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Der 4.000 DMark-Laptop

27 Okt

Damals, in den Neunzigern: Als Student wollte ich unbedingt einen Laptop haben. Das Problem dabei: Die Dinger waren unanständig teuer. Bei Vobis oder Compaq musste man mindestens 3.000 D-Mark lassen, was nach heutigem Stand etwa 3.000 Euro entspricht. Dafür bekam man aber keinen Luxusartikel, sondern schlecht verarbeitete, knarzende und klappernde Einstiegsmodelle, meist mit hoffnungslos veralteten 486er-Prozessoren und Plasmabildschirmen oder Schwarz-Weiß-Displays. Alternativ gab es knarzende und klappernde Kisten mit Desktopprozessoren der Pentium-Klasse. Die Dinger rauchten den Akku weg wie nichts Gutes und wurden zum Teil sofort so heiß, dass an Arbeit auf dem Schoß nicht zu denken war. Das war ähnlich wie beim Kochen: Nach 5 Minuten die Eier hartgekocht, nach 8 Minuten das Würstchen geplatzt. Laptops, das waren Geräte, die das Versprechen, das sie in ihren Namen trugen, nicht erfüllten. Also blieb ein tragbarer Rechner ein unerfüllter Traum.

Erst im Jahr 2000 war es soweit: Ich hatte in Nachtschichten bei McDonalds genug Geld zusammengearbeitet um mir ein Laptop leisten zu können, UND es gab endlich ein attraktives Angebot: Ein Gericom „Webboy“. 14,1 Zoll Farbbildschirm, Celeron 800 Prozessor, 128 MB Ram, Diskettenlaufwerk, eingebautes Modem und – ein DVD-Laufwerk!! Eines der ersten seiner Art in so einem Gerät! Den dabeiliegenden Film („Der Sturm“ mit dem Clooney George) konnte man vergessen, aber hey, DVD! Das war die Zukunft!

Wochenlang strich ich in den örtlichen Karstadt-Filiale um das Gerät herum, das dort in einer Vitrine ausgestellt war. Und dann hielt ich es nicht mehr aus, hob drei Mal hintereinander Geld ab und zahlte dann die 3.999,00 Mark in Bar. Was für ein seltsames Gefühl das war – ich hatte mir gerade einen Traum erfüllt, aber quasi ein schlechtes Gewissen, weil ich alle Ersparnisse auf ein Mal auf den Kopf gehauen hatte.

Die Freude über das neue Gerät bekam dann auch schnell Dämpfer. Natürlich knarzte und klapperte auch das Gericom, aber das hatte ich erwartet. Was mich nervte: Alles sah so aus als wäre es schonmal ausgepackt gewesen, und die Treiber-CD war handgebrannt und mit Filzstift beschriftet. Ich hatte die Karstadt-Verkäufer im Verdacht das Gerät mal übers Wochenende „ausgeliehen“ zu haben um eine DVD gucken zu können. Erst Jahre später fand ich raus, dass die österreichische Firma Gericom ihre Geräte (die sie aus Taiwan bezogen und in Österreich nur umlabelten) tatsächlich so schlampig verpackte.

Egal. Ich hatte ein Laptop. Mit allem Drum und Dran:

Diskettenlaufwerk und Infrarot-Port! Auf der anderen Seite war das DVD-Laufwerk und ein PCMCIA-Slot.

Sogar mit Touchpad! Aus heutiger Sicht natürlich winzig, aber besser als die damals übliche Steuerung per Joynuppel.

Nach wenigen Wochen fing der Lüfter an mahlende Geräusche zu machen. Aber nun, hört man ja nur wenn man nicht laute Musik hört.
Und als ich dann endlich einen USB-Stick hatte, stellte ich fest, dass der USB-Port einen Wackelkontackt hatte. Aber nun, wer nutzt schon USB? Alle gängigen Peripheriegeräte kamen an den parallelen oder seriellen Port.

Reichhaltige Anschlüsse, bis hin zum Modem. USB brauchte dagegen niemand, gab es kein Zubehör für.

Besonders doof war aber, dass das Gerät mit Windows me, also der Milleniumsversion, ausgeliefert wurde. Das war die anerkannt schlechteste Version von Windows die es jemals gab, man konnte keine drei Klicks machen ohne das alles mit einem Bluescreen abstürzte. Das wusste auch Microsoft, und wenige Monate später, Anfang 2001, kam Windows XP raus. Ein rocksolid Betriebssystem, aber da das Webboy leider für Windows me designed und mit 128 MB zu wenig Hauptspeicher hatte, lief XP darauf nur im Schneckentempo – zumal der Speicher noch aufgeteilt werden musste. Im BIOS konnte man in den Shared Memory aufteilen in „was darf das Betriebssystem haben“ und „was darf die Grafikkarte nutzen“. Mit dem Aufstieg von Windows XP verfiel der Preis des Webboys. Drei Monate nachdem ich es gekauft hatte, kostete es 1.000 D-Mark weniger.

In der Rückschau hört sich das nicht nach einer Erfolgsgeschichte an, und doch hat mich das Webboy sechs Jahre begleitet. Es war kein gutes Gerät, aber in vielen Bereichen besser und günstiger als alles, was man damals kaufen konnte. Die Verarbeitungsqualität, das Zusammenspiel der Komponenten – das war damals generell alles unterirdisch, tragbare Rechner für Consumer waren ein Nischenmarkt. Das Webboy öffnete den ein wenig und bot ordentliche Leitung für, im Vergleich, wenig Geld. Ich habe es nie geliebt, aber ich habe es oft genossen es zu benutzen – weil es sich so nach Zukunft anfühlte. Es war sogar eines der ersten Geräte, die an der Uni mit einer PCMCIA-Karte (das damals gängige Format für Laptop-Peripherie) in das erste, experimentelle WLAN durfte. Von den WLAN-Karten hatte das Rechenzentrum nur wenige, und ich durfte 12 Wochen eine Orinoco Gold ausleihen! In der Bibliothek sitzen und Kabellos ins Internet, DAS war so hip, dass es keiner verstand. Und unterwegs kam ich auch überall ins Netz, denn das Gericom liess sich an jeden Telefonanschluss anstöpseln. Tatsächlich war es mit knapp 5 Kilo so leicht, dass ich es überall mit hinnehmen konnte. Per Infrarot liess sich sogar ein Mobiltelefon andocken und als Modem nutzen, aber aufgrund der horrenden Verbindungskosten habe ich das nie wirklich genutzt.

Bis 2006 nutzte ich das Gericom, dann wurde es von dienstlichen MacBook Pro abgelöst. Ab da wurde es nur noch von der Freundin zum schauen von DVDs geguckt, und das tat funktionierte zuverlässig bis 2008. Dann verschwand das Gericom erst im Schrank, dann aus der Wohnung, dann aus dem Sinn.

Heute nun habe ich das Webboy im Keller wiedergefunden. Der Akku wurde schon vor langer Zeit entsorgt, das Gerät selbst lagerte aber noch in einer Notebooktasche. Eingestöpselt, angeschaltet, und schon ertönte das mahlende Geräusch der Lüfter.

Nach dem Einstellen der BIOS-Uhr startete erst ein Bootloader mit der Auswahl zwischen Windows me und XP. Letzteres meldet prompt, nach 11 Jahren inaktivität: „Es befinden sich Datein auf dem Desktop, die sie lange nicht mehr verwendet haben“. Ja, wohl wahr.

Anscheinend habe ich zuletzt Grim Fandango auf dem Gerät gespielt.

Hatte ich ebenso vergessen wie die Tatsache, dass das Webboy mit seinem einen, kaputten USB-Port nahezu jeden Datenräger beim zweiten Kopiervorgang zerstört…

…und dann abstürzt.

Schade. Da ist noch meine erste, selbstgeschriebene HTML-Seite drauf. Mit möglichst vielen animierten GIFs und grünem Text auf schwarzem Grund, wie man das damals so machte. Aber das ist eine andere Geschichte.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 27. Oktober 2017 in Historisches

 

Eine Antwort zu “Der 4.000 DMark-Laptop

  1. ruediger

    27. Oktober 2017 at 21:42

    man kann de frustrierte Wehmut die zum dem Zeitpunkt bestanden hat noch spüren.

    Gefällt 1 Person

     

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