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Reisetagebuch Sizilien (9): Rosalia

01 Apr

Samstag, 15. Oktober 2016, Palermo

Für Thanatouristen gibt es eine Art „Bucket List“. Pflichtorte, die man unbedingt gesehen haben sollte. Jeder, der wie ich von besonderen Sepukralbauten fasziniert ist, hat auf den vorderen Stellen dieser Liste die Kirche von Horta Kudna bei Prag, die Katakomben von Paris, die Kapuzinergrüfte von Rom und die Kapuzinergruft von Palermo. Genau dahin bin ich heute Morgen auf dem Weg.

Ich wandere durch die staubigen Straßen. Fußwege gibt es nicht, die alten Häuser stehen direkt an der Straße. Farbe haben die Hauswände das letzte Mal vor 30 oder mehr Jahren gesehen. An vielen Stellen ist der Putz so weiträumig abgebröckelt, dass man auch das Mauerwerk durchsehen kann, was in manchen Häusern selbst auch Löcher hat.

Die Straßen sind von Müll übersät, vielleicht Überbleibsel des Sturms von letzter Nacht. Die Hauseingänge dagegen sind blitzsauber. Es ist Samstag Morgen, und ich sehe etliche Leute, die voller Hingabe die Stufen zu ihren Haustüren scheuern. Menschen sind seltsam. Alles hier verfällt, für die Straßen ist niemand zuständig, aber was sollen die Nachbarn sagen, wenn die Hausschwelle schmutzig ist?

Irgendwann heute Nacht hat es wohl ein paar Tropfen geregnet, und diese Tropfen haben aus dem heißen Wind des Scirocco den Wüstensand gewaschen, den er als Gastgeschenk aus Afrika mitgebracht hat. Ausnahmslos alles ist verdreckt. Auch die beiden frisch gewaschenen Hemden, die ich zum Trocknen auf den Balkon gehängt hatte, sind mit einer ockerfarbenen Sandschicht überzogen. Die kann ich gleich nochmal waschen.

Der Scirocco hat sich beim Besuch aus Afrika nicht die Füße abgetreten.

Nach einer halben Stunde Fußweg erreiche ich den Eingang zum Kapuzinerkloster der Stadt, und dort den Eingang zur Gruft des Ordens.

Hinweis: Bilder von Skeletten und einem toten Kind nach dem Klick.

Es ist noch früh, heute morgen bin ich der erste, der die Treppen zur Gruft hinabsteigt. 15 Meter unter der Straße öffnet sich ein weites Gewölbe. Kellerlampen leuchten alles hell aus. Holzstege schützen den originalen Steinfußboden. Die Wände sind weiß getüncht und schmucklos, sieht man mal von den Hunderten von Menschen ab, die an ihnen hängen.

Wirklich. Hier unten hängen und liegen Hunderte von Menschen, mit Draht in ihren Nischen gehalten. Manche sind komplett skelettiert, bei andern sieht man noch die vertrockneten Augäpfel oder die Gesichtshaut, die sich um den Schädel geschrumpft hat und dem Betrachter irre Grimassen schneidet. Es sind Mumien. Die besonderen klimatischen Bedingungen hier unten haben ihren Verfall aufgehalten oder zumindest verlangsamt.

Es ist noch früh, und ich bin zunächst ganz alleine hier unten und schreite die Reihen der Toten ab. Während ich durch die Gänge gehe, bewege ich mich mich auch durch die Zeit. Die Kleidung der Toten ist außerordentlich gut erhalten, und da sie chronologisch in der sich Reihenfolge ihres Todes hier her gebracht wurden, lassen sich ändernde Schnitte und Moden im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte erkennen. Leider darf man keine Fotos machen, und an diesem Ort halte ich mich daran. Deshalb an dieser Stelle Fotos die andere gemacht haben.

Bild: backpackingpalermo.it

Bild: Moi_Moi_TR (flickr)

Die beiden Geistlichen sehen aus wie Waldorf & Stadler.

Die Gruft ist ein Labyrinth, aber kein besonders kompliziertes. In einer Sackgasse, angestrahlt von goldenem Licht, steht ein Sarkophag mitten im Gang. Darin liegt Rosalia. Sie ist die Berühmtheit von Palermo.

Rosalia Lombardo ist 1920 als Zweijährige an der Spanischen Grippe verstorben, so wie 25 Millionen (!) andere Menschen auch. Ihr Vater war so vom Schmerz übermannt, dass er den besten Einbalsamierer Palermos, einen Apotheker namens Alfredo Salafia, engagierte, um sie so gut es ging zu erhalten. Der Mann wirkte Wunder. Er tauschte die Körperflüssigkeiten des Kindes mit Fluiden aus, deren genaue Zusammensetzung er geheim hielt, dann konstruierte er einen luftdichten Glassarg. Fortan lag Rosalias Körper darin und verging nicht mehr. Bis ins 21. Jahrhundert, als nach einem Erdbeben der Sarg beschädigt wurde und Pilze eindrangen. Vor wenigen Jahren nun wurde Rosalia sorgfältig restauriert und in einen neuen Sarg gepackt, dessen inneres Klima und strukturelle Integrität per Internet aus der Schweiz überwacht wird. Das Kind wirkt, als würde es nur schlafen und könne jederzeit aufwachen. Nicht umsonst gilt Rosalia Lombardo als schönste Mumie der Welt.

Rosalia Lombardo. Bild: Maria lo Sposo

Salafias Rezept für die Einbalsamierung war lange Zeit verloren. Erst 2009 entdeckten es Erben in einem Nachlass. Dass es nicht eher entdeckt wurde, lag vielleicht daran, dass niemand die krakelige Apothekerhandschrift lesen konnte, mit der er „Nuovo metodo speciale per la conservazione del cadavere umano interno allo stato permanentemente fresco“ geschrieben hatte. Mittlerweile ist die Schrift entziffert, und nun weiß man, dass er seinen Leichen Formalin mit Zinksulfat und Chloriden sowie Alkohol mit Salicylsäure injizierte.

Rosalias Bestattung in den Katakomben war eine seltene Ausnahme, denn eigentlich sollte seit 1881 niemand mehr hier unten beigesetzt werden. Die anderen Toten hier unten liegen und stehen hier seit 1599, und da sie nicht wie Rosalia behandelt wurden vergehen sie. Der Verfall hat sich in den letzten Jahren stark beschleunigt. Das Mauerwerk der Kellerräume ist nass geworden, ich kann die Feuchtigkeit in der Luft schmecken. Außerdem kommen jeden Tag unbegrenzt viele Touristen hier runter. Das alles zusammen sorgt dafür, dass sich das Klima geändetr hat. Diese Gruft wird nicht mehr lange hier sein wird. Wie in einer Blase stand an diesem Ort der Toten lange die Zeit still und leistete dem Verfall Widerstand, aber nun holt ihn die Gegenwart umso schneller wieder ein. Ich bin froh, dass ich noch die Gelegenheit hatte diesen Ort zu besuchen bevor er vergangen ist.

Nach den Katakomben laufe ich zurück zur Innenstadt. Ich habe heute keinen Plan, kein Programm. Ganz bewusst, ich will mich einfach durch die Stadt treiben lassen und Dinge entdecken.

Eine Entdeckung ist eine Gruppe von Italienern, die auf dem Bürgersteig vor einer verschlossenen Tür Schlange stehen. Aber warum? Ich gucke und sehe eine Plakette, auf der steht „Krypta und Nekropole“. Na, dann stelle ich mich doch gleich mal mit an!

Irgendwer drückt mir einen Flyer in die Hand. Aha! Meine Güte, was habe ich ein Glück! Gerade läuft in Palermo das Programm „Vie dei Tesori“, die „Schätze in den Straßen“. Über 75 Orte, die normalerweise nicht unbedingt zugänglich sind, gibt es jetzt zu besichtigen. Das Programm ist dafür gedacht, damit die Einwohner Palermos sich mal wieder für die Schönheiten und die besonderen Orte ihrer Stadt interessieren. Deshalb ist der Eintritt auch immer nur ein Euro, allerdings muss man vorab Coupons kaufen. Die kann man sich aus dem Internet ausdrucken.

Dottoressa Federica, meine Gastgeberin, hatte mich bereits darauf hingewiesen, ich hatte nur nicht verstanden, was sie von mir wollte. Egal, ich komme auch so rein und folge einer Führerin, die in Schnellfeueritaienisch die Bedeutung und Geschichte der Katakomben erläutert. Fotografieren ist nicht erlaubt, weil -kein Witz!- der Vatikan das Copyright an den Motiven hält.

Leider nur verwackelte und schiefe Bilder von hinterm Rücken fotografiert.

Palermo hat übrigens nicht wirklich ein Stadtzentrum. Die Stadt ist seltsam: Es gibt zwei lange Prachtstraßen, die Via Maqueda und die Via Roma, die strahlenförmig vom Bahnhof aus durch die halbe Stadt laufen. An denen sind links und rechts die Stadtteile wie Kieze angedockt, jeweils mit eigenen, zentralen Plätzen. Ein echtes, gemeinsames Altstadtzentrum gibt es nicht.

Zwar gelten allgemein die „Quattro Canti“, die „vier Ecken“ als Orientierungspunkt, aber letztlich ist das auch nur eine Kreuzung, an der sich zwei große Straßen schneiden. Ein mittlerer Straßenkreuzung mit Barockhäusern dran, hübsch, aber nicht atemberaubend. Hier spielt aber NICHT das Leben. Das findet beim Flanieren über die Prachtstraßen statt, und natürlich auf den Märkten.

Die Quattro Canti: Hier treffen sich Via Emanuele Vittorio und Via Maqueda.

Palermo ist berühmt für seine Märkte. Obst, Gemüse, Fische, Fleisch, Elektonikartikel, Haushaltswaren, Kleidung, StreetFood – für alles gibt es Buden, dazwischen schieben sich die Menschen in Trauben hindurch.

Manche Märkte sind seltsame Orte. Mehr als einmal stolpere ich hinter einer Biegung auf einen großen Platz, der aussieht, als wäre hier im Krieg eine Bombe explodiert und jemand hat nur notdürftig den gröbsten Schutt weggeräumt. Am Rand des Platzes stehen Ruinen von Häusern, einzelne Backsteinmauern bröckeln vor sich hier, Torbogen und blinde leere Fensterrahmen machen einen Eindruck, als wären sie aus der Zeit gefallen. Und mittendrin dann ein Markt, zusammengestampert aus schiefen Buden, Tapeziertischen mit Stoffdächern darüber oder einfach Stapel von Plastikkisten mit einem Sonnenschirm daneben.

Zubereitet wird direkt vor Ort. Fischhändler nehmen die Viecher direkt am Stand aus, Gemüsehändler säbeln mit Macheten an ihrer Ware rum. Die Gerüche sind bunt gemischt. Am Gewürsstand riecht es super, bei den Fischen eklig und bei den Gemüsehändlern stinkt es wie Sau, weil die hinter ihren Ständen einen Berg verrottender Kohlblätter horten.

Auf einem der zentralen Plätze, wie eine Insel in einem Meer, steht das Opernhaus von Palermo. Es ist ein beeindruckender Bau, das drittgrößte Opernhaus Europas, nach Paris und Wien.

Das Wiesel ist auch dabei.

He-Man auf Tigor? Nein, die Außendeko der Oper.

Ich schließe mich einer Führung an und bin wirklich beeindruckt. Die Oper orientiert sich in vielen Details an der Opera Garnier in Paris, fügt dem Konzept aber eigene, dem Ort geschuldete Ideen hinzu. So enthält zum Beispiel das Kuppeldach eine komplexe Mechanik, die es ermöglicht, es wie eine Blumenblüte leicht zu öffnen und so die Hitze aus dem Inneren zu entlüften.

Das Dach der Oper lässt sich zur Belüftung öffnen!

Das Gebäude selbst ist ganz in warmen Ockerfarben gehalten, leidet aber heftig unter beautiful Decay. Überall sieht man abgeblätterte Farbe und Wasserflecken an den Decken. Dennoch ist die Pracht unverkennbar. Dies ist ein großes und würdiges Haus!

Die Decke der zentralen Kuppel ist wesentlich schöner als die von Chagall in Paris!

In diesem Nebenraum ist die Akustik so einzigartig, dass man nicht verstehen kann, was Personen zwei Meter weiter besprechen. Stellt sich aber jemand genau in die Mitte des Raums, muss er nur in Zimmerlautstärke sprechen und ist überall zu verstehen. Der perfekte Ort, um vertrauliche Geschäfte in den Pausen zu besprechen.

Nach der Oper gehe ich ein wenig Einkaufen, esse in meinen Appartment zu Mittag und haue mich dann für ein… nein, zwei Stunden auf´s Ohr. Die Hitze in Kombination mit der hohen Luftfeuchtigkeit schlagen mir gerade auf die Kondition.

Nachmittags wandere ich wieder durch die Stadt und finde den Palazzo Normanni, der leider zu hat.

Palmengarten.

Aber die Kathredrale hat geöffnet. Der kann man auf´s Dach steigen, und das mache ich dann auch.

Im Zuge der „Vie dei Tesori“-Kampagne gibt es auch einen Mittealtermarkt auf einer der Hautpstraßen. Den nehme ich gerne mit.

Während ich da so langwandere, finde ich wieder schlangestehende Italiener. Ich stelle mich mit an, kaufe gleich 4 Coupons für die „Tesori“-Aktion und wenig später finde ich mich an einem sonst nicht zugänglichen Ort wieder: Auf der Kuppel von S.Santo lalalala [hier Namen] einfügen. Der Ausblick ist nett.

Dann ist auch schon 18.45, und als hätte einer das Licht ausgeknipst ist plötzlich die Sonne weg und alles dunkel. Ich laufe noch ein wenig umher und bewundere die Sizilianerinnen, die aufgebrezelt auf die Piste gehen. Insbesondere rund um die Oper ist Partystimmung angesagt. Ich setze mich in ein Straßencafé, bestelle einen Aperitivo und sehe dem Treiben zu. In Gedanken streiche ich einen Punkt von der Bucket List. Jetzt ist nur noch einer übrig.

Ins Pflaster sind leuchtende Sterne eingelassen!

Zurück zu Teil 8: Palermo!

Weiter zu Teil 10: Schätze der Straßen

 
4 Kommentare

Verfasst von - 1. April 2017 in Reisen, Wiesel

 

4 Antworten zu “Reisetagebuch Sizilien (9): Rosalia

  1. Albrecht Wagenhöfer

    1. April 2017 at 09:37

    Samstag, 15. Oktober 2017? Zeitspringer oder Aprilscherz?

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  2. zimtapfel

    1. April 2017 at 10:03

    Haben Sie etwa gerade Chagall geschmäht?!
    Außerdem haben Sie unterschlagen, das in der Oper und auf der Treppe vor der Oper wichtige Szenen aus Der Pate III gedreht wurden. (Sofort wiedererkannt, da ich mir die Filme vor kurzem erst angesehen habe.)

    Ach ja, kleiner (vermutlich) Tippfehler bei der Kindermumie: „bis ins 20. Jahrhundert, bei einem Erdbeben…“ Allerdings war 1920, als die Kleine an der Spanischen Grippe starb, auch schon 20. Jahrhundert, vielleicht ist oben das 21. gemeint?

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  3. Silencer

    1. April 2017 at 14:55

    Albrecht: Kleiner Unfall mit dem Quantensprungzeitbeschleuniger. (Ist korrigiert).

    Zimt: Ich verpöne Chagall nicht, aber die Decke der Opera Garnier ist fürchterlich. Danke für den Hinweis, Jahrhundert ist korrigiert 🙂

    Pate… Kann sein. Das Dorf Corleone ist hier auch ganz in der Nähe.

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  4. hirnwirr

    2. April 2017 at 11:30

    Von Rosalia hatte ich auch schon mal Bilder gesehen. Das finde ich sehr beeindruckend. Aber diese anderen Mumien, da läufts mir, die ja diesbezüglich eigentlich hart im Nehmen ist, doch schaurig gruselnd was den Rücken runter.
    Andererseits reizt mich ja so was, gerade wenn es irgendwann vergänglich werden wird.

    Danke für die tollen Blicke auf Palermo.

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