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Monetarisierungsverdacht

03 Jan

Silencers Blog soll nicht Teil eines Problems werden, das langfristig die Kernidee hinter Blogs komplett demontieren kann. Dazu ein paar Worte, auch in eigener Sache.

Blogs haben ein Problem. Ich rede hier gar nicht vom massenhaften Sterben von Blogs und dem Niedergang der Blogosphäre, denn diesen natürlichen Prozess hat das, verhältnismäßig alte, Format schon durch. Nein, Blogs steuern gerade in neue Untiefen: Die der Monetarisierung.

Neulich bin ich über Blog gestoßen, in dem jemand sein vermeintliches Traumprojekt dokumentierte: Mit dem Motorrad um die Welt fahren! Die Seite war erstaunlich professionell aufgemacht – aber für die Thematik erstaunlich lieblos geschrieben. Ich konnte mir nicht ganz vorstellen, wie man so wenig Herzblut im Text haben kann, wenn man doch so für eine Sache brennen müsste. Bis ich dann entdeckte, dass sich der Blogautor die Fahrt von einem guten Dutzend Ausrüstungshersteller sponsorn lässt.

Damit hat das Blog auf einen Schlag seine Glaubwürdigkeit als Quelle für echte Erfahrungen verloren. Wird der Autor schreiben, dass die Koffer von Hersteller XY sich auf der Fahrt nicht bewähren, wenn der gleiche Hersteller ihm das halbe Mopped da hingestellt hat? Wird er schreiben, dass die Schuhe Mist sind, wenn der Schuhproduzent ihn mit Tretern in vierstelligem Wert bemustert hat? Vermutlich nicht. Bestenfalls schweigt er darüber, was mir für eigene Reisen exakt keinen Erkenntniswert bringt. Das Mißtrauen geht aber noch tiefer: Ist die Weltreise wirklich das Traumprojekt des Autors, oder ist das ein Geschäftsmodell? Verdient er am Ende damit sogar was, oder nutzt er das, um sich als Influencer zu etablieren?

Solches Sponsoring von Blogs ist kein Einzelfall mehr. Rübergeschwappt ist das aus der Youtube-Welt. Dort setzte vor einigen Jahren etwas ein, was es in dem Maßstab so bislang nicht gab: Monetarisierung von Inhalten. Zuerst über Ausschüttungen der Plattform, wenn Werbeanzeigen um den Content herum geschaltet wurden. Dann entdeckten die Werbestrategen der großen Firmen Social Media für sich. Am Anfang wurden Youtuber direkt mit Produkten bemustert, später wurden sie direkt unter Vertrag genommen oder Produkte um sie herum gestrickt. Diese Influencer haben zum Teil eine riesige Reichweite und verdienen dementsprechend gut.

Blogs spielten dagegen in den Werbebudgets lange Zeit keine Rolle, bis man sich schließlich gegenseitig entdeckte. Blogs bieten ein gutes Werbeumfeld: Sie sind oft monothematisch, wodurch sich die Zielgruppe sehr gut eingrenzen lässt. Auf der anderen Seite gibt es viele Blogbetreiber/-innen, die neidisch auf die Youtube-Influencerbande schielen und auch so gerne ein Stück vom Kuchen oder zumindest Gratisdeo von Rossmann hätten.

Genau hier fangen m.E. die Probleme. Ich schätze viele Blogs, weil sie entweder eine bunte Spielwiese sind, oder sich ihre Betreiber aus einer intrinsischen Motivation heraus mit einer sehr spezifischen Materie intensiv auseinandersetzen. Das sind Blogs, die ich aus purem Vergnügen lese oder weil hinter ihnen Personen mit unfassbarem Expertenwissen stehen, die bei Fragen auch gerne mal helfen. Blogs sind für mich nützlich, weil sie glaubwürdig und authentisch sind. Das ist ihre Kernkompetenz: Glaubwürdigkeit. Und an genau der nagt die Monetarisierung.

Der Kommerzialisierungswunsch steht, zumindest in meiner Wahrnehmung, bei vielen Blogs deutlich öfter im Vordergrund als früher. Wurde früher aus purer Freude über ein Ding darüber gebloggt, kommt man heute nicht mehr ohne mindestens den Affiliatelink zu einem Onlineshop aus. Das ist Lowlevel, sozusagen. Auf mittlerer Ebene liegt die Bemusterung durch Hersteller, deren Produkte dann ausführlich im Blog vorgestellt werden. Und geschafft hat es, wer eine Firma als regelmäßigen Sponsor aufgetan hat.

Dafür, so wird bei Blogtreffen mittlerweile geraten, muss man aber schon mit einer Mappe voller Medidaten vorstellig werden. Blogreichweite und -zielgruppe sollten exakt darstellt werden, am besten legt man sich noch eine Corporate Identity für´s Blog zu, inkl. eigenem Farbschema, Design und Logo. Das ist super wichtig, wenn das Self branding erfolgreich sein soll, wenn man vom Autor zur Marke werden will.

Ich stehe der Entwicklung mit einigem Kopfschütteln gegenüber und bin damit zum Glück nicht allein. Nun ist es nicht von vornherein verwerflich, mit seinem Hobby auch ein wenig Geld zu verdienen. Aber: Die Monetarisierung ist die Axt am Stamm der Glaubwürdigkeit von Blogs, und das ist fatal. Viel anderes als ihre Authentizität haben sie nicht, und wenn sie sich diesen Ast absägen, was bleibt dann noch?

Werbemedien sind selten eine relevante Erkenntnisquelle. Schlimmstenfalls schreiben sich Blogs hier also in die eigene Bedeutungslosigkeit, und das wäre nun wirklich schade. Werben können andere Formate und Medien definitiv besser, siehe Youtube oder klassische Kampagnen. Hier muss sich jeder fragen, wie hoch sein Preis eigentlich ist, und ob die paar Euro es wert sind, sich in Abhängigkeiten zu begeben.

Mittlerweile gucke ich bei Blogs, die ich neu entdecke, ob die irgendwo „Mediadaten“ aufführen oder eine „Unterstützt von“-Seite haben. Falls ja, mache ich mir in den meisten Fällen nicht die Mühe sie zu abonnieren.

Auch mit diesem erworbenen Mißtrauen bin ich nicht allein, das geht auch anderen so, auch diesem Blog gegenüber. In den letzten Monaten wurde hier mehrfach vermutet ich wolle Werbung machen, z.B. als ich meine Erfahrungen mit Matrazzo schilderte. Mißtrauen ist gesund, aber zu diesem Monetarisierungsverdacht ein paar Sätze in eigener Sache:

Dieses Blog wird nicht gesponsort. Angebote für Testmuster oder gesponsorte Blogposts lehne ich grundsätzlich ab. Affiliate-Links gibt es hier nicht. Werbeanzeigen wird man hier nicht finden. Im Gegenteil: Ich bezahle pro Jahr einen dreistelligen Betrag an WordPress, damit hier keine Werbung eingeblendet wird.

Dieses Blog ist finanziell unabhängig und damit auch rechtlich auf der sicheren Seite.
Rechtlich? Oh ja. Die strikte nicht-kommerzielle Ausrichtung erlaubt es mir z.B., Creative-Commons-Inhalte mit NC-Verweis zu nutzen. Selbst Fotos vom Eiffelturm bei Nacht darf ich problemlos zeigen – und da ist bedeutend mehr Wert als die paar Kröten, die vielleicht Affiliate-Links bringen würden.

Also: Wenn ich hier positiv über Dinge, Firmen oder Menschen schreibe, dann deshalb, weil ich ehrlich begeistert bin und meine Erfahrungen damit weiter geben möchte. Dafür bezahlt mich niemand. Das hier ist mein Tagebuch und meine kleine Spielwiese, die sich je nach Lebensabschnitt auch ganz anders ausrichten kann. Hier tue und lasse ich was ich möchte – ohne das ich dafür externe Verpflichtungen eingehe. Denn dieses Blog soll Teil der Lösung sein, nicht Teil des Problems.

 
13 Kommentare

Verfasst von - 3. Januar 2018 in Meta

 

13 Antworten zu “Monetarisierungsverdacht

  1. Albrecht Wagenhöfer

    3. Januar 2018 at 11:26

    Monetarisierung? Gibt es schon lange. Nur ein Beispiel: Vor Jahren fuhr ich noch Segelregatta. Dabei sind auch immer Leutchen mit Sponsorbooten, von denen dann gemeutert wird, warum man
    nicht full Speed fährt. Tja, wenn bei mir der Mast bei ner Kenterung (Cat) abknickt, ist das für mich
    quasi monetärer privater Totalschaden, der Gesponserte klettert aus dem Wasser und fährt
    relativ sorgenfrei nach Hause. Aber ich verstehe deine Worte im Blog nur zu gut.
    Abhängigkeit schafft meist Voreingenommenheit.

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  2. griesgram999

    3. Januar 2018 at 13:50

    Ich finde es per se nicht schlimm, wenn jemand die Arbeit, die er in seinen Blog steckt, auch dazu nutzt, damit Geld zu verdienen. Nicht jeder betreibt seinen Blog nur als Hobby. Es sollte jedoch klar ersichtlich sein, wofür bezahlt wird.

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  3. Silencer

    3. Januar 2018 at 14:30

    @Albrecht: Segelregatta bist Du auch schon gefahren… oh man, vermutlich hast Du auch schon mit Bären gerungen?

    @griesgram: Zustimmung, so lange es transparent ist, ist es nicht per se verwerflich. Womit ich persönlich z.B. gut leben kann, ist, wenn interessierte Blogger Testmuster bekommen oder zu Events eingeladen werden und so Dinge ausprobieren können, die sonst so ohne weiteres nicht möglich wären. Das lässt sich auch durchaus gut kenntlich machen. Auch Affiliate-Links sind überhaupt nicht verwerflich, wenn sie als solche gekennzeichnet sind.

    Bei mir hört´s mit dem Verständnis auf, wenn das Blog eine ernsthafte Einnahmequelle werden soll, das über, sagen wir mal, die Serverkosten hinaus, Geld abwerfen soll. Das geht eben ohne Reichweitenoptimierung, Branding, Dauersponsoring u.ä. nicht, und das passt nicht zu meiner Auffassung von Blogs als etwas, das eben nicht in erster Linie Werbeinstrument ist. Von daher meide ich Blogs, denen ihre Marke wichtiger ist als ihre Inhalte. Wobei das in unserer Sphäre auch nicht so ein verbreitetes Problem ist wie bei den Mode- oder Schminkblogs 😀

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  4. griesgram999

    3. Januar 2018 at 16:59

    @Silencer Ich kann verstehen, dass Du solche Blogs meisdest. Es ist wohl eine Frage, wie man Blog definiert. Es gibt einige gute Seiten da draußen, die mit Blogsoftware betrieben werden, jedoch auch dazu dienen, den Autoren einen Lebensunterhalt zu sichern. In einer Zeit, in der immer weniger Journalisten journalistisch bei Zeitschriften, Zeitungen, Radio und TV arbeiten, bin ich ganz froh darüber, dass sie ihr Geld mit ihren Blogs verdienen können.
    Dass Du Dich allerdings mit Mode- und Schmikblogs auskennst …

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  5. Silencer

    3. Januar 2018 at 17:01

    Fragen sie nicht 🙂

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  6. ralf0809

    3. Januar 2018 at 17:25

    Ich Teile deine Meinung. Blogge ich ja auch rein amateurhaft. Deine Erfahrung kann ich auch in den immer mehr werdenden Blogs zum Thema BBQ.

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  7. ruediger

    3. Januar 2018 at 18:30

    Danke dafür, das Du das Dein Blog nicht derart verfremdest.

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  8. Max

    3. Januar 2018 at 18:55

    Ich bekenne mich schulidg, ich setze ab und an Affiliate-Links. (Ist ja auch nett, wenn alle paar Monate 2-3€ reinkommen und die Serverkosten damit etwas abgefangen werden.)
    Die wenigen gesponsorten Beträge sind markiert, wobei mir immer wichtig war, dass ich schreiben konnte, was ich wollte.
    Ich bin auch Mitglied bei trnd, dort legt man auch auf Ehrlichkeit wert und nicht auf SEO-optimierte Texte. Dort hab ich aber auch schon länger nicht mehr an Projekten teilgenommen.

    Die bisherigen Anfragen waren ansonsten allesamt unpassend und da fragt man sich schon, warum diese Agenturen so schlecht recherchieren.
    Bei Mopped-Presse-Vorstellungen würde ich aber auch nicht nein sagen, aber da übersieht man mich ja anscheinend leider immer. 😉

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  9. Bla (@blablog)

    3. Januar 2018 at 19:32

    Transparenz ist alles. Und es gibt durchaus Beiträge, die trotz Produktspende auch kritisch über die Spende schreiben. Muss man halt von Fall zu Fall sehen. Und wenn jemand nur schreibt, um Affiliates einbauen zu können, merkt man das ja schnell.
    Ich selber vermeide es, Produkte oder gar Marken zu nennen oder zu verlinken. Auch in Tweets. Es sein denn, der Kontext erfordert es oder ich empfehle etwas explizit. Und ein Sternch*n in einem Namen hilft gegen Suchmaschinen (hoffe ich) und bleibt lesbar.

    Ein anderer Fall sind Blogs, die ohne Adblocker nicht zu genießen sind. Unabhängig von den Inhalten. Da ich immer mehr mit Tablet und Telefon lese, wo ich keine Blocker habe, lese ich die halt darum nicht mehr.
    Gleiches gilt übrigens auch für Mobiltauglichkeit, Farbkontraste usw. Wer nicht zugänglich ist und keinen Fullfeed hat, wird nicht mehr gelesen. Es sei denn, die Inhalte sind sehr gut. Dann muss ein Mobilizer ran.
    Aber ich schweife ab.

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  10. hirnwirr

    4. Januar 2018 at 07:25

    Es sei mir verziehen, dass ich nicht alle Kommentare gelesen habe. Ich habe nur fröhlich aufgeseufzt!
    Als Gelegenheitsbloggerin bin ich so was von Demonetarisiert, falls es dieses Wort gibt. ich schreib einfach frei von der Leber weg!

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  11. Silencer

    4. Januar 2018 at 08:34

    Wow, danke für die vielen Kommentare!

    @Max: Bei trnd wäre bei mir echt die Grenze, organisierte Mundpropaganda ist schon… obwohl, ob ich vielleicht mal Hansalplast testen sollte? 🙂

    @Bla: OH JA, ich weiß ganz genau was Du meinst.Diese Blog wo man zwischen Cookie-Disclaimer, „Abonnier meinen Newsletter!!!!“- Dialog, „Gib mir einen Daumen hoch!!“-Banner und blinkenden „ICH BIN AUCH AUF YOUTUBE!!!!“-Gedöns das Blog nicht mehr sieht. Und auf Mobilgeräten kriegt man den Kram nichtmal schnell weggeklickt…

    @hirnwirr: Na, DU bist auch ohne Monetarisierung eine Marke! 🙂

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  12. Miki

    4. Januar 2018 at 21:34

    Volle Zustimmung und Respekt! Mein Blog besteht im 10. Jahr und mir sind die manchmal noch recht hohen Besucherzahlen eher peinlich, denn ich schreibe nur privates Zeugs und an den Suchbegriffen sehe ich ja, dass sie sicher nicht bei mir landen wollten. Also gar nicht mein Thema. Du dagegen könntest für deine tollen Berichte Eintritt nehmen! 😀 Viele Grüße!

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  13. Silencer

    5. Januar 2018 at 08:35

    @Miki: Ales Gute zum 10.! Ich lese die unsortierten und in keinster Weise kommerziell orientierten „Spielwiesen“ wie bei Dir unvermindert gerne und bin jedesmal Dankbar für die Einblicke, die die Autor/-innen in ihr Leben geben.

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