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Der erste Weltkrieg

11 Aug

Soldaten in den Dolomiten, ca. 1917.

Es ist schon merkwürdig. In meiner gesamten Schulzeit habe ich nicht ein Mal was über den ersten Weltkrieg gelernt, außer, das es ihn gab und irgendwas mit einem Kronprinz in Sarajevo. Das Steckenpferd des Geschichtslehrers war die französische Revolution, weswegen die gleich zwei Jahre am Stück durchgenommen wurde. Damit dauerte der Unterricht darüber länger als die Revolution selbst.
Dabei wäre das Thema in der Schule so wichtig gewesen, denn Ereignisse, die nicht mehr aufgrund persönlicher Erlebnisse in den Familien weitererzählt werden, verschwinden aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschen. Was schlimm ist, denn es ist so wichtig aus den Ereignissen der Vergangenheit zu lernen. Gerade jetzt.

Denn es war der erste Weltkrieg, der auch der große Krieg genannt wird, der unsere Welt bis heute prägt hat wie kaum ein anderes Ereignis der jüngeren Zeit. Zu seinem Ausbruch haben viele Faktoren geführt, die wichtigsten waren aber sicherlich Protektionismus und Nationalismus in Tateinheit mit massiver Fehleinschätzung der Lage und einer fürchterlichen Naivität und Glauben an die eigene Überlegenheit der Machthaber.

Das sind genau die Faktoren, die uns aktuell wieder überall begegnen – in den Trump-USA sogar in Personen, die sich ausdrücklich Belehrungen aus Geschichtsbüchern verbitten. Dabei kann man gerade aus der Entstehung des ersten Weltkriegs bittere Lehren ziehen. Und das ist auch passiert, nur geraten die in Vergessenheit. Heute scheren wieder Länder aus Staatenbünden aus und suchen bilaterale Abkommen, Protektionismus wird hochgehalten und auf andere Staaten verächtlich herabgesehen. Genau wie vor 100 Jahren.

Es war die Zeit der Belle Epoque. Frieden und relativer Wohlstand herrschten in Kerneuropa. Städte wie Paris, London und Berlin waren vibrierende Zentren des Lebens. Der technische Fortschritt und die gute Wirtschaftslage sorgten für Euphorie bei den Menschen. Jahr für Jahr brachte die Technologie neue Wunder hervor: Schnellzüge! Autos! Telefone! Elektrisches Licht! Kriege betrachtete man in solch optimistischen und zivilisierten Zeiten als Relikt der Vergangenheit.

Es gab aber Menschen, die dieser Vergangenheit anhingen. Die ihre eigenen Länder wieder groß machen wollten, und die in den Friedensjahren eine zunehmend krawallige Rhetorik an den Tag legten, um protektionistische Ideen in die Welt zu bringen: Die Militärs, insbesondere die aus den Reihen der Monarchien.

Deutschland liebäugelte mit der Übernahme des französischen Elsass-Lothringens. Österreichs Monarchie brauchte mal wieder einen neuen Krieg, um demokratische Bemühungen einzugrenzen. Selbst die Türkei, die als „kranker Mann am Bosporus“ galt, weil sie in einen failed State schlitterte, wollte Stärke durch militärische Präsenz zeigen. Während die Bevölkerung also in Frieden und Zukunftsgläubigkeit lebten, warteten die Generalstäbe auf eine Gelegenheit zum Krieg.

Die bot sich, als ein Attentat auf den österreichischen Kronprinzen verübt wurde. Das Attentat wurde quasi als Terrorakt angesehen, als Angriff auf Österreich, und dessen Bündnispartner – allen voran Deutschland – standen Gewehr bei Fuß um sich gegen Agressionen aller Art zu wehren und Rache zu üben.

Deutschland übte die Vorwärtsverteidigung und griff Frankreich an. Ein Spaziergang, so dachte man. Die feigen Franzosen würden beim Anblick der Deutschen quasi vor Angst fliehen, und man würde nach Paris einfach durchmarschieren. Das erzählten sich die Soldaten, die sich mit einem Lachen verabschiedeten und mit einer Blume im Gewehrlauf in den Krieg zogen, um es dem Franzmann mal richtig zu zeigen. Danach sollte es nach Osten gehen, der Russe wollte es ja schließlich auch besorgt bekommen. Vielleicht kein Spaß, aber eine notwendige Unannehmlichkeit, würde sicher nicht lange dauern.

Oh, wie sie sich irrten. Die Franzosen leisteten nicht nur heftigen Widerstand, sondern nun aktivierten sich überall bi- oder trilaterale Bündnisse, was zu Mehrfrontenkriegen führte. Auch die Kolonien der Bündnispartner wurden überall auf der Welt in den Krieg verwickelt. Innerhalb eines Jahres brannte der Globus, in nahezu jedem Land der Erde wurde gekämpft.

Währenddessen passierte an der Front zwischen Deutschland und Frankreich nichts mehr. Beide Armeen hatten sich eingegraben, von der Nordsee bis zur Schweiz reichten die Schützengräben. Nennenswerte Landgewinne gab es auf keiner Seite mehr.

Das sollte sich ändern, die Deutschen wollten durch eine Lücke in der französischen Verteidigung durch die Front brechen und die französischen Armeen von hinten aufrollen. Um diese Lücke zu schaffen, baute man in den Wäldern vor dem Maas-Tal heimlich Versorgungseinrichtungen auf. Gut versteckt entstanden Munitionsfabriken, Unterkünfte und Bäckereien. Über geheime Zugstrecken wurden Geschütze entlang einer Bergkette positioniert.

Der Plan: Mit den riesigen Kanonen wollte man eine Schneise in die Front bomben, die Fußsoldaten sollten dann die Stadt im Flusstal einnehmen. Die war strategisch eigentlich unbedeutend. Sie galt aber den Franzosen als Nationalsymbol. Fiel die Stadt, würde der Feind demoralisiert, so die Annahme. Fiel sie nicht, würden die Verluste so hoch sein, dass Frankreichs Armee dort im wörtlichen Sinne ausblutetet.

Der Name der Stadt: Verdun.
Der Name der Operation: Gericht.
Wie in „das jüngste“.

Im Februar 1916 ging es los. Eine halbe Million deutsche Soldaten standen 200.000 französischen gegenüber. Auf beiden Seiten war man ausgerüstet wie im letzten Krieg. So wie schon 1870 trugen die Deutschen Pickelhauben aus Leder und die Franzosen Filzkäppies, dazu und Gewehre mit Bajonetten und Säbel für den Kampf Mann gegen Mann. Damit waren sie schlecht gerüstet für das, was nun kommen würde. Denn in den letzten 45 Jahren hatte der Fortschritt auch vor der Kriegstechnik nicht halt gemacht. Die industrielle Revolution hatte auch ganz neue Möglichkeiten der Vernichtung gebracht, und die wurden nun eingesetzt.

Am 21. Februar 1916 eröffneten auf deutscher Seite 1.200 der neuesten Geschütze aller Kaliber das Feuer auf Verdun. Fast 9 Stunden lang, pro Stunde 100.000 Schuß. Die Größten Kanonen feuerten auf Ziele, die fast 30 Kilometer entfernt waren. Feuer regnete vom Himmel, Wälder verschwanden und die Erde verwandelte sich in eine Kraterlandschaft aus Dreck. So einen Beschuss hatte es noch nie zuvor gegeben.

Dann rannten Sturmtruppen los, ausgerüstet mit Granaten, schweren Gewehren und Flammenwerfern. Aber die französchen Soldaten überwanden den Schock des Höllenfeuers und verteidigten ihre Stadt. Kurz darauf lag man sich wieder in Schützengräben gegenüber. Im Gegensatz zu vorher gab es im Hintergrund aber die mächtigen Geschütze, inzwischen auf beiden Seiten, die praktisch ständig im Einsatz waren. Millionen Schuß wurden abgegeben, normale Munition genauso wie Brandbomben, Minen und Giftgas. Der Begriff der Materialschlacht wurde erfunden.

Die Verluste unter den Soldaten waren riesig. Wie hoch genau, weiß heute niemand mehr – manche Historiker rechnen mit 6.000 Toten pro Tag.

Die deutschen Soldaten blieben an der Front und wurden durch neue Truppen immer wieder ergänzt. Die Französischen Gruppen wurden rotiert, wer acht Tage überlebte, durfte wieder nach Hause. Verdun wurde innerhalb kürzester von kürzester Zeit zum Sinnbild für den Wahnsinn des Krieges. Schlecht ausgerüstete Soldaten wurden verheizt von Militärführern, die noch den „ehrenhaften“ Kampf Mann gegen Mann im Kopf hatten.

Aber an diesem Vernichtungskrieg ging es nicht mehr um Mann gegen Mann, es ging um Fleisch gegen Metall. Die Höhen um Verdun waren getränkt von Blut, die Erde bestand nur noch aus schlammigen Kratern, gefüllt mit Dreck und Körperteilen. „Todesmühle“ oder „Blutpumpe“ nannten die Soldaten Verdun, und das stimmte. Die Oberkommandos auf beiden Seiten warfen das Fleisch ihrer Männer in die Schneidemesser des maschinellen Krieges. Wer nicht starb, wurde schwer verstümmelt oder verrückt. Aus Verdun kamen Männer zurück, denen nicht nur Gliedmaßen fehlten. Vielen war das Gesicht oder zumindest der Unterkiefer weggeschossen worden. Andere hatten durch Giftgas Nervenschäden erlitten, zitterten unkontrolliert und konnten kaum noch sprechen. Sie wurden „Kriegsidioten“ genannt. Andere hatten Kriegsneurosen und Angstzustände und konnten dadurch kein normales Leben mehr führen. Die Militärführer auf beiden Seiten wussten, wie schrecklich die Schlacht verlief. Sie taten aber nichts dagegen.

Die Schlacht von Verdun schwächte beide Heere, das deutsche wie das französische. 300 Tage dauerte sie an, 50 Millionen Geschosse wurden verfeuert, 300.000 Soldaten starben, 400.000 wurden verstümmelt. Nach 300 Tagen wurden die Kämpfe weniger, eine neue Militärführung brach die Offensive ab. Verdun war nicht mal die blutigste Schlacht des ersten Weltkriegs, aber sie ist bis heute ein Symbol. Ein Sinnbild für das Grauen des Krieges, für die grenzenlose Naivität von Führungen ganzer Länder. Ein Symbol dafür, wie schnell ein Krieg ausbrechen kann, der eine ganze Generation von Menschen zerstören kann. Ausgelöst durch Ignoranz, Überschätzung, Überheblichkeit.

Anderswo tobte der Krieg mit unfassbarer Härte weiter. Innerhalb kürzester Zeit hatte Technik die Kriegsführung verändert. Neben Gas wurden Panzer, Flugzeuge und Kriegsballons eingesetzt, auf See kam es zum ersten U-Boot-Krieg. Erst 1918, als die Amerikaner in den Krieg eintraten, wurde klar, dass Deutschland und seine Verbündeten in Österreich, Ungarn und Italien keine Chance mehr hatten. Deutschland bat die USA um einen Waffenstillstand, und langsam ebbten die Kämpfe überall auf der Welt ab.

Die Ganze Idiotie der deutschen Befehlshaber wurde in den letzten Kriegstagen noch einmal deutlich. Der deutsche Generalstab wusste, dass der Krieg verloren war. Dennoch schickte man die Marine in eine Schlacht gegen die Briten, um „ehrenvoll“ unterzugehen – eine Idee, die zeigt wie fanatisch die alten Militärs der romantischen Vorstellung von „Ehre“ anhingen. Aber zur „Mutter aller Seeschlachten“ kam es nicht.

Die ausgemergelten Schiffsbesatzungen der Marine meuterten und zettelten in den letzten Kriegstagen in Kiel den Matrosenaufstand an, der sich zur Novemberrevolution auswuchs. Die führte zum Zerfall der Monarchie und des Kaiserreichs. Am Ende des Matrosenaufstands und an deren Ende die Ausrufung einer demokratischen Republik stand. Die Revolution endete mit der Weimarer Verfassung.

Das war, SEHR stark verkürzt, der erste Weltkrieg mit besonderem Fokus auf Deutschland. Das alles ist gerade erst einhundert Jahre her, aber der große Krieg ist dennoch im kollektiven Gedächtsnis weit weg – sei es, weil das Familiengedächtnis ihn nicht mehr weitergibt, sei es, weil der zweite Weltkrieg einen noch schlimmeren Eindruck hinterlassen hat.

Er darf aber nicht vergessen werden, denn ansonsten werden die gleichen Fehler wieder gemacht – mit dem gleichen Ergebnis wie vor 100 Jahren, nur noch schlimmer. Technischer Fortschritt macht es möglich. Die Lehre aus diesem Krieg muss sein: Frieden ist kostbar und fragil, und jederzeit kann jeder Ort zur Hölle werden, wenn der menschliche Starrsinn es will.

 
3 Kommentare

Verfasst von - 11. August 2017 in Historisches

 

3 Antworten zu “Der erste Weltkrieg

  1. typ3typ

    11. August 2017 at 16:14

    Ich war vor knapp 30 Jahren in Verdun und Umgebung. Noch heute kann man dort das Grauen spüren. Das war auch das erste Mal, dass mir ein Franzose ein verächtliches „Nazi“ entgegen schleuderte…

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  2. Tux McTuxface

    12. August 2017 at 00:23

    Kleine Anmerkung: Vor dem 1. Weltkrieg gehörte Elsaß-Lothringen zu Deutschland, das war quasi die »Beute« aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Und damit einer der Gründe, warum Deutschland in Frankreich vor dem 1. Weltkrieg nicht so populär war.

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  3. Silencer

    12. August 2017 at 10:29

    Intensive Erfahrung, auf jeden Fall.

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