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Motorradreise 2016 (4): Kein Held, ein Retter & die Eulenfrau

11 Nov

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Die Sommerreise mit der Renaissance.

Donnerstag, 09. Juni 2016, Ferrada, 40 Kilometer südlich von Genua, Italien.

Oma Normas Frühstück ist das beste, und ich habe gute Laune. Wenn meine heldenhafte Reparatur am gestrigen Tag hält, was sie versprach, dann ist das Motorrad wieder in Ordnung. Nach dem Tausch des mutmaßlich defekten Lichtmaschinenreglers und den vielen Autobahnkilometern gestern müsste die ZZR heute morgen sofort anspringen.

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Ich verputze die letzten, öltriefenden Foccaciareste. Heute morgen bin ich der  einzige Gast, und Oma Norma guckt besorgt. „Junge, ohne einen zweiten Caffé kannst Du doch nicht auf die Straße!“ – Recht hat die alte Dame.

Nach dem zweiten Espresso trage ich dann die Koffer zum Motorrad, mache mich fertig und drehe den Schlüssel. Alle Kontrollleuchten sind sofort da und leuchten hell. Sehr gut. Ich drücke auf den Startknopf. Statt eines fröhlichen Orgelns höre ich genau

– nichts.

Nicht mal ein Klacken gibt der Starter von sich.
Die Kiste ist vollkommen leer.

Verdammt.

Ich bugsiere das Motorrad unter Anstrengungen rückwärts auf die Straße hinaus. Die ist gaaanz leicht abschüssig, aber nicht abschüssig genug um die ZZR anrollen zu lassen. Kalt braucht der Motor einen Moment und viel Choke, und den Moment bekomme ich hier nicht hin. Das merke ich aber erst, als ich unter den Augen erstaunter Hausfrauen, die am Straßenrand stehen und ein morgendliches Schwätzchen halten, die Straße runterollere und beim Anlassversuch fast umfalle. Ich steige ab und wende die Maschine, dann schiebe ich sie zurück die Straße hinauf.

Die Fuhre ist schwer, voll betankt und mit Koffern rund 260 Kilogramm, das muss man auch erstmal bewegen. Auch einer der Gründe, weshalb ich vor so einem Urlaub wochenlang intensives Krafttraining mache. Das kommt mir jetzt zugute, bilde ich mir ein, aber auch so bin ich in Minuten schweißdurchtränkt. Die Täler von Ligurien sehen nicht ohne Grund aus wie tropischer Urwald. Das Klima hier ist feucht und warm, und dieses Klima zusammen mit dem ungewollten Frühsport in den dicken Klamotten macht, dass mir der Schweiß in Bächen über das Gesicht rinnt, die Fahrerkombi durchsuppt und in den Handschuhen steht.

Ich mache die Koffer ab und stelle sie bei Oma Norma in die Einfahrt, dann rolle ich auf der ZZR eine Seitenstraße hinab. Die ist zwar steiler, aber zu kurz. Die Kawasaki bockt und schüttelt sich als ich einkuppele, springt aber nicht an. Die Seitenstraße endet auf der Hauptstraße des Orts. Die ist absolut eben. Kann ich die Maschine vielleicht anschieben? Ich schiebe und laufe neben der Kawasaki her, komme aber nicht auf die nötige Geschwindigkeit. Sobald ich die Kupplung loslasse, blockiert einfach das Hinterrad und das Motorrad steht sofort, ohne das sich auch nur ein Zylinder bewegt. Verdammt, mit einer Simson war das einfacher! Aber die hat auch nur gefühlt 50 kg gewogen. Vollgetankt.

Ein Stückchen weiter ist eine Tankstelle. Ob man mir dort helfen kann? Ich schiebe das Motorrad an der Straße entlang und auf die Tankstelle zu. Ein Dorfhund sieht mir hechelnd nach. Nein, die Zapfsäulen wurden schon vor langer Zeit auf Automatenbetrieb umgerüstet, der Schalter der Tankstelle ist geschlossen. Auf einem kleinen Parkplatz versuche ich neben dem Motorrad herzulaufen und es dadurch zu starten. Keine Chance. Und ich bin am Ende meiner Kräfte. Jetzt habe ich nur noch die Wahl entweder den ADAC anzurufen oder Oma Norma um Hilfe zu bitten. Letzteres bringt die alte Dame vermutlich vor Aufregung an den Rand des Herzinfarkts, ist also keine Option.

Ich stelle die Maschine ab und gehe ein Stück die Durchgangsstraße entlang. Was ist das denn? Hinter der Tankstelle, in einem verlassen aussehenden Gebäude, stehen Leute mit den Händen in den Hosentaschen um die offene Motorhaube eines kleinen Transporters herum. Ist da doch eine Werkstatt? Mit neuem Mut greife ich mir das tote Motorrad und schiebe auf die Gruppe zu.

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Es handelt sich um einen Gommista, eine Reifenwerkstatt. Die Männer davor gucken uninteressiert, als ich schnaufend das Motorrad vor ihnen abstelle. „Was´n los?“ fragt einer, ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. „Batterieprobleme“, stoße ich hervor. „Brauche… Starthilfe“. Der Mann guckt weiterhin grimmig, nimmt aber die Hände aus den Hosentaschen und winkt einem jungen Mann, der schaut, als wäre er gerade verprügelt worden. Der Alte bellt etwas, anscheinend ist er der Chef hier. Dann holt er einen Schraubenschlüssel und zeigt sich erstaunlich hilfsbereit, als er mir zur Hand geht, um die Batterieabdeckung unter der Sitzbank zu lösen.

Der junge Mann kommt angeschlurft und legt ein Starthilfekabel vor mich hin. Der Alte bellt wieder was, der junge schlurft weg und kommt mit einem Küchentuch wieder, das er mir mit schiefen Kopf hinhält. Dabei guckt er, als wollte er mir was schenken, damit ich ihn nicht verhaue.

Ich danke, denn das Tuch ist für mich – der Alte hat die Schweißbäche bemerkt, die mir über die Stirn rinnen und auf die Hände tropfen. Es ist wirklich gerade, als stünde ich unter einer unsichtbaren Dusche, so pladdert der Schweiß an mir runter. Ich trockne mich notdürftig ab, als schon ein kleiner Kastenwagen neben mir hält. Der junge Mann öffnet dessen Motorhaube, und schließt das Starthilfekabel an. Kaum überbrückt, startet die ZZR sofort und erwacht mit einem Brüllen zum Leben. Der alte Mann hält eine Hand vor den Hauptscheinwerfer und bedeutet mir, mal am Gasgriff zu drehen. Dann schüttelt er den Kopf und sagt: „Das ist nicht nur die Batterie. Da stimmt was mit der Lichtmaschine nicht“. Ich nicke. Erstaunlich: der Dorfmechaniker im Nirgendwo von Ligurien kriegt mit einem Blick mehr raus als der hochspezialisierte Kawasakitechniker in Nizza mit seinen Messgeräten.

Geld lehnt der Alte ab, also bleibt mir nur der Dank. Bei Oma Norma sammele ich die Koffer ein, dann setze ich einen Kurs auf Livorno. In der Elektrik des Motorrads ist irgend etwas so hinüber, dass ich alleine nicht mehr weiterkomme. In der Küstenstadt gibt es eine der wenigen, lizensierten Kawasaki-Motorradwerkstätten in Italien, und der dortige Techniker ist spitze – ich kenne ihn schon aus dem vergangenen Jahr, als der Tacho den Geist aufgegeben hatte. Fabio hat den wieder flott gemacht, in dem er sorgfältig und geduldig ein Teil aus der Achse der ZZR geschliffen und in Form gehämmert hat. Am Ende funktionierte alles wieder.

Fabio ist ein echter Bastler. Das muss er auch sein. Anders als die glitzernde und aseptische Showwerkstatt in Nizza, die vermutlich nur Neuteile verbaut, muss Fabio reparieren und zurechtdengeln, weil seine Kundschaft für was anderes schlicht kein Geld hat. Jeden Tag verlängert er das Leben uralter Roller mit Teilen aus anderen alten Rollern, baut Ersatzteile selbst oder versucht zu retten, was noch reparierbar ist.

Ich hoffe, dass er mir auch jetzt helfen kann. Ich vermute, dass der defekte Laderegler einen Anschlussstecker verbrannt hat. Den Hinweis hatte ich gestern noch per Mail vom Zauberer des ZZR600-Forums in Deutschland bekommen. Der Mann ist wirklich Experte, kennt jede Schraube an der alten Kawasaki und viele Leidensgeschichten, in denen kaputte Laderegler vorkommen.

Der schnellste Weg nach Livorno führt über die Autobahn, die in den ligurischen Bergen verläuft. Beim Lösen des Mauttickets auf der ansteigenden Bergstraße passiert das Schlimmste, was jetzt passieren kann: Ich würge den Motor ab. Die Kawa bockt kurz, dann steht die Fuhre. Der Starter klickt nur noch. Keine Chance, die Maschine springt nicht mehr an.

Vorwärts kann ich nicht, hinter mir hält gerade ein Lieferwagen mit einer sonnenbrillten Frau am Steuer. Ich signalisiere ihr, dass sie zurückfahren soll, aber sie quatscht mit ihrer Beifahrerin und bemerkt meine Misere gar nicht. Ich drücke auf die Hupe, aber die funktioniert ohne Strom ja auch nicht. Ich komme mir gerade sehr dumm vor.

Da stehe ich nun, und komme nicht weiter. Vor mir die Schranke und eine ordentliche Steigung, hinter mir die doofe Eule mit der Sonnenbrille.

Da stehe ich nun, und komme nicht weiter. Vor mir die Schranke und eine ordentliche Steigung, hinter mir die doofe Eule mit der Sonnenbrille.

Ich brülle und winke und endlich glotzt mich die Tante wie eine sonnenbebrillte Eule an und zuckt mit den Schultern und nasselt weiter mit der Beifahrerin. Ich gestikuliere heftiger und schiebe das Motorrad rückwärts auf sie zu, sie gestikuliert heftiger und deutet nach vorne, ich soll ein Ticket ziehen und weiterfahren. Ja, was glaubt die Eule eigentlich, was ich hier mache? Jux und Dollerei?

Sie deutetet nach hinten. Ja, mit doch egal ob hinter dir wer steht, leg halt den Rückwärtsgang ein, die werden es schon merken! Nein, die Eulenfrau rafft das alles nicht, die denkt, ich will sie ärgern. Genervt schiebe ich das Motorrad mit übermenschlicher Anstrengung den Berg hoch, weil mir gerade was Besseres eingefallen ist.

Ich klemme mir das Mautticket zwischen die Zähne und mache sofort eine 180 Grad Drehung zwischen zwei Absperrungen hindurch und stehe damit am Ausfahrtsschalter.

Rein-Raus. 180 Grad-Turn an einer Mautstation. Ob das gut geht? Nein, tut es nicht.

Rein-Raus. 180 Grad-Turn an einer Mautstation. Ob das gut geht? Nein, tut es nicht.

Auf der anderen Spur hält die Eulenfrau und schimpft mir was hinterher. Ich gucke gar nicht zurück, sondern strecke blind meinen Mittelfinger nach hinten – eine universelle Geste, die selbst die minderbemittelsten Sonnenbrilleneulen verstehen sollten.

Dann stecke ich das Mautticket in den Ausfahrtsautomaten und hoffe, dass der die Nullstrecke erkennt und sofort die Schranke aufmacht. Oder nur eine Mindestgebühr aufruft. Aber Ticket-ziehen-und-gleich-wieder-rausfahren ist im System nicht vorgesehen. Der Automat ist nicht darauf vorbereitet, dass Start- und Zielort der selbe ist, und das auch noch zur selben Zeit. Er stürzt ab und hängt sich so dermaßen weg, dass er nur noch „Zur Zeit nur Kartenzahlung möglich“ anzeigt. Dabei ist der Automat nur für Barzahlung ausgestattet, der hat gar keine Eingabemöglichkeit für Karten.

Zum Glück quakt aus dem Notfalllautsprecher schon ein Mitarbeiter der Mautstelle. Er quakt und quakt in Schnellfeueritalienisch. Ich überlege einen Moment und brülle dann „SPRECHEN – SIE – ENGLISCH“?!

Das hilft. Mit einem Stranieri, der nicht italienisch spricht, will oder kann sich der Man nicht auseinandersetzen und macht einfach die Schranke auf. Damit hat er mich vom Hals und ich das, was ich wollte. Das Motorrad rollt steile Bergstraße hinab, wo ich einkuppele und dadurch den Motor starten kann. Puh.

Im zweiten Versuch schaffe ich es auf die Autobahn. Wenn man nicht durch die ligurischen Täler hindurchkurvt, sondern auf der stelzenbewehrten Autobahn drüber hinwegbrettert, kommt man ratzfatz vorwärts. Hier kann man Zeit mit Geld substituieren, und für eine Strecke, für dich ich sonsten einen Tag brauche, benötige ich nun nur zwei Stunden – und 15 Euro. Unterwegs überhole ich die Eulenfrau und signalisiere ihr nochmal ausführlich, was für eine hohle Frucht sie ist. Sie schimpft und gestikuliert und hupt und regt sich angemessen auf, was ich sehr befriedigend finde.

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Zwei Stunden hält die ZZR vor der Werkstatt in Livorno. Sie hat geöffnet, und ich bin erleichtert, als ich Fabio in seinem Blaumann in den Eingeweiden eines Rollers rumwerkeln sehe. Wie im vergangenen Jahr brummt er ohne aufzublicken „Dimmi“ – sag, was los ist.

Wie im vergangenen Jahr beginne ich mit „Ich habe da ein Problem mit meiner Sette-Sette-Erre Seicento…“ und schildere dann ausführlich und, was mich selbst erstaunt, recht flüssig auf Italienisch die Leidensgeschichte der vergangenen Tage. Fabio hört sich alles an und legt seine sonstige Arbeit beiseite, um sich gleich die ZZR anzusehen.

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Wie schon der Techniker in Nizza misst auch er Batteriespannung und Ladestrom. Sein Gesicht bleibt absolut ausdruckslos. Das kenne ich schon. Er verzieht nie eine Miene. Der räumt beim Pokern bestimmt total ab.

Fabio greift in die Seitenverkleidung, fummelt blind den Stecker des Ladereglers heraus und misst auch den durch. „Es gibt noch einen zweiten Stecker“, sage ich. „Ich habe nicht nachgeschaut, ob der durchgebrannt ist“, aber Fabio hat den schon selbst aus der Karosserie gezogen und steckt Messfühler hinein.

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Dann runzelt er die Stirn und sagt „Ich bin nicht hundertprozentig sicher aber macht [unverständlich] Statore [unverstädlich] tre Corrente.“

Kommunikation ist nicht ganz einfach. Er spricht ausschließlich italienisch und hat keine Mimik oder nennenswerte Gestik, mir wiederum fehlen viele Fachbegriffe. Ich muss das Wörterbuch im iPhone zu Rate ziehen, dann verstehe ich. Die Lichtmaschine liefert drei Ausgangsspannungen. Oberflächlich ist alles OK, was ja auch die Werkstatt in Nizza meinte, die zwei Spannungen gemessen hat. Wenn man sich aber die Mühe macht und alle drei misst, sagt Fabio, stellt man fest, zwei Ok sind, aber die dritte ein winziges Bißchen zu niedrig ist. „Wie gesagt, ich bin nich hundertpro sicher, aber ich vermute“, sagt er und guckt weiter ausdruckslos, „das die hier kaputt ist“. Er klopft auf den Deckel am Motor hinter dem die Lichtmaschine sitzt.

„Kannst Du was machen?“, frage ich, aber er ist schon dabei den Deckel zu öffnen. Kurz darauf hält er den der Stator der Lichtmaschine in den Händen. Der besteht aus einem zentralen Metallring, um den 14 Kupferspulen angeordnet sind. Dreizehn davon glänzen rötlich, aber eine ist schwarz. Ausgebrannt.

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Fabio geht an seinen Werkstatt-PC, der bis eben noch auf einem großen Fernseher Musikvideos von Youtube abgespielt hat. Er ruft die Schemata der ZZR 600 auf. Diagramme, Schaltpläne, Ersatzteillisten flimmern über den Bildschirm. Er liest, dann schaltet er zurück auf Youtube. „Kannst du das Ersatzteil bestellen?“, frage ich. Er schüttelt den Kopf. „So viel Urlaub hast Du nicht. Bis das da ist, musst Du schon lange wieder zu Hause sein. Drei Wochen.“

Unfassbar. In Deutschland wird sowas über Nacht geliefert. Ich denke nach. Kann meine Werkstatt zu Hause den Kram bestellen und per Express herschicken? Oder vielleicht hat jemand aus dem ZZR-Forum noch eine alte Lichtmaschine rumliegen?

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Während ich noch überlege, schiebt Fabio die Hände in die Hosentaschen und tritt auf den Hof hinaus. Dutzende von Rollern und Motorrädern stehen hier. Was will er da? Dann sehe ich es und traue meinen Augen kaum. Inmitten des Fuhrparks steht – eine alte ZZR 600! Fabio sieht sie einen Moment an, dann zuckt er mit den Schultern, sagt „Beh“ und holt einen Schraubenschlüssel.

Die ZZR sieht wirklich uralt aus. Die rot-schwarze Farbkombination wurde 1998 oder 1999 verkauft. Damit ist die „alte“ fünf Jahre älter als die Renaissance, wurde aber nicht so pfleglich behandelt wie mein Motorrad. Scheibe und Spiegel der Roten sind blind, der Lack zu einem merkwürdig stumpfen Rosa verwittert, der Kunststoff ausgeblichen, alle Metallteile rostig. Ein Spiegel ist ungeschickt mit Kunstharz geflickt.

Organspenderin.

Organspenderin.

„Ein Kundenfahrzeug?“, frage ich. „Ja“, sagt Fabio, „aber er hat sie mir verkauft. Ich wollte die immer mal für mich zurecht machen, aber nun.“ Aus dem Lichtmaschinengehäuse des ZZR-Wracks suppt Öl heraus, aber der Stator scheint in Ordnung zu sein.

Eine halbe Stunde später hat Fabio das Teil in die Renaissance eingebaut, dann schmiert er den Deckel mit Dichtpaste ein. „Weil ich keine passende Papierdichtung habe“, sagt er. „Ist aber egal. Das hier hält auch dauerhaft. Moderne Motorräder werden nur damit abgedichtet.“ Als der den schwarzen Schmodder aufgetupft hat, setzt er den Lichtmaschinendeckel auf und zieht die Schrauben fest. Dann drückt er auf den Starter.

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Ein dumpfes Klopfgeräuscht ertönt, dann das Fiepen eines überlasteten Elektromotors. Fabio legt die Stirn in Falten und sieht mich an. „Sie will die Pappe“, sagt er dann. Ich verstehe. Die Papierdichtung ist vielleicht nur einen Viertelmillimeter dick, aber das ist genau der Viertelmilimeter, um den der Deckel jetzt zu dicht sitzt. Deswegen kann die Lichtmaschine nicht laufen, ihre Schrauben kommen an den Deckel.

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Fabio klemmt sich den Deckel unter den Arm und wandert in einen entlegenen Teil der Werkstatt, wo er hinter Bergen alter Kartons verschwindet. Ich kann hören, wie er eine Treppe hinaufsteigt, dann bewegen sich seine Schritte auf dem Dachboden herum.

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Als er nach langen Minuten wieder auftaucht, trägt er einen verkrümpelten, alten Bogen Dichtungspapier unter dem Arm. Den legt er über den Dichtungdeckel und beginnt sehr vorsichtig damit, exakt die Form und alle Aussparungen des Deckels aufzuzeichnen. Dann greift er sich eine Schere und beginnt zu basteln.

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Eine halbe Stunde später hat er eine exakte Papierdichtung fertig und baut sie zwischen Lichtmaschinengehäuse und Deckel. Ich bete nicht, aber trotzdem hoffe ich mit allen Gedanken, dass es nun funktioniert. Ansonsten dürfte selbst ein so guter Mechaniker wie Fabio mit dem Latein am Ende sein.

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Er drückt auf den Starter und es passiert… nichts. Allerdings ist auch kein Fiepen zu hören. „Die Batterie ist leer!“, sage ich. Fabio schaut und meint: „Hast recht“, dann holt er einen Motorraddefibrillator. Mit dem springt die ZZR sofort an, und der Motor klingt sogar besser als vorher!

Das Rumpel und Schlagen ist verschwunden, jetzt schnurrt er wieder absolut rund.
Fabio misst die Ladespannung der Lichtmaschine und ist zufrieden. „Läuft“, sagt er, ohne ein Gesicht zu verziehen. Mehr nicht. Mir fällt eine Gerölllawine vom Herzen.

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Gemeinsam bauen wir das Motorrad wieder zusammen, dann bugsiere ich sie rückwärts durch die enge Eingangstür nach draußen. Da habe ich schon fast sowas wie Routine drin, das mach ich ja hier nicht zum ersten Mal, denke ich grimmig.

Fabio hat die Hände in den Hosentaschen und meint „OK, das waren nun zwei Stunden Arbeit“, ich gucke auf die Uhr. Nee, das war länger. Fast zweieinhalb Stunden. „Und außerdem kostet das Ersatzteil natürlich auch was. Neu kostet es Quadrocentinovantatre Euro“. Hä? Das klang, als hätte er gerade gesagt, dass der Stator fast 500 Euro kosten würde. Habe ich schon wieder die Zahlen verwechselt? Fabio sieht meinen verwirrten Blick und sagt „Komm“, dann führt er mich zum Werkstatt-PC. Auf dem Wandbildschirm ist ein Diagramm des Stators zu sehen, aus dem Ersatzteilkatalog von Kawasaki. Daneben steht der Preis: 493 Euro und 90 Cent. Umsatzsteuer von 20 Prozent kommt da noch drauf. Ich mache dicke Backen, mir fällt fast das Essen aus dem Gesicht. Wieso ist das Ding so teuer?

Fabio guckt ruhig und sagt „Zwei Stunden Arbeit, und das Ersatzteil, alles zusammen für 200 Euro, OK? Weil das Ersatzteil gebraucht ist. Und weil ich keine passende Dichtung habe. Und weil Du dafür keine…“ -„ja, schon klar“, sage ich, „brauchst nicht weiterreden“. Ich gehe zum Motorrad und nehme die Sitzbank ab. In der Sitzbank ist ein kleines Fach mit einem Ziplockbeutel. Darin sind Kopien aller wichtiger Papiere sowie Bargeld für Notfälle. Es sind genau zweihundert Euro.

Und darum, liebe Kinder, ist es IMMER gut Bargeld mitzuführen. Mit Kartenzahlung hätte ich jetzt gar nicht kommen dürfen.

Ich bedanke mich überschwenglich, und zum ersten Mal heute lächelt der Mechaniker, als ich ihn „mio salvatore“, meinen Retter, nenne.

„Wenn Du nächstes Jahr wieder hier bist“, sagt er. „Dann bitte keine Panne. Aber komm mal vorbei und besuch mich.“ Das werde ich. Als ich vom Hof rolle, nicke ich der alten ZZR zu. Sie wird jetzt nie wieder fahren, aber ein Teil von ihr wird in der Renaissance weiterleben.

Fabio hat einen Großteil seiner Mittagspause durchgearbeitet. Mittlerweile ist es Nachmittag, und kaum, das ich das Gelände der Werkstatt verlassen habe, fängt es an zu regnen. Ein Wolkenbruch. Ist mir aber egal, ich bin glücklich, dass mein stolzes Ross jetzt wieder rund läuft.

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Kurz vor Pisa liegt ein nagelneues IKEA-Kaufhaus. Der Besuch ist unspannend, weil alles genauso ist wie in Deutschland, aber wenigstens ist es dort trocken und es gibt Caffé und WLAN. Ich muss eh´nur Zeit totschlagen, bis die Casificio von Familie Busti aufmacht.

Wie in italienischen Bars, aber mit IKEA-Automatisierung: Man sucht am Touchscreen aus was man trinken will, bezahlt es per Karte und geht mit dem Beleg an die Bar, wo die Barrista den Caffé zubereitet.

Wie in italienischen Bars, aber mit IKEA-Automatisierung: Man sucht am Touchscreen aus was man trinken will, bezahlt es per Karte und geht mit dem Beleg an die Bar, wo die Barrista den Caffé zubereitet.

Eiswürfel in Fischform. Huhu gefällt das.

Eiswürfel in Fischform. Huhu gefällt das.

Same Same and not different.

Same Same and not different.

Als der Wolkenbruch aufgehört hat, kommt sofort die Sonne raus und strahlt alles wieder trocken.

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Bis nach Fauglia ist es nur ein Katzensprung. Der alte Käseladen der Bustis ist nun ein blitzendes, modernes Geschäft mit Nahrungsmitteln aus der Region. Ich kaufe drei Sorten hausgemachten Pecorino und Wildschweinsalami.

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Dann geht es weiter nach San Vincenzo. Am späten Nachmittag steuert die Renaissance zum Anwesen „I Papaveri“, die Mohnblumen, wo Besitzer Licio mich mit offenen Armen empfängt. Er freut sich ernsthaft mich zu sehen.

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Anders als in den Vorjahren habe ich dieses mal nicht das Appartment „La Conchiglia“ im ersten Stock, sondern „La Principessa“ im Erdgeschoß. „Die Prinzessin ist aber schöner“, sagt Licio und zwinkert. Er hat recht. Das Appartment mit Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bad und Küche ist NOCH geräumiger, die Veranda ist überdacht und das Schlafzimmer liegt zum Meer hinaus und hat einen eigenen Zugang zur Terasse. Traumhaft.

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„Und das beste“, sagt Licio und überreicht mir eine Handsteuerung, „Du kannst direkt vor dem Appartment parken.“ Tatsächlich, es gibt ein Automatiktor zu Straße, und ich kann die Renaissance direkt vor dem Wohnzimmer abstellen.

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„Red keinen Unsinn, das Beste kommt JEHETZT!!!“, tönt es plötzlich und Franca, die Dame des Hauses, biegt um die Ecke. Die kleine, untersetzte Frau mit dem grauen Lockenkopf ist eine echte Frohnatur. Jetzt strahlt sie mich an und hält mir eine Schale mit Aprikosen hin. „Frische Albiocchi! Waren vor fünf Stunden noch am Baum, hat Licios Schwester gepflückt!“, freut sie sich und überreicht mir eine Schale.

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Ich bin baff und weiß gar nicht was ich sagen soll. Aber das Reden besorgt ohnehin Franca. Plötzlich beginnt es von einem Moment auf den anderen zu stürmen, und erste Tropfen fallen. „Komisch, bis heute war das Wetter immer prima“, wundert sich Franca, „Die ganzen letzten Wochen nur Sonnenschein“. „Ja, genau wie letztes Jahr“, sage ich und verziehe das Gesicht. „Stimmt! Du kamst und das Wetter wurde schlecht, aber als du weg warst, war es wieder gut. Dann liegt das wohl an Dir“, lacht Franca. Grrh. Auch das höre ich nicht zum ersten Mal.

Später am Tag sitze ich auf der Veranda und sehe in den Regen hinaus, während ich Aprikosen mümmele und ein kühles Bier auf dem Tisch steht. Dann hört der Regen auf, die Wolken ziehen ab und ein Sonnenuntergang schüttet warmes Licht über die Felder ringsum.

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Mit etwas Glück hat gerade der gute Teil der Reise begonnen. Bis hierhin war es doch etwas abenteuerlicher im Sinne von nervig als mir lieb ist.

Tour ds Tages: Von Oma Norma zu Fabio, dann weiter zu Licio und Franca. Ungefähr 250 Kilometer.

Tour des Tages: Von Oma Norma zu Fabio, dann ein Schlenker über IKEA Pisa und weiter zu Licio und Franca. Ungefähr 250 Kilometer.

Nächste Woche: 5 Länder an einem Tag
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9 Kommentare

Verfasst von - 11. November 2016 in Motorrad, Reisen

 

9 Antworten zu “Motorradreise 2016 (4): Kein Held, ein Retter & die Eulenfrau

  1. kalesco

    12. November 2016 at 00:09

    Bäh, echt krass was du da geleistet hast, nervlich und körperlich! Fabio ist ein Held! Du aber auch. Bin gespannt wie es weiter geht, leider ja nicht nur supertoll.

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  2. Silencer

    12. November 2016 at 00:17

    Das weißt du ja nur, weil du Teil der Geschichte bist 🙂

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  3. modnerd1138

    12. November 2016 at 09:26

    Es bleibt einfach spannend. Ich war wirklich etwas bewegt als das Motorrad wieder lief.
    (Ich muss gestehen, dass es wirkt wie eine gute konstruierte Geschichte: Genau in dem Moment wo der Leser denkt, es geht nicht mehr weiter, taucht der beste Mechaniker Südeuropas passend in der Gegend auf. Wow.)

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  4. Silencer

    12. November 2016 at 11:12

    Ich hatte einfach tierisches Glück, dass Livorno auf dem Weg lag und ich da wen kannte. Ansonsten hätte ich bis dahin viel weiter fahren müssen. Oder, bei ganz großer Verzweifelung, eine andere Werkstatt versucht.

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  5. Albrecht Wagenhöfer

    13. November 2016 at 12:42

    Tierisch Glück ja, zu der Problembewältigung. Zeigt mir aber wieder auf, daß ein Pool voller mitgenommener Ersatzteile nur wie Plazebo ist und rein der Gewissensberuhigung dient.
    Wenn du schonmal bei Simsonerzählung bist, die dortigen Spulen beim Stator habe ich schon mal ein- und umgelötet, sind aber deutlich weniger und elektrorustikaler.

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  6. Silencer

    13. November 2016 at 17:26

    Elektrorustikaler, toller Ausdruck!

    In 9 von 10 Fällen ist es bei der ZZR übrigens der Laderegler. Den hätte ich in meinem Fundus dabeigehabt, wäre also sinnvoll gewesen. Das es nun ausgerechnet bei mir die Lichtmaschine war… Das ist Ironie.

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  7. Albrecht Wagenhöfer

    14. November 2016 at 09:20

    Kann mir aber gut dein „Husten“ beim Schieben vorstellen, habe ich doch ähnliches Gewicht. Viele Möpps gehen in die 300-kg-Richtung ohne Gepäck, da ist dann ausdieMaus und bergauf aussichtslos.
    Es wird immer empfohlen, Brems&Kupplungshebel als Ersatz mitzuführen, kurioserweise habe ich mir eher unten was abrasiert, also Fußstütze, Gang- oder Bremshebel. Für den GAU hoffe ich auf den Dorfschmied italienischer Güte, der kein Spaltmaß zu beachten braucht sondern mich wieder kradfähig macht. Sorry für die Ironie.

    Gefällt 1 Person

     
  8. Zauberer

    14. November 2016 at 10:12

    Ich bin so etwas von begeistert!
    Eigentlich hatte ich jetzt keine Zeit; konnte aber auch nicht aufhören zu lesen.
    Und vielen Dank für die Blumen …. eine LiMa hätte ich dir aber auch per Express geschickt.

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  9. Silencer

    14. November 2016 at 16:35

    Albrecht: Auf gute Mechaniker kann man immer hoffen. Mein persönliches Problem: Ich kann mich einfach nicht auf mein Glück verlassen, das geht immer schief 🙂

    Zauberer: Danke! Du hast mir übrigens auf der Reise schon durch die Mail geholfen. Hätte das mit dem Ersatzteil aber gar nicht geklappt, hätte ich tatsächlich bei Dir oder Korn21 nachgefragt 🙂

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