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Wechselwarme Fensterbauer

04 Nov

Um sieben Uhr beginnt ein Mann in der Ecke meines Schlafzimmers zu hämmern. Also, der ist nicht wirklich in meinem Schlafzimmer, aber es hört sich so an. Die Fensterbauer sind im Haus und bohren, hämmern, sägen, stemmen, meißeln und fluchen, dass es eine Pracht ist. Die Mitbewohnerinnen bekommen neue Fenster. Was ja erstmal total gut ist. Die Arbeiten finden über und neben meinem Schlafzimmer statt, weshalb ich exakt mitbekomme was gerade gestemmt und geflucht wird.

Was mich irritiert: Die Fensterbauer wurden im Mai damit beauftragt. Dann passierte lange: Nichts. Gegen Juli kam dann mal wer von der Fensterbau-Firma angeschlichen und hielt schüchtern einen Zollstock* in die Landschaft. Dann passiert lange: Nichts. Ende September hielt dann ein Kastenwagen mit Anhänger vor dem Haus, drei Männer sprangen voller Elan heraus, schleppten zwei Kubikmeter Werkzeug ins Haus und wirbelten zwei Tage lang durch die Wohnung einer Mitbewohnerin. Auch da wurde gesägt, gebohrt, gehämmert und gedrechselt, dass es eine Freude war. Dann waren sie plötzlich wieder verschwunden und hatten exakt ein Fenster (von einem Dutzend) getauscht.

Dann passiert lange: Nichts. Bis Mitte dieser Woche. Da hielt wieder der Wagen mit Anhänger vor dem Haus, Männer sprangen raus und schleppten ein Sortiment Bohr- und Stemmmaschinen, diverse Werkzeugkoffer, mehrere motorisierte Sägen, und einige Rollwagen mit… Dingen ins Haus. Seitdem wird wieder gearbeitet.

Was mir nun auffällt: Das ist nicht das erste Mal, dass Fensterbauer erst loslegen, wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt. Mit Schrecken erinnert sich eine Bekannte an das Loch, dass der Fensterbauer drei Tage vor Weihnachten in ihrem Wohnzimmer hinterliess und sich bis nach Neujahr nicht mehr blicken liess, weil das neue Fenster nicht passte. Das alte hatte er aber sicherheitshalber schonmal rausgestemmt und mitgenommen. Auch andernorts kommen jetzt Fensterbauer aus Löchern, in denen die sich bislang verborgen hatten.

Die Gesetzmäßigkeit, die sich daraus ableiten lässt: Fensterbauer arbeiten offensichtlich nur, wenn die Temperaturen in den niedrigen, einstelligen Bereich gerutscht sind. Warum ist das so? Gehören sie zu einer wechselwarmen Spezies, die nur bei Kälte richtig aktiv wird? Oder liegt es daran, dass sie so viel Kohle verdienen, dass sie nur in den 6 Wochen von Anfang November bis Weihnachten arbeiten müssen und den Rest des Jahre von den Einnahmen leben können? Man weiß es nicht, aber das würde zumindest die horrenden Rechnungen erklären.

————–
* Nein, das heisst nicht Gliedermaßstabstab. Zollstock! Genauso wie es Schraubenzieher heißt und nicht Schraubendreher. Ich setze da auf die normative Macht des Postfaktischen: In der nächten Generation weiß niemand mehr was ein Zoll ist, aber auch der Begriff Gliedermaßstab wird unbekannt sein. „Zollstock“ aber, das Wort wird weiter benutzt werden, wenn man es jetzt nur oft genug wiederholt.

 
5 Kommentare

Verfasst von - 4. November 2016 in Gnadenloses Leben

 

5 Antworten zu “Wechselwarme Fensterbauer

  1. hirnwirr

    4. November 2016 at 10:30

    Warst Du gerade bei uns? Hier wird gerade aufgerüstet. nein, eingerüstet. Mit Lärm ohne Ende.
    Nachdem den ganzen Sommer über verhandelt wurde, kommen die Anstreicher jetzt, wo es Frost geben soll.
    Ich bin ziemlich sprachlos.
    ach ja und den Begriff „Gliedernaßstab“ kannte ich bislang auch nicht,

    Gefällt 1 Person

     
  2. Albrecht Wagenhöfer

    4. November 2016 at 10:57

    Silencer….baue mal oder baue ein Haus um. Kann da richtige Horrorgeschichten erzählen bezüglich Fenstereinbau. Waren 24 Stck. 3-fach verglast, habe die noch selber ab-und rein/raufgetragen. Beim Einbau noch dazugeholfen dem Fachmann!! Im Anschluß nen Sachverständigen alarmiert, der Murkseinbau attestierte und viele Nachbesserungen nach sich zog. Wenn man schon drin wohnt und Handwerker werkeln, paßt vermutlich überhaupt keine Jahreszeit. Fensterbauer z.B. haben deutlich mehr verdient, im Akkord und Rohbau Fenster zu setzen ohne „penible“ Kundennähe.
    Heizungs/Sanitärbauer wäre das nächste Thema. Überhaupt bei denen, welche „allesauseinerHand“ versprechen. Der Juniorchef stand weinend da, als ich ihm einen rechten Winkel erklärte. Ich kontrolliere nicht immer ne Wasserwaage mit noch einer, aber für einen recht hohen Handwerkerstundensatz sollte Arbeit auch entsprechend dem Erlernten ausfallen.

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  3. Katja

    4. November 2016 at 11:12

    Haha!

    Und ganz eindeutig und klar: Zollstock!

    Hier kommt heute übrigens nicht nur der Fensterbauer, der im März kommen sollte, dann im Juli mal zum Ausmessen auftauchte – wo wir hinterher schon dachten, der Vermieter hätte einen Fensterbauerschauspieler vorbeigeschickt, weil man danach wieder monatelang nichts von ihm hörte – Ende September 3 Rolläden auswechselte und heute, wo’s endlich kalt genug ist, kommt, um das Fenster auszutauschen, worauf wir seit März warten.
    Hier ist außerdem seit Mitte September das Haus eingerüstet, weil das Haus jetzt gedämpft [sic!] wird. Eigentlich sollte das schon im Mai passiert sein, früher im Frühjahr wollten die Vermieter das nicht riskieren, weil da das Wetter ja noch so unbeständig ist. (Nach diversen Erfahrungen mit der Wohnung und den Vermietern sind wir noch nicht vollständig überzeugt, dass das mit der Dämpfung nur ein sprachliches Problem ist oder was da möglicherweise am Ende bei rauskommt. :D)

    Heizungsmonteure scheinen übrigens eine Spezies zu sein, die eher in der warmen Jahreszeit arbeitet. Der war für Samstag angekündigt, kann aber jetzt doch nicht. Macht der Vermieter das bisschen eben selbst… es bleibt spannend!

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  4. Albrecht Wagenhöfer

    4. November 2016 at 12:46

    Das Problem mit Handwerkern hat zum Glück der Vermieter, welcher aber auch den Mietern gerecht werden will. Ich&Wir hatten festgestellt, daß man sich über auszuführende Arbeiten selbst einschlägig gut informieren sollte um nicht auf Goodwill vom Dienstleister überrannt zu werden. Angeblich haben Handwerksbetriebe gut zu tun, wundert mich dann aber, wenn diese in die Insolvenz gehen. Beim Motorrad……gibt es auch gute Fachbetriebe. Ich finde aber keinen in akzeptabler Nähe, der die Mühle so für Ferntouren präpariert und vorbereitet ohne mein zutun, weil die Werkstattbetreiber selbst keine Fernfahrer sind. Lasse mich da nur zu gern vom Gegenteil überzeugen.

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  5. Silencer

    5. November 2016 at 12:52

    Katja: Seltsame Spezies, diese Handwerker. Allesamt.

    Albrecht: Ich werde mit großer Sicherheit NIE Bauherr. Gute Werkstätten finden ist schwer, sehe ich gerade wieder beim Auto. Für´s Mopped habe ich zum Glück eine gute.

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