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Reisetagebuch (11): Gefangen im Kloster

13 Jan

Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Dieses mal gibt es neue Entdeckungen in einem bekannten Gebiet, dann werde ich meiner Freiheit beraubt und HA-Chr-Chr-Chr.

Samstag, 30. September 2017, Carpineto, Siena

Schlaftrunken tappe ich in das Wohnzimmer des großen Appartements. Durch die große Glasfront kann man auf die dahinterliegenden Gärten schauen. Ich blinzele. Was ist das denn? Ist der Tisch auf der Terrasse ist gedeckt? Schnell ziehe ich mir was an, dann gehe ich nach draußen. Tatsächlich! Eine Kanne mit dampfend heißem Kaffee, Saft, Zwieback, Joghurt – ein komplettes Frühstück hat Cecilia mir hier hingestellt!

Es ist kühl, aber ich genieße das Frühstücken an der frischen Luft. Dann schmeiße ich eine Maschine Wäsche an und nutze die Zwischenzeit, um mal alle Daten und Videos, die das Motorrad in den letzten zwei Wochen gesammelt hat, auf eine kleine USB-Platte zu sichern. Nebenbei mümmele ich ortsansässiges Obst weg.

Traube mit einem Lebendgewicht von 3 Kilo.

Als die Hausarbeit erledig ist, packe ich die üblichen Sachen ins Topcase, werfe mich in die Motorradmontur und sattele die V-Strom. Wo wollen wir denn mal hin? Siena? Nein, nicht jetzt. Ah, hier, Anna hat noch eine Tour vom letzten Jahr im Speicher. „La Scarzuola“, ein altes Kloster in Umbrien, rund 80 Kilometer von hier. Das klingt doch gut!

Bevor es nach Süden geht, suche ich aber erst die Tankstelle von Fausto, dem alten Benzinaio, der mir was über italienische Sprache beigebracht hat, auf. Im vergangenen Jahr was sie geschlossen, und ich freue mich, dass sie nun wieder geöffnet ist.

Allerdings ist Fausto nicht da. Der Mann, der jetzt an den Zapfsäulen arbeitet, ist wesentlich jünger, vielleicht in den 40ern. Er hat die gleichen schiefen Zähne wie Fausto. Das muss Faustos Sohn sein, aber anders als sein Vater macht er seinen Job nicht mit Liebe, sondern hat offenkundig überhaupt keinen Bock.

Erst ignoriert er mich fast eine Minute lang und plaudert mit einer Kundin, dann kommt er rüber und haut die Zapfpistole so unsanft in den Tank der Suzuki, dass der Rüssel auf den Tankboden schlägt. Arschloch, denke ich.

Die Kunst eines Benzinaos ist es, ein Fahrzeug zuvorkommend und perfekt zu betanken, dass heißt: Möglichst voll, trotzdem auf einen runden Betrag. Hat Sohnemann wohl nicht verstanden, nach 17 Euro will er nicht mehr, obwohl der Tank nicht mal ansatzweise voll ist. „Ancora,“ sage ich, „pieno!“ – Volltanken, da geht noch was rein. „Nee, ist gut so“, sagt er, dreht sich um und geht einfach weg. Arschloch! Da hätten mindestens noch zwei Liter reingepasst, was 50 Kilometer mehr Reichweite bedeutet hätte. Erbost starte ich den Motor und fahre weiter. Diese Tankstelle hat mich das letzte Mal gesehen, so lange der Typ hier arbeitet.

Ich fahre nach Süden. Die Sonne scheint und er Himmel ist blau, aber es ist nicht das gleiche Licht wie im Sommer. Es ist fahler, weniger kraftvoll. Die Felder rechts und links der Strada Statale sind bereits alle umgepflügt und der Boden ist grau, was zu dem fahlen Eindruck der Landschaft beiträgt. Leichter Dunst liegt über allem, und die Toskana wirkt… ausgeblichen. Das ist ein Zeichen des Herbstes, der hier erst langsam beginnt. An den Pflanzen hätte ich das nicht gemerkt, die sind bis auf wenige Ausnahmen immer noch satt grün.

Am meisten gefällt mir an der Landschaft, wie weit man sie überblicken kann. Dieses Gefühl von Weite, bei dem ich zu spüren meine wie sich der eigene Geist wieder öffnet, nachdem er den Rest des Jahres in zu beengten Verhältnissen eingesperrt war.

Komische Früchte.

In der Crete Sienese kenne ich mich schon gut aus. Die Landschaft ist ideal zum Motorradfahren: Tolle Straßen, tolle Ausblicke, wenig Verkehr. Ich kenne hier schon alle interessanten Orte, die ich bisher erreichen konnte. Die V-Strom eröffnet nun neue Möglichkeiten, mit ihr sind auch abgelegene Orte kein Problem mehr. Kurz hinter Siena biege ich auf einen Feldweg ab. Der ist äußerst abwechselungsreich: Erst besteht er aus Schotter, dann aus losem Sand und Steinen, dann wieder aus einem groben Asphalt und dann endet er unvermittelt an einem Abhang.

Ja, und wo geht´s hier weiter?

Bin ich wohl verkehrt abgebogen. Egal, umgedreht und an der letzten Biegung weiter über die Schotterstrecke. Mit der ZZR hätte ich hier nicht langfahren können, aber so gelange ich nach einiger Zeit zur Kapelle von Vitaleta. Die kleine Kirche ist tatsächlich Weltkulturerbe der UNESCO, und wie sie da so malerisch auf ihrem Hügel liegt, weiß ich auch warum sie als Motiv in fast jedem Toskana-Kalender auftaucht.

Der nächste Weg führt mich in die Nähe von Monticchiello. Das ist ein winziger Ort, nur bekannt für eine Straße, die sich steil den Berg hochwindet und die aus einem bestimmten Blickwinkel sehr malerisch aussieht. Auf jeder zweiten Postkarte der Region ist diese Straße abgebildet, das Motiv ist super bekannt. Ich fahre diese berühmte Straße nun, und bin erstaunt wie steil sie im oberen Bereich wird.

Ich bin sie gefahren, die Postkartenstraße!

Rund 50 Kilometer geht es nach Süden. Dort liegt der trasimenische See, und dort fahre ich von der Staatsstraße ab und nach Lago Castillignone. Viele interessante Orte entdecke ich bei Google Maps, so auch diesen hier. Auf dem Satellitenbild sah das aus wie ein kleiner Ort auf einer Landzunge. Tatsächlich handelt es sich um einen kleinen Ort in einer großen Burg auf einem Berg auf einer Landzunge, was das Ganze gleich nochmal interessanter macht.

Ich parke die V-Strom äußerst geschickt hinter einem Ape (Gesprochen Aaah-Peh. Wie die Biene. Nicht wie der Affe), dann stiefele ich in den Ort hinein.

Es ist einer der typischen kleinen Touriörtchen, mit kleinen Lädchen, die Käse, Salami und Sachen aus Olivenholz anbieten. Auswärtige Touristen sind an diesem Samstag Mittag gar nicht hier, die Italiener sind unter sich, bummeln unaufgeregt durch die Hauptgasse des Ortes oder essen in einem der Käseläden ein Häppchen zum Mittag. Die Atmosphäre ist so entspannt, das sogar ich Lust auf Shopping habe und in einem Olivenholzladen ein Salatbesteck erstehe. Wollte ich schon immer mal haben. Wieder ein Teil mehr im Haushalt, das Erinnerungswert hat.

Nach dem Besuch im Ort schwinge ich mich wieder auf die V-Strom. Der weitere Weg führt in die Berge von Umbrien. Die Straßen sind hier schlechter, daran merkt man sofort, dass man nicht mehr in der Toskana ist. Ist aber egal, die Suzuki frisst die Unebenheiten einfach weg. Die Straße ist kurvig und schön geschwungen, und trotz der Ruckelei des Antriebs habe ich durchaus Spaß am fahren und konzentriere mich nur noch auf die nächste Kurve oder Kehre.

Nach rund einer Stunde meldet Anna das ich nun abbiegen soll. Ich bin irritiert, denn hier gibt es keine Abzweigung. Was will sie nur von mir? Ich halte an und blicke mich um. Dann sehe ich, das hinter einem Müllcontainer ein kleiner Feldweg abgeht. „Das kann ja wohl nicht Dein Ernst sein“, denke ich und lasse sie eine andere Route rechnen. „gibt es nicht“, meldet das Navi und beharrt darauf, dass ich den Feldweg nehmen soll.

Das kann ich doch nicht…. obwohl. Warum eigentlich nicht? Die V-Strom ist eine Reiseenduro, wobei man mit dem Enduroanteil wirklich SEHR vorsichtig sein soll. Für die Geländegängigkeit einer echten Enduro ist sie zu groß und zu schwer und hat zu wenig Bodenfreiheit, aber einen Feldweg, selbst einen der nur aus Staub und Kies und Fels besteht, den sollte sie locker schaffen. Warum also nicht, denke ich und gebe Gas.

Eine Minute später wird es interessant, denn der Feldweg ist mitnichten nur ein Feldweg. Es ist ein Bergpfad, der in Kurven und Windungen und in teils sehr starken Gefälle und heftigen Steigungungen durch Gräben und über Hügelkuppen führt. Der Pfad ist schmal, FIAT-Panda-Format, und besteht nur aus losem Sand und großen Steinen. And guess what? Ich habe SPASS daran dieses Ding zu fahren. Die Barocca lässt sich wunderbar durch dieses Minenfeld dirigieren. Nicht gerade kinderleicht, denn es kostet durchaus Kraft, aber im ersten Gang und wenn man nur die Hinterradbremse benutzt, bleibt das Motorrad beherrschbar. Alter Schwede… diese Strecke hätte ich mit der Renaissance nicht fahren können.

Nach zwei Kilometern wird der Pfad kurz etwas besser, denn er führt an einem Bauernhof vorbei. Schafe grasen vor sich hin und gucken dösig in die Sonne, Menschen sind nicht zu sehen. Plötzlich habe ich einen Fiat Panda vor mir, der aber auch nicht den Eindruck macht, als ob er hier hingehört. Der Fahrer klettert mit dem Kleinwagen vorsichtig und unsicher über den Steinpfad, der nun auch noch von Quergräben durchzogen ist. Der Wagen ist so langsam, dass ich anhalten und ihm Vorsprung geben muss, denn so langsam wie der in den Kurven und Kehren fährt, kann ich gar nicht – das Motorrad würde umfallen.

Nach vier Kilometern öffnet sich der Weg zu einer Lichtung, Anna verkündet, das Ziel sei erreicht, und ich herrsche sie an, dass das wohl kaum ihr Verdienst gewesen sei. Mittlerweile habe ich auf dem Bildschrim gesehen, dass es doch andere Straßen hier oben geben muss, die Kurverei durch die Buttnick gerade war wohl mehr als unnötig.

Ich stelle die völlig eingestaubte V-Strom unter einem Baum ab, dann sehe ich mich um. Die Lichtung ist ein kleiner Sandplatz vor einer großen Mauer, in der ein großes Holztor eingelassen ist.

Es ist verschlossen. Außer dem FIAT und dem Motorrad sind noch drei andere Autos hier, und die Leute, die damit gekommen sind, stehen vor dem Tor herum. Als ich den Helm öffne höre ich „…alle Quindici“. 15 Uhr. Ich blicke auf die Uhr. Jetzt ist es 14.30. Dann warte ich mal und schaue, was um 15 Uhr wohl passiert.

Zunächst passiert aber was anderes: Es kommen Autos. Viele Autos. Und alle kommen über den Höllenweg, den auch ich gefahren bin. Ich werfe den mobilen Accesspoint im Motorrad an. Der hat nur eine sehr schlechte Netzverbindung hier draußen, aber es reicht um ein Satellitenbild aufzurufen. Ich habe Anna wohl Unrecht getan: Sie hat den einzig sinnvollen Weg hier her gefunden, alle anderen Straßen hier oben führen ins Nichts.

Der einzige Weg hin und wieder weg.

Immer mehr Autos kommen an, und am Ende stehen rund 70 leute vor dem Holztor. Das öffnet sich um kurz vor drei, und ein gebeugter und grimmig dreinblickender Mann steht im Eingang. Dem Akzent nach ist er Brite, und gegen 10 Euro händigt er Eintrittskarten und einen Flyer aus, dann darf ich durch das Tor und stehe im Hof eines alten Franziskanerkonvents. Das allein ist nett anzusehen, das besondere ist aber, dass ich gerade das Reich von Tomaso Buzzi betreten habe.

Italien ist reich an exzentrischen Architekten, und der Mailänder Buzzi war einer davon. 1956 kaufte der diesen Berg und das Konvent, dann begann er zu bauen. Er sah das alte Klostergebäude als Hort des Geistlichen, und dem gegenüber baute er etwas zutiefst Weltliches. Eine Stadt. Aber nicht irgendeine, sondern seine Idealstadt, die allein sieben Theater aufweist und von einer Akropolis gekrönt wird. Das hört sich schon so dermaßen WTF an, das musste ich sehen. Besichtigungen kann man nur nach Voranmeldung machen, und ich habe Glück und war gerade zu rechten Zeit hier um in eine reinzurutschen.

Das Gelände von La Scarzuola aus der Luft. Links die alten Klostergebäude, rechts die „Idealstadt“.

Punkt 15 Uhr springt ein hagerer, hochgewachsener und sonnengebräunter Mann unbestimmbaren Alters in den Innenhof und ruft alle Besucher zusammen. Es sind noch sehr viel mehr geworden, mittlerweile schätze ich die Gruppe auf über 100 Personen, darunter viele Kinder.

Als alle eine Eintrittskarte haben und im Vorhof des Klosters sind, schließt der grimmige Brite die Holztür und dreht einen Schlüssel im Schloss, während der Hagere anfängt zu reden.

Er stellt sich als Marco Solari vor, der Neffe des Architekten. Ich habe ein komisches Gefühl. Solari verbirgt seine Augen hinter einer dunklen Brille, trägt nur weiße Sachen und fährt mit seinen Händen dauenrd durch einen dicken Stapel Papiere, die so verknittert und abgegriffen aussehen, als seien sie Jahre alt und als würde er sie überall mit hinnehmen. Ich hege instinktives Mißtrauen gegen Personen, die so eine Zettelsammlung mit sich rumtragen. Auf solchen Zettelsammlungen notieren Paranoiker wann sie von Chemtrails vergiftet wurden oder wie das Orgonid wirkt. Solche Zettelsammlungen bringen Reichsbüger mit auf´s Amt, um darzulegen, dass die BRD nicht existiert.

Ich liege tatsächlich richtig. Ich verstehe sehr, sehr wenig von dem was Solari von sich gibt, aber gleich seine ersten Sätze klingen wie „Sie sind hier, um der heiligen Vagina ins Auge zu blicken. Alles weibliche ist heilig“, sagt er und die Vaginaträgerinnen unter den Besuchern stimmen dem zu und lachen. „und die Herren sind hier auch willkommen, denn nur das göttliche Ejakulat macht die Vagina vollständig und nützlich“, verkündet Solari und lacht auf eine sehr merkwürdige Art. Erst macht er HA! als hätte er eine Erkenntnis, dann wirft er den Kopf zurück, bleckt die Zähne und macht „Chr-Chr-Chr“. Er macht das dauernd, nach jedem zweiten Satz. Hört sich an wie eine Übersprungshandlung, Humor ist das jedenfalls nicht.

„Willkommen in der Scarzuola. So heisst diese einzigartige Struktur, und die nächsten zwei Stunden…“ hat er gerade ZWEI STUNDEN GESAGT?! „… werden SIE verändern. Die Scarzulola verändert jeden, der hier her kommt. Deshalb auch der schlechte Weg… das war die erste Prüfung. Sie haben die bestanden, sie sind also würdig verändert zu werden. Ha!-Chr-Chr-Chr!“
Oh je, was wird denn das hier?

„Sie können übrigens nicht einfach gehen. Das Tor ist nun verschlossen. Sie sind auf meinem Grund und Boden. HA!-Chr-Chr-Chr. Ich wohne hier. Wenn sie die Gruppe einfach verlassen und hier durch die falsche Tür gehen, stehen sie vielleicht in meinem Haus. Das kann und werde ich nicht zulassen, HA!-Chr-Chr-Chr.“ Na Super.
„Und wenn sie über das, was sie hier erleben schreiben oder Filmwn davon ins Internet stellen, werde ich sie verklagen. Ich habe gute Anwälte, Ha!-Chr-Chr-Chr“.
Ach ja? Na, da bin ich doch Dangerseeker.

Ich blicke mich um. Der Man neben mit blickt mich an und sagt „Pfh, Eccentrico!“ ja, sicher. Der kann ja exzentrisch sein wie er will, aber was macht der nun? Er redet. Viel. Und lange. Und ausschweifend. Ich verstehe nahezu gar nichts, dafür ist er viel zu schnell. Dann gehen wir endlich über das Grundstück zu einem großen Theaterrund, über dessen einer Ecke auf einer Art Podest eine Ministadt erbaut ist. DAS ist die Idealstadt? Die ist ja winzig, wenig mehr als ein Modell. Und eine Stadt ist das auch nicht, sondern irgendwas, was überhaupt keinen Sinn ergibt. Da steht ein Turm neben einer Akropolis die neben einer Miniversion des Kolosseums von Rom steht. Das ist keine Stadt, das ist lediglich eine Ansammlung von Miniaturen berühmter Gebäude.

Davon abgesehen sind überall Symbole aus Goldblech zu finden. Allen gemein ist: Auch sie ergeben überhaupt keinen Sinn, zumal nicht in der Kombination. Ich sehe Bienen, das Symbol der Familie Pazzi, aber es sind zu viele um die zu repräsentieren. Ich sehe den Zirkel der Freimaurer, der aber verdoppelt ist. Ich sehe ein Auge mit großen Comicohren, Sterne, und vieles andere mehr. Die Anbringung an Mauern und in Büschen wirkt willkürlich, als hätte jemand Gloldblechfiguren gemacht und dann nicht gewusst wohin damit.

Nun ist La Scarzuloa nicht der einzige exzentrische Bau in dieser Gegend. Auch der Park der Monster ist so eine unsinnige Klamotte, und beiden gemein ist, dass sie als Inspiration ein Buch aus dem 16. Jahrhundert hatten, „Poliphilos Traumliebeskampf“, in dem ein Fiebertraum von Architektur beschrieben wird. Wo der Park der Monster aber verzaubert und einen wundern lässt, da wirkt La Scarzuloa wie eine Kinderstadt aus Stein: Verspielt, aber winzig und beliebig. Hier gibt es keine Geheimnisse, keinen größeren Plan zu entschlüsseln. Das hier ist Stein gewordene Beliebigkeit.

Solari sieht das aber ganz anders. Er redet und redet und redet und geht dabei aber nicht auf den Bau oder die Geschichte seines Großvaters ein, sondern genießt die Wehrlosigkeit seines Publikums als Gelegenheit um den versammelten Menschen seine Sicht auf die Welt aufzunötigen. Er erklärt nicht die Entstehung und Bedeutung von La Scarzuola, sondern seine Philosophie des Lebens und des Universums und des ganzen Rests, und das vermutlich gleich zweimal, so ausschweifend wie er redet. Wer wissen möchte wie er dabei aussieht: So.

Buzzi sein ein Prophet der Neuzeit, der mittels der Scarzuola Erleuchtung bringen will. Ein paar Mal verstehe ich noch Worte wie „Paralleluniversum“, „Vagina“, „heiliges Ejakulat“, „Blut“, „Selbsterverdauung“ und „Ausscheidung“. Immer mehr Besucher wenden sich angeekelt, desinteressiert oder sogar wütend ab.

Solari redet dann noch mehr und agrressiver, fast wirkt er wie ein cholerischer Zeuge Jehovas. Einzelne Besucher geht er regelrecht an, vermutlich haben die schief geguckt oder was falsches gesagt. Später lese ich bei Tripadvisor, was er dabei so von sich gibt: Er beleidigt die Leute. Im Reiseportal gibt es zahlreiche Berichte von Leuten, die im Kern schreiben: Solari legte ihnen seine Sicht des Universums dar und sagte im nächsten Satz, dass ihm schon klar sei, das solche Schafe wie die hier versammelten Besucher nicht in der Lage seien, dass zu verstehen. Er machte sich über die Leute lustig, von denen jeder zehn Euro bezahlt hat um hier zu sein und meinte, wer arbeiten müsse sei eh zu dumm. Er würde nur jeden Morgen beten, dass genügend Trottel zu ihm kämen und ihm Geld geben, und sein Wunsch würde in Erfüllung gehen, immer wieder. Ha!-Chr-Chr-Chr.

Von all dem bekomme ich nichts mit, ich langweile mich zu Tode. Die Stationen sind viel zu lang, die Gebäude uninteressant. Solari steht lange an einem Ort und vollführt seinen Monolog, die Erwachsenen spielen an Smartphones rum, Kinder weinen oder rennen weg und spielen auf Rasenflächen in der Nähe. Der grimmige Brite steht stets in einiger Entfernung auf einem Hügel und überwacht alles und bellt schon mal Leute an, die sich unerlaubt von der Gruppe entfernen. Was für eine seltsame Situation. Da kommen über hundert Leute hier her, zahlen Geld, werden eingeschlossen, mit Monologen gequält und beschimpft, und es gibt nicht mal Toiletten hier.

Ich verstehe an einem Punkt, dass Neffe Solari das Werk seines Ahnen fortsetzen will. Dann führt er uns an eine Stelle einer Mauer, an der er weitergebaut hat. Ich erwarte eine Vagina, aber was uns nun stolz präsentiert wird ist ein 5 Meter hoher, weiblicher Torso mit Comicbrüsten besteht. Aus dem Hals ragen Drähte, und der Geruch hier sagt mir, dass der Künstler während seiner Schaffensphasen keine Notwendigkeit sieht eine Toilette aufzusuchen. E-Kel-Haft.

Die zweitgrößten Brüste die ich je gesehen habe.

Ich leide stumm und überlege in Gedanken, wie ich hier nachher wieder wegkomme. Ich muss schnell sein, wenn sich die Autokolonne erstmal in Bewegung gesetzt hat, bekomme ich vielleicht Probleme mit dem Motorrad über den Steinpfad zu kommen.

Dann, nach zwei Stunden, ist der Spuk endlich vorbei. Solari eilt voraus und schließt das Holztor wieder auf, ich stürze hindurch und renne zur V-Strom, ramme das Navi in seine Halterung, setze den Helm auf, streife die Handschuhe über und… stecke erstmal fest. Das Vorderrad steht in einer Sandkuhle, und es dauert fast eine Minute, bis ich die Kiste zentimeterweise rückwärts da raus geschoben habe. Lang genug, als das ein kleiner Fiat vor mir in den Felsweg einfährt. Es ist ein Hipster mit seiner Selfiefreundin, die beiden haben mich schon während der Führung genervt. Nun sind sie mit ihrer doofen Eierkiste direkt vor mir, fahren langsamer als ich es kann UND mülmen mich mit Staub zu.

Ich hupe und will an ihnen vorbei, aber das Hipsterli ist zu dumm das zu kapieren. So bleibt mir nichts anderes übrig als vier Kilometer in ihrer Staubfahne hinterihnen her zu tuckern. Das ich dabei eine GS 1200 Abhänge, die mir zunächst unangenehm auf die Pelle rückte, ist eine geringe Genugtuung. Ich bin sauer. Erst klaut mir dieser esoterische Selfmadeprophet mit seiner Vaginafixierung zwei Stunden Lebenszeit, jetzt nebeln mich die Hipsteridioten ein. Als wir endlich die asphaltierte Straße erreichen, zeige ich dem Hipster den Finger, dann gebe ich Gas und heize in Richting Siena. Ich koche innerlich, und bin dadurch doppelt konzentriert auf jede Kurve und jede Kehre.

Als ich in Siena ankomme, habe ich mich etwas abgeregt. Auf dem Campo herrscht die übliche, entspannte Atmosphäre aus relaxter Chilligkeit. Bei einem Eis finde ich sogar meine gute Laune wieder.

Als ich zur Villa Allegria zurückkehre ist es bereits stockdunkel, und als ich versuche das Tor zu öffnen, bleibe ich daran kleben. WTF? Wieseo habe ich überall Farbe an den Fingern? Dann sehe ich einen Zettel, auf dem auf Deutsch steht „Frisch gestrichen!“. Das ist überaus umsichtig, aber der Zettel klebt auf einer Lampe außerhalb meines Blickfelds.

Seltsamer Tag. Gut, dass er vorbei ist.
Drauf erst mal ein Sternchenkekseis!

Ziele des Tages: Im Westen der Ausgangspunkt bei Siena, dann Vitaleta, Castiglione di Lago, dann La Scarzuola.

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7 Kommentare

Verfasst von - 13. Januar 2018 in Motorrad, Reisen

 

7 Antworten zu “Reisetagebuch (11): Gefangen im Kloster

  1. Olpo Olponator

    13. Januar 2018 at 13:28

    Na das war ein Ding … wenig belustigt, eher mitfühlend konnte ich gar nicht erwarten, daß da irgendwo geschrieben steht, daß es doch nicht 2 volle Stunden waren, die Du fadisiert ‚ableisten‘ mußtest sondern nur eine, weil 10 Männer den Propheten festhielten und 10 weitere dem Pförtner den Schlüssel zum Tor entwendeten…
    Hat den noch niemand verklagt, trotz der ‚guten Rechtsanwälte‘ ? Wer eine solche Behauptung nötig hat, hat meist nichtmal schlechte … Wenn der mit der temporären Freiheitsberaubung an einen Mafiosi kommt, hat sich sein Leben erfüllt – jedoch sieht er eigentlich selbst aus wie ein solcher … 😉
    Man könnte natürlich einfach über die Mauer abhauen.
    Zum Glück war am Ende des Tages wenigstens das Eis nach Deinem Geschmack.

    Diese ‚Komischen Früchte‘ hättest Du kosten sollen – es sind die Früchte des so genannten Erdbeerbaumes, der nur im Mittelmeerraum heimisch ist. Sie sind nicht besonders schmackhaft, geben, vor allem auf Rucksack-Touren, jedoch eine gute Ergänzung zur Nahrung ab – denn man muß sie nicht mitschleppen 😉 … Was mich an diesem Gewächs besonders fasziniert ist der Umstand, daß man an einer Pflanze 3 Fruchtstände gleichzeitig finden kann. Die nach unten hängenden Perlen links der Früchte auf Deinem Bild sind die nächste Generation. Oft sind zusätzlich Blüten an anderer Stelle vorhanden. Das Wachstum hat keine ‚Zeit‘, das ist auch nachteilig – wo ich vor einem Jahr zu Silvester ganze Haine mit der gegebenen Beschreibung vorfand, war heuer nur blattgrün vorhanden.

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  2. Albrecht Wagenhöfer

    13. Januar 2018 at 18:26

    Richtig geil der Comment zur mafiösen Betrachtensweise. Erinnert mich so an die
    Rentnererlebnistouren, wo sich – wenn das Fußvolk durchmarschiert ist – danach die Türen
    schließen um den Verkaufserlebnisboom zu „geniesen“.

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  3. DL650R

    14. Januar 2018 at 10:29

    Ich verstehe deine Worte, aber – verdammt – du fotografierst zu gut!

    Bei mir mag einfach keine Antipathie zu dem skurrilen Ort aufkommen. Eher juckt mich der Gedanke, was man an diesem Ort wohl für einen surrealen Film drehen könnte, wenn man denn freie Hand hätte.

    Hat der Solari denn Kinder? Wenn nicht, vielleicht fällt der Besitz eines Tages nach seinem Tod dem italienischen Staat zu. Dann muss sich nur ein Filmemacher finden, der die Familiengeschichte schtonk-artig aufbereitet. Potential ist da durchaus vorhanden.

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  4. Silencer

    15. Januar 2018 at 18:43

    @Olpo: Erstaunlicherweise gab es keine Rebellion 🙂 Erdbeerbaum? Echt jetzt? Faszinierendes Ding, Danke für die Erklärung!

    @Albrecht: Na, in diesem Fall hatten wir ja vorab bezahlt 🙂

    @DL650R: Lynch hätte seine Freude. Am Ort und seinem Bewohner. Ob der Nachkommen hat weiß ich nicht, ist mir auch egal. Solche Leute leben gefühlt ewig.

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  5. Olpo Olponator

    16. Januar 2018 at 11:57

    Der beeindruckendste Teil der Schilderung dieses Reisetages ist zweifelsohne -nicht bloß für mich- die Gefangennahme … 😉
    Die sommerlichen Bilder aus Castiglione di Lago sind jedoch gerade dann, wenn man eben von einer Fahrt mit Unterziehern unter den Winterhandschuhen zurückkommt, nicht minder er/wärmend… wie alle diese kleinen Touridörfer, die einander zwar ähneln, aber nicht austauschbar sind – und bei den beiden intensiv miteinander sprechenden Tonfiguren zB bin ich ganz bei DL650R und seiner Bemerkung über Deine Fotos; sie bereiten Freude.

    Nun warte ich gespannt auf jenen Moment, wo die Kette endlich stirbt und wo dies sein wird – verdient hätte sie sich den Einzug in den Schmelzofen nach dem hundertekilometerlangen Martyrium auf unterschiedlichem Terrain schon lange, das sie offenbar über sich ergehen läßt, ohne allzuviel zu opponieren … 😉

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  6. kalesco

    19. Januar 2018 at 09:41

    a) wenn eine URL mehr verrät 😉
    b) am beeindruckendsten fand ich ja, was du für Worte aus dem Stegreif verstehst – Mit Ejakulat, Selbstverdauung und Ausscheidung bin ich noch nie auf italienisch konfrontiert gewesen… 😀

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  7. Silencer

    19. Januar 2018 at 09:47

    Kalesco: b) ergab sich zum Großteil aus dem Kontext 🙂

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