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Reisetagebuch Motorradtour (6): Speed Kills Bears

09 Dez

Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute: Ein Ausflug in den siebten Kreis der Hölle.

Montag, 25. September 2017, San Vincenzo

Der Wecker soll um 7 Uhr klingeln, aber schon vorher wache ich aus einem erholsamen Schlaf auf. Sechs Tage habe ich auf I Papaveri verbracht, und in dieser Zeit kaum mehr gemacht als auf der Terrasse zu sitzen und zu lesen, kleine Ausfahrten in die Umgebung zu unternehmen und am Meer spazieren zu gehen. Die Auszeit hat mir gut getan, ich bin mit dem Kopf wieder im hier und jetzt, habe Energie und bin wieder neugierig auf Neues.

Das Neue beginnt direkt vor der Haustür, denn heute geht es nach weiter und in unbekanntes Territorium. Die „Principessa“, das große Appartment im Erdgeschoss von I Papaveri, habe ich gestern schon abreisefertig gemacht, und auch die Koffer sind auch schon so gut wie gepackt.

Ich brauche 20 Minuten, dann schiebe ich die Barocca durch das Tor von I Papaveri und hänge ich die Koffer ein. Abfahrtbereit steht die V-Strom in der Morgensonne.

Ich klingele noch bei Licio und Franca, um mich zu verabschieden und zum Dank für die Gastfreundschaft eine Flasche Wein zu überreichen. Die beiden sind niedlich, wie immer: Ich soll vorsichtig fahren. Und natürlich Merkel grüßen, zumindest ein Bißchen. Franca ist großer Fan von Merkel. Ja, ja.
Ich mag keine langen Abschiede, und deshalb schwinge ich mich wenige Minuten später schon auf das Motorrad und schiebe das Garmin in seinen Platz im Cockpit. Sofort bootet sich Anna in meinen Helm und verkündet, das die heutige Fahrt mindestens 7 Stunden dauern wird, aber verkehrstechnisch alles OK sei. Sogar das Wetter entlang der Strecke sei ideal, findet sie.

Anna sagt: Perfektes Reisewetter entlang der Route.

Ciao, I Papaveri!

Wenn es nur nicht so kalt wäre! Das notorisch ungenaue Thermometer am Mopped zeigt 15 Grad, aber Anna zieht eine wesentlich glaubwürdigere Lokaltemperatur von 9 Grad aus dem Netz. Meine Finger sind geneigt letzterem mehr Glauben zu schenken. Die Fahrt geht über die SS1, die sich durch die Berge entlang der Küste zieht. Olivenhaine säumen die Berghänge entlang der Strecke, und im Sonnenlicht ist ein feiner Morgennebel zu sehen. Denke ich zumindest, bis ich merke, dass das Rauch ist. Die Bauern verbrennen Olivenschnitt, und aufgrund der Wetterlage klebt der Rauch in in Tälern.

Morgensonne um kurz nach Acht.

Bis Grossetto ist es eine unspektakuläre Fahrt, weil die Strada Statale ausgebaut ist wie eine Autobahn. Dann wird sie zu einer Dorfstraße, auf der die erlaubte Geschwindigket ständig zwischen 50 und 70 wechselt – nervig. Das bleibt auch so, bis die Toskana aufhört und das Latium anfängt.


Jetzt geht die Fahrt nach Osten, durch grüne Wälder und kleine Straßen bis zu dem kleinen Festungsort Tuscania (der Ort, in dem es unmöglich ist zu tanken), von dort nach Süden Richtung Rom. Und zwar nicht nur die grobe Richtung, sondern mitten drauf zu. Der Kurs bringt mich näher an die Stadt des ewigen Verkehrschaos als es mir lieb ist, aber das geht nicht anders, wenn ich nicht stundenlang über kleinste Nebenstraßen gurken will.

Kurz bevor es auf den berüchtigten Autobahnring geht tanke ich nochmal, dann stürze ich mich ins Getümmel.

Es gibt zwei Städte in Italien, in denen ich nicht Autofahren will: Rom steht auf Platz zwei. Und dann passiert es doch, denn ich nehme den falschen Abzweig und befinde mich plötzlich auf dem Weg in die Stadt. Schnell schere ich nach rechts aus und lenke die V-Strom in ein Gewirr aus Hinterhöfen. Ich hoffe einen Kreisel zu finden, über den ich problemlos umkehren kann, aber leider gibt es sowas nicht. Dafür gibt es weiße Lieferwagen, die gefährlichsten Verkehrsteilnehmer der Welt, noch vor roten Ford Fiestas. Kein Witz: Im Englischen ist „white Van Man“ ein feststehender Begriff für jemanden, der auf der letzten Rille und ohne Rücksicht auf Verluste heizt. Der erste weiße Lieferwagen prescht direkt auf mich zu als ich gerade auf die Hauptstraße zurückfädeln will, und biegt so scharf vor mir ein, dass er mich fast umfährt und ich so heftig bremsen muss, dass ich für einen Moment die Balance verliere und ganz schön rumeiern muss, damit ich nicht umfalle.

Mehr Glück als Verstand in der Stadt des ewigen Verkehrschaos.

Das fehlt noch, hier mit dem Motorrad umzufallen! Irgendwie schaffe ich es wieder auf die Hauptstraße, und nach einiger Zeit entdecke ich eine Lücke in dem Zaun, der die beiden Fahrspuren trennt. Ich fädele dort hinein und stoppe, um den Verkehr der Gegenspur durchzulassen.

In dem Moment schiebt sich ein weißer Lieferwagen neben mich, der ebenfalls wenden will. Ich bin ihm aber zu langsam, also fährt er neben mich und nimmt mir dadurch die Sicht. OK, denke ich, als er anfährt, jetzt muss ja frei sein, also fahre ich auch. In dem Moment latscht der Lieferwagen wieder voll auf die Bremse, und mit heulender Hupe schiesst ein Fiat mit einem halben Meter Abstand und bestimmt 70 Sachen an mir vorbei. Da hat jetzt echt nicht viel gefehlt, dann hätte der mich erwischt. Mir schlägt das Herz bis zum Hals, als ich auf die richtige Seite der Straße einfädele und prompt erstmal in einem Stau stehe.

Der römische Ringverkehr ist der 7. Kreis der Hölle.

Vorsichtig taste ich mich weiter voran durch den Stadtverkehr. Oft geht es nur Schrittweise weiter, und das die Römer nach belieben weitere Fahrspuren aufmachen, macht die ganze Sache nicht besser. Diese Fahrerei wird ein paar Kilometer weiter noch kruder, denn nun ist Stop & Sprint angesagt: Die Autos stehen im Stau, und wenn es kurz weitergeht legen alle einen Start mit quietschenden Reifen hin, um nach wenigen Dutzend Meter wieder eine Vollbremsung hinzulegen. Völlig bescheuert!

Ich hänge hinter einem weißen Lieferwagen und kann nicht nach vorne sehen. Als der beim ersten Mal durchstartet denke ich noch „ah, der Stau muss sich aufgelöst haben“ und beschleunige ebenfalls ordentlich. Als der Vordermann dann seine Vollbremsung hinlegt, hänge ich ihm beinahe im Heck und komme erst knapp vor seiner Stoßstange zum stehen. Wieder atme ich tief durch. Dann bin ich fast ein wenig zufrieden mit mir. Ich habe ohne zu zögern voll in beide Bremsen gegriffen, bis ins ABS hinein. Das ist gut! Vor der V-Strom hatte ich noch nie ein Motorrad mit ABS, und dadurch habe ich mir angewöhnt, zumindest Vorne nie voll durchzuziehen, weil sonst irgendwann das Rad blockiert. Dieses zögerliche Verhalten muss ich mir bewusst abtrainieren, und die Bremsung gerade war ein Teilerfolg auf dem Weg zu besserem Bremsen.

Es geht durch unwirtliche, runtergekommene Betonblockwüsten. Selbst Orte mit schönen Namen wie Villalba und Villnova (die beide durch Kiesgruben voneinander getrennt sind), sehen nach Präkariat aus, und die Straßenführung ist gruselig.

Dann schwingt sich die Straße hinauf in die Berge, und kurz darauf bin ich in Tivoli. Kein Wunder, dass die reichen Römer sich hier seit je her ihr Wochenenddomizil hingebaut haben. Von hier kann man zivilisiert auf das ganze Chaos und Elend der zersiedelten Landschaft runtersehen.

Tivoli ist ein schmuckes Städtchen. Viel Kunst steht hier rum.

In Tivoli ist auch die Villa Este, weltbekannt für ihren prachtvollen Garten und die Wasserspiele. Die Villa ist immer geöffnet, nur, äh, jetzt gerade nicht.

Immerhin stand ich schon vor der Villa Este!

Ich müsste noch eineinhalb Stunden warten bis ich hinein kann. Darauf habe ich keine Lust. Wenn ich so viel Zeit hier verplempere, wird mich die Dunkelheit mitten in den Bergen erwischen. Außerdem möchte ich eh lieber fahren. Also schwinge ich mich wieder auf die V-Strom und gebe ihr die Sporen, immer der Via Tiburtina nach. Das ist eine der wichtigsten Straßen des römischen Reichs gewesen, die Hauptroute von Rom durch den Bergzug des Apennin, und heute begleitet sie mich sehr lange.

Der anfangs noch dichte Verkehr wird jetzt schnell weniger, und bei Anticoli Corrado, wo ich vor 6 Jahren schonmal mit Modnerd untwegs war, bin ich fast allein auf der Straße. Das Dörfchen wird übrigens auch die Stadt der schönen Frauen genannt. Der Grund: Die Landschaft und die Lichtverhältnisse hier haben über Jahrhunderte immer wieder Maler angezogen. Neben attraktiver Landschaft aber oft noch andere Motive – und die Liebe. Die Männer kamen zum Malen und blieben zum Heiraten. Das Resultat: Es gibt recht viele Bilder von Frauen aus Anticoli Corrado. Dennoch ist unbestreitbar auch die Landschaft ein Hingucker. Die Berge sind groß und haben große, schroffe Felswände oder sind grün bewachsen. Die Straße ist erst klein und kurvig, dann führt wie wie ein Highway durch die Täler.

Dann komme ich bei Avezzano raus, und vor mir liegt erst ein OBI, dann eine platte Ebene. Hier oben gab es mal einen See, den Lago Fucino, aber der wurde 1877 trockengelegt. Heute ist es eine Ebene voller Felder, mitten in den unwirtlichen Bergen.

Die wenigen Siedlungen in der Ebene sehen nach wildem Westen aus. Oder… Moment, nein, wilder Westen trifft es nicht. Sie sehen nach Alaska aus, assoziiert mein Hirn. Wie komme ich darauf? Dann fällt es mir auf: Man sieht es Orten an, wenn sie eigentlich nicht in diese Jahreszeit gehören. So auch hier: Die Orte wirken, als ob sie in der Spätsommersonne fehl am Platz wären. Es sind Orte, die mindestens 8 Monate im Jahr unter einer Scheedecke verbringen, und ohne die wirken sie ein wenig nackt. Es sind Kleinigkeiten, die das preisgeben. Die Straßen sind sehr breit, damit man auch noch darauf fahren kann, wenn links und rechts Schnee liegt. Die Häuser sind klein und geduckt, die wenigen Fenster mit Sturmläden versehen. Davor parken auf Fahrzeuge mit Vierradantrieb.

Diese besondere Lage dieses Ortes nutzen auch die Geheimdienste. Hoch gelegen, und dann noch in dem „Horchohr“ des natürlichen Kraters liegt eine Abhörstation. Dutzende Satellitenantennen sind hier in den Himmel gerichtet, die meisten zeigen nach Osten.

Das Platte Land um Avezzano

Auf der anderen Seite des Tals geht es wieder in die Berge, und das Navi zeichnet Kunst – die Kurven liegen so eng beieinander, dass ich sie nicht mehr unterscheiden kann.

Höher und höher geht die Straße, und dann sehe ich ein Schild. „Bremsen! Speed kills Bears“ – und das ist ernst gemeint.

Jetzt bin ich in den Abruzzen, der am wenigsten dicht besiedelten Region Europas. Und ja, hier oben gibt es Bären und sogar Wölfe, und zwar nicht gerade wenige. Der Marsika-Bär, den es nur hier gibt, ist das Markenzeichen der Region und des Nationalparks Parco Lazio e Molise. Bären und Wölfe sind aber nicht die einzigen Tiere hier oben. Als ich kurz anhalte, vernehme ich hundertfaches Gebimmel. Rinder! Die strolchen hier oben ohne Hirten und ohne Zäune herum, wenn der Bauer sie einsammeln will, geht er einfach dem Gebimmel nach.

Nach zwei Stunden komme ich in Pescasseroli an, einem kleinen, aber sehr bekannten Wintersportort.

Mein Hotel liegt am Berg, und der Weg dahin besteht aus Sand und lockeren Steinen – mit der ZZR wäre das ein Problem, die V-Strom interessiert das nicht. So gelange ich ohne Probleme zum „Faggio Rosso“, der Roten Buche. Ein Wintersporthotel, jetzt quasi leerstehend. Hat ein wenig was von „Shining“.

Vor dem Hotel spielt ein vielleicht sechsjähriges Mädchen mit einem weißen Hund. „Wie ist sein Name?“, will ich wissen. „Clara“, sagt das Mädchen. „Guten Abend, Clara“, sage ich und streichele den Hund.

Clara.

Das Mädchen sieht mich an. „Kommst Du aus Spanien?“, fragt sie. Ich muss lachen. Mein deutscher Akzent wirkt auf italienische Ohren wohl ähnlich hart wie die spanische Sprache. „Nein, Deutschland“, sage ich. „Weißt, Du, Clara ist ein ganz besonderer Hund und meine beste Freundin“, sagt das Mädchen und fängt zu erzählen das Clara das Maskottchen des Hotels sei, und sie hier alles bewacht und eine Hundeprinzessin ist und die Berge ihr Reich sind, und ich merke, dass das Mädchen nicht mehr mit mir redet, sondern sich in ihrer Geschichte verliert und sie sich selbst und dem Hund erzählt. So sind Kinder, die viel Input haben und gelernt haben auch allein zu sein – sie erzählen sich Geschichten, die die Welt erklären und schön machen.

Clara ist nicht der einzige Hund, merke ich schnell. Mindestens 5 weiße Hunde tollen auf dem Vorplatz umher, und in der Fantasie des Mädchen werden sie zu Rittern, die ein Brett bringen sollen um die Gunst von Prinzessin Clara zu erringen.

Ich lade das Gepäck ab, dann sehe ich mir den Ort an. Viel zu sehen gibt es gerade nicht – im September hat in Wintersportorten alles geschlossen, die Betreiber von Restaurants und Geschäften machen jetzt selbst Urlaub. Es gibt allen Ernstes keine Bäckerei, kein Restaurant, kein Imbiss der offen hat.

Hier ist der Hund verfroren.

Dank Google entdecke ich dann doch noch einen Tante-Emma-Laden am Orstrand. Dort kaufe ich eine Schale Salat, eine Packung Taralli und vier Würstel. Das ganze Essen des Tags, für 2,84 Euro.

Das Abendessen nehme ich vor dem Hotel sitzend ein. Die Landschaft ist einfach herrlich, und die Gefahr HIER einem Bären zu begegnen, wo doch alles von Clara und den Rittern geschützt wird, ist sehr gering.

Tour des Tages: Rund 430 Kilometer, rund sieben Stunden reine Fahrzeit.

Weiter zu Teil 7: Die Geisterburg
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Ein Kommentar

Verfasst von - 9. Dezember 2017 in Motorrad, Reisen

 

Eine Antwort zu “Reisetagebuch Motorradtour (6): Speed Kills Bears

  1. modnerd1138

    9. Dezember 2017 at 10:29

    Für mehr Visualisierungen mit Anmerkungen! Sehr schön gemacht (auch wenn die Route es in dem Abschnitt sicher nicht war).

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