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Wie ich mal den Verteidigungsminister von Georgia irritierte

07 Sep

Es begab sich im Jahr 2006, dass ich in einem nassen und kalten November auf einer internationalen Messe in Berlin als Aussteller tätig war. Besucher aus aller Herren Länder schlenderten an unserem Stand vorbei, man unterhielt sich locker und tauschte sich aus. Ich war noch nie ein fanatischer Sammler von „Leads“, von Visitenkarten. Mir geht es bei einer Messe wirklich eher um gute und vernünftige Gespräche als um eine möglichst hohe Anzahl von Erstkontakten.

Ein solch wirklich gutes Gespräch führte ich auf englisch mit einem älteren Herrn mit Vollbart und Nickelbrille, der mir von seinen Assistenten als „Secretary of Defense of Georgia“ vorgestellt wurde. Das fand ich seltsam – an Kriegsminister wollte ich nichts verkaufen, und außerdem wusste ich bis zu dem Zeitpunkt gar nicht, dass US-Bundesstaaten eigene Verteidigungsministerien haben.

Egal, föderale Systeme sind eh´seltsam, und unterhalten tue ich mich erstmal mit fast jedem, also auch mit dem Bartträger. Außerdem: Wann bekommt man schon die Gelegenheit Amerikanern mal zu erzählen, wie man es richtig macht? Wir wechselten ein paar Worte, ich erklärte unser Produkt. Der Bartträger, der entfernt wie Eddie Jordan aussah, hörte sehr genau zu, nickte und stellte clevere Nachfragen. Nach ein paar Minuten drehte er den Kopf zu seinem Assistenten und sagte etwas, das ich nicht verstand. Der Assistent blickte sich suchend um und schüttelte den Kopf. Dann verabschiedete sich der Bartträger von mir, und dann trat sein Assistent an mich heran und meinte „Der Minister würde ihnen gerne noch etwas schenken, wir kommen gleich nochmal wieder“.

Wenige Minuten später kam die Delegation tatsächlich nochmal wieder an unserem Stand vorbei, und der Bartträger überreichte mir freudestrahlend eine kleine Notebooktasche mit einer Applikation. Die, so zeigte er mir freudestrahlend, trug eine NATO-ähnliche Windrose und darüber das Wappen des „Ministry of Defense, Georgia“. Offensichtlich hatte ihm unser Gespräch so gut gefallen, dass er mir die Tasche, die auch noch mit Werbebroschüren und -kulis gefüllt war, schenken wollte.

Ich freute mich ernsthaft und bedankte mich für seine Großzügigkeit. „Sie haben ja diese tollen Berge im Norden, die Blue Ridge Mountains, die sind toll“, sagte ich, „und die Küste muss ja auch super sein, so weit im Süden“ Der Bartträger sah mich irritiert an. Ich war aber in Fahrt und lobte alles, was mein Gedächtnis zu Georgia ausspukte. Viel war das nicht, also lobte ich die Vereinigten Staaten als großartiges Land voller toller Errungenschaften und schöner Landschaft und schloss ich damit, dass ich noch nie in den USA war, aber wenn, dann würde ich ganz bestimmt Georgia besuchen. Der Bartträger sah mich mit gerunzelter Stirn und verwirrt und zweifelnd an und sah für einen Moment so aus, als würde er mir die Notebooktasche wieder wegnehmen wollen. Hatte ich was Falsches gesagt? Dann schüttelte er den Kopf und verschwand wortlos mit seiner Entourage im Messegewühl.

Ich sah mir das Wappen auf der Tasche nochmal genau an. Wo war hier eigentlich der Amerikanische Adler, der sonst überall drauf ist? Und was war das für ein komischer Landesumriss in der Windrose? Das war doch nie und nimmer Amerika?

Und da dämmerte es mir, ganz, ganz langsam.

Ich hatte Georgia und Georgien verwechselt.

Im Englischen haben der amerikanische Bundesstaat und das kleine Land am schwarzen Meer denselben Namen. Kein Wunder, der der Bartträger mich für umnachtet hielt, als ich völlig unvermittelt vor ihm, einem hohen Vertreter eines ehemaligen Staates der Sowjetunion, freundlich lächelnd die USA als ach-so-tolles Land lobte.
Ich Doof.
Aber egal, die Notebooktasche habe ich heute noch.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 7. September 2017 in Historische Anekdoten

 

2 Antworten zu “Wie ich mal den Verteidigungsminister von Georgia irritierte

  1. Albrecht Wagenhöfer

    7. September 2017 at 17:35

    In solche Situationen komme ich lebensbedingt schon gar nicht, sehe das interessant.
    Noch schlimmer wäre, bei eventuellem Koreabesuch die technischen Innovationen des Landes zu loben welche ihren Weg nach Westen finden, obwohl ein Vertreter aus Nordkorea vor einem steht.

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  2. bee

    7. September 2017 at 19:56

    Bei New England bekäme ich Schweißflecken

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