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Krawall im Luftkurort!

18 Jul

Ich gebe es zu, ich mag einige dieser seltsamen, deutschen Dörfchen die sich“Luftkurorte“ nennen. Das sind so Überbleibsel längst vergangener Zeiten, als Stadtmenschen noch auf´s Land geschickt wurden, um zumindest ein Mal im Jahr die Staublunge ein wenig auszulüften.

In manchen Orten gibt es noch skurrile Hinterlassenschaften, wie die Kurhalle auf einem Berg über Wernigerode. Da durften um 1900 Berliner AOK-Angestellte hin, setzen sich dann in diesen viktorianischen Glasbau, guckten auf den Ort runter und…. atmeten.

Oder Gradierwerke. Gradierwerke sind auch auf den ersten Blick seltsam. Riesige bauten, hölzerne Ungetüme, mit dicken Seitenwänden aus Reisigbündeln. Da hindurch rinnt Salzwasser. Kurgäste können nun durch das Innere des Gradierwerks spazieren und Salzluft einatmen. Als wenn man am Meer wäre.

Die wenigen, verbliebenen Bäder und Kurorte in Deutschland strahlen eine seltsame Ruhe und einen inneren Frieden aus. Bad Pyrmont, Bad Karlshafen, Bad Orb, Bad Gandersheim, um nur einige zu nennen, sind hübsche Orte mit einem fast morbiden Charme und schönen Parks, die zum Flanieren und Verweilen einladen, und aus jeder Ecke scheinen die Orte zu wispern „Sauge mich in Dich auf, ich helfe Dir Ruhe und Deine innere Mitte zu finden“.

Die ruhige Atmosphäre der Orte steht allerdings meist diametral der Krawalligkeit der Menschen entgegen die sich dort aufhalten. Die Rede ist nicht von „Jugendlichen“. Das ist ja ohnehin ein Begriff, der generationenübergreifend als Synonym von „Benimmt sich Scheiße“ benutzt wird. Dabei stimmt das nur noch begrenzt. „Jugendliche“ glotzen heute stumm auf ihre Smartphones und labern nur im Kino.

Nein, die Rede ist von einer Gruppe, die das genaue Gegenteil von jugendlich sind: Der Generation 70 Plus, und zwar die Exemplare, die einem durch ihre offensive Launigkeit echt die Stimmung vermiesen kann. Dazu gehört das Klatschaffentum, wie ich es neulich schon hier beschrieb. Keine Ahnung wie diese Indoktrination zustande kam, aber sobald irgendwo Musik ertönt, klatschen alle Senioren über 70 sofort mit. Die würden sogar noch in der Kirche mitklatschen. Hat denen mal jemand erzählt Mitklatschen wäre Pflicht?

Zumindest benehmen sie sich so, und auch ansonsten lassen sie keinen Zweifel daran, dass sie es mit ihrer guten Laune todernst meinen. Neulich erst wieder beobachtet: Mit heftiger Zielstrebigkeit wird ein Jägermeister nach dem nächsten verklappt wurde, denn lautstark gebollertes „mir nehm´noch ein, wir beede!“ steigert ja automatisch die Befindlichkeit. Dann werden Witze mit Verfallsdatum 1939 rausgeholt und übelst sexistischer und rassistischer Scheiß gelabert, ist ja nur ein Witz, wa? Irgendwann ist dann der Alkoholpegel so hoch, dass das Scheißelabern nicht mehr so klappt, dann wird das Smartphone rausgeholt.

Ohja, das Smartphone in Kombination mit einer Oma in einem Restaurant im Luftkurort, das ist die wahre Hölle auf Erden. Schon früh am Abend wird stundenlang wird an dem Kasten rumgedrückt und rumgefummelt, um dann verwackelte Videos von kleinen Bens, Fynns, Emilias oder Sofias am Tisch rumzuzeigen. Das ist die harmlose Phase.

Richtig abartig wird es, wenn der o.g. Füllstand erreicht ist. Ein Teil der Renternschaft guckt dann stier in die Blumenrabatte, um die sich der Rest der Welt gerade wie ein Karussell dreht, aber die Frohsinnspansen drehen jetzt richtig auf. Da gab es doch diese magische Funktion am Smartphone, die alles spielt was man will…. und schon quäkt „Griechischer Wein“ aus den Handylautsprechern.

Nun beugen sich andere Omas vor und fragen „Kann das Ding auch dieses Lied von dem Dings, was wir immer so gerne gehört haben?“. Dann nickt die Smartphonebesitzerin stolz, und die ganze nächste Stunde folgt Schlager auf Schlager auf Schlager, von „Schön war die Zeit“ mit Freddy Quinn über Andy Borgs „Fischer von San Juan“ bis hin zu Mike Krügers „Bode mit dem Bagger“. Zwischendurch kräht Costa Cordalis „Annnnitaaaaa!“ und Roberto Blanco beteuert, dass ein Bißchen Spass sein muss. Das sehen die Senioren genauso und klatschen, was das Zeug hält.

Es ist die HÖLLE, zumal diese Dummlieder auf voller Lautstärke auf einem scheppernden und quäkenden Handy angespielt werden, bis sich die Hirne der Umsitzenden langsam auflösen. Spotify, in den Händen betrunkener Senioren, verwandelt sich in eine tödliche Waffe. Und das ist der Grund, weshalb man in Luftkurorten nicht nach 21 Uhr essen sollte. Denn dann machen die Senioren Krawall, und zwar so richtig.

Es ist wirklich erstaunlich, aber es sind tatsächlich unsere ältesten Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich überhaupt nicht zu benehmen wissen und denen alle anderen Scheißegal sind. Hauptsache, SIE haben Spaß. Da Lob ich mir doch unsere Jugendlichen. Die klatschen wenigstens nicht zu ihrer Handymusik.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 18. Juli 2017 in Betrachtung, Satire

 

2 Antworten zu “Krawall im Luftkurort!

  1. Albrecht Wagenhöfer

    18. Juli 2017 at 18:06

    Was bleibt vielen Senioren denn? Stundenlang über Krankheit labern und mangels Beweglichkeit ist das Klatschophon fast dauerhaft an.
    Die Frage: „Kann des ach Lambada“ bekommt in der letzten Lebenszeit neue Bedeutung.
    Ich weiß aber mit Sicherheit, daß der Besuch des Altennachmittags bei mir noch Jahrzehnte dauert, wenn er denn überhaupt stattfindet. Sollen die ruhig weiter Einladungen schicken.

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  2. Zauberer

    20. Juli 2017 at 15:12

    Sehr amüsant. Es bleibt zu hoffen, dass die Handyqualität sich immer weiter verbessert und wenn du in den Bereich Ü70 kommst, was ja unweigerlich passieren wird, alles nur noch Genuss für die Ohren ist – zumindest von der Qualität.

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