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„Alle reden vom Wetter…“

19 Jan

„…wir nicht“, hieß es in der Werbung der Bahn. Früher. Und heute? Wird bei einem kleinen Sturm der gesamte Bahnbetrieb eingestellt. Wie kann das sein?“, fragen heute morgen gleich mehrere Zeitungen und das Radio, und der Fahrgastverband „Pro Bahn“ gießt gleich mal Öl ins Feuer: „Vorsicht ist natürlich immer eine gute Sache, aber man kann auch übervorsichtig sein. Gleich gar nichts zu tun, das erscheint uns doch etwas übertrieben.“

Ich steckte gestern mitten im Sturm, und deshalb kann ich sagen:

WAS GENAU IST MIT EUCH EIGENTLICH NICHT IN ORDNUNG, MEDIEN UND PRO BAHN?

Das war kein kleiner Wind, das war die fucking Orkanapokalypse! In Südniedersachsen flogen Dächer weg, Bäume stürzten um, im benachbarten Thüringen fiel der Strom flächendeckend aus. Auf dem Brocken gab es Windgeschwindigkeiten jenseits der 200 km/h, Goslar und einige andere Orte im Oberharz waren am Abend von der Außenwelt abgeschnitten – und blieben das für die Nacht auch, denn die Rettungsdienste gingen das Risiko nicht ein, im Dunkeln an den Strecken zu arbeiten.

Bei Orxhausen crashte kurz vor der Einstellung des Bahnverkehrs ein ICE in einen Baum auf der Strecke. Wer den Abschnitt kennt: Das ist ein Hochgeschwindigkeitsabschnitt, in dem die Trasse praktisch in die Landschaft hineingeschnitten ist. Da kommt man von den Seite mit Rettungsfahrzeugen nicht ran. Ein anderer Zug kam da aber auch zunächst nicht hin, weil kurz nach dem Crash ein zweiter Baum auf die Strecke stürzte, und zwar hinter dem Havaristen.

Als Maßstab für Sturmschände galt bislang „Kyrill“, der Orkan von 2007. „Friederike“ gestern war stärker. Das seien Stürme in einer Stärke, so ein Bahnsprecher, die man so früher nicht kannte. Schon gar nicht in den 80ern, als die „Alle reden vom Wetter…“-Werbung lief.

Ich war unterwegs in einer Stadt in Niedersachsen, mit 30 Leuten, von denen 25 mit der Bahn angereist waren – und die nun nicht mehr wegkamen. Auch die Abreise mit dem Auto gestaltete sich als schwierig: Auf der Autobahn lagen LKW herum, auf den Bundesstraßen Bäume, überall in der Landschaft sah man das Blaulicht von Feuerwehr und Rettungsdiensten. die wenigen freien Strecken waren total überlaufen. Am Ende dauerte die Juckelei doppelt so lange wie normal, aber die Fahrt endete unversehrt.

Von den Bahnreisenden, die die Nacht im Hotel verbrauchten, wurde ich darum beneidet – aber ganz ehrlich: Das war gestern scheißgefährlich, und die Einstellung des Bahnverkehrs genau die richtige Maßnahme. Alles andere wäre unverantwortlich gewesen – genauso unverantwortlich wie jetzt die Kritik an dieser Maßnahme. Wer die Bahn allen ernstes dafür an den Pranger stellen will, dass sie vorsichtig ist und nicht das Leben von Fahrgästen und Personal riskiert, hat nicht alle Latten am Zaun.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 19. Januar 2018 in Berufsleben

 

6 Antworten zu “„Alle reden vom Wetter…“

  1. Marc 'Zugschlus' Haber

    19. Januar 2018 at 09:20

    Dass es in Niedersachsen und „links und rechts“ davon schlimm war, ist völlig unbestritten und niemand klagt die Bahn dafür an, in den unmittelbar vom Orkan betroffenen Gebieten die Reißleine gezogen zu haben.

    Ein paar hundert Kilometer südlich, in Frankfurt oder Wiesloch (Du kennst den Ort ja), schien nach der kompletten Fernverkehrseinstellugn die Sonne bis zum Untergang, der Nahverkehr konnte nach Plan fahren, die bereits auf der Strecke befindlichen Fernverkehrszüge konnten ihre Fahrt bis zum Endbahnhof (!), nicht bis zum nächsten Halt, sondern bis zum Endbahnhof fortsetzen, während „neue“ Züge „aus Sicherheitsgründen“ in den Depots blieben.

    So hätte man z.B. die EC-Linie Österreich – München – Stuttgart – Frankfurt im vollem Umfang fahren können. Keiner der Streckenabschnitte war betroffen, der Orkan seit sechs Stunden durch, und die Strecken waren komplett für den Nahverkehr sicher genug.

    Wenn eine Strecke für den Nahverkehr sicher genug ist, kann man auch im Fernverkehr fahren was geht. Wenn eine Strecke für neue Fernverkehrszüge zu unsicher ist, müssen auch bereits gestartete Züge am nächsten Bahnsteig stehen bleiben und dürfen nicht bis dort hin weiterfahren, wo man sie betrieblich gerne hätte, jedenfalls nicht mit Fahrgästen.

    Dieses „wir stellen ein bisschen ein“ war entweder unnötig, oder gefährlich. Ich hoffe, es war nur unnötig. Ich habe für diese Entscheidung nur sehr eingeschränkt Verständnis.

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  2. Silencer

    19. Januar 2018 at 09:42

    @Marc: Hm. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, galt die Unwetterwarnung auch für BaWü, RP und Bayern, wo u.a. auch die Schule deswegen ausgefallen ist. In einer solchen Situation ist es mir lieber, es wird rechtzeitig der Stecker gezogen, als das hinterher Tote zu beklagen sind. Auch auf die Gefahr hin, dass es dann doch nicht so schlimm wird. Ich würde eher auf die Meteorologen vertrauen als dem prüfenden Blick zum Himmel.

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  3. Marc 'Zugschlus' Haber

    19. Januar 2018 at 09:45

    Baden-Württemberg war bei der Unwetterzentrale nie mehr als „orange“, der Sturm war bis Mittag durch. Die Betriebseinstellung der DB war um 15:00 Uhr, blauer Himmel, Sonnenschein, Nahverkehr nach Plan.

    Selbst wenn man annimmt, dass „Alles Stop“ erstmal richtig war, hätte man sich hinsetzen müssen und sich wenigstens linienweise angucken müssen, was man hätte fahren können. Macht man heute früh ja auch.

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  4. DL650R

    19. Januar 2018 at 14:16

    Das mag erst blöd klingen, aber an sich ist es besser auf Langstrecke gar nicht zu fahren und die Passagiere am Bahnhof rauszuwerfen. Wer so in Hamburg, Hannover, usw. strandet, der kann sich die Nacht um die Ohren hauen indem er durch die Lokalitäten schnappst, ein Hotel sucht oder die Nacht im Kino verbringt. Ncht schön. Aber kein Vergleich zu dem Lagerkoller in einem ICE, der auf freier Strecke liegen bleibt, keinen Strom für Licht und Klima mehr hat und wo die Türen geschlossen bleiben. Für Stunden!

    Nun denn, ich hatte es in Hamburg gut. Hier gab’s zwar ordentlich Schnee am Vormttag aber der Wind war nur ein laues Lüftchen. Mein Metronom fuhr dann auch ganz planmäßig. Gerechnet hatte ich mit anderem und mir diesmal vorgenommen, wenn ich an dem McDonald’s gleich hinter den Elbbrücken warte (eigentlich der optimale Ort, damit ein Abholer nicht bis in die City muss), um mich abholen zu lassen, bleibe ich da drin und fresse mich durch das ganze Angebot bis der Abholer da ist.

    Beim letzten Sturm hatte ich auch dort – aber draußen – gewartet … und gewartet … und gewartet. Warum? Weil der Abholer nicht richtig zuhören konnte, die Hausnummer vertauscht hatte und dann durch die Hafencitybaustellen im Regen und Sturm geirrt ist. Aber dazu kam’s ja diesmal nicht. Vielleicht war das gesünder so.

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  5. X_FISH

    21. Januar 2018 at 11:08

    Ich habe die Fragestellung auch in meinem »Facebookfreundeskreis« heftig kommentiert wiederfinden können: »Wieso fährt die Bahn nicht? Die haben doch damit geworben das sie bei jedem Wetter fahren!«.

    Ja, warum nur? Und ein Produzent von Autoreifen hat damit geworben das die auch »bei jedem Wetter« weiterkommen. In Kombination mit einem Opel aus den frühen 1990ern, welcher von sich aus gemäß Werbeversprechen »fährt er praktisch wie auf Schienen« auch jedes Wetter meistern kann: Ja hat euch denn Fratzenbuch und Co. bereits so verblödet das ihr Werbeversprechen nicht mehr von der Realität unterscheiden könnt?

    Als Nachweis für das Opelversprechen: https://www.youtube.com/watch?v=Y4oXOHiaAAc

    Tipp für alle Werbegläubigen: Packt eure Tabs in die kindersichere Aufbewahrungsdose und fahrt dieses Jahr in den Schwarzwald. Der Lotharpfad läd dazu ein sich anzuschauen wie es rund 18 Jahre nach einem Orkan im Wald aussehen kann.

    Warum die Bahn dann lieber sagt »Ne, wir bleiben in den Bahnhöfen« ist im Rückblick von 2010 auf der Website vom ARD sehr schön zu sehen:

    http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/sendung/2010/10-jahre-nach-lothar-100.html

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  6. Silencer

    21. Januar 2018 at 11:33

    Oh Mann, „Lothar“! Den hatte ich ganz vergessen. Der war so schlimm, dass Forstwirte aus ganz Deutschland in den Schwarzwald gebeten wurden, um zumindest die schlimmsten Sachen aufzuräumen. Es gab damals Tote, weil die gestürzten Bäume so unter Spannung standen, dass sie beim zerteilen förmlich explodierten… Schlimm war das.

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