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Motorradtour 2016 (15): Irrfahrt nach Hause

28 Jan

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Sommerreise mit der Renaissance.

Sonntag, 26. Juni 2016, in der Nähe von Graz

Kalesco zaubert ein wunderbares Frühstück, das wir auf der Terrasse genießen. Die Sonne scheint, hinter dem Haus rauscht der kleine Bach, und die Landschaft scheint vor Grün zu bersten. Die Steiermark ist ein wundervolles Stück Welt, und das nicht nur weil Kalesco hier wohnt.

Zwei Herzen schlagen heute morgen, ach, in meiner Brust.
Es fällt mir schwer Abschied zu nehmen, zu gerne würde ich noch ein wenig länger hier bleiben. Andererseits will ich aber auch das lädierte Motorrad endlich zu Hause und damit den unangenehmen Teil der Reise hinter mir haben. Ich habe mich entschieden die Koffer nicht per Post gen Heimat zu schicken. Die Bruchstelle am Gepäckträger scheint zu halten, zumindest ist das Knetmetall nicht weggebröckelt. Wenn ich jetzt vorsichtig und nicht schneller als 100 km/h fahre und keine fiesen Schlaglöcher in den Weg kommen, dürfte das halten.

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Ich verabschiede mich von meiner Gastgeberin, die sich anschickt den sonnigen Sonntag lesend in der Hängematte zu verbringen. Ganz kurz beneide ich sie ein Bisschen, aber dann fällt mir ein, dass MEIN Tag ja aus Motorradfahren durch Österreich besteht. Das wird auch toll. Aber NICHT nochmal über die Bröckelstrecke von der Herfahrt, denke ich, als das Navi am Ende von Kalescos Einfahrt nach rechts will. Folgerichtig fahre ich nach links und dann nochmal ganz komisch und plötzlich merke ich, dass ich in der völlig verkehrten Richtung unterwegs bin. Das Navi will hartnäckig zurück. Mumpitz, denke ich mir. Wir fahren jetzt erstmal nach Graz, von da aus geht es irgendwie nach Norden.

Geht es natürlich nicht, und jetzt werde ich leicht ungehalten. Hilft aber nix, zu sehr habe ich mich jetzt schon verfranzt.Noch nichtmal die Gegend ist schön, es geht durch viel Wald mit wenig Aussicht, und die Staßen sind oft nicht die besten. Das auch noch die ganzen Sonntagsfahrer unterwegs sind, um u.a. ihre Kids zu einem der zahlreich stattfindenden Sportfesten zu bringen, macht die Sache nicht besser. Nein, das macht alles keinen Spaß, das kostet nur Zeit.

Am Ende bin ich eine riesige Schleife einmal um Graz herumgefahren, um dann 80 Kilometer von meinem Startpunkt wieder eine Straße nach Norden zu finden. Nur: Bis hierher habe ich keine 80, sondern schon satte 240 Kilometer gefahren und dafür 4 Stunden gebraucht. Eine rechte Irrfahrt. Super gemacht, Herr Silencer.

240 Kilometer gefahren, nun bin ich gerade mal wieder 80 Km vom Startpunkt entfernt. Ein Umweg von 160 Kilometern, das muss man auch erstmal hinkriegen >:-/

240 Kilometer gefahren, nun bin ich gerade mal wieder 80 Km vom Startpunkt entfernt. Ein Umweg von 160 Kilometern, das muss man auch erstmal hinkriegen >:-/


Egal, das Wetter ist gut, und sonst wäre ich nie im Leben durch Orte wie Anger, Leoben oder Trofaiach gekommen. Jetzt geht es endlich in die richtige Richtung, durch die beeindruckenden Bergtäler an der Grenze zwischen Steiermark und Oberösterreich, am Phyrnpass vorbei.

Heizer!

Heizer!

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Hatte ich was von "Keine Schlaglöcher in Österreich" erzählt? Vergesst das.

Hatte ich was von „Keine Schlaglöcher in Österreich“ erzählt? Vergesst das.

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Ich gucke ständig in den Rückspiegel, ob die Koffer noch da sind. Sieht alles gut aus, aber das Fahren mit der Sorge im Nacken ist nicht angenehm. Ich versuche trotzdem die Landschaft zu genießen. Einige Streckenabschnitte erkenne ich sogar wieder, vor 4 Jahren bin schon mal durch Orte wie Klaus gefahren.

"Herr Geheimrat, welchen Namen soll die neue Siedlung tragen?" - "Mir do´egal, nennen sie Sie einfach Heinz oder Erwin oder..."

„Herr Geheimrat, welchen Namen soll die neue Siedlung tragen?“ – „Mir do´egal, nennen sie Sie einfach Heinz oder Erwin oder…“

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Irgendwann verschwinden die Berge im Rückspiegel, und es geht über die hügeligen Felder im nördlichen Teil von Oberösterreich. Eigentlich würde ich gerne ein Museum in Linz besuchen, aber zum einen bin ich dafür jetzt schon zu spät dran, zum anderen dreht über Linz ein Regengebiet. Also fahre ich lieber weiter zum Tagesziel.

Keine zwei Stunden später treffe ich in Passau ein. Die Stadt am Inn liegt an der Grenze zu Österreich und ist der ideale Ort für eine Übernachtung, denn von hier ist es noch eine Tagesfahrt bis nach Hause.

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Wie immer habe ich dasselbe Zimmer im Gasthof Schäfer, und zu meiner Überraschung ist es ganz frisch renoviert. Statt eines staubigen Teppichs ist ein dunkler Holzfußboden verlegt, und die 70er-Jahre Fliesen im Bad sind einer modernen Einrichtung gewichen. Nur der Röhrenfernseher von 1983, der ist immer noch da.

Obwohl heute irgendein wichtiges Fußballspiel ist kommen doch ein halbes Dutzend Passauer Freunde zusammen, und wir verbringen einen wirklich schönen, wenn auch etwas kühlen und nieselverregneten, Abend im Biergarten. Es ist der letzte Abend der Sommerreise.

Am nächsten Morgen geht es im strömenden Regen auf die Autobahn. Ist mi ganz recht, ich will ja eh nicht schneller als 100 km/h fahren, damit der Winddruck auf den Koffernträgern nicht zu hoch wird, und das schlechte Wetter ist eine ständige Erinnerung nicht zu schnell zu fahren.

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Auf halber Strecke wird das Wetter besser. Die Sonne kommt raus, und ich kann beim nächsten Tankstopp die Regenklamotten im Topcase verstauen. Während die Renaissance Kilometer um Kilometer frisst, habe ich Zeit über die Reise nachzudenken.

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22 Tage bin ich nun schon unterwegs, und bis ich zu Hause bin, werde ich 6.600 Kilometer gefahren sein. Weniger als in den Vorjahren. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass einige Tagestouren schlicht ausfallen mussten, weil ich die dem angeschlagenen Motorrad nicht zumuten wollte. Auf noch keiner Reise hatte ich so viele technische Probleme – der gebrochene Gepäckträger, die defekte Lichtmaschine, das schlackernde Vorderrad und die asthmatischen Bowdenzüge vermiesen das Reisen gerade nicht unerheblich. Die durchgebrannte Lichtmaschine ist dabei pure Ironie, bei 95% aller ZZR 600s geht deren Regler kaputt – für den ich Ersatz dabei gehabt hätte. Ohne Mechaniker Fabio hätte die Reise in Livorno zwar nicht geendet, aber sie wäre sehr unentspannt weitergegangen. Auch so war es schon recht stressig, ständig Sorgen im Hinterkopf zu tragen.

Überhaupt, die Leute, die ich unterwegs getroffen habe. Die haben alles wieder wett gemacht. Die freundliche Familie der Vermieterin, die ich im Elsaß besucht habe. Sabine mit ihrem Hotel bei Nizza. Oma Norma in Genua. Licio und Franca in San Vincenzo. Stefano in Siena, dann die Bewohner des Kuhhofs, Sara und Francesco in Treviso, Kalesco in Österreich und die Rasselbande in Passau – diese Leute wieder zu treffen, allein dafür hat sich die Tour schon gelohnt.

Auch ansonsten war ja nicht alles schlecht. Die Schönheit des Elsass, der Seealpen und der Verdonschlucht hat mich schon in den ersten Tagen der Fahrt umgehauen. Die Regionen, die ich in Italien besucht habe, kannte ich zwar größtenteils schon, aber ich habe wieder mal andere Orte in ihnen entdeckt, wie den geheimen Tempel oder den Appennin-Koloss oder dieses riesige Denkmal auf dem Cima Grappa. Unvergessen bleiben auch kleine Erlebnisse, wie die Pause im strömendem Regen in diesem Blechtunnel bei Norcia. Außerdem bin ich dem Mythos „Cinque Terre“ auf den Grund gegangen, und die Tour nach und dann mit Kalesco durch Österreich war sowieso der Hammer.

Die letzte Tagestour, der Weg nach Hause.

Die letzte Tagestour, der Weg nach Hause.

Alles in allem war die Sommertour mit dem Motorrad also wieder ein ziemlich tolles Erlebnis, denke ich bei mir, als die Renaissance nach Mumpfelhausen hineinrollt. Irgendwas quietscht schon wieder. Vor drei Wochen, als wir von hier gestartet sind, war das Motorrad ein kraftstrotzendes und stolzes Ross. Jetzt fühlt es sich so an als wäre sie angeschlagen und verkrüppelt, als ob sie sich gerade noch so nach Hause geschleppt.

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Als ich die ZZR vor dem Haus abgestellt habe begutachte ich das Gepäcksystem. Die Manschette aus Knetmetall am Haupträger hat gehalten, beginnt aber zu bröckeln. Und die Knetmetallhülle an der Seite ist zum Teil weg geplatzt, noch ein wenig länger, und die Schraube darunter hätte wieder angefangen sich selbstständig zu machen. Wir sind wohlbehalten nach Hause gekommen, aber viel länger wäre das auch nicht gut gegangen.

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Nachdenklich trage ich die Koffer ins Haus. Jetzt steht auspacken, Wäsche waschen und Ausrüstungspflege an. Der Fahreranzug wird auseinandergebaut, gewaschen und sorgfältig imprägniert, die Kameras gereinigt und die Daten gesichert und Macken und Schrammen an den Koffern ausgebessert. Das ich die Renaissance noch einmal reparieren lasse, steht außer Frage. Zu viel bedeutet mir die tapfere 600er, und noch am gleichen Tag bestelle ich einen neuen Gepäckträger und gucke nach Werkstattterminen. Ob ich aber noch einmal mit ihr auf eine so lange Fahrt gehen werde, das weiß ich noch nicht.

Für heute bin ich froh, dass wir es ohne Unfall oder WIRKLICH dramatische Zwischenfälle nach Hause zurück geschafft haben. Von den Erlebnissen und Eindrücken dieser Reise werde ich jedenfalls noch lange zehren -aber nur von den guten.

Das war die Sommertour. 6.605 Kilometer, 22 Tage.

Das war die Sommertour. 6.605 Kilometer, 22 Tage.

P.S.: Am Ende dauerte es einen Monat, aber trotz etlicher Hindernisse ist die Renaissance wieder zurück auf die Straße gekommen.

Die Motorradreise 2016 im Überblick:

 
4 Kommentare

Verfasst von - 28. Januar 2017 in Motorrad, Reisen

 

4 Antworten zu “Motorradtour 2016 (15): Irrfahrt nach Hause

  1. Albrecht Wagenhöfer

    28. Januar 2017 at 22:20

    Holla, fast in der Regel 6-8t km Tour, dazu noch wohlbehalten plus gesund und ohne den Asphalt geküsst zu haben…….erstmal nachmachen, denn sooo selbstverständlich und einfach, wie sich das liest, ist es nicht. Deine Berichte sind immer eine Augenweide, plus den untermalenden und oft aufklärenden Fotos.Da lerne ich oft, insbesondere kulturell, noch dazu

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  2. Silencer

    29. Januar 2017 at 12:09

    Dankesehr! Das Lob freut mich!

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  3. Zauberer

    21. Februar 2017 at 14:26

    Jetzt bin ich auch am Ende deiner Reise angekommen und hab wahrscheinlich genauso mit gebangt wie du während der Fahrt, ob die Maschine und der Gepäckträger halten. Die Entsorgung des „Ballastes“ tat bestimmt weh. Opfer müssen gebracht werden.

    Vielen Dank für diesen ganz anderen Reisebericht

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  4. Silencer

    21. Februar 2017 at 20:14

    Gerne! Und falls du auf den Geschmack gekommen bist: Unter „Reise“ finden sich Motorradreisetagebücher aus den Vorjahren 🙂

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