der Preis ist 50 Euro höher als auf dem Deckenhänger angegeben. „Da haben sie sich verguckt, der günstigere Preis ist die Kindergröße“, flötet die Verkäuferin und zieht meine Karte durch. Kann ich mich so verguckt haben? Ich nehme meine bezahlte Decke und gehe nochmal zu dem Stand.

Nein, ich habe mich nicht verguckt. Also zurück zur Kasse und nochmal die Flötenfrau angesprochen. „Ach ja, das liegt dann daran, dass ich Ihnen eine andere gegeben habe. Die Decke, die sie sich ausgesucht haben, die gibt es nicht mehr“, flötet sie.  „Was?“, entfährt es mir. „Aber warum haben sie die noch im Sortiment?“ „Ob wir die in der Ausstellung haben oder nicht spielt doch keine Rolle, wenn die im Computer ausge-Xt ist. Gucken Sie hier“, sagt sie und dreht mir das Display zu, „Ausge-xt, sehen sie?“ „und deshalb geben sie mir einfach was ganz anderes als ich wollte?“, frage ich. Sie guckt mich an wie eine Eule. „Aber die ist so ähnlich und hier IST EIN X! Ieh-Icks! Ausge-Xt!“. Hinter ihr steht die Brüllkollegin und funkelt mich grimmig an, denn immerhin ist es ist schon zehn Minuten vor Ladenschluss, und sie will endlich die Tür abschließen.

Long story short: Ich habe dann das Geschäft Deckenlos verlassen, nachdem die Flötenfrau den Kaufbetrag auf meine Karte zurückgebucht hat. Zumindest behauptet sie das, ich wusste gar nicht, dass das geht. Dann habe ich einen Abend im Internet verbracht und bin zum Experten in Sachen Bettdecken geworden, habe dann die beste und wärmste in einem Onlineshop für weniger als die Hälfte des Preises im „Norwegischen Sofa-Depot“ gefunden und freue mich darauf, dass die morgen geliefert wird.

Ärgern tue ich mich nur über die Lebenszeit, die ich im Einzelhandel gelassen habe. Kein Wunder, dass es dem immer schlechter geht. Die müssen jetzt erstmal durch das Tal der Tränen, bis sie begreifen, dass sie nur mit gutem Personal und ordentlicher Beratung punkten können. Bis es soweit ist,  werden die Filialgeschäfte mit dem schlecht angelernten und patzigen Personal wohl selber ausge-Xt.

[Nachtrag] So ein Zufall: Heise hat heute einen ganz ähnlichen Artikel im Programm: „Beratung im Einzelhandel wird vollkommen überbewertet“. Der Kommentar ist extrem gut geschrieben.

 
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Verfasst von - 21. Oktober 2016 in Gnadenloses Leben

 

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