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Reisetagebuch Motorradtour (9): Nee, so nich´

30 Dez

Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute: Lügenbildchen, Wolkenhörner und Verkehrschaos.

Donnerstag, 28. September 2017, Agriturismo Lo Smeraldo, Castreccioni, Marken

Die Luft über dem Bergsee ist klar und kalt, als ich die Koffer an die V-Strom hänge und mich zur Abfahrt bereit mache.

Kurze Zeit später ruckelt die Maschine über die Brücke, die die Halbinsel im Norden mit dem Festland verbindet. Ja, die Suzuki ruckelt. Gerade im Rollen, also wenn sie nur die Geschwindigkeit gleichbleibend halten soll, dann merke ich wie sie schiebt und ruckelt. Die verschlissene Kette mindert den Fahrspaß jetzt ganz erheblich. Eigentlich macht das Fahren mittlerweile gar keinen Spaß mehr.

Die gestrige Bergetappe hat der Kette nicht gut getan, und das Nachspannen hat praktisch nichts gebracht, es allenfalls noch schlimmer gemacht. Wie groß ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass das alte Ding reißt? Komme ich damit noch nach Hause? Das Ruckeln schüttelt mich durch und erinnert mich auf jedem Meter daran, dass die Kette jetzt wohl vollkommen hin ist. Dabei könnte ich jetzt echte Freude am Fahren haben, denn die Landschaft der Marken ist wunderschön, an diesem frischen Morgen ganz besonders.

Nach 40 Minuten komme ich in Osimo an, einem kleinen Ort auf – natürlich – einem hohen Berg. Heute ist Markttag, was ich vorher nicht wusste, und alle Parkplätze außerhalb der hohen Stadtmauer sind ausnahmslos belegt. Da sehe ich schon mein Ziel, das Touristenbüro von Osimo, das in die Stadtmauer eingelassen ist. Und Glückes Geschick, direkt gegenüber ist eine kleine Fehlfläche, auf die ganz genau, aber auch GANZ genau die Barocca passt, und die sogar das nötige Gefälle hat, damit die Kiste mit ihrem zu langen Seitenständer nicht umkippt! Fein!


Ich schaue mich ein wenig in dem Örtchen um, denn ich bin zu früh dran. Ich entdecke, dass die Stadtmauer, die die Innenstadt wie ein mächtiger Wall umgibt, nicht nur in Wohnhäuser umgebaut wurde, sondern auch eine komplette Markthalle beinhaltet, mit Obst-, Fleisch- und Fischverkäufern. Die folgenden Bilder sind IN der Stadtmauer entstanden:

Der Markttag ist ein Großereignis. Die ganze Innenstadt ist voll mit Ständen für Schuhe, BHs, Möbelstoff und vielem mehr, ein „Hier-gibt´s-alles“ Markt. Verkauft wird kein Lumpenkram, sondern nahezu ausschließlich Qualitätsware, von Kleidung über Elektrogeräte bis hin zu Gartenzubehör. Man denke in dem Zusammenhang einfach an ein mobiles Einkaufszentrum, dass alle paar Tage woanders öffnet. In Italien sind solche ziehenden Märkte in den ländlichen Regionen noch sehr weit verbreitet, denn gerade alte Leute wollen keine Tagesfahrt bis zum nächsten Einkaufszentrum oder Gartenmarkt auf sich nehmen. Da warten sie lieber, bis das Einkaufszentrum zu ihnen kommt.

Schöne Aussicht, auch wenn es schon wieder diesig ist:

Jugend von heute, hat ständig diese Smartphones vor der Nase:

Um viertel nach Zehn schlendere ich zum Touristenbüro und werde dort vorstellig. Ich habe eine Tour reserviert, durch die Unterwelt von Osimo. Ich mag solche Sachen ja. Heute, außerhalb der Saison und dazu noch an einem Wochentag, bin ich der einzige Besucher. Lucia, die Führerin, erklärt mir, dass ich leider die größte Sehenswürdigkeit, die Cantatino Höhle, nicht besuchen kann, aber sie zeigt mir die Dante-Höhle. Na, warum nicht.

Büro in Stadtmauer.

Lucia führt mich durch Gänge in der Stadtmauer, dann treten wir ins Freie und laufen ein Stück über den Schuh- und BH-Teil des Marktes. Schließlich betreten wir einen alten Palazzo, ein Gebäude der Universität. Ich bin ja immer erstaunt, das hier so winzige Orte wir Urbino oder eben Osimo eigene Unis haben. Wie es wohl ist, in so einem intimen Rahmen zu studieren? Gegenüber einem alten Hörsaal öffnet Lucia eine Tür, hinter der Lagerräume sind. In einem modert ein alter FIAT vor sich hin, unter einer Abdeckplane sehe ich die Silhouette einer Kutsche, der aber die Räder fehlen. Lucia bleibt vor einer Kellertür stehen und zieht einen großen Bund alter, teils schmiedeeiserner Schlüssel aus der Tasche. Hinter der Kellertür geht es hinab in die Unterwelt von Osimo. Wir steigen hinab in ein großes Gewölbe, und dann noch tiefer in alte Tuffsteingänge.

Lucia erklärt, das im Plateau unter Osimo Dutzende Höhlen sind, bislang sind 9 Kilometer bekannt. Früher waren das Lagerorte und Orte der heidnischen Verehrung, im Weltkrieg Bunker. Nicht umsonst sind über den größten Höhlen heute die Kirchen von Osimo. Ich staune, denn die Höhle Dante ist wirklich groß und hoch.

An den Wänden sind verschiedene Zeichen und Symbole. „Das sind Symbole für Initiationsrituale, heidnisch wie christlich“, erläutert Lucia. Dann wird es ein mild absurd, denn JEDE der in den Fels gekratzten Zeichnungen wird m.E. überinterpretiert. Die Zahl 1888 über einem Stierkopf, zum Beispiel, das sei gar keine Jahreszahl. Die 1 stehe für Gott, die 8 für Unendlichkeit und Perfektion, die dreimalige Wiederholung für die heilige Dreifaltigkeit.

So geht es weiter, und ich kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Das, was Symbologen hier als heilige Initiationsrituale deuten, ist in meinen Augen sehr klar –
Grafitti. Ja, wirklich. Das sind Zeichnungen von Leuten mit Dönekens im Kopf oder zu viel Zeit oder beidem Und warum auch nicht, jahrhundertelang waren das hier unten auch die Keller der Anwohner, hier spielten Kinder, hier hat im zweiten Weltkrieg ein Teil der Bevölkerung wochenlang gehaust. NATÜRLICH haben die sich hier verewigt. Kann mir keiner erzählen das DAS hier die Zeichnung eines ansonsten völlig unbekannten Lokalheiligen ist:

Fabio war hier.

Das ist recht deutlich die Arbeit eines gewissen Fabios, der die Welt wissen lassen wollte, dass er hier war. Und der „Unbekannte Soldat“, der als Symbol für einen Initiationsritus des Kriegers stehen soll? Der ist nicht wirklich unbekannt, denn das ist, gut erkennbar, Giuseppe Garibaldi.

Das dieses Bild die Dualität von Gott und Menschen durch offene Gefäße symbolisiert glaube ich auch nicht. Hier hatte jemand Lust auf eine Flasche Wein, oder besser zwei.

Diesem Bild unterstelle ich immer noch die größte Nähe zu religiösen Bezügen. Warum der Papst eine Ente jagt, weiß ich aber auch nicht.

Ach, egal. Nach 45 Minuten verabschiede ich mich von Lucia und verlasse Osimo in Richtung Küste. Dort ist der größte Berg der Region, der Corno. Bis zur Spitze sind es ein paar schöne Kurven, aber oben sieht man leider nichts – Wolken vernebeln alles. Ich latsche etwas unmotiviert in einem matschigen Waldstück rum, dann kehre ich um.

In der Bar am Besucherparkplatz trinke ich noch einen Kaffee, dann fahre ich wieder hinunter und an der Küstenstraße lang. Die ist wundervoll zu fahren und herrlich geschwungen, aber durch das Geruckel der V-Strom macht auch das keinen Spaß. Wie lange hält die Maschine das aus? Mache ich mir am Ende das Getriebe damit kaputt?

Der Gipfel des Corno liegt in den Wolken.

Eigentlich will ich mir jetzt die Küstenstädte Ancona und Senigallia ansehen, scheitere damit aber grandios. In Ancona herrscht ein dermaßenes Verkehrschaos, dass ich ad hoc keine mehr Lust habe. Wirklich, sowas habe ich noch nicht erlebt: Drei Hauptverkehrsadern treffen auf eine ungeregelte Kreuzung, über die sich die Autos und Busse in mehren Spuren kreuz und quer ineinander schieben. Hier will ich nicht anhalten, ich will hier einfach sofort wieder raus! Als ich nach einer Stunde mit heiler Haut da raus bin und mir wieder der Fahrtwind um die Nase weht, bin ich froh. Bis ich merke, dass der Verkehr in Senigallia nicht viel besser ist, und ich ich einen Parkplatz gewählt habe, der so hässlich und doof ist, dass ich sofort weiterfahre. Nee, so nich´, das Leben ist zu kurz für Staus und hässliche Orte.

Schlimmster Drecksstau. Alles steht kreuz und quer, und ich natürlich mal wieder hinter einem weißen Lieferwagen.

Langweilige Straße zwischen Ancona und Senegallia.

Die Straße führt weiter nach Fano, einem kleinen Küstenort nördlich von Senigallia, und dort in ein Labyrinth aus Einbahnstraßen. Anna kennt die allesamt nicht und versucht mich mehrfach in Sackgassen zu schicken.

Einbahnstraßenlabyrinth Fano.

Schließlich fahre ich nach Gefühl und Sicht und komme wenig später am Hotel „Elisabeth Due“ an.

Das Hotel ist eine dieser typischen Bettenburgen. Normalerweise meide ich sowas, aber ich wollte am Meer übernachten. Weiterer Vorteil: Rund um das Elisabeth II. gibt es Motorradparkplätze. VIELE Motorradparkplätze!

Rund um das Elisabeta Due (rot) sind JEDE MENGE Moppedparkplätze (grün).

Gut, die Badesaison ist vorbei, und deshalb herrscht kein Mangel an Freifläche. Aber eigentlich wollte ich hier ja Ende Juni sein, da spielte das Kriterium Parkplatz eine weitaus größere Rolle.

Obwohl es erst 14 Uhr ist checke ich ein, trage die Koffer aufs Zimmer und beschließe, dass es das mit dem Tag gewesen sein soll. Eigentlich müsste ich noch tanken, aber auch dazu habe ich keine Lust. Das große Zimmer mit der feinen Ausstattung, dem schnellen WLAN und dem Meerblick ist dafür eine große Freude.

Sogar Seeblick gibt es:

Ich lege mich auf´s Bett und bin augenblicklich eingeschlafen.

Abends gehe ich am Strand spazieren. Der ist wie ausgestorben. In den angrenzenden Hotels und Bars sind Arbeiter beschäftigt Terassen zurückzubauen, Strandbestuhlung einzulagern und alles wetterfest zu verzurren. Man bereitet sich auf den Winter vor. Ich stehe mit geschlossenen Augen an der Wasserlinie, lasse mir Seeluft um die Nase wehen und genieße die letzten Sonnenstrahlen. Es ist kühl, zu kühl um an Baden auch nur zu denken, aber zum am Meer Rumstehen ist es genau richtig. So lasse ich mir den Herbst gefallen.

An einer Mole wird gerade ein Model fotografiert. Entstehen so die Prospekte von Discountern?

Der Weg in die Innenstadt führt an einem Kanalnetz entlang. Boote schaukeln hier im Wind, Möwen kreischen, und von der See kommt der Geruch von Meer. Alles wirkt ruhig und entspannt.

Die Innenstadt von Fano die ausnehmend hübsch ist. Wie es in der Urlaubssaison ist, möchte ich nicht wissen, aber jetzt, Ende September, sind die Fanesen unter sich und machen es sich nett.

Während ich durch die Stadt bummele, mache ich mir noch mehr Gedanken und Sorgen um das Motorrad. Das mittlerweile starke Ruckeln und Schieben ist ein Zeichen, dass ganz erheblich was nicht stimmt. Vielleicht ist die Lage kritischer, als ich bislang dachte?

Ich war davon ausgegangen, dass so eine gelängte Kette lediglich unangenehm ist, aber kann so eine Kette eigentlich reißen?

Ich weiß das nicht und habe bislang bewusst nicht danach gegoogelt. Jetzt werde ich schwach und befrage tatsächlich das Internet, und mache gleich mal dicke Backen. Eine stark verschlissene Kette, so lese ich da, kann durchaus reißen. Passiert das, durchschlägt sie mit ziemlicher Sicherheit das Motorgehäuse. Hat man richtig Pech, wickelt sie sich anschließend ins Hinterrad und reißt auch das auseinander. Ich schlucke. Sind das jetzt nur Horrorgeschichten von Forentrollen? Oder kann das wirklich passieren? Meine Medienkompetenz schätze ich als überdurchschnittlich hoch ein, aber aus den vorliegenden Informationen kann ich keine zuverlässige Einschätzung ableiten.

Tief in Gedanken wandere ich zurück zum Hotel. Langsam geht die Sonne unter, und Fano knipst die Lichter an.

Wieder im Hotel recherchiere ich Suzukiwerkstätten, finde aber keine. Auf gut Glück schreibe ich eine freie Werkstatt in Siena und eine in Florenz an, erläutere mein Problem und frage, ob sie einen passenden Kettensatz da und in den kommenden Tagen für mich Zeit haben. Als ich auf „Senden“ drücke, habe ich das Gefühl, es zumindest versucht zu haben.

Tour des Tages: 130 Kilometer. Reine Fahrzeit 2 Stunden, gebraucht habe ich aufgrund des Verkehrs rund 4,5.

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Verfasst von - 30. Dezember 2017 in Motorrad, Reisen

 

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