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Geschichten machen Geschichte

15 Nov

Warnung: Text macht schlechte Laune.

Ich kann sie nicht mehr hören, diese ewig gleichen Statements deutscher Politiker über die Wahl von Trump. „Das ist ein Schock, den wir erst mal verdauen müssen“ oder „das ist ein Warnsignal“. Ich fürchte, dass die Phase der Warnsignale und der Aufrüttelei und dem Überdenkens des eigenen Verhaltens schon über den Punkt hinaus ist, an dem sich noch irgend etwas ändern ließe.

Trump ist nur die neueste Figur in einem Spiel, bei dem alle paar Jahrzehnte eine neue Partie gespielt wird. Die letzte Partie endete vor etwas über 70 Jahren. Genug Zeit, um aus den Familiengedächtnissen zu verschwinden. Sieht man in die Geschichte, dann bekommt man durchaus einen Blick für das, was nun passiert.

Es ist nämlich nicht zum ersten Mal, dass westliche Demokratien erstarrt sind. Ihre führenden Politiker begeistern nicht mehr, sie vermitteln nicht, dass sie Ideen oder Ideale oder auch nur ein Ziel haben, außer dem eigenen Machterhalt. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass nur von links nach rechts verwaltet wird. Jetzt folgt der Auftritt von Rechtspopulisten, die behaupten, sie würden verkrustete Strukturen aufbrechen und dafür Sorgen, dass es „dem Volk“ besser gehen wird, weil man was gegen „die da oben“ oder „die anderen“ unternehmen wird. Kaum an der Macht weht ein stark nationalistischer Wind, es werden demokratische Freiheiten beschnitten und das Land in eine Autokratie umgebaut. Und dann? Dann knallt es.

Auch das zeigt die Geschichte: Krieg ist eigentlich der Normalzustand, Frieden ist die Ausnahme. Um Frieden zu erhalten sind große und gemeinsame Anstrengungen nötig. Warnsignale hätten schrillen müssen, als Orbán und Kacynzki die Macht in Ungarn und Polen übernommen haben. Ein Schock hätte sein müssen, dass Nationalisten das Vereinigte Königreich aus der EU katapultiert haben. Zu verhindern wäre gewesen, dass die Türkei zu einer faschistischen Diktatur wurde.

Nun ist es, fürchte ich, zu spät. In den Niederlanden bläst Geert Wilders zum Sturm, in Deutschland steht die AfD bereit, in Frankreich haben sich die etablierten Parteien so sehr selbst zerlegt, dass Marie Le Pen von der Nationalfront nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich geworden ist. Die EU ist geschwächt und splittert hörbar, und nun ist die größte Demokratie der Welt in die Hände eines rassistischen Faschisten mit psychopathischen Zügen gefallen.

Die Figuren stehen schon auf dem Spielfeld, mehr kommen in Kürze dazu. Die Stimmung wird immer weiter nationalistisch aufgeheizt werden, die Töne immer schriller. In dieser hasserfüllten Atmosphäre braucht es dann nur noch einen Funken, einen Franz-Ferdinand-Moment, ein relativ kleines Ereignis, dass einen Flächenbrand auslöst. Dann beginnt der Zyklus von neuem und eine lange Phase des Friedens in Europa geht zu Ende.

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so in Sorge um die Zukunft der Welt gewesen zu sein. Es ist bitter, dass all die jetzigen Geschehnisse, zumindest die in Europa, so mutwillig von genau der Politikergeneration herbeigeführt wurde, die nun um ihre Hintern fürchten muss. Einer Generation, die Frieden für etwas selbstverständliches hingenommen haben. Einer Generation, die sich keinerlei Mühe gegeben hat ein vernünftiges Narrativ für ihr Tun zu bauen, eine gute Geschichte zu erzählen die die Leute begeistert.

Das Entstehen von Europa ist eine mitreissende Story voller Visionen und Zukunftsglauben und dem Wirken von Freiheit, nur leider hat sie schon sehr lange niemand glaubwürdig erzählt. Stattdessen wird Europa als Geschichte von hemmungsloser Bürokratie, geheimen Abkommen und undemokratischen Prozessen erzählt. Da haben es die Rechten leicht dazwischen zu flanken, mit ihren Erzählungen von der Schuld der anderen, den Geschichten, in denen früher alles besser war, als man noch abgeschottet und isoliert lebte.

Ja, wirklich. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt sehr deutlich, was als nächstes passieren wird. Die Welt wird in längst überkommen geglaubte Konflikte zurückfallen. Lässt sich dagegen etwas machen? Mit ziemlicher Sicherheit nicht. Der liberale und aufgeklärte Teil der Bevölkerung hat zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte solche Entwicklungen wieder einfangen können.

Alles, was jeder einzelne tun kann, ist immer wieder die Geschichte von Frieden, Nächstenliebe und Miteinander zu erzählen. Dem latenten Hass jeden Tag zu begegnen, im eigenen Freundes- und Familienkreis. Engagement zeigen, bei sozialen Projekten. Menschen, die Hassprediger wie die von der AfD wählen, sind nicht alle Dumm. Die meisten sind einfach wütend und haben Angst. Angst ist nur teilweise rational.

Erzählt Geschichten gegen die Angst der anderen.

 
5 Kommentare

Verfasst von - 15. November 2016 in Betrachtung, Meinung

 

5 Antworten zu “Geschichten machen Geschichte

  1. kalesco

    15. November 2016 at 21:31

    Ich kann nicht mehr erzählen, ich werde stummdiskutiert. Was kann man gegen dumme Totschlagargumente schon sagen? Ich gelte als Gutmensch (mmn liberale Mitte, Tendenz links), die Zu-Überzeugenden stecken in Fantasien und Versprechungen. Es sind nicht viele, nicht mehr, in meinem direkten Kreis. Aber ein Fels aus dem Feld weit rechts (im Sinne von ösi-Version Reichsbürger) sehr nah und da brauch ich nicht anfangen mit Geschichte/n. Ach. Es macht mir Sorgen.

    Wo fahren wir hin? Kanada wäre toll, (ich mag Trudeau) aber das ist irgendwie zu nah an Trump.
    Australien zerstört sich vom Rest der Welt unbemerkt eh ganz gleich von innen heraus (schleichender vielleicht). Bleibt Neuseeland, da wäre mir nichts bewusst – der Boden rumpelt halt ab und zu… Oder eine nette kleine Insel? Wobei, wenn die Klimaziele fallen, gibt’s nette kleine Inseln auch bald nimmer.
    Alles doof. 😦

    (Ohne Einfluss von Alkohol geschrieben, es geht wirklich grad so wirr zu in meinem Kopf 😥 )

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  2. Silencer

    16. November 2016 at 08:46

    Ja, es ist schwer.

    Auswandern? Da dürften wir dann aber nicht nach Ländern schauen, da müssten wir uns einen anderen Planeten suchen, oder?

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  3. Leandrah

    16. November 2016 at 10:07

    Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Angst schüren haben unsere Politiker alle drauf. Da zu brauchen wir nicht dir AFD zu. Angst schüren ist einfach ein Machtspiiel. Denn Angst zu haben lässt Dinge zu -für die angebliche Sicherheit – sich immer mehr überwachen zu lassen. Denn nur wen der Staat überwacht, ist der Bürger sicher. ER kann nicht mehr ausbrechen, ist ein Gefangener , ist manipulierbarer. Angst dem Volk einzuflößen lässt die Macht der Volksvertreter steigen. Wie gesagt dazu braucht es die AFD nicht. Die bringen es sogar in dem Bereich auf den Punkt. Die machen es deutlich, d.h. jetzt jedoch nicht das ich jene wähle. Aber auch sie haben Argumente die nicht alle falsch sind.

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  4. Silencer

    16. November 2016 at 10:19

    Hast Du vollkommen recht. Ich hätte gerne mal eine Partei, in der alle Leute ruhig und besonnen agieren, die sich auf unsere jetzigen Strukturen verlassen und nicht bei jedem Anlass Angst schüren um Grundrechte einzuschränken. So eine Partei der Vernunft, DAS wäre eine echte Alternative für Deutschland.

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  5. hirnwirr

    16. November 2016 at 11:31

    Vernunft ist leider aus der Mode gekommen.
    Macht, Gier, persönliche Eitelkeiten…… waren immer an der Tagesordnung. Leider haben sie überhand genommen.

    Mist ist das Ganze. Großer Mist.

    Aber ehrlich: Ich habe „unseren“ Frieden hier auch als gegeben hingenommen. Und mich drüber gefreut.

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