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Motorradreise 2016 (9): Der Riese am Teich und der Zug der toten Ritter

17 Dez

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Sommerreise mit der Renaissance.

Sonntag, 19. Juni 2016

Florenz liegt direkt vor einer Bergkette. Von den kleinen Orten, die sich in die Bergflanken schmiegen, hat man einen tollen Blick über die Stadt: Ein, gar nicht mal so großes, Meer von braunen Dächern, aus deren Mitte sich die Kuppel des Domes erhebt wie ein Fels aus einer Brandung.

Florenz, von Fiesole aus gesehen.

Florenz, von Fiesole aus gesehen.

Von Pratolino aus bleibt einem diese Aussicht verwehrt, dafür ist der winzige Ort schon zu weit von der Stadt entfernt. Interessant ist er aber trotzdem, denn hier liegt die Villa Demidoff, und um sie herum ein weitläufiger Park mit einigen Kuriositäten.

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Kurios ist schon der Eintritt. Der ist nämlich frei, aber dennoch stehen gleich zwei Männer und eine Frau vom Heimatschutz am Eingang und springen auf mich zu. Einer reisst ein Ticket von einem Block und sagt: „Hier, ihr Ticket! kost nix!“

Ingresso Ridotto steht darauf, ermäßigter Eintritt. Keine Ahnung, was dieses Theater soll. Vermutlich steuerliche Gründe.

Der Park ist groß, zum Teil gepflegt, aber auch mit wilden Ecken. Gleich am Eingang steht der „Diamant“.

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Was aussieht wie ein Kunstwerk ist ein Versuch der Universität von Pisa, eine neue Technologie zur Erzeugung und Speicherung von Strom aus Sonnenenergie. Der Octaeder ist zum Teil mit Solarzellen besetzt, die ihre Energie in Wasserstoffzellen, den großen Kugeln im Inneren, speichern. Damit kann der Diamant auch nachts Strom abgeben.

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Ein Stück hinter dem Higtech-Kunstwerk ist ein Ghiacciaia Sprich: Gia-tschi-aia), ein mittelalterlicher Kühlschrank. Eigentlich nur ein sehr tiefes Loch, in dem bis in den Spätsommer hinein Eis aufbewahrt wurde.

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Die Hauptatraktion des Parks ist aber der Colosso dell´Appennino, ein riesiger Rübezahl, der zwischen Bäumen am Rand eines Seerosenteichs kniet und eine Schlange würgt.

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Die Statue ist 12 Meter hoch und eine Personifizierung des Gebirgszugs der sich über ganz Italien zieht, eben des Appennin. Der Riese scheint sich direkt aus der Landschaft zu erheben die ihn umgibt und von der er ein Teil ist. Geschaffen wurde er von Giambologna, dem gleichen Künstler, der auch die irrsinnig dreidimensonale Plastik „Raub der Sabinerinnen“ geschaffen hat, die unter der Loggia vor dem Rathaus in Florenz steht.

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Im Inneren des Riesen gab es früher Pumpen für komplizierte Wasserspiele. Im Kopf der Statue ist eine Art Kamin. Wird der befeuert, steigt Rauch aus der Nase des Riesen.

Querschnittsskizze von P. van der Rees.

Querschnittsskizze von P. van der Rees.

Sonntag Vormittag picknicken die Leute im Park. Familien mit kleinen Kindern holen das Mittagessen raus, Studierende machen sich Frühstück und öffnen dazu einen Rotwein.

Als die Renaissance über die Bergstraße nach Florenz hinabschießt, hängen dunkle Gewitterwolken über dem Tal. Ich schaffe es noch bis hinter die Stadtgrenze, dann öffnet der Himmel seine Schleusen und lässt einen Platzregen niederprasseln. Ich parke das Motorrad in einer Seitenstraße und suche Zuflucht unter dem Vordach einer alten Villa. Geschützt beobachte ich, wie wahre Wassermassen die steile Straße runterrauschen. Definitiv kein Moppedwetter.

Bäh, Regen.

Bäh, Regen.

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Was stimmt an diesem Bild nicht? (Die kleine Straße ist steil, und wenn man den Kopf, oder in diesem Fall das Bild, dreht, dann sieht alles merkwürdig aus.)

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In Florenz gibt es gefühlt an jeder Ecke ein Museum. Eines der weniger bekannten ist das Museo Stibbert, benannt nach seinem Gründer, Frederick Stibbert.

Stibbert mit Pferd.

Stibbert mit Pferd.

Der Engländer, der in Florenz aufwuchs, war ein geschickter Geschäftmann. Sein Großvater war der Oberbefehlshaber der britischen Truppen in Ostindien gewesen. In seiner Zeit dort muss wohl das ein oder andere versehentlich in seinen Rucksack gefallen sein, jedenfalls kam er mit einem enormen Vermögen aus Indien zurück, dass Frederick erbte und mehrte. Einen guten Teil steckte er in einen Traum: Den Bau eines der relevantesten Waffenmuseen der Welt. Der Traum wurde Wirklichkeit, denn Stibbert kaufte Rüstungen und Waffen aus Japan und Europa, die es tatsächlich nur zu diesem Zeitpunkt der Geschichte auf dem freien Markt gab. Stibbert baute das Stammhaus seiner Familie um, damit die Waffen aus aller Herren Länder hineinpassten.

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Mich gruselt ein wenig. Das Haus selbst ist wie ein Schatzkästchen, das zwar einerseits wunderschön dekoriert ist – andererseits aber eben nicht nur mit Kunstwerken, sondern in erster Linie mit Mordwerkzeugen. Nichtsdestotrotz ist diese Sammlung aus viktorianischer Zeit beeindruckend, sowas gibt es sonst nirgends auf der Welt. Beim Streifzug durch die Ausstellungsräume wird mir klar: Auch Waffen können Kunst sein. Gerade die Waffen der Reichen und Mächtigen sind so aufwendig gearbeitet, dass sie die ganze Handwerkskunst Ihrer Zeit zeigen.

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Muslimische Krieger.

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Fragt man im Museum vorab freundlich an, wird man von einem Mitarbeiter in die Ausstellungsräume mit der Japansektion begleitet. Die ist normalerweise nicht zugänglich, ich darf aber hinein und Rüstungen von Samurai und Ronin bestaunen. Die sind manchmal erstaunlich albern. Während die Rüstungen der Familien Honda und Suzuki noch schlicht sind, tragen andere Familien Geweihe, Libellen und, in einem Fall, sogar einen riesigen Oktopus auf dem Kopf herum.

Perlmuttstückchen in einem Sattel.

Perlmuttstückchen in einem Sattel.

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Fast die gesamte Stibbert´sche Familienvilla ist prunkvoll dekoriert und in Ausstellungsräume umgewandelt, die sich seit 1890 nicht mehr geändert haben. An allen Exponaten hängen Kärtchen, in denen in sorgfältiger und schnörkeliger Schrift die Nummer notiert ist.

Manche Räume sind fast schaurig. Etwa die kirchenartige Halle, in der eine Karawane Ritter auf Pferden sitzt, wie ein in der Zeit eingefrorener Zug von Toten.

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Eine temporäre Ausstellung ist die „Wunderkammer“, eine ziemlich wahllose Ansammlung von hübschen Dingen.

Mantel von Napoleon.

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Der Sturzregen ist zum Glück vorbei, als ich das Museum verlasse. Für heute waren Unwetter angesagt, deshalb kam das heftige Sommergewitter nicht ganz unerwartet. Ich bummele noch über den Biomarkt in San Spirito, der jeden dritten Sonntag im Monat stattfindet. Endlich treffe ich den Opa persönlich, der das beste Salsa der Welt macht, und da er diesmal nicht mitten am Tag hinter seinem Stand pennt, kann ihm das nun auch mal mitteilen. p1010632

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Das kleine Gelbe Auto gibt es immer noch, allerdings als neues Modell.

Das kleine Gelbe Auto gibt es immer noch, allerdings als neues Modell.

Um nach Siena zurück zu gelangen, wähle ich die Strada Regionale 222. Das ist die wohl schönste und kurvenreichste Strecke, die das Chianti zu bieten hat. Das Motorrad surrt über den glatten Asphalt, und obwohl mir das seltsame Geklingel aus dem Inneren der Maschine immer noch Sorgen macht, läuft die Renaisance doch einfach gerade perfekt.

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Die Straße führt durch Grewe in Chianti, schwingt sich dann wieder in die Weinberge hinauf und eröffnet immer wieder großartige Ausblicke hinab in grüne Täler.
Erst ungefähr 20 km vor Siena wird alles komisch. Kinder malen Bilder ja immer auf die gleiche Weise: Unten grünes Gras, oben blauer Himmer, dazwischen bleibt das Blatt aber weiß. Und genau das sehe ich jetzt: Grüne Weinberge, darüber weiße, von der Sonne angestrahlte Wölkchen und DARÜBER schwarz-blaue Gewitterwolken. Als Moppedfahrer hat man die Augen eh ständig am Himmel, und was da hinten abgeht, kann ich auf einen Blick sehen: Ein Unwetter der heftigsten Sorte.

Die SR 222 ist die wohl geilste Straße im Chianti. Eine wahre Schönheit.

Die SR 222 ist die wohl geilste Straße im Chianti. Eine wahre Schönheit.

Hilft ja nix, also mitten rein. Der Regen pladdert und Blitze zucken, während ich das Motorrad über die Kurvenstraße scheuche und immer wieder langsamst dahinschleichende Autos überholen muss. Deren Fahrer kommen entweder gerade von einer intensiven Weinprobe oder haben Angst vor Regen, anders ist deren Rumjökelei mit Tempo 30 auf gerade Strecken und Schrittempo in Kurven nicht zu erklären. Zum Glück kleben die Angel GT-Reifen auch bei Nässe auf der Fahrbahn und geben sicheren Halt, so dass ich die Mumien überholen kann.

Laut Scheiße schreie ich allerdings, als kurz vor meinem Ziel plötzlich die Straße gesperrt ist – einfach so. Also eine Umleitung im Navi programmieren. Das rechnet und findet auch einen Weg, allerdings mitten durch Siena hindurch – inklusive Gurkerei durch Kopfsteinpflasterbewehrte Gäßchen und die Berge hoch und runter.

Als ich endlich wieder am Casa Brescia ankomme und die nassen Klamotten ausziehen kann, bin ich erschöpft und müde. Bei so einem Unwetter durch kleine, enge Straßen jökeln ist anstrengend. Dennoch reisse ich mich zusammen und packe noch meine Sachen, denn nach vier Tagen Station in Siena geht es morgen weiter, wenn auch nicht ganz so wie geplant.

Im nächsten Teil: Seepferde, Schweine und jede Menge Kühe

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2 Kommentare

Verfasst von - 17. Dezember 2016 in Motorrad, Reisen

 

2 Antworten zu “Motorradreise 2016 (9): Der Riese am Teich und der Zug der toten Ritter

  1. Rufus

    17. Dezember 2016 at 12:06

    Ist „Una Wunderkammer“ Ditalienisch?

    Gefällt mir

     
  2. Silencer

    17. Dezember 2016 at 12:10

    Ja 😀 Habe ich extra gefragt, die haben das übernommen.

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